{"id":34090,"date":"2017-03-18T23:02:30","date_gmt":"2017-03-18T22:02:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34090"},"modified":"2024-10-21T18:29:04","modified_gmt":"2024-10-21T16:29:04","slug":"brutta-figura-wie-wahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34090","title":{"rendered":"Brutta figura, wie wahr!"},"content":{"rendered":"<p>Ich respektiere selbstverst\u00e4ndlich, dass Sie der Meinung sind, jeder Maulwurfsh\u00fcgel in S\u00fcdtirol solle neben der endonymen Bezeichnung auch die tolomeische tragen und ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem Ihre und meine Meinung in einen friedlichen Diskurs treten k\u00f6nnen. Denn ich muss Ihnen sagen, dass mich Ihre Ansicht \u2014 wie auch Ihr Vorgehen mit dem offenen Brief \u2014 in vielen Aspekten ungemein irritiert haben.<\/p>\n<p>Mich st\u00f6rt an Ihrem Brief das Postfaktische, das im Moment leider en vogue zu sein scheint (siehe Trump, Erdo\u011fan und Co.). Mich st\u00f6rt, dass Sie mit Ihrer Meinung das g\u00e4ngige Stereotyp verk\u00f6rpern, dass S\u00fcdtirol hinterw\u00e4ldlerisch sei und immer nur Nabelschau betreibe ohne \u00fcber den Tellerrand zu blicken. Mich st\u00f6rt, dass Sie progressive internationale Tendenzen und Gepflogenheiten in Toponomastikfragen wie auch die diesbez\u00fcglichen Richtlinien der Vereinten Nationen respektive der <em>United Nations Group of Experts on Geographical Names <\/em>(UNGEGN) ausblenden und stattdessen Ihre davon abweichende Meinung, wenn schon nicht zur unumst\u00f6\u00dflichen Wahrheit, dann doch zur Mehrheitsmeinung, hochstilisieren (Zitat: &#8220;[\u2026] perch\u00e9 cerca di spiegare come la pensiamo veramente, noi altoatesini di lingua tedesca&#8221;). Und zu guter Letzt st\u00f6ren mich auch der Dilettantismus und die Ethnozentriertheit Ihrer Aussagen.<\/p>\n<p>Ich erlaube mir jetzt, all diese Vorw\u00fcrfe argumentativ zu untermauern.<\/p>\n<p>Ihr Text suggeriert, dass Ihre die \u2014 gerade auch unter Deutschsprachigen \u2014 vorherrschende Meinung sei. Es gibt jedoch statistische Daten \u2014 meines Wissens die einzigen diesbez\u00fcglich \u2014 die Ihren Anspruch widerlegen und als reines Bauchgef\u00fchl fernab von Realit\u00e4t und Fakten entlarven. Laut Sprachbarometer 2014 sind 71,4 Prozent der deutschsprachigen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der Meinung, dass es in S\u00fcdtirol nicht fl\u00e4chendeckend zwei bzw. drei offizielle Bezeichnungen f\u00fcr Ortschaften und Fluren braucht. Und immerhin mehr als ein Viertel der Italienischsprachigen meint, dass die tolomeischen Namen nicht \u00fcberall notwendig sind. Erst unl\u00e4ngst haben sich bekannte Vertreter des italienischsprachigen Kosmos in S\u00fcdtirol (unter ihnen Carlo Bertorelle, Enzo Nicolodi oder auch Alberto Stenico) gegen den Prontuario ausgesprochen, den Sie verteidigen. Insgesamt sind demnach 58,1 Prozent der S\u00fcdtirolerinnen und S\u00fcdtiroler aller Sprachgruppen nicht Ihrer Meinung. Zudem l\u00e4sst das Sprachbarometer eine klare Tendenz erkennen. Die Anzahl derer, die nicht auf den tolomeischen Bezeichnungen beharren, ist innerhalb von zehn Jahren (Sprachbarometer 2004) in allen Sprachgruppen zwischen drei und sieben Prozentpunkte gestiegen.<\/p>\n<p>Wenn man nun ein wenig \u00fcber den Tellerrand blickt, erkennt man, dass obige Mehrheitsmeinung kein \u201cr\u00fcckw\u00e4rtsgewandtes\u201d S\u00fcdtiroler Spezifikum ist, sondern vielmehr internationalen Gepflogenheiten und von der UNO bez\u00fcglich der L\u00f6sung von Toponomastikproblemen <a title=\"\" href=\"https:\/\/unstats.un.org\/unsd\/publication\/seriesm\/seriesm_88e.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">publizierten Richtlinien<\/a> entspricht. Wenn Sie nun f\u00fcr S\u00fcdtirol einen von der Au\u00dfenwelt isolierten anachronistischen Sonderweg vorschlagen, ist das Ihr gutes Recht. Sie m\u00fcssen dann aber auch akzeptieren, dass es Widerstand gegen die, diesem Ansinnen innewohnende, nationalistische Logik gibt. In vielen L\u00e4ndern weltweit \u2014 vor allem nat\u00fcrlich in solchen, wo linke, sozialdemokratische und liberale Regierungen an der Macht sind bzw. waren \u2014 ist der Trend zu einer offensiven Aufarbeitung von kolonialistischem und totalit\u00e4rem Erbe, was nicht nur Orts- und Flurnamen betrifft, zu beobachten. So hat Barack Obama dem \u00fcber Jahrzehnte als Mt. McKinley bekannten h\u00f6chsten Berg Nordamerikas wieder offiziell seinen urspr\u00fcnglichen Namen Denali zuerkannt. Ich denke nicht, dass er durch diesen Schritt den europ\u00e4ischst\u00e4mmigen Menschen das Recht, sich in Alaska heimisch zu f\u00fchlen, verwirkt hat. Der Monolith im Zentrum Australiens hei\u00dft ebenfalls nach einer kurzen 150-j\u00e4hrigen Episode wieder Uluru (und nicht mehr Ayers Rock). In Gr\u00f6nland, S\u00fcdafrika, Spanien, Frankreich, Kanada, ja sogar in China wurde Endonymen der ihnen zustehende Stellenwert zuerkannt und im Gegenzug historisch zweifelhaften Bezeichnungen der offizielle Status aberkannt \u2014 was nat\u00fcrlich niemanden daran hindert, diese Bezeichnungen weiter zu verwenden. So wie wir den h\u00f6chsten Berg der Welt exonym Mt. Everest nennen k\u00f6nnen, obwohl er in China offiziell die tibetische (!) endonyme Bezeichnung Qomolangma und auf der S\u00fcdseite das in Nepal g\u00e4ngige Endonym Sagarmatha tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nur bei uns ist eine offizielle Vetta d\u2019Italia offenbar sakrosankt. F\u00fcr die UNO sind die Umst\u00e4nde, unter denen Namen zustandegekommen sind, ein Aspekt, der bei der Erstellung offizieller Namenslisten von Bedeutung ist und der gegen die Beibehaltung der Erfindungen des Protofaschisten Ettore Tolomei spricht. Bedeutender jedoch ist der lokale Gebrauch und ob es sich um endonyme oder exonyme Bezeichnungen handelt. Daher ist es f\u00fcr mich beispielsweise auch nicht nachvollziehbar, wieso exonyme Bezeichnungen wie St. Ulrich bzw. Ortisei oder Stern bzw. La Villa \u2014 obschon diese, wenn man so will, \u201chistorisch gewachsen\u201d sind \u2014 Offizialit\u00e4t genie\u00dfen sollen. Deutschsprachige werden nat\u00fcrlich weiterhin St. Ulrich sagen, aber offiziell sollte der Ort ausschlie\u00dflich Urtij\u00ebi hei\u00dfen, und Stern La Ila.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass bei uns in der Toponomastikdiskussion meist ausnahmslos von deutschen und italienischen Ortsnamen und sehr selten von Endonymen und Exonymen die Rede ist, zeugt von der niveaulosen Ethnozentriertheit der Debatte fernab jeglicher Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit. Kastelbell, Tscherms, Naturns usw. sind nicht \u201cdeutsch\u201d. So wie ein Gro\u00dfteil der Namen in S\u00fcdtirol auf r\u00e4tische, keltische und romanische Bezeichnungen zur\u00fcckgeht. Auch wird kaum zwischen Zweisprachigkeit und Zweinamigkeit unterschieden.<\/p>\n<p>Man kann Namen auch nicht \u201cabschaffen\u201d. Man kann ihnen nur den offiziellen Status aberkennen. Den Gebrauch kann, muss das aber nicht beeinflussen. Andernfalls d\u00fcrfte es ja auch kein Flazpis (Latzfons) und kein Fochina (Ahornach), kein Mailand (Milano) und kein Monaco (M\u00fcnchen) geben.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend viele im Lande, auch und gerade italienischsprachige S\u00fcdtiroler, f\u00fcr eine gemeinsame S\u00fcdtiroler Identit\u00e4t losgel\u00f6st von den Sprachgruppen k\u00e4mpfen (Stichwort: gemeinsame Schule), sollen wir um jeden Preis das Gebiet, in dem wir leben, in ethnisch getrennten Realit\u00e4ten wahrnehmen? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?<\/p>\n<p>Dieser Brief <a title=\"Una brutta figura, davvero!\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34099\">(italienische Fassung)<\/a> ist eine Replik auf einen <a title=\"Ortsnamen: SWZ f\u00fcr Appeasement.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34069\">Artikel Pfeifers<\/a>, der in der SWZ erschienen ist.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Toponymy: What do the United Nations say?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=32074\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"The Restoration of Minority Toponyms.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=32082\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Toponomastik \u2014 n\u00fcchtern betrachtet.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16091\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Landesbezeichnung, figurative Politik.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=51795\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>04<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich respektiere selbstverst\u00e4ndlich, dass Sie der Meinung sind, jeder Maulwurfsh\u00fcgel in S\u00fcdtirol solle neben der endonymen Bezeichnung auch die tolomeische tragen und ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem Ihre und meine Meinung in einen friedlichen Diskurs treten k\u00f6nnen. 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