{"id":30232,"date":"2016-07-12T13:39:26","date_gmt":"2016-07-12T11:39:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30232"},"modified":"2026-01-07T08:56:23","modified_gmt":"2026-01-07T07:56:23","slug":"zweisprachige-schule-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30232","title":{"rendered":"Zweisprachige Schule (II)."},"content":{"rendered":"<p>Seit vielen Jahren wird in S\u00fcdtirol verst\u00e4rkt die zwei- oder mehrsprachige Einheitsschule bzw. die zwei- oder mehrsprachige Schule als Zusatzangebot zu den bestehenden muttersprachlichen Modellen gefordert. In erster Linie sind die Eltern um diesen Dammbruch bem\u00fcht, das S\u00fcdtiroler Sprachbarometer 2014 (ASTAT) legt sogar nahe, dass eine breite Mehrheit der Gesamtgesellschaft diese Umstellung w\u00fcnscht. Unklar bleibt jedoch, welches Modell dabei angestrebt wird.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich erscheint eine Schule, in der beide Sprachen \u00bbgleicherma\u00dfen\u00ab als Unterrichtssprachen dienen, ein erstrebenswertes Modell. Die Vorteile einer hohen Kompetenz in mehreren Sprachen k\u00f6nnen f\u00fcr die Einzelne kaum \u00fcberbewertet werden. Welch positive Auswirkungen ein Schulsystem auf \u00bbImmersionsbasis\u00ab f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen haben kann, ist l\u00e4ngst erwiesen.<\/p>\n<p>Was jedoch in einem einsprachigen Kontext (in Deutschland oder Frankreich, ja auch in Trient oder Innsbruck) bedenkenlos umgesetzt werden kann, da mehrsprachige und Immersionsschulen in ein sprachlich klar definiertes Umfeld gebettet sind, kann in einem mehrsprachigen Gebiet wie S\u00fcdtirol, das im nationalen Kontext des italienischen Staates eine sprachlich-kulturelle Sonderrolle einnimmt, zu Spannungen f\u00fchren und das Risiko der gesellschaftlichen Assimilierung in sich bergen.<\/p>\n<p>\u00dcber kurz oder lang wird die mehrsprachige Schule, falls sie eingef\u00fchrt wird, wohl kaum nur auf ein \u00bbZusatzangebot\u00ab beschr\u00e4nkt bleiben. Kaum jemand wird sich diesem Schulmodell entziehen k\u00f6nnen, sobald es existiert, denn Eltern, die ihren Nachwuchs in eine Schule des heutigen, \u00bbalten\u00ab Modells schicken, n\u00e4hmen dann eine Benachteiligung ihres Kindes im Vergleich zu anderen billigend in Kauf \u2014 sowohl in der Gesellschaft, als auch (zum Beispiel) bei der Arbeitssuche. Die \u00bbeinsprachig\u00ab deutsche und italienische Schule nach heutigem Modell blieben dann voraussichtlich Horte nationalistischer Hitzk\u00f6pfe, wo Eltern auf Kosten ihrer Kinder Politik betreiben. Eine m\u00f6glichst gute Vermittlung der \u00bbZweitsprache\u00ab w\u00e4re dort wohl kaum noch Hauptziel, haben sich die Eltern doch ausdr\u00fccklich gegen eine mehrsprachige Schullaufbahn entschieden.<\/p>\n<p>Falls mehrsprachige Schulen Aufnahmetests durchf\u00fchren w\u00fcrden, um die \u00dcberforderung weniger gut vorbereiteter oder schlechter talentierter Kinder zu vermeiden, ist mit einer sprachlichen Mehrklassengesellschaft zu rechnen, in der einige vom \u00f6ffentlichen (!) Schulsystem mit besseren Voraussetzungen f\u00fcrs Leben ausgestattet werden als andere. Auch dies w\u00e4re wohl kaum w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>Eine Umstellung des Schulsystems darf jedenfalls nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Wer von den unzweifelhaften Vorteilen der Immersion f\u00fcrs Individuum undifferenziert auf ebenso gro\u00dfe Vorteile f\u00fcr die Gesamtgesellschaft schlie\u00dft, nimmt eine Abk\u00fcrzung, die unter Umst\u00e4nden in eine Sackgasse ohne Wendem\u00f6glichkeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Folge eines mehrsprachigen \u00f6ffentlichen Schulmodells kann (zun\u00e4chst) nichts anderes sein, als eine durch und durch mehrsprachige Gesellschaft. Ein Idealzustand f\u00fcr ein Land wie S\u00fcdtirol, wo mehrere Sprachen beheimatet sind. Ein Idealzustand jedoch, der ohne die n\u00f6tigen Vorkehrungen das Risiko in sich birgt, zumindest <em>eine<\/em> Sprache endg\u00fcltig auszul\u00f6schen. Heute gibt es hierzulande ein in seiner Art zwar verbesserungsw\u00fcrdiges, jedoch sehr fein austariertes Gleichgewicht zwischen den Sprachen, das mit einem neuen Schulsystem schnell aus den Fugen geraten kann.<\/p>\n<p>Weltweit sind durch und durch mehrsprachige Gesellschaften \u2014 wo also die Mehrsprachigkeit der Gesamtheit auch einer v\u00f6lligen Mehrsprachigkeit jeder Einzelnen entspricht \u2014 eine winzige Ausnahme, die \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume kaum aufrecht zu erhalten ist. Bereits wenn zehn perfekt Mehrsprachige an einem Tisch beisammensitzen, wird sich aus Bequemlichkeit und Rationalit\u00e4t in k\u00fcrzester Zeit eine der von allen beherrschten Sprachen zu Lasten der anderen durchsetzen. Aus welchem Grund sollte eine ganze Gesellschaft im Alltag den Aufwand betreiben, mehr als eine Sprache aktiv zu benutzen, wenn s\u00e4mtliche Mitglieder (zumindest) eine dieser Sprachen perfekt beherrschen? Im Falle einer Minderheit in einem Nationalstaat scheint dies sogar unm\u00f6glich. Und auf welcher Grundlage sollte man noch sprachliche Sonderrechte einfordern, wenn s\u00e4mtliche B\u00fcrgerinnen auch die Staatssprache auf muttersprachlichem Niveau beherrschen?<\/p>\n<h6>Risikomanagement<\/h6>\n<p>Wir haben in S\u00fcdtirol einen gro\u00dfen Schatz, den man \u00bbgesellschaftliche Mehrsprachigkeit\u00ab nennen k\u00f6nnte. Dieser Schatz resultiert heute aus einer unvollkommenen \u00bbindividuellen Mehrsprachigkeit\u00ab, die es attraktiv macht, auch im Alltag mehr als eine Sprache zu verwenden. Auf Dauer mag diese Situation manchen nicht befriedigend erscheinen, da sie einem besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt im Weg steht.<\/p>\n<p>Aber: Wir haben eine einigerma\u00dfen gesunde Patientin \u2014 und eine sofortige Behandlung, durch die wir jedoch ihren vorzeitigen Tod riskieren. Wollen wir tats\u00e4chlich Hand anlegen? Oder sollten wir vielmehr zuerst die Risiken minimieren?<\/p>\n<p>Die beste Voraussetzung f\u00fcr die Zusammenf\u00fchrung der gesellschaftlichen und der individuellen Mehrsprachigkeit w\u00e4re wohl die staatliche Unabh\u00e4ngigkeit; nicht die Unabh\u00e4ngigkeit <em>per se,<\/em> sondern eine speziell auf Koh\u00e4sion und Inklusion bedachte, konstitutiv auf Pluralismus ausgerichtete Version. Eine Sofortl\u00f6sung k\u00f6nnte man hingegen bedenkenlos unterst\u00fctzen, wenn es eindeutige Zeichen g\u00e4be, dass sie gl\u00fccken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Alternative im Rahmen des Nationalstaats w\u00e4re das katalanische Modell, das ein hohes Ma\u00df von gesellschaftlicher und individueller Mehrsprachigkeit mit einem starken gesellschaftlichen Zusammenhalt vereint. Der Dreh- und Angelpunkt dieses Modells ist eine Einheitsschule mit <em>\u00bbContent and Language Integrated Learning\u00ab<\/em> (CLIL) und einer stark asymmetrischen Sprachgewichtung zugunsten des Katalanischen, also der nicht-nationalen Sprache. Die Einsicht, die katalanische und kastilische Eltern bzw. Politikerinnen eint, ist die, dass die Asymmetrie einem Kippen innerhalb des spanischen Nationalstaats (Kippen zugunsten der spanischen \u00bbStaatssprache\u00ab) am besten verhindern kann, da auf regionaler Ebene dem staatlichen Ungleichgewicht entgegengesteuert wird.<\/p>\n<p>Diese Art der Sprachpolitik beschr\u00e4nkt sich jedoch nicht auf die Schule, sondern zielt darauf ab, eine tats\u00e4chlich mehrsprachige Gesellschaft durch eine tats\u00e4chliche Asymmetrie \u00bbim Kontext\u00ab zu unterst\u00fctzen. Katalonien hat eine offiziell definierte Landessprache (Katalanisch). Im Autonomiestatut ist zwar auch die kastilische Sprache als Amtssprache definiert, eine Ungleichbehandlung <em>(affirmative action,<\/em> also positive Diskriminierung zugunsten der katalanischen Sprache) ist jedoch erlaubt und ganz im Sinne der Wahrung eines faktischen Gleichgewichts.<\/p>\n<p>Das S\u00fcdtiroler Autonomiestatut nach dem Proporzmodell erlaubt hingegen kein solches Korrektiv: Die beiden gleichgestellten Sprachen sind immer und \u00fcberall gleich zu behandeln. Im Zweifelsfall, auch dies belegt das Sprachbarometer, geht dies eher zu Lasten der Minderheitensprachen. Eine Politik, die schnell und flexibel auf Fehlentwicklungen reagieren kann, ist damit nahezu ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Eine asymmetrische \u2014 behutsam an hiesige Verh\u00e4ltnisse angepasste \u2014 Gesamtl\u00f6sung nach katalanischem Vorbild w\u00e4re wahrscheinlich ein guter Wegbereiter f\u00fcr die eventuell anzustrebende Unabh\u00e4ngigkeit und Schaffung einer durch und durch \u00bbidealen\u00ab, also auch auf individueller Ebene mehrsprachigen Gesellschaft. Ohne den n\u00f6tigen Sicherheitsabstand zu <em>jedem<\/em> Nationalstaat (und dazu geh\u00f6rt im Rahmen der Autonomie als absolute Mindestvoraussetzung die prim\u00e4re Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Schule und Bildung) sind aber undifferenzierte Abk\u00fcrzungen abzulehnen.<\/p>\n<p><small><em>Dieser Text ist die aktualisierte und erweiterte Fassung <a title=\"Zweisprachige Schule.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1223\">eines \u00e4lteren Beitrags<\/a> und ist in \u00e4hnlicher Form in der POLITiS-Publikation <a title=\"Buchvorstellung: \u00bbMehr Eigenst\u00e4ndigkeit wagen.\u00ab\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=29645\">\u00bbMehr Eigenst\u00e4ndigkeit wagen \u2013 S\u00fcdtirols Autonomie heute und morgen\u00ab<\/a> erschienen.<\/em><\/small><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"\u00bbBildung und Schule\u00ab.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=29069\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Mehrsprachige Schule und Nachhaltigkeit.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=26770\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Q&amp;A mit Thomas Benedikter.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=26790\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"FAQ zur Immersion.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=49209\"><code>04<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Immersion ist f\u00fcr Minderheiten nicht.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64168\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Additive und subtraktive Zweisprachigkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=73353\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Wenn Sprachen im Wettbewerb stehen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83082\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Mehrsprachigkeit von Minderheiten und Sprachverlust.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87781\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>04<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vielen Jahren wird in S\u00fcdtirol verst\u00e4rkt die zwei- oder mehrsprachige Einheitsschule bzw. die zwei- oder mehrsprachige Schule als Zusatzangebot zu den bestehenden muttersprachlichen Modellen gefordert. 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