{"id":34123,"date":"2017-03-22T09:41:05","date_gmt":"2017-03-22T08:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34123"},"modified":"2022-07-03T15:01:42","modified_gmt":"2022-07-03T13:01:42","slug":"was-bringt-der-mehrsprachigkeitshype","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34123","title":{"rendered":"Was bringt der Mehrsprachigkeitshype?"},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p>Viel Stimmung wird derzeit f\u00fcr eine zweisprachige Schule gemacht, und zwar als zus\u00e4tzliches Angebot zum dreigeteilten Schulsystem. Es wird spekuliert, ob zu diesem Zweck der Artikel 19 des Autonomiestatuts abge\u00e4ndert werden muss oder ob seine \u201cNeuinterpretation\u201d daf\u00fcr reichen w\u00fcrde, wie es bei der soeben blockierten <abbr title=\"Durchf\u00fchrungsbestimmung\">DFB<\/abbr> der Fall gewesen w\u00e4re. In diesem Sinn argumentieren auch die <em>Gr\u00fcnen,<\/em> die vor einem Jahr einen Gesetzentwurf (Nr. 67\/15) <a href=\"http:\/\/www.verdi.bz.it\/tag\/bildung\/\">&#8220;Recht auf Mehrsprachlichkeit im Bildungssystem des Landes&#8221;<\/a> mehrsprachige Klassenz\u00fcge in bestehenden muttersprachlichen Schulen einf\u00fchren wollten, wenn einige Eltern das w\u00fcnschen. In dieselbe Richtung zielt der k\u00fcrzlich von Senator Palermo vorgelegte Vorschlag f\u00fcr zweisprachige Klassen oder Schulabteilungen in den bestehenden Schulen. Statt den Artikel 19 derart \u00fcberzustrapazieren, w\u00e4re es rechtlich schon korrekter, zun\u00e4chst die \u00fcbergeordnete Norm abzu\u00e4ndern, sofern sich demokratische Mehrheiten daf\u00fcr finden. W\u00fcrde der S\u00fcdtiroler Gesetzgeber dies von sich aus einf\u00fchren, w\u00e4re n\u00e4mlich auch mit Klagen auf Statutsverletzung zu rechnen.<\/p>\n<p>Mehrsprachigkeit ist f\u00fcr viele S\u00fcdtiroler das Leitmotiv f\u00fcr die Bildung ihrer Kinder geworden, so als w\u00e4re es das absolute Oberziel der Schulbildung schlechthin, der Schl\u00fcssel f\u00fcrs Leben und den beruflichen Erfolg. In diesem Sinn ist in der Bozner Pascoli-Oberschule ein dreisprachiger Schulversuch im Gang mit Deutsch, Italienisch und Englisch als Unterrichtssprachen. Es hat den Anschein, dass bei der italienischen Sprachgruppe heute das Pendel ins andere Extrem ausschl\u00e4gt, nachdem die erste Generation, die mit dem Autonomiestatut aufgewachsen ist, die zweite Landessprache leider vernachl\u00e4ssigt hat. Wenn das die Motivation zum Deutschlernen st\u00e4rkt (laut <em>Kolipsi<\/em>-Studie von 2012 waren 2009 gut 75% der italienischsprachigen Obersch\u00fcler erst auf Niveau B1 bei der deutschen Sprache), ist das nur zu begr\u00fc\u00dfen. Doch muss es in S\u00fcdtirol aus Gr\u00fcnden der Konkurrenzf\u00e4higkeit zweisprachige Schulen f\u00fcr alle geben?<\/p>\n<p>So argumentiert Sprachwissenschaftler Siegfried Baur in der <em>ff<\/em> 11\/2017 und pl\u00e4diert f\u00fcr ein dreisprachiges Triennium vor der Matura: \u201cDa m\u00fcsste die erste Sprache allen Anfechtungen standhalten und die Jugendlichen w\u00e4ren international konkurrenzf\u00e4hig.\u201d M\u00fcssen S\u00fcdtirols Sch\u00fcler aus einem wirtschaftlichen Grund (Konkurrenzf\u00e4higkeit) auf eine muttersprachliche Schule verzichten, die die allermeisten europ\u00e4ischen Altersgenossen in Anspruch nehmen? Solange nicht der gesamte deutsch- und italienischsprachige Raum von Flensburg bis Catania ein dreisprachiges Schulsystem einf\u00fchrt, brauchen sich S\u00fcdtirols Sch\u00fcler eigentlich keine Sorgen um ihre Konkurrenzf\u00e4higkeit in der EU zu machen, geschweige denn in S\u00fcdtirol. Etwas CLIL, moderne Sprachendidaktik und Zusatzangebote, damit schaffen sie L2 und L3 locker. Etwas mehr Selbstbewusstsein w\u00e4re angesagt.<\/p>\n<p>Die Bildungswelt Europas sieht anders aus. In Europa ist immer noch die einsprachige Schule mit 1-2 weiteren Sprachen absoluter Standard. Millionen europ\u00e4ischer Abiturienten erreichen Jahr f\u00fcr Jahr ein Niveau in einer Zweitsprache, das ihnen ein Hochschulstudium in dieser Sprache erlaubt. In S\u00fcdtirol liegen mehr als die H\u00e4lfte der deutschsprachigen Obersch\u00fcler auf B2-Niveau der Zweitsprache <em>(Kolipsi 2012),<\/em> \u00fcber 70% der Deutschsprachigen beherrschen flie\u00dfend Italienisch <em>(Astat).<\/em> Gibt es ein Unternehmen, das S\u00fcdtirol wegen mangelnder Zweisprachigkeit der Mitarbeiter wieder verlassen hat?<\/p>\n<p>Ganz ohne Zweifel ist Mehrsprachigkeit im heutigen Europa ein wichtiges Bildungsziel (vgl. Barcelona-Erkl\u00e4rung des EU-Rats 2002: Muttersprache+2) und die Beherrschung der zweiten Landessprache ist zu Recht ein hoher Wert in der S\u00fcdtiroler Gesellschaft. Doch weder hat die EU den 27 Mitgliedsl\u00e4ndern aufgetragen, ihr Schulsystem in ein zwei- oder mehrsprachiges umzubauen, noch ist davon abzuleiten, dass Sprachminderheiten zwecks Konkurrenzf\u00e4higkeit auf Staats- und Unionsebene \u2014 also aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden \u2014 von muttersprachlichen Schulen abzugehen haben.<\/p>\n<p>Dazu nochmals ein knapper Einschub aus einem Land, das von Mehrsprachigkeit etwas versteht, die Schweiz, die seit jeher den Erwerb der anderen Landessprachen in den Schulen gro\u00df schreibt (vgl. <a href=\"http:\/\/www.skbf-csre.ch\/fileadmin\/files\/pdf\/publikationen\/Staffpaper1.pdf\">diese Analyse<\/a>). In der ganzen Schweiz gibt es nicht mehr als zwei zweisprachige \u00f6ffentliche Schulen, und zwar zwei englisch-deutsche Gymnasien in Z\u00fcrich, die vor allem von Kindern von Business-Nomaden und gut gestellten Ausl\u00e4ndern besucht werden. Die Einf\u00fchrung von zweisprachigen Oberschulen ist nicht einmal im Tessin ein Thema, das wohl am meisten bef\u00fcrchten m\u00fcsste, auf Bundesebene sprachlich abgeh\u00e4ngt zu werden, und auch nicht in den zweisprachigen Kantonen (eine zweisprachige Unterstufe gibt es allenfalls f\u00fcr die Romanen in Graub\u00fcnden).<\/p>\n<p>Somit k\u00f6nnten auch einige Missverst\u00e4ndnisse vorliegen, die den heutigen Hype f\u00fcr mehrsprachige Schulen befeuern, wie etwa folgende:<\/p>\n<ul>\n<li>das Missverst\u00e4ndnis, dass die gute Kenntnis weiterer Sprachen nur \u00fcber gemischte Schulen zu erreichen ist (das Standardschulmodell Europas beweist das Gegenteil);<\/li>\n<li>das Missverst\u00e4ndnis, dass die italienische und deutsche Sprachgruppe in S\u00fcdtirol beim Sprachenerwerb denselben Bedarf haben;<\/li>\n<li>das Missverst\u00e4ndnis, dass es nur mit einer zweisprachigen Schule gelingt, gut Italienisch oder Deutsch zu lernen;<\/li>\n<li>das Missverst\u00e4ndnis, dass Sprachenlernen ein und alles f\u00fcr Wettbewerbsf\u00e4higkeit sei (w\u00e4re dem so, w\u00e4ren Exportnationen wie die Schweiz, Deutschland und die Niederlande l\u00e4ngst abgeh\u00e4ngt);<\/li>\n<li>das Missverst\u00e4ndnis, dass ein \u00f6ffentliches Bildungssystem auf den Geschmack eines Teils der Eltern mit besonderen W\u00fcnschen zugeschnitten werden muss (Schule \u00e0 la carte);<\/li>\n<li>das Missverst\u00e4ndnis, dass gerade eine Sprachminderheit aus Konkurrenzgr\u00fcnden eine gut funktionierende muttersprachliche Schule aufgeben solle.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bei letzterem w\u00fcrden die Bef\u00fcrworter der zweisprachigen Schule einwenden, dass es ihnen um einen <em>zus\u00e4tzlichen<\/em> zweisprachigen Klassenzug oder ein Zusatzangebot einer zweisprachigen Schule geht, doch Simon Constantini hat schon mehrfach (vgl. Gastbeitrag in \u201cMehr Eigenst\u00e4ndigkeit wagen\u201d, <em>POLITiS<\/em> 2016) treffend aufgezeigt, wohin diese Art von Konkurrenz bei den Schulmodellen unweigerlich f\u00fchren w\u00fcrde. Fazit: Etwas mehr Bewusstsein bez\u00fcglich unserer Rechte und F\u00e4higkeiten w\u00e4re angesagt. Warum sollten gerade die S\u00fcdtiroler aus Gr\u00fcnden wirtschaftlicher Konkurrenz die muttersprachliche Schule einschr\u00e4nken, wenn das weder die \u00fcbrige EU und nicht einmal die mehrsprachige Schweiz tut?<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Zweisprachige Schule (II).\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30232\"><code>01<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Eine \u00bbEurop\u00e4ische Schule\u00ab f\u00fcr S\u00fcdtirol?\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=54606\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel Stimmung wird derzeit f\u00fcr eine zweisprachige Schule gemacht, und zwar als zus\u00e4tzliches Angebot zum dreigeteilten Schulsystem. 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