{"id":38203,"date":"2017-12-26T21:01:48","date_gmt":"2017-12-26T20:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=38203"},"modified":"2021-07-01T19:14:46","modified_gmt":"2021-07-01T17:14:46","slug":"milde-sorte-macht-turkis-blau-net-bleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=38203","title":{"rendered":"Milde Sorte macht T\u00fcrkis-Blau net bleich."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><strong>Ein Doppelpass f\u00fcr alle kann in letzter Konsequenz Nationalit\u00e4t ad absurdum f\u00fchren \u2026wenn blo\u00df die Progressisten es nicht verhindern.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Benno Kusstatscher<\/em><\/p>\n<p>Die Doppelpass-Debatte kommt als retropervertierte Posse daher. Gern wird es so dargestellt, als w\u00e4re diese vielstrapazierte \u201etiefe Verbundenheit mit dem Vaterland \u00d6sterreich\u201c Exklusivanspruch reaktion\u00e4rer Ewiggestriger. Dieser Sager, wie auch die vielseitigen, emotionsgeladenen Reaktionen darauf bed\u00fcrfen wohl noch eines Seziermessers, um der Debatte mit klarem Kopf begegnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Leichtfertig wird die S\u00fcdtiroler Verbundenheit mit den \u00f6sterreichischen Menschen, L\u00e4ndern, Bergen, T\u00e4lern und Seen ins L\u00e4cherliche gezogen. Geschichtlich, kulturell und auch im Sinne einer Zukunftsgestaltung, der ein gewisses alpenl\u00e4ndisches Gemeinwesen zugrundeliegen k\u00f6nnte, wirkt jede Relativierung dieser Verbundenheit als unreflektierte Selbstverleugnung, auch als ein Verkennen, dass ohne die bis heute nachwirkende Schutzmachtfunktion unsere Autonomie, unser heutiger Wohlstand ohne jegliches Fundament implodieren w\u00fcrden.<\/p>\n<h6>\u00dcber S\u00fcdtirol lacht die Sonne. \u00dcber \u00d6sterreich die ganze Welt.<\/h6>\n<p>Dahingestellt, ob jetzt Wiener Sportmoderatoren oder erfolgreich (un)bewusster Propaganda geschuldet, jeder mag f\u00fcr sich analysieren, warum uns solche S\u00e4tze ein \u00fcberhebliches L\u00e4cheln auf die Lippen pressen. Tatsache ist vielmehr, dass ganz Europa besorgt auf dieses \u00d6sterreich schaut, nur S\u00fcdtirols Junior-Visegrad-Politik sich t\u00fcrkis-bis-ganz-rechts anbiedert. Opportunistisch den Doppelpass mal schnell wie ein Bl\u00fcmlein am Wegesrand einheimsen, ganz wie es der alte Magnago gelehrt. Aber ganz anders, als es der alte Kreisky und seine niedergestimmten Nachfolger sich wohl vorgestellt hatten und auch schamlos gegen die Vorstellungen der heutigen Tiroler SP\u00d6. Man muss halt schauen, wo man bleibt. 2018 wird gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Da vergisst man gerne, dass man grad eben noch die Euregio hochleben lassen hatte wollen. Wenn der Platter rechts ausschwenkt, k\u00f6nnen wir das auch. Ein <em>ius-sanguinis<\/em>-Doppelpass passt da schon. Da k\u00f6nnen wir uns leicht hinter verstecken: Es ist schlie\u00dflich \u00d6sterreichs Hoheits-Entscheidung, wer denn doppelpassen darf und wer nicht. Die seit 1920 Zugereisten nicht, vielleicht die schon damals hier verwurzelten Italienischsprachigen, aber auf keinen Fall die s\u00fcdlich von Salurn, auch nicht die dortigen Deutsch- und Ladinischsprachigen. Denen zimmern wir schnell ein ausgrenzendes <em>ius soli.<\/em> \u201eDoppelpass\u201c hat eben auch seine sportliche Bedeutung, und mit einem sportlich-eleganten Zickzack schleimt man sich bei t\u00fcrkis-bis-ganz-rechts ein und l\u00e4sst neben dem gepfl\u00fcckten Bl\u00fcmlein halt ein paar Leichen am Wegesrand zur\u00fcck. Im \u201eeurop\u00e4ischen Sinne\u201c,\u00a0 wie es der Landeshauptmann betont.<\/p>\n<p>Keiner der 17 Landtagsabgeordneten w\u00e4re es im europ\u00e4ischen Sinne eingefallen, Doppelb\u00fcrgerschaft f\u00fcr alle EVTZler und EVTZlerinnen zu fordern. Einen \u00f6sterreichischen Zweitpass f\u00fcr S\u00fcdtirol und Trentino. Einen italienischen f\u00fcr Nord- und Osttirol. So simpel. So symmetrisch. Aber halt zu europ\u00e4isch f\u00fcr T\u00fcrkis. Besch\u00e4mend, wie ich finde.<\/p>\n<h6>Immer wieder der selbe alte Kas, Blut und Boden, Volk und Rass.<\/h6>\n<p>Und so ist sonnenklar: Es geht nicht um die Verbundenheit mit \u00f6sterreichischen Menschen, L\u00e4ndern, Bergen, T\u00e4lern und Seen, sondern ums Vaterland \u2014 in der reaktion\u00e4rsten aller Definitionen. Gegenposition wird zur Pflicht der Progressisten. Die lautesten Doppelpasskritikerinnen sind bestimmt nicht jene, die Transvestiten zwingen wollen, sich bipolar zu erkl\u00e4ren, bevor sie ein Damen- oder Herrenklo benutzen. Aber in Passfragen sollen alle sitzpinkeln. Sich als M\u00e4nnlein oder Weiblein zu erkl\u00e4ren, sich der Sprachgruppe zu erkl\u00e4ren, kann dem\u00fctigend sein \u2014 ist unzeitgem\u00e4\u00df. Sich der Nationserkl\u00e4rung passiv zu ergeben, soll es nicht sein?<\/p>\n<p>Es greift eben der \u00fcbliche Mechanismus: S\u00e4mtliche Gegenreaktionen sind, wenn \u00fcberhaupt, h\u00f6chst indirekt in \u201eeurop\u00e4ischerem Sinne\u201c, sondern dienen gewollt oder ungewollt erst einmal der Position der italienischen Nation. Der nat\u00fcrlich w\u00fcnschenswerte EU-Pass, wie ihn die Gr\u00fcnen zahnlos fordern (immer dann, und nur dann, wenn er der Verhinderung des Doppelpasses dient) tut das genauso, wie unser Vorzeigebergsteiger, der einst unb\u00e4ndig sein Taschentuch zur einzig wahren Fahne erkl\u00e4rte, um sich heutzutage mit dem einen Pass als vollst\u00e4ndig einorden zu lassen. Lei net rogln!<\/p>\n<p>Schon gut, mit Option vergleichen wir hier gar nichts, aber: Immerhin wissen wir seit der Option, wie deppert man dasteht, wenn man pl\u00f6tzlich gar keine Staatsb\u00fcrgerschaft mehr hat, und wie viel lieber die \u201efalsche\u201c ist, als gar keine. Auch mit Katalonien wird nicht verglichen, aber von dort gelernt: Wer die \u201efalsche\u201c Staatsb\u00fcrgerschaft verliert, steht schneller ohne jede EU-B\u00fcrgerschaft da, als eine gesellschaftliche Debatte Dinge wieder ins Lot bringen k\u00f6nnte. Und ja, bestimmt h\u00e4tte sich Puigdemont in Tagen wie diesen (anno 2017) \u00fcber einen belgischen Zweitpass gefreut. P\u00e4sse und Staatsb\u00fcrgerschaften sind eben (noch) keine Nebensache. Notiert!<\/p>\n<h6>Europ\u00e4ischer Mehrfachpass.<\/h6>\n<p>Der Begriff der Nation hat schlicht keinen Platz f\u00fcr Mehrfachzugeh\u00f6rigkeiten. Wer den \u00f6sterreichischen Zweitpass emotional herbeisehnt, hat sich emotional gegen Italien entschieden. Auch gegen das Trentino. Ein Herz kann nur f\u00fcr eine Herzensangelegenheit schlagen. All jene, die zwischen den St\u00fchlen stehen, sind bekanntlich Verlierer dieses Konzeptes der Nation. In S\u00fcdtirol sind wir deren viele. Perfide, wer emotional motiviert, rational argumentiert, wie modern und zeitgem\u00e4\u00df ein Doppelpass denn w\u00e4re, um uns in technisch anmutendem Nebel zu verschleieren. Umso \u00fcberf\u00e4lliger ist deshalb ein Perspektivenwechsel. Beleuchten wir den Doppelpass aus der Perspektive derer, f\u00fcr die eine echte Weltb\u00fcrgerschaft die Herzensangelegenheit ist.<\/p>\n<p>Man mag sich daran st\u00f6ren, in eine Schublade gesteckt worden zu sein, M\u00e4nnlein, Weiblein, Sprachgruppe, Nation, oder auch nicht. Es muss doch f\u00fcr alle Platz sein. Wie sollen wir Grenzen abbauen, wenn wir die Passvergabe nach alten, nationalen Mustern weiterpflegen? Ein echter EU-Pass w\u00fcrde das Schubladendenken auf dem Kontinent \u00fcberwinden. Der Doppelpass aber g\u00e4be uns wenigstens die M\u00f6glichkeit, uns in mehreren Schubladen zu beheimaten, Grenzen weiter aufzuweichen. Auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, mag opportunistisch klingen. Es geht aber nicht darum, zwei St\u00fchle zu beanspruchen, sondern nur darum, dass es sich zwischen zwei St\u00fchlen manchmal nicht gut sitzt. Je genauer wir hinschauen, umso mehr Menschen werden wir erkennen, die zwischen St\u00fchlen sitzen \u2014 in dieser bunten, sich globalisierenden Welt umso mehr. Aufzubegehren, zu rogln und laut \u201eIch will hier raus!\u201c zu schreien kann seine Emotion nicht verleugnen, hat aber \u2013 feinseziert \u2014 mit obiger Emotion f\u00fcrs Vaterland wenig zu tun.<\/p>\n<p>Derzeitige Protagonisten <em>aparte,<\/em> ist ein Doppelpass also das genaue Gegenteil von Renationalisierung, sondern ein Schritt zur \u00dcberwindung von Nationen. Vielleicht sogar europ\u00e4ischer als Ulrike Gu\u00e9rots 15-Millionen-Regionen-Schubladen oder der selbstbestimmten Verwaltungsgrenzen \u00e0 la <em>Brennerbasisdemokratie.<\/em> Mehrfachzugeh\u00f6rigkeit ist ein spannender Zauberbegriff von zentraler Relevanz. Je mehr Mitb\u00fcrger sich mit Doppel- und Tripelp\u00e4ssen ausstatten, umso absurder wird der nationale Gedanke. Umso freier wird der Weg zu einem postnationalen EU-Pass. Versuchen sich seit Marx die Linken zur angestrebten Weltverbesserung mit transnationaler Verbr\u00fcderung, laufen die heutigen Linken Gefahr, die neuen Konservativen zu werden. Die Bewahrer des\u00a0traditionellen Monopasses. Zementierer der Nation. Sie haben die Themenhoheit verloren, sind getrieben von den einpeitschenden Slogans der Rechten, die immer mehr Themen besetzen und sie so wie die Doppelstaatsb\u00fcrgerschaft in die denkbar schlechteste Richtung treiben. Was bleibt anderes \u00fcbrig, als auf die Bremse zu steigen, m\u00f6gliche interessante Ans\u00e4tze als kategorisch uneurop\u00e4isch schlechtzureden? Dabei b\u00f6te gerade die Doppelpassthematik derma\u00dfen viel Gelegenheit, die inkonsistenten, unausgegorenen Populismen zu entlarven und \u2014 sie mit den eigenen Waffen schlagend \u2014 den europ\u00e4ischen Weg neu zu justieren. Man kann die Welle auch reiten, anstatt sich ihr entgegen zu stemmen.<\/p>\n<p>Niemand muss sich dem Pathos von Fendrichs \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Xi_8DB7zsD4\">I am from Austria<\/a>\u201c entziehen, um bei De Gregoris \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aaNWdPtESFI\">Viva l\u2019Italia<\/a>\u201c textsicher mitzugr\u00f6len. Solche Zeiten haben wir hinter uns. Was heute Not tut, ist keineswegs die Verhinderung der Doppelp\u00e4sse, sondern dass die \u201e<strong><em>Wilde Sorte, da werd\u2019n Braune bleich<\/em><\/strong>\u201c, so wie von Schiffkowitz (STS) in \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nUTlmFzp0Ic\">I bin aus \u00d6sterreich<\/a>\u201c besungen, endlich wieder konstruktiv mit Visionen im Gep\u00e4ck die B\u00fchne betritt. Dann s\u00e4he ich der Doppelpassdebatte gelassen entgegen und k\u00f6nnte mich gar an beiden Positionen erfreuen.<\/p>\n<p><small><em>Dieser Beitrag ist auch <a title=\"Salto: Milde Sorte\u2026\" href=\"https:\/\/www.salto.bz\/de\/article\/26122017\/milde-sorte-macht-tuerkis-blau-net-bleich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf Salto<\/a> erschienen.<\/em><\/small><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Doppelpass f\u00fcr alle kann in letzter Konsequenz Nationalit\u00e4t ad absurdum f\u00fchren \u2026wenn blo\u00df die Progressisten es nicht verhindern. von Benno Kusstatscher Die Doppelpass-Debatte kommt als retropervertierte Posse daher. 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