{"id":32175,"date":"2016-10-22T15:08:21","date_gmt":"2016-10-22T13:08:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=32175"},"modified":"2022-05-01T13:40:58","modified_gmt":"2022-05-01T11:40:58","slug":"nonstaler-ladiner-die-rekonstruktion-einer-sprachgruppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=32175","title":{"rendered":"Nonstaler Ladiner: Die Rekonstruktion einer Sprachgruppe."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p>Waren es im Nonstal 2011 noch 18,8% offiziell erkl\u00e4rte Ladiner gewesen, so stieg deren Anteil 2012 auf 23%. Von einem Jahr aufs andere erlebte das Nonstal einen Zuwachs von 1.928 Ladinern. Bei der Volksz\u00e4hlung 2011 z\u00e4hlte man im Trentino insgesamt 18.550 Ladiner. W\u00e4hrend sich im Fassatal 81,54% der Bev\u00f6lkerung als Ladiner erkl\u00e4rten, sind es im Nonstal zwar erst 23%, doch leben jetzt zahlenm\u00e4\u00dfig schon mehr Ladiner im Nons- und Sole-Tal als im Fassatal. Einige Ortschaften wie Romallo im oberen Nonstal sind schon zur H\u00e4lfte \u201cladinisch\u201d geworden, zahlreiche Gemeinden am Noce zu einem Drittel. Wie geht eine solche Metamorphose zum R\u00e4toromanischen vor sich? Stehen die N\u00f2nesi eines Morgens auf und merken, dass sie Ladinisch sprechen? Bekanntlich wird ethnisch-kulturelle Identit\u00e4t sozial konstruiert: Ist sie in diesem Fall auch etwas politisch konstruiert worden?<\/p>\n<p>Eigentlich sind die r\u00e4toromanischen Idiome im Nonstal (<em>anaunico<\/em>) und im Sole-Tal (<em>solandro<\/em>) schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts v\u00f6llig trentinisiert worden. <a title=\"Wiki: Nones.\" href=\"https:\/\/it.wikipedia.org\/wiki\/Nones\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a> klassifiziert das Nones als romanischen Dialekt. Linguisten sind sich aber nicht einig, ob das Nonstalerische eine Variante des Ladinischen, ein italienischer Dialekt oder eine eigene Sprache ist. \u201cDas \u2018reine\u2019 Nones weist lexikalische und grammatikalische Gemeinsamkeiten mit dem R\u00e4toromanischen, dem Dolomiten-Ladinischen und dem Rumantsch als auch mit Trentiner Dialekten auf,\u201d sagt der Ladinerexperte Erwin Valentini, \u201ckaum zu bezweifeln, dass das moderne Nones inzwischen so stark mit Italianismen versetzt ist, dass es eher dem Italienischen zuzuordnen ist. Dies gilt mehr oder weniger f\u00fcr alle Mundarten der sog. \u2018anfizona ladina\u2019 wie das Fleimstal, Agordo und Cadore in der Provinz Belluno.\u201d Sehr skeptisch zu dieser Sprach-Renaissance sind auch die Fassa-Ladiner. Das dortige Ladinische Kulturinstitut hat wissenschaftliche Untersuchungen zum Nonstaler Dialekt angemahnt und sich f\u00fcr nicht zust\u00e4ndig f\u00fcr die dortige Sprachentwicklung erkl\u00e4rt. Es mahnt au\u00dferdem zu gr\u00f6\u00dfter Vorsicht bei Ausma\u00df und Motivation der Sprachgruppenerkl\u00e4rungen der Nonstaler und verweist darauf, dass sich die meisten Nonstaler bisher nie als Ladiner betrachtet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Darauf folgte schon vor Jahren ein erregter Disput zwischen den offiziellen Ladiner-Vertretern und den \u201cNeo-Ladinern\u201d des Nonstals mit ihrer Vork\u00e4mpferin Caterina Dominici, der Pr\u00e4sidentin des Kulturvereins <em>Rezia,<\/em> der die Rekonstruktion der r\u00e4toromanischen Sprachgruppe betreibt. Dominici erkl\u00e4rte dem <em>\u201cTrentino\u201d<\/em> am 8. Juli 2004:<\/p>\n<blockquote><p>Wir sind Ladiner mehr als alle anderen, unwiderlegbar, und zwar schon kraft einer Anerkennung vom Jahr 46 n.C. durch Kaiser Claudius, n\u00e4mlich die Tavola Clesiana. Niemand vom Friaul bis zum Engadin kann das vorweisen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Fabio Chiocchetti, Direktor des Kulturinstituts der Fassa-Ladiner entgegnete damals:<\/p>\n<blockquote><p>Welch eine Absurdit\u00e4t mit der Tavola Clesiana seine Ladinit\u00e4t beweisen zu wollen. Diese gew\u00e4hrte den Nonstalern die r\u00f6mische Staatsb\u00fcrgerschaft, die ladinische Sprache entstand erst 1000 Jahre sp\u00e4ter.<\/p><\/blockquote>\n<p>So betrachten die Fassa-Ladiner die auch politisch motivierte Rekonstruktion der Nonstaler \u201cLadiner\u201d mit Argwohn. Die Anerkennung einer stark trentinisierten Variante des Ladinischen k\u00f6nnte leicht zur Verw\u00e4sserung des gesamten Sprachminderheitenbegriffs f\u00fchren. Eine \u00e4hnliche Auseinandersetzung spielt sich derzeit auch in der Provinz Belluno zwischen den historischen Ladinern im Fodom (Buchenstein) und den Neo-Ladinern im Agordo und Cadore-Gebiet ab. Einen sprachlichen Schulterschluss zwischen Dolomitenladinern und Nonstalern wird es also so schnell nicht geben.<\/p>\n<p>Warum nehmen sich \u00fcberhaupt so viele Nonstaler als eigene ladinische Sprachgruppe wahr, die seit 1945 60 Jahre lang nichts dergleichen vermeldet hatten? Werden sie k\u00fcnftig so eifrige Sprachpflege betreiben wie die Dolomitenladiner und Ladinisch als Schulfach einf\u00fchren? Als Sprachminderheit anerkannt zu werden, wird jedenfalls sowohl f\u00fcr eine soziale Gruppe wie auch f\u00fcr ihre Provinz zunehmend politisch interessant. \u201cNach der rechtlichen Anerkennung der Ladiner in der Region Trentino-S\u00fcdtirol\u201d, schreibt der Sprachwissenschaftler Paul Videsott im <em>Manuale di linguistica italiana<\/em>, \u201chat sich die \u2018neoladinische Frage\u2019 in zahlreichen Gemeinden der Provinz Belluno aufgetan, die sich im Zug des Gesetzes Nr.482\/1999 als ladinisch erkl\u00e4rt haben.\u201d<\/p>\n<p>Es wird anscheinend politisch und wirtschaftlich interessanter, eine Sprachminderheit zu sein, so sind auch im Trentino die Dinge in Fluss gekommen. Vielleicht verhilft diese Rekonstruktion einer Sprachgruppe dem Trentino zu besseren Argumenten, um seine Autonomie gegen\u00fcber Rom zu verteidigen. Das k\u00f6nnte wieder S\u00fcdtirol recht sein. Andererseits k\u00f6nnten sich bald auch die Vinschger, Pustrer, Sarner und Pseirer melden, um zur \u201cSprachminderheit\u201d zu avancieren.<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Waren es im Nonstal 2011 noch 18,8% offiziell erkl\u00e4rte Ladiner gewesen, so stieg deren Anteil 2012 auf 23%. Von einem Jahr aufs andere erlebte das Nonstal einen Zuwachs von 1.928 Ladinern. Bei der Volksz\u00e4hlung 2011 z\u00e4hlte man im Trentino insgesamt 18.550 Ladiner. W\u00e4hrend sich im Fassatal 81,54% der Bev\u00f6lkerung als Ladiner erkl\u00e4rten, sind es im [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-32175","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-autorinnen","entity-euregio","issue-zitac","location-ladinia","location-trentino","language-deutsch","person-paul-videsott","topic-medien","topic-minderheitenschutz","topic-politik","topic-wirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32175","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=32175"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32175\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":72035,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32175\/revisions\/72035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=32175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=32175"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=32175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}