{"id":270,"date":"2006-12-02T19:40:29","date_gmt":"2006-12-02T18:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.selbstbestimmung.net\/?p=270"},"modified":"2019-10-28T20:47:03","modified_gmt":"2019-10-28T19:47:03","slug":"kargisch-und-dekoro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=270","title":{"rendered":"Kargisch und Dekoro."},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Vortrag von Benedikt Loderer*, Stadtwanderer,<\/em><\/p>\n<p>gehalten in leicht abgewandelter Form am 14.03.2006 im Rahmen der Gespr\u00e4chsrunde \u00bbArchitektur\/Rezepte\u00ab, die der Kunstverein <em>gokart<\/em> in Zusammenarbeit mit der Landesberufsschule f\u00fcr das Gast- und Nahrungsmittelgewerbe <em>\u00bbEmma Hellenstainer\u00ab<\/em> zu Brixen an der Universit\u00e4t, ebenda, organisiert hat.<\/p>\n<blockquote><p>Meine D + H,<\/p>\n<p>haben Sie gelesen, was die Einladung versprach? \u201cS\u00fcdtirol ist eine der grossen Sehnsuchtslandschaften Europas. Die touristische Erschliessung und Nutzung der Landschaft bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen respektvollem Umgang mit Landschaft, Kultur und Bev\u00f6lkerung auf der einen Seite und der St\u00f6rung und Zerst\u00f6rung derselben auf der anderen.\u201d Dreimal Landschaft in zwei S\u00e4tzen, das Subjekt unserer Geschichte ist offensichtlich die Landschaft. Wir werden sehen.<\/p>\n<p>Eine Einf\u00fchrung wurde Ihnen versprochen, allerdings nicht von mir. Nun ja auch ich komme aus einer Landschaft, bin ein Kind der Berge, drei Jahre lang Mitglied der Jugendorganisation des Schweizerischen Alpenclubs, in der Wolle gef\u00e4rbt also und das werden Sie noch merken. Ich f\u00fchre Sie also in die Alpen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ihrer Architektur. Damit dieser Auftritt einen roten Faden hat, garniere ich ihn mit 13 starken S\u00e4tzen, ein Verfahren, das den Mitschreibern unter Ihnen die Essenz finden hilft und allen andern die noch zu bew\u00e4ltigende Redestrecke verdeutlicht: nach dem 12. starken Satz kommt nur noch einer.<\/p>\n<p>Glauben Sie an die einmalige Landschaft, wie sie die Veranstalter dieser akademischen Zusammenrottung selbstverst\u00e4ndlich voraussetzen? Wenn Sie zur Tourismusfraktion geh\u00f6ren, tun Sie das mit kommerzieller Inbrunst, wenn sie ein denkender Mensch sind, z\u00f6gern Sie und sagen: Ist nicht jede einmalig? K\u00f6nnen Sie mit dem Satz: \u201cDas Material ist, was es ist\u201d etwas anfangen? Geh\u00f6ren Sie zu den Architekten der strengen Observanz, so enth\u00e4lt er ein helvetisches Bekenntnis, sind Sie im Gastgewerbe t\u00e4tig, so stocken Sie und murren: Was denn sonst? In beiden F\u00e4llen liegt es nicht an der Wortwahl, sondern am Hintersinn. Einmalig, Landschaft, Material sind W\u00f6rter, die auch Sie verstehen, wenn sie zu Worten werden, sind es Offenbarungseide. Sie k\u00fcnden von einer Haltung, genau das, was die \u201ctadellose Haltung\u201d im Offizierskasino einmal war: die innere \u00dcbereinstimmung mit den von der eigenen Klasse geforderten Wertordnung.<\/p>\n<p>Sie sehen, es wird ernst, bitterernst.<\/p>\n<p>Nun, denken da die unbeteiligten Biederm\u00e4nner, halb so wild, bei uns kann jeder nach seiner Fa\u00e7on selig werden. Das ist nichts als Tr\u00e4gheit des Urteils und wird sp\u00e4testens von den Baureglementen als Schlamperei entlarvt, die sich Toleranz nennt. Dort steht n\u00e4mlich im Befehlston: \u201cDie Bauten und Anlagen m\u00fcssen in ihrer Gesamtheit und ihren Einzelteilen sich harmonisch in das Orts- und Landschaftsbild einf\u00fcgen\u201d. Es gibt also eine Fa\u00e7on, nach der selig zu werden wir gesetzlich verpflichtet sind: das Orts- und Landschaftsbild, und zwar harmonisch. Man kann es im ersten starken Satz zusammenfassen: <strong>Harmonisch sei der Bau, bildtreu und \u00f6rtlich.<\/strong> In den Alpen gelten also versch\u00e4rfte Regeln. Warum? Weil wir seit Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau daran glauben, die Alpen seien sch\u00f6n. Das ist ein Geschmacksurteil, doch keine Tatsache. Ebenso sind wir uns einig, dass die Berge unber\u00fchrt am sch\u00f6nsten sind. Jungfr\u00e4ulich sozusagen. Darum darf man sie nur behutsam vergewaltigen: im harmonischen Stil.<\/p>\n<p>Darum wissen wir alle, welche Bauten von \u201cNatur aus\u201d richtig sind: die der Bauern, genauer, der \u00f6rtliche Tradition. Lassen wir vorerst beiseite, dass sie alle der Natur abgerungen sind, sie domestizierend und ver\u00e4ndernd, dass also bloss von einer zweiten Natur die Rede sein kann. Ich erw\u00e4hne diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit nur, um, wenn immer im Laufe dieses Tages jemand mit dem Erl\u00f6sungswort \u201cNatur\u201d fechten m\u00f6chte, daran zu erinnern ist: Natur, hierzulande, ist etwas Gemachtes. Im Gel\u00e4nde und mehr noch in den K\u00f6pfen.<\/p>\n<p>In dieser gemachten Natur leuchtet still und mahnend die Tradition. Sie ist unsere Richtschnur, die Tradition ist traditionell, harmonisch, sie f\u00fcgt sich l\u00fcckenlos ins Orts- und Landschaftsbild ein. <strong>Das D\u00f6rfli ist edel, hilfreich und gut.<\/strong> Das, Sie haben es herausgeh\u00f6rt, ist der zweite starke Satz.<\/p>\n<p>Der Bergbauer baut keine Berge, doch er erfand die Harmonie. Ihm kam das zwar nie so vor, doch nachdem die Unterl\u00e4nder ihn fast drei Jahrhunderte lang enthusiastisch daf\u00fcr gelobt haben, glaubt er es unterdessen selbst. Bei soviel Gef\u00fchlsinvestition muss allerdings die Frage erlaubt sein: Was ist denn Tradition? Sie entsteht \u00fcber eine lange Zeit durch Versuch und Irrtum. Sie l\u00f6st damit im Bauernjahr und -leben sich stets wiederholende Probleme. Kurz, sie stellt einen Satz von L\u00f6sungen dar, die das \u00dcberleben erm\u00f6glichen. In diesem L\u00f6sungssatz sind auch die abverheiten Versuche enthalten. Allerdings kann die Tradition nur auf sich wiederholende Probleme einen L\u00f6sung herausbilden. F\u00fcr neue, sich ver\u00e4ndernde weiss sie keinen Rat. Der dritte starke Satz bring es auf den Punkt: <strong>Tradition ist eine Methode, kein Bild.<\/strong> Die Tradition braucht generationenlang Zeit und eine geschlossene Gesellschaft, um wachsen zu k\u00f6nnen. Beides gibt es heute in den Alpen l\u00e4ngst nicht mehr.<\/p>\n<p>Als vor 150 Jahren der Tourismus sich in die Berge schlich, ja hereinbrach, da war die Tradition, die Methoden, mit denen die Bergbauern ihr \u00dcberleben sicherten, eine Kuriosit\u00e4t. Mit naturtr\u00fcbem Blick wurde sie zur Urspr\u00fcnglichkeit verschielt. Seither gibt es auf der einen Seite das Echte auf der andern die Ziererei. Der edle Wilde steht weit \u00fcber dem korrupten H\u00f6fling, der knorrige Bergbauer ist dem verweichlichten St\u00e4dter moralisch \u00fcberlegen. Der Senn ist echt und der Unterl\u00e4nder verlogen. Oben herrscht die Gesundheit und unten die Tuberkulose. Ich k\u00f6nnte diese Gegensatzpaare ad infinitum vorsetzten, sie w\u00fcrden nur den vierten starken Satz und das wichtigste Bildungsgesetz des Tourismus\u2019 best\u00e4tigen: <strong>Immer wo echt drauf steht, ist die L\u00fcge drin.<\/strong> Man kann es auch anders formulieren: das Echte, Edle, Gute am Gebirge und am Bauern, war und ist immer eine Erfindung der Touristen.<\/p>\n<p>Das Echte, wenn wir die Wirklichkeit anerkennen wollen, war das angstvolle \u00dcberleben, war karge Subsistenzwirtschaft, war schreiende Armut, der geduldete Inzest, die allgemeine Karies und verzweifelte Auswanderung. Man sch\u00e4mt sich fast den f\u00fcnften starken Satz auszusprechen: <strong>Der \u00f6konomische Naturzustand der Bergbev\u00f6lkerung ist die Armut.<\/strong> Trotzdem: Was diesen Leuten das m\u00fchsame \u00dcberleben sicherte war ihre Produktion. Sie war traditionell, will sagen vorindustriell, aber es war ihre eigene Kraft. Ihr Leitbild ist der Acker.<\/p>\n<p>Die Ziererei hingegen ist Konsum. Das Orts- und Landschaftsbild wird genossen, nicht bearbeitet. Das Produkt heisst Naturgenuss und nicht Alpk\u00e4se und Roggenbrot. Es ist eine Industrie in den Bergen. Sie verbraucht das Orts- und Landschaftsbild wie ein am Ort gefundener Rohstoff. Ihr Leitbild ist die Mine. Sie wird ausgebeutet, bis sie nichts mehr hergibt und dann verlassen. Mine und Acker sind unvereinbare Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>Das haben die Tourismuspioniere instinktiv verstanden. Sie haben keine Chalets, sondern Schl\u00f6sser in die Berge gesetzt. Sie hatten begriffen, dass der Tourismus grunds\u00e4tzlich und immer das Fremde ist, das Andere, das Gegenteil. Der Konsum kann keine Tradition aufbauen, weil er nicht bewahren will, sondern verbrauchen. Wir stehen vor dem zweiten Bildungsgesetz des Tourismus und dem sechsten starken Satz: <strong>Tourismus ist immer Kolonisierung.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Tradition ist tot<\/strong>, das gleich noch der siebente starke Satz. Sie starb mit der Berglandwirtschaft aus. Zur\u00fcck blieb ihr Bastard, die Folklore, die sich mit frecher Stirn urspr\u00fcnglich nennt und echt, in Tat und Wahrheit aber nur das M\u00e4ntelchen ist, das die Tourismusindustrie der toten Tradition \u00fcberzog. Man hat die Leiche in die Landestracht gesteckt und stellt sie nun im Wachsfigurenkabinett des Selbstbetrugs zur Erbauung der Natursucher aus.<\/p>\n<p>Leider waren diese grunds\u00e4tzlichen Abschweifungen notwendig, um das Sprachenproblem, das ich ihnen vorf\u00fchren will, zu verstehen. Vor Jahren wurde ich einmal gefragt: Wie steht es mit dem Verh\u00e4ltnis zwischen den Architekten und den Hoteliers? Ich kam zum Schluss: Es steht nicht. Es gibt kein Verh\u00e4ltnis zwischen denen, weil die beiden gar nicht miteinander reden k\u00f6nnen. Man k\u00f6nnte oberfl\u00e4chlich betrachtet meinen, sie gebrauchten dieselbe Sprache.<br \/>\nDeutsch in Zermatt zum Beispiel, Franz\u00f6sisch in Chamonix oder Italienisch in Cortina d\u2019Ampezzo, kurz die Landesprache. Das wohl doch nur wenn von Gegenst\u00e4nden wie Eishockey oder Wanderwegen die Rede ist, reden sie gegenseitig verst\u00e4ndlich. Geht es aber um Architektur, so sprechen die Architekten Kargisch, die Hoteliers und mit ihnen alle Touristiker reden Dekoro.<\/p>\n<p>Kargisch das ist die Herrensprache, der Dialekt der Inhaber der kulturellen Gewalt. Kargisch zu lernen, ist die lebenslange Anstrengung, die man braucht, um kulturelles Kapital zu akkumulieren. Kargisch reden die Architekten der strengen Observanz, was heisst, der Zirkel der Ernsthaften, der Avantgardisten, der Sucher und Finder. Diese Leute haben die Zusammenh\u00e4nge durchschaut, sie pflichten mir bei, wenn ich im f\u00fcnften starken Satz behauptete: die Tradition ist tot. Sie tun dies mit der \u00dcberzeugung der Besserwisser, denn sie sind es, die diese Tradition seziert und beschrieben haben. Sie waren es, die die alten Bauernh\u00e4user ausgemessen und gezeichnet haben, die ihre Typologie erkundeten. Die wissenschaftlich haltbaren Untersuchungen zur Tradition stammen alle aus ihrem Kreis. Ihre Grundaussage ist klar: Methode, nicht Bild.<\/p>\n<p>Wer Kargisch spricht, will nicht unbedingt verstanden werden. Kargisch ist ein Mittel zur Abgrenzung. Die strenge Observanz erkennt am Beherrschen des Kargischen, ob einer zum Orden geh\u00f6rt oder nicht. Diese Leute suchen nicht den Beifall der Menge, sie reagieren sogar sehr empfindlich, wenn der Applaus von der falschen Seite kommt. Wichtig ist ihnen die Anerkennung von Ihresgleichen. Der Orden erg\u00e4nzt sich durch Berufungen, nicht Auftr\u00e4ge. In kargisch sind die Zeitschriften und Websites abgefasst, kargisch spricht man an den Architekturschulen, kargisch werden die Wettbewerbe juriert, wer nicht kargisch kann, wird es zu einem erfolgreichen Architekturb\u00fcro bringen, nie aber zu Ruhm und Ehre. Die kargische Abgeschlossenheit und Selbstf\u00f6rderung ist unterdessen zum Starsystem mutiert.<\/p>\n<p>Kargisch hat einen Hang zum Grunds\u00e4tzlichen. Will man Kompromisse ausdr\u00fccken, eignet sich Kargisch schlecht. Im Gebirge redet Kargisch also: Da das Hotel das Fremde ist, wird dies auch immer sichtbar, so sehr man es mit Dekoro verkleidet. Darum soll es sich selber sein, Hotel, nicht Chalet. Das heutige Hotel muss man jedes Mal wieder erfinden, je nach Ort und Kundschaft. Traditionell kann daran nur die Nutzung sein, denn Hotels gibt es, seit es Gasth\u00f6fe gibt. Seine Form aber sei eine Antwort auf die Landschaft. Mit der l\u00e4ngst nicht mehr vorhandenen Landwirtschaft hat es nichts zu tun. <strong>Komplex sei der Bau, kontextbezogen und neu<\/strong>, redet im siebenten Satz der Oberpriester der strengen Observanz.<\/p>\n<p>Dekoro hingegen ist die Sprache der Diener, pardon Dienstleister. Dekoro will gefallen, verst\u00e4ndlich sein. Lernen muss man nichts, es gilt das Prinzip Bequemlichkeit. Dekoro bedient. Bedient die angelernten Vorurteile, best\u00e4rkt die mitgebrachten Bilder. Doch Dekoro ist ausserordentlich lebendig und erfindungsreich. In Dekoro l\u00e4sst sich alles ausdr\u00fccken, was in Kargisch nicht zu Wort kommt. Dekoro scheut jede feste Regel, Dekoro ist flexibel, vor allem in den Grunds\u00e4tzen. Dekoro wendet sich an alle, schliesst niemanden aus, der zahlungswillig ist. Dekoro ist die Lingua franca des Tourismus. Dekoro ist die Sprache der Gefalls\u00fcchtigen.<\/p>\n<p>Doch leider ist der kulturelle Status von Dekoro minderwertig, wer Dekoro redet, der bleibt gew\u00f6hnlich. Zwar kann man mit Dekoro weit mehr Geld verdienen, als mit Kargisch, doch kulturelles Kapital h\u00e4uft sich damit nie. Kurz, Dekoro ist minderwertig, was die Dekoristen entweder verdr\u00e4ngen oder daran leiden. Davon heilt die Meisten der Blick aufs Bankkonto.<\/p>\n<p>Doch wie baut man ein Hotel in Dekoro? Es gilt der Grundsatz: Der Gast will es so. Das f\u00fchrt bei Speisekarten zur Breite und Spezialit\u00e4ten, auf die die K\u00f6che und Wirte stolz sind. In der Architektur hingegen sehen wir mit Z\u00e4hneknischen der Herrschaft des allgemeinen alpenl\u00e4ndischen Lederhosenstils zu, geboren aus dem Geiste der Sentimentalit\u00e4t. Dekoro, das ist die gebaute Gef\u00fchlsschlamperei.<\/p>\n<p>Der Gast will es so, muss \u00fcbersetzt werden. Es ist die Vorwegnahme der Erwartung. Der eigenen, nicht der G\u00e4ste. Es ist das architektonische Familienpensionsdenken. Es sind die Alpen von gestern, die der Dekorist sich herstellen will. Seine Alpen. Vielleicht waren seine Grosseltern noch Bergbauern, die Eltern jedoch kaum, die haben gewirtet und sehnten sich nicht nach dem Viehh\u00fcten. Die Arvenst\u00fcbli und die Carnozets, die Holzh\u00e4ute \u00fcber dem Betonkern, die Kunstoffbalkendecke, die Tiroler Balkonbr\u00fcstung, kurz, der ganze folkloristische Schmuckbehaft, das sind die Bilder, die die Hoteliers selber in sich tragen. Ihr verklemmtes Bed\u00fcrfnis nach dem D\u00f6rfli, das sie mit ihrem Neubau ein St\u00fcck mehr zerst\u00f6ren. Es geht um Bilderhandel, Ablassgesch\u00e4fte. <strong>Dekorativ sei der Bau, sentimental und beruhigend<\/strong> lautet darum der achte starke Satz.<\/p>\n<p>Was aber ist mit dem Gast, der da will? Er wird nicht gefragt, aber er entscheidet durch seine Wahl. Leider muss ich hier eingestehen, dass es nicht die Architektur ist, die sie entscheidet. Die Aussicht, die K\u00fcche, der Service sind in jedem Fall wichtiger. Die Landschaft allerdings wird als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt. Einzig bei den wenigen kargischen Hotels entscheidet sich die kargische Kundschaft f\u00fcr die kargische Architektur, womit die Kargen wieder unter sich w\u00e4ren und einen Nischenmarkt darstellen. Denn macht man eine quantitative Betrachtung, so geh\u00f6ren diese H\u00e4user in die Abteilung kulturelle Exotik.<\/p>\n<p>Als ich einmal kurz f\u00fcr das Schweizer Fernsehen arbeitete, hiess das Killerargument: so will es das Publikum. Welches Publikum was will, wurde nie gefragt. Anders herum, sowenig wie das Publikum, gibt es den Gast. Nur ein Beispiel: Der Snowboarder hat zwar 18 Jahre aber wenig Geld, er sucht Rambazamba unter Seinesgleichen, nicht die erhabene Ruhe angesichts der Ewigkeit der Gipfel. Seine Grundbed\u00fcrfnisse sind existenziell: Gibt es Schnee, gibt es Girls?<\/p>\n<p>Wie im zweiten starken Satz bereits festgehalten ist mit dem Dekoroprogramm der Glaube an das Dorf verbunden. Oben auf der Hangschulter liegt im warmen Sonnenschein mys D\u00f6rfli, die intakte Heimat meiner schlampenden Gef\u00fchle. Leider aber: Wer sich diesen Glauben bewahren will, muss zu Hause bleiben. Wer aber ins D\u00f6rfli f\u00e4hrt, der sieht als erstes die geschlossenen Fensterl\u00e4den der Zweitwohnungen, den ebenso geschlossenen Dorfladen und die aufgegebene Poststelle. Doch sind das nicht die Anzeichen des Niedergangs, sondern die Merkmale des Erfolgs. Das Dorf ist zum ersten Mal in seiner Existenz aus den Bergen heraus gekommen. Genauer, die Welt kam zu ihm. Und seit die Strasse da ist, um die die D\u00f6rfler so lang gek\u00e4mpft haben, seither geh\u00f6rt das Dorf endg\u00fcltig zur Stadt. Denn die Verst\u00e4dterung reicht so weit, wie das Auto f\u00e4hrt. Darum muss man das D\u00f6rfli als tempor\u00e4re Schlafstadt begreifen, nicht als ausgestorbenes Bergbauerndorf. Das Dorf ist die Folklore, die Schlafstadt die Tatsache. Der Alpenbogen ist heute ein grosser Stadtpark, kein Naturreservat. M\u00fcnchen, Mailand, Z\u00fcrich brauchen ihren Auslauf. Die Leute aus dem Dickicht der St\u00e4dte bringen ihre Stadt mit und bauen sie in die Berge. D\u00f6rfer gibt es nur noch gegen Armut zu haben. Wir m\u00fcssen uns an den f\u00fcnften starken Satz erinnern: Armut ist der \u00f6konomische Naturzustand der Bergbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Ich habe Zermatt eine Woche lang von oben betrachtet: Ein Talkessel ist randvoll mit ungeordneten Bauten aufgef\u00fcllt, kaum eine Gr\u00fcnfl\u00e4che gibt es im Talboden noch, kurz eine Stadt in den Bergen. Da wendet sich kein Gast mit Grausen, nein, alle wollen da hin. Die Stadt Zermatt, wie auch die St\u00e4dte St. Moritz, Garmisch-Partenkirchen, Chamonix und Gstaad sind begehrt und vom Dorf redet nur noch der in Dekoro verfasste Prospekt. Das f\u00fchrt zum neunten starken Satz: <strong>Wer nicht arm ist in den Bergen, wohnt in der Stadt.<\/strong> Etwas weniger um die Ecke geredet: Die Alpen sind verst\u00e4dtert, wo sie es nicht sind herrscht die alpine Brache. In der Boulevardzeitung steht: Bergdorf r\u00f6chelt, Bergstadt lebt.<\/p>\n<p>Heute ist die Bergseligkeit, das Ergriffensein angesichts der Erhabenheit des Hochgebirges ein Minderheitenprogramm f\u00fcr die Andacht der Naturfrommen. F\u00fcr den heutigen Gast gilt der zehnte starke Satz: <strong>Die Alpen sind ein Sportger\u00e4t.<\/strong> Seit man nicht mehr zu Fuss gehen muss, sind die Berge nur noch ein Konsumgut wie jedes andere, wie ein Badestrand in der Karibik oder eine Disco in Z\u00fcrichwest zum Beispiel. Den Unterschied machen nur noch die Laune, die Kaufkraft und die Zug\u00e4nglichkeit. Die Alpen sind nichts Besonderes mehr.<\/p>\n<p>Denn die vollst\u00e4ndige Mechanisierung der Alpen hat sie klein und geheimnislos gemacht. Das Konsumgut wurde konsequent erschlossen und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Nur die Klimaerw\u00e4rmung wird den Zugriff stoppen. Zur\u00fcck wird eine ausgelaugte Landschaft bleiben, \u00fcbers\u00e4t mit Investitionsruinen. Darum: Wem es heute mit dem Alpenschutz ernst ist, der stellt die Bergbahnen und Skilifte ab. Ja, ich weiss, doch Armut ist der \u00f6konomische Naturzustand der unversehrten Berge. <strong>Landschaft wird mit Verzicht bezahlt,<\/strong> das der elfte starke Satz. Er ist unanst\u00e4ndig, weil er auf Tatsachen gr\u00fcndet, aber trotzdem wahr.<\/p>\n<p>Am Schluss muss ich Ihnen noch vorf\u00fchren, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe. \u201cMagie der Vielfalt. Mit diesem Slogan wird S\u00fcdtirol beworben. Hat die neue Werbelinie Auswirkungen auf die Gastronomie, auf die Architektur?\u201d fragt die Einladung zu dieser Gespr\u00e4chsrunde. Ich bitte um Nachsicht, dass ich die Gastronomie schw\u00e4nze. Es hat Redner nach mir, die meine Erfahrungsl\u00fccke mit Tiefe stopfen werden. Aber auf die Architektur? \u00dcbersch\u00e4tzen wir die Werber nicht, ihr Einfluss auf die Architektur beginnt immer erst hinterher, dann wenn sie sie zu Werbezwecken benutzen und Bilder in die K\u00f6pfe pflanzen. Doch bedeutender w\u00e4re die Frage, wie die Architektur den Tourismus beeinflusst und umgekehrt.<\/p>\n<p>Gehe von deinen Best\u00e4nden aus und nicht von deinen Parolen, mahnt uns Dr. Gottfried Benn. Nun der Bestand ist vorhanden. Die Baudenkm\u00e4ler, die Burgen, Schl\u00f6sser und die Altst\u00e4dte sind die einzigen wirklich tourismuswirksamen Architekturen. Sie pr\u00e4gen neben der Landschaft das Bild der Prospekte und m\u00f6blieren die Erinnerung. Fast alle Menschen dieser Erde reagieren auf das grafische K\u00fcrzel des Eiffelturms wie Pawlows Hund: Paris, selbst wenn sie noch gar nie dort waren. Die wenigen Beispiele der Moderne dagegen sind Exquisit\u00e4ten, die nur von wenigen Kennern besucht werden.<\/p>\n<p>Die ungeheure Masse des allgemeinen alpenl\u00e4ndischen Lederhosenstils, die wir zu erdulden gezwungen sind, beeinflusst zu meinem Leidwesen den Tourismus nicht negativ. Der funktioniert auch ohne gute Architektur. Die Rettung des Tourismus durch Architektur ist also eine Illusion. Immerhin, seine Verbesserung durch Architektur scheint m\u00f6glich, nur m\u00fcssten dazu die Architekten Dekoro und die Hoteliers Kargisch lernen. Anders herum: sie m\u00fcssten miteinander reden, statt sich mit Misstrauen zu belauern. Die Architekten m\u00fcssten dabei einsehen, dass Dekoro die Ausschm\u00fcckung der Sehnsucht ist. Die Leute wissen sehr genau, dass sie sich etwas vormachen, sie sind sehr wohl in der Lage, die Lederhosenarchitektur als Selbstbetrug zu erkennen. Sie haben aber Ferien, von der Arbeit und der Wirklichkeit. Sie freuen sich, ein B\u00fchnenbild zu bev\u00f6lkern, das ihretwegen aufgestellt wurde. Es ist ein Rollenspiel, das nicht allzu ernst genommen wird. Der Ausnahmezustand Urlaub entbindet vom Urteil. Das ist eine seiner Aufgaben. Schlimm am Dekoro ist nicht sein Vorhandensein, sondern wie mies und lieblos es gemacht ist. Wir fordern von den Hoteliers besseren Dekoro und von den Architekten auch. Darum lautet der zw\u00f6lfte starke Satz: <strong>Lernt besser Dekoro.<\/strong> Besser heisst hier fantasievoller, freier, lustiger. Man muss endlich aus dem Geissenstall ausbrechen. Das D\u00f6rfli liegt hinter uns, wer f\u00fcr die Bergstadt baut und das Freizeitger\u00e4t best\u00fcckt, der hat mehr M\u00f6glichkeiten als das D\u00f6rflivokabular. Man muss sie nutzen. Das beginnt damit, dass das Fremde auch fremd aussieht.<\/p>\n<p>Denn wenn man sich vorstellt, was an Stelle der Lederhosen h\u00e4tte gebaut werden k\u00f6nnen, Dinge von der Wucht und Qualit\u00e4t der ersten Hotelschl\u00f6sser, von der Verspieltheit Carlo Molinos, von der grossartigen Geschlossenheit der Retortenst\u00e4dte in Savoyen, so kann man das Schluchzen kaum zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p>Dieser Lederhosenarchitektur wegen wird heute und auch in Zukunft garantiert niemand hierher reisen. Man muss von einem langfristigen Fehlinvestment reden.<\/p>\n<p>In der Gegenrichtung ist der Einfluss des Tourismus auf die Architektur gering. Deren Entwicklung geschieht im Zirkel der strengen Observanz und da geh\u00f6ren die landes\u00fcblichen Dekoroarchitekten definitiv nicht dazu. Anders herum: Der Tourismus leistet keinen Beitrag zur Architektur. Noch, sage ich nicht ohne Hoffnung. Noch helfen die Rosinen im Hosentr\u00e4gerteig nichts. Es m\u00fcsste statt Rosinen Sauerteig sein. Solche Projekte gibt es, ich nenne stellvertretend nur den Turm auf der Schatzalp oberhalb Davos von Herzog und de Meuron. Hier wird die Tatsache Alpenstadt in Architektur umgesetzt. Darum lautet der dreizehnte starke Satz: Vermesst eure Oberst\u00fcbchen neu. Anerkennt die Realit\u00e4t. Sie hat drei Stichworte: Bergstadt, Sportger\u00e4t, Superdekoro.<\/p>\n<p>Schernelz, 13. M\u00e4rz 06 LR<\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>*) Benedikt Loderer (geb. 1945) studierte Architektur an der ETH Z\u00fcrich. Er arbeitete als Architekt und als freier Journalist, als Fernsehmitarbeiter und H\u00f6rspielautor. Bekannt wurde Loderer als Architekturkritiker des \u00bbZ\u00fcrcher Tagesanzeiger\u00ab. 1988 gr\u00fcndete er im Verlag Curti Medien \u00bbHochparterre\u00ab, die Illustrierte f\u00fcr Gestaltung und Architektur. 1991 \u00fcbernahm die Redaktion die Zeitschrift im eigenen, selbstverwalteten Kleinbetrieb. Quelle: Turris Babel &#8211; tb70extra.<\/em><\/small><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vortrag von Benedikt Loderer*, Stadtwanderer, gehalten in leicht abgewandelter Form am 14.03.2006 im Rahmen der Gespr\u00e4chsrunde \u00bbArchitektur\/Rezepte\u00ab, die der Kunstverein gokart in Zusammenarbeit mit der Landesberufsschule f\u00fcr das Gast- und Nahrungsmittelgewerbe \u00bbEmma Hellenstainer\u00ab zu Brixen an der Universit\u00e4t, ebenda, organisiert hat. Meine D + H, haben Sie gelesen, was die Einladung versprach? \u201cS\u00fcdtirol ist [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-270","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","location-svizra","language-deutsch","topic-arch","topic-bildung","topic-kunstcultura","topic-ecologia","topic-feuilleton","topic-mobilitaet","topic-sport","topic-tourismus","topic-wirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=270"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43229,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270\/revisions\/43229"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=270"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=270"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=270"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}