{"id":31306,"date":"2016-08-22T00:06:05","date_gmt":"2016-08-21T22:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=31306"},"modified":"2022-12-02T20:18:10","modified_gmt":"2022-12-02T19:18:10","slug":"glaubensfrage-stoff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=31306","title":{"rendered":"Eine Glaubensfrage."},"content":{"rendered":"<p>In diesem Sommer wurde der Stoff bzw. wieviel davon eine Frau tragen kann\/darf\/soll\/muss, im wahrsten Sinne des Wortes zur Glaubensfrage. Burka und Burkini respektive deren eventuelles Verbot spalten die Geister.<\/p>\n<p>Einmal mehr ist eine \u00f6ffentlich &#8211; meist \u00fcber soziale Netzwerke &#8211; gef\u00fchrte Diskussion gepr\u00e4gt von der Abwesenheit der Mitte, von unsachlichen Vermengungen und Unsch\u00e4rfen sowie von eigenartigen Allianzen.<\/p>\n<p id=\"firstHeading\" class=\"firstHeading\" lang=\"de\">Daher zun\u00e4chst einmal ein paar Fakten, damit wir auch wissen, wovon wir sprechen: Die Tradition der Verschleierung ist viel \u00e4lter als der Islam und reicht wahrscheinlich bis zu den Sumerern und Assyrern 3000 v. Chr. zur\u00fcck. Im Islam ist die Verschleierung fast von Beginn an belegt. Es gibt zwar im Koran keine explizite Bekleidungsvorschrift, aber die Pflicht zum Tragen von Kopft\u00fcchern l\u00e4sst sich aus einigen Stellen ableiten und ist unter den Religionsgelehrten weitgehend Konsens. In vielen islamisch dominierten L\u00e4ndern war die verschleierte Frau jedoch aufgrund der S\u00e4kularisierungs- und Nationalismustendenz haupts\u00e4chlich ab dem Ersten Weltkrieg auf dem R\u00fcckzug. Republiksgr\u00fcnder Mustafa Kemal Atat\u00fcrk beispielsweise verbot in der T\u00fcrkei das Kopftuch unter Androhung der Todesstrafe. Ein Verbot, das erst 2008 durch Recep Tayyip Erdo\u011fans islamistische AKP aufgehoben wurde. \u00c4hnliches passierte 2012 nach dem Sturz Hosni Mubaraks in \u00c4gypten. Auch dort waren Kopft\u00fccher &#8211; zumindest im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen &#8211; verboten. Im Iran kehrte die Verschleierung mit Ajatollah Chomeinis Islamischer Revolution 1979 zur\u00fcck, nachdem sie dort unter <span class=\"st\">Reza Schah Pahlavi untersagt war<\/span>. Bis vor kurzem war sie im Iran &#8211; wie auch nach wie vor in Saudi Arabien &#8211; sogar verpflichtend f\u00fcr jede Frau. Der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte andererseits sah in einem Spruch aus dem Jahr 2005 ein Kopftuchverbot als f\u00fcr vereinbar mit der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31309\" aria-describedby=\"caption-attachment-31309\" style=\"width: 1603px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Types-of-Islamic-veils.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31309\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Types-of-Islamic-veils.png\" alt=\"http:\/\/barringtonstageco.org\/types-of-islamic-veils\/\" width=\"1603\" height=\"710\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Types-of-Islamic-veils.png 1603w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Types-of-Islamic-veils-768x340.png 768w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Types-of-Islamic-veils-1200x532.png 1200w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Types-of-Islamic-veils-800x354.png 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 1603px) 100vw, 1603px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-31309\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"http:\/\/barringtonstageco.org\/types-of-islamic-veils\/\">http:\/\/barringtonstageco.org\/types-of-islamic-veils\/<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"firstHeading\" lang=\"de\">Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in der islamischen Tradition je nach Region und Konfession verschiedene Stufen der Verh\u00fcllung der Frau etabliert. W\u00e4hrend Shayla, Hidschab, Al-Amira und Khimar das ganze Gesicht zeigen, wird der im Iran \u00fcbliche Tschador oft von der Tr\u00e4gerin mit den H\u00e4nden vor dem Gesicht zusammengefaltet. Die beiden extremsten Verschleierungen sind der haupts\u00e4chlich auf der arabischen Halbinsel und im Herrschaftsgebiet von Daesh (vulgo &#8220;Islamischer Staat&#8221;) getragene Niqab, bei dem nur ein Augenschlitz freibleibt und die von den Taliban in Afghanistan favorisierte Burka, bei der die Frauen lediglich durch ein Stoffgitter blicken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"firstHeading\" lang=\"de\">Der Burkini (orig. <a href=\"http:\/\/ahiida.com\/\">Burqini<\/a>) hingegen ist eine Art Badeanzug aus Elastan, der erst 2003 von der im Libanon geborenen Australierin Aheda Zanetti erfunden wurde. Anders als der Name suggeriert, kann das Kopfteil bzw. der Verh\u00fcllungsgrad am ehesten mit einem Hidschab und nicht mit einer Burka verglichen werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31312\" aria-describedby=\"caption-attachment-31312\" style=\"width: 378px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/burqini-swimwear-freedom-flexibility-confidence.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31312\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/burqini-swimwear-freedom-flexibility-confidence.jpg\" alt=\"http:\/\/www.burqini.com\/\" width=\"378\" height=\"535\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-31312\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"http:\/\/www.burqini.com\">http:\/\/www.burqini.com<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Derzeit gibt es in Europa nur in Frankreich und Belgien ein Burka- bzw. Niqabverbot &#8211; also ein Verbot der Vollverschleierung. Zudem herrscht in Frankreich ein generelles Kopftuchverbot in \u00f6ffentlichen Einrichtungen. In Italien gilt seit 1975 als Reaktion auf terroristische Gruppierungen ein Vermummungsverbot, das wohl auch den Niqab und die Burka betreffen w\u00fcrde. Demnach ist eine derartige Diskussion im Stiefelstaat ohnehin \u00fcberfl\u00fcssig. Verschleierungsverbote gibt es als Anti-Terrorma\u00dfnahme aber auch in islamisch dominierten L\u00e4ndern wie dem Tschad (53 % Muslime) und im Niger (94 % Muslime). Und auch andere L\u00e4nder mit zumindest lokal gro\u00dfen muslimischen Bev\u00f6lkerungsanteilen kennen &#8220;Burkaverbote&#8221; oder wenigstens lokal g\u00fcltige Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr das Tragen dieses Stoffes: Gabun, Republik Kongo, Kamerun, Malaysia, T\u00fcrkei, Syrien, Tunesien, Russland, China, Schweiz und Senegal. Einen Schritt weiter gingen einige Kommunen in Frankreich, die nun auch das Tragen des Burkinis unter Strafe stellen.<\/p>\n<p>Wollen wir mit diesem Vorwissen nun den Argumenten, denen wir in der Diskussion um Burkini- und Burkaverbote begegnen, auf den Zahn f\u00fchlen.<\/p>\n<p><strong>Eine liberale Demokratie kann keine Bekleidungsvorschriften aufstellen. Damit w\u00fcrden wir uns auf das Niveau von Staaten wie Saudi Arabien begeben, die das auch tun. Eine Burka (Anm.: fortan als Synonym f\u00fcr Vollverschleierung) schr\u00e4nkt die Freiheit eines anderen ja nicht ein.<br \/>\n<\/strong>Vorschriften, die die individuelle Ausdrucksfreiheit, was die Kleidung betrifft, einschr\u00e4nken, sind in Europa nichts Ungew\u00f6hnliches. Wir haben uns entschieden, unserer Ansicht nach extreme Ausdrucksformen zu sanktionieren, auch wenn diese die Freiheit des anderen gar nicht ber\u00fchren. Ein demokratisches &#8220;Wir wollen das nicht!&#8221; sozusagen. Man kann zum Beispiel in den meisten europ\u00e4ischen St\u00e4dten nicht jahraus jahrein nackt herumlaufen, ohne eine Anzeige wegen &#8220;Erregung \u00f6ffentlichen \u00c4rgernisses&#8221; am Hals zu haben. Auch w\u00fcrde man Probleme bekommen, wenn man mit einem Hakenkreuz-T-Shirt durch die Stra\u00dfen paradiert. Wir haben uns auf demokratische Weise geeinigt, dass derartiges Verhalten &#8211; obwohl es die Freiheit Dritter nicht einschr\u00e4nkt &#8211; nach unseren Moral- und Ethikvorstellungen nicht in unser Gemeinwesen passt. Ein in unseren Breitengraden \u00f6ffentlich getragenes Hakenkreuz beleidigt die Grundfesten einer demokratischen, gleichberechtigten und freisinnigen Gesellschaft. In Indien tut es das nicht, da die Konnotation eine andere ist. Bei einem m\u00f6glichen Burkaverbot geht es also um die Frage, wie tolerant eine liberale Gesellschaft gegen\u00fcber dem Ausdruck von Intoleranz, Extremismus und Fundamentalismus sein muss. Abh\u00e4ngig davon, wo ich diese Grenze ziehe, kann ich f\u00fcr oder gegen ein Burkaverbot sein.<\/p>\n<p><strong>Die Christen k\u00f6nnen doch den Muslimen nicht vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben. Das ist Diskriminierung und grenzt an Rassismus. <\/strong><br \/>\nDiesem Argument liegt ein gravierender Denk- bzw. Demokratieverst\u00e4ndnisfehler zugrunde, denn er negiert die Trennung von Kirche und Staat. Sollte ein Burka- oder auch Burkiniverbot erlassen werden, entscheiden nicht &#8220;die Christen&#8221; \u00fcber &#8220;die Muslime&#8221;, sondern ein laizistischer Staat stellt eine Regel f\u00fcr alle auf. F\u00fcr ein Burka- oder Burkiniverbot sind \u00fcberdies ja nicht nur Christen, sondern auch viele Atheisten und auch einige liberale Muslime (wobei das aber eigentlich nichts zur Sache tut).<\/p>\n<p>H\u00e4tten wir beispielsweise massive Zuwanderung aus Papua Neu-Guinea, m\u00fcssten wir dann auch Penisfuterale in der \u00d6ffentlichkeit nicht mehr als &#8220;Erregung \u00f6ffentlichen \u00c4rgernisses&#8221; auslegen, weil sonst &#8220;die Christen&#8221; \u00fcber die &#8220;Anh\u00e4nger einer Naturreligion&#8221; entscheiden w\u00fcrden oder wollten wir doch lieber unseren heute g\u00fcltigen demokratischen Standard &#8211; der sich freilich auch \u00e4ndern kann &#8211; anlegen? Ist das Verbot der Polygamie und Kinderehe nicht ganz \u00e4hnlich einem potenziellen Burkaverbot? Sind diese Verbote auch rassistisch, weil sie haupts\u00e4chlich Zuwanderer aus dem islamischen Raum betreffen? Einige Muslime lehnen zum Beispiel das Sch\u00e4chten unter Bet\u00e4ubung ab. Wenn ein Staat nun verf\u00fcgt, dass Sch\u00e4chten nur unter Bet\u00e4ubung erlaubt ist, haben dann &#8220;die Christen&#8221; \u00fcber &#8220;die Muslime&#8221; entschieden und sie in ihrer Freiheit eingeschr\u00e4nkt? Was wiegt mehr: das Verbot von Tierqu\u00e4lerei oder die Religionsfreiheit? Freiheit hei\u00dft nicht, dass man tun und lassen kann, was man will.<\/p>\n<p>Es ist also &#8211; wie bereits gesagt &#8211; immer ein Abw\u00e4gen. Ein Recht gegen das andere. Eine Motivation gegen die andere. Es gibt daher Gr\u00fcnde, die f\u00fcr ein Burka- oder Burkiniverbot sprechen und Gr\u00fcnde, die dagegen sprechen. Die Frage ist, welche f\u00fcr uns schwerwiegender sind.<\/p>\n<p><strong>In Mitteleuropa gibt es so wenige bis gar keine Burkatr\u00e4gerinnen. Eine Diskussion \u00fcber ein Verbot ist also sinnlos.<\/strong><br \/>\nWie hoch die Zahl der Vollverschleierten ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Sie ist ohnehin v\u00f6llig irrelevant. Unsere Gesetzgebung richtet sich n\u00e4mlich nicht danach, wieviele Menschen sie potenziell betreffen k\u00f6nnte, sondern ob wir etwas als richtig oder falsch erachten. Zoophilie mag auch nicht sehr weit verbreitet sein. Dennoch ist sie in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern auf Basis der Tierschutzgesetze untersagt.<\/p>\n<p><strong>Die Politik sollte sich lieber um die vielen Rechtsextremen statt die wenigen Burkatr\u00e4gerinnen k\u00fcmmern (vulgo: Haben wir denn keine wichtigeren Probleme?).<\/strong><br \/>\nsiehe <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=200#41D\">FAQ C1<\/a><\/p>\n<p><strong>Diejenigen, die nach einem Burka- oder Burkiniverbot schreien, kommen meist aus dem rechten Eck. Denen geht es doch nicht um die Rechte der Frauen. Das ist nur ein Vorwand, dass sie ihre Ausl\u00e4nderfeindlichkeit ausleben k\u00f6nnen.<\/strong><br \/>\nEs stimmt, dass sich vor allem Rechte und Rechtspopulisten in der Vergangenheit nicht gerade hervorgetan haben, wenn es um Frauenrechte ging und dass deren Forderung nach einem Burka- oder Burkiniverbot daher nicht besonders glaubw\u00fcrdig und nicht selten xeno- oder islamophob motiviert ist. Das hei\u00dft aber noch lange nicht, dass die Forderung an sich &#8211; aus anderen Gr\u00fcnden &#8211; nicht legitim sein kann. Das ist ein Fehler, der in derartigen Diskussionen sehr oft begangen wird: Nur weil jemand aus der falschen Ecke etwas aus falschen Motiven fordert, bedeutet das nicht, dass die Forderung an sich notwendigerweise falsch sein muss. Wenn sich jemand aus umweltschutztechnischen Gr\u00fcnden gegen Atomkraft ausspricht, bleibt seine Forderung doch auch legitim, wenn jemand anderer sagt: &#8220;Wir m\u00fcssen Atomkraft verbieten, weil sie nicht zu unserer Tradition geh\u00f6rt und gegen die g\u00f6ttliche Ordnung verst\u00f6\u00dft.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Unsere Gro\u00dfeltern und Urgro\u00dfeltern sind auch nicht im Bikini oder im Badeanzug schwimmen gegangen. Die hatten vielfach Ganzk\u00f6rperanz\u00fcge \u00e4hnlich einem Burkini an.<br \/>\n<\/strong>Nur weil unsere Vorg\u00e4ngergenerationen etwas getan haben, hei\u00dft das doch nicht, dass deren Verhalten auch heute noch angebracht w\u00e4re. Vor hundert Jahren durften Frauen in vielen L\u00e4ndern nicht w\u00e4hlen, gab es in Europa die Todesstrafe und Kinder wurden in den Schulen geschlagen. Nur weil Zuwanderer aus Regionen zu uns kommen, in denen es wenig bis keine Emazipation und keine 68er-Revolution gegeben hat, m\u00fcssen wir doch nicht unsere Standards und Errungenschaften um 100 Jahre zur\u00fcckdrehen.<\/p>\n<p><strong>Ein Verbot von Burka und Burkini erh\u00f6ht das Terrorrisiko, weil es die Dschihadisten ver\u00e4rgern w\u00fcrde.<\/strong><br \/>\nIst jetzt die Erwartungshaltung von Massenm\u00f6rdern der Ma\u00dfstab, nach dem wir uns richten m\u00fcssen?<\/p>\n<p><strong>Ein Verbot von Burka und Burkini k\u00f6nnte die zahlungskr\u00e4ftige Kundschaft aus dem arabischen Raum vergraulen.<\/strong><br \/>\nDetto. Ist das der Standard, an dem wir unser Gemeinwesen ausrichten?<\/p>\n<p><strong>Die Frauen sollen selbst entscheiden, wie sie sich kleiden. Niemand kann ihnen das vorschreiben.<\/strong><br \/>\nPrinzipiell ist gegen diese, nicht nur von Frauenrechtlern vorgebrachte Forderung freilich nichts einzuwenden. Das sollte Normalit\u00e4t sein. Doch der Aspekt des Zwanges macht die Sache etwas komplizierter. Meines Erachtens verh\u00e4lt sich diese Frage \u00e4hnlich wie jene der Prostitution und Pornographie. Es ist schwierig festzustellen, in welchem Ausma\u00df Frauen gezwungen werden und wie hoch der &#8220;freiwillige&#8221; Anpassungsdruck ist, patriarchal-chauvinistischen Vorstellungen zu entsprechen. Paradoxerweise funktioniert dieser Zwang also auch in die umgekehrte Richtung, was Frauen in dieser Hinsicht irgendwie in eine Lose-lose-Situation bringt. So waren bis vor kurzem die Beachvolleyballerinnen verpflichtet, Bikini zu tragen, w\u00e4hrend die M\u00e4nner Shirts ihrer Wahl anziehen durften. Sowohl dieser &#8220;westliche&#8221; Zwang, sich ausziehen zu m\u00fcssen, als auch die islamische Verschleierung sind nach meinem Daf\u00fcrhalten ein erb\u00e4rmlicher Ausdruck von m\u00e4nnlicher Sexzentriertheit und Objektifizierung der Frau.<\/p>\n<p>Erstaunlich finde ich daher, mit welcher Vehemenz vermeintlich liberale Zeitgenossinnen in sozialen Netzwerken gegen ein Burkaverbot auftreten. Auch scheinen Witze \u00fcber die Vollverschleierung in diesen Kreisen irgendwie tabu. Man w\u00e4re sofort verd\u00e4chtig, islamophob zu sein. Die Burka ist jedoch Ausdruck eines Grades von Konservatismus und R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit, wie man ihn in Europa sonst kaum findet. Menschen, die jetzt die Burka verteidigen, haben f\u00fcr gew\u00f6hnlich keine Hemmungen, sich \u00fcber &#8220;hiesige&#8221; Stockkonservative lustig zu machen. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass eben diese Leute sich derart massiv hinter die Sch\u00fctzen stellen w\u00fcrden, sollte jemand zum Beispiel deren Entwaffnung fordern. Diese selektive Sichtweise befremdet mich irgendwie.<\/p>\n<p><strong>Ein Verbot hilft den Frauen nicht aus der Unterdr\u00fcckung, denn wenn sie keinen Burkini bzw. keine Burka tragen, k\u00f6nnen sie \u00fcberhaupt nicht schwimmen oder auf die Stra\u00dfe gehen. Ein Verbot l\u00e4uft der Integration zuwider.<\/strong><br \/>\nWas den Burkini betrifft, ist da etwas Wahres dran. Wobei es einer moslemischen Frau nicht unm\u00f6glich w\u00e4re, ohne Burkini schwimmen zu gehen. Es ist ihr nur deshalb nicht m\u00f6glich, weil sie religi\u00f6se Konvention als h\u00f6herwertig gegen\u00fcber ihrem Willen, schwimmen zu gehen, einstuft. Der Burkini erm\u00f6glicht solchen Frauen ein gewisses Ma\u00df an Integration, wenngleich sie das Kleidungsst\u00fcck auch ein wenig als Au\u00dfenseiterin brandmarkt. Auf die Burka trifft dies meines Erachtens nicht zu, da sie im Unterschied zum hidschab-\u00e4hnlichen Burkini gar keine Interaktion erlaubt. Sie ist &#8211; ob freiwillig oder unfreiwillig &#8211; Manifest der Kommunikationsverweigerung und die Tr\u00e4gerin somit auch nicht integrationswillig oder -f\u00e4hig. Die Burka ist diskriminierend M\u00e4nnern gegen\u00fcber, da die Tr\u00e4gerin ihr Verhalten aufgrund des Geschlechts des Gegen\u00fcbers differenziert. Gleichzeitig m\u00fcsste massiv gegen jene M\u00e4nner vorgegangen werden, die Frauen zum Burkatragen zwingen &#8211; obwohl das nat\u00fcrlich in der Praxis schwierig ist.<\/p>\n<p><strong>Ein Burkaverbot ist Ausdruck von Islamophobie.<\/strong><br \/>\nDie Vollverschleierung ist nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr den Islam. Sie ist Ausdruck einer Extremform, wie es sie in vielen Religionen gibt. Daher haben auch L\u00e4nder mit islamischer Bev\u00f6lkerungsmehrheit ohne gro\u00dfes Aufheben bisweilen Burkaverbote verh\u00e4ngt. Wenn ich sage, die <a href=\"http:\/\/www.godhatesfags.com\/\">Westboro Baptist Church<\/a> geh\u00f6rt verboten und David Koresh und Jim Jones waren hirnverbrannte Idioten, bin ich deshalb nicht anti-christlich, sondern eher das Gegenteil. Die Burka steht f\u00fcr eine allumfassende, fundamentalistische und politische Auslegungen des Korans. Sie kennzeichnet die Welt der Taliban, des IS und wahabitisch-salafistischer Bewegungen. Sie ist die offen zur Schau getragene Ablehnung eines demokratisch-liberalen Gesellschaftsmodells. Man k\u00f6nnte daher argumentieren, dass sie ein Symbol verfassungsfeindlicher Organisationen ist und als solches verboten geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Daneben gibt es noch ganz praktische Gr\u00fcnde, die f\u00fcr ein Verbot sprechen und ebenfalls nichts mit Islamophobie zu tun haben. Viele Situationen in unserem Leben erfordern die Identifikation des Gegen\u00fcbers und das Lesen der non-verbalen Kommunikation des Gesichtes. So muss ein Betreuer im Kindergarten die Person, die das Kind abholen kommt, eindeutig als Berechtigte identifizieren. Vor Gericht und bei gewissen Beh\u00f6rden ist es auch meist von N\u00f6ten, dass man das Gesicht des Gegen\u00fcbers erkennt. Eine Vollverschleierung verhindert zudem die Identifikation von T\u00e4terinnen oder auch Zeuginnen mittels \u00dcberwachungskameras.<\/p>\n<p><strong>Verbieten oder nicht verbieten?<\/strong><br \/>\nIn einem Burkaverbot sehe ich auf Basis obiger Argumentation weder etwas Islamfeindliches noch Anti-liberales. Im Gegenteil, es w\u00fcrde einer konsequent laizistischen und anti-totalit\u00e4ren Linie folgen.<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit einem eventuellen Verbot des Burkinis. Dieser ist als \u00e4quivalent zum Kopftuch, bei dem das Gesicht erkennbar ist, kein Symbol einer extremistischen Randerscheinung des Islams, wenngleich er &#8211; wie in Frankreich erkl\u00e4rt wurde &#8211; Bezug auf eine Zugeh\u00f6rigkeit zu terroristischen Bewegungen nehme, die Frankreich den Krieg erkl\u00e4rt h\u00e4tten und obwohl er sogar auch schon in einigen <a href=\"http:\/\/www.moroccoworldnews.com\/2014\/08\/137162\/marrakesh-private-swimming-pools-ban-burkini\/\">Hotels in Marokko<\/a> verboten wurde. Aus hygienischen Gr\u00fcnden, wie es hei\u00dft. Diesen Umstand kann ich nicht beurteilen. \u00dcber die Badeordnung sollte aber ohnedies jeder Betreiber selbst entscheiden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Der Burkini ist Ausdruck eines sogar im Zunehmen begriffenen, religi\u00f6sen Konservatismus, den eine Demokratie wohl aushalten muss. \u00dcberdies w\u00e4re es praktisch gesehen sehr schwierig, die Motivlage der Verh\u00fcllung zu sanktionieren. Man k\u00f6nnte sich beim Schwimmen im Meer ja auch aus Sonnenschutzgr\u00fcnden mit einem Ganzk\u00f6rper-Wetsuit bekleiden, wie ich das an Str\u00e4nden in Australien mehrfach beobachtet habe.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Schleierverbot: Vom Regen in die Traufe?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=4291\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Leitner und die religi\u00f6sen \u00c4rztInnen.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30590\"><code>02<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Sommer wurde der Stoff bzw. wieviel davon eine Frau tragen kann\/darf\/soll\/muss, im wahrsten Sinne des Wortes zur Glaubensfrage. Burka und Burkini respektive deren eventuelles Verbot spalten die Geister. 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