{"id":40659,"date":"2018-04-22T19:47:57","date_gmt":"2018-04-22T17:47:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=40659"},"modified":"2023-04-01T22:27:54","modified_gmt":"2023-04-01T20:27:54","slug":"bauerinnenkopftucher-und-taufkettchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=40659","title":{"rendered":"B\u00e4uerinnenkopft\u00fccher und Taufkettchen."},"content":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit dem Vorschlag der \u00f6sterreichischen FP\u00d6VP-Regierung, den Hidsch\u0101b in der Schule f\u00fcr M\u00e4dchen bis 14 Jahren verbieten zu wollen, ist die Kopftuchdebatte wieder voll entbrannt.<\/p>\n<p>Es gibt viele gute Gr\u00fcnde, gegen ein solches Verbot zu sein. Zuallererst haben wir Religionsfreiheit. Man kann aber auch beispielsweise der Ansicht sein, dass ein gesetzliches Verbot eine &#8220;Jetzt-erst-recht&#8221;-Haltung bewirkt, nicht zuletzt weil gerade f\u00fcr Jugendliche alles, was verboten ist, einen gewissen Reiz hat. Man k\u00f6nnte weiters anmerken, dass ein Kopftuchverbot Kinder muslimischen Glaubens noch weiter marginalisiert, da es eben nur sie betrifft und somit f\u00fcr die Integration kontraproduktiv wirkt. Oder man steht Bekleidungsvorschriften in einer liberalen Demokratie grunds\u00e4tzlich skeptisch gegen\u00fcber und vertritt die Meinung, dass jeder Mensch das Recht hat, sich zu kleiden, wie er oder sie das m\u00f6chte und alles andere eine Entm\u00fcndigung &#8211; gerade von Frauen und M\u00e4dchen &#8211; sei. Wobei man bez\u00fcglich letzterem Argument einwerfen k\u00f6nnte, dass wir bereits jetzt Bekleidungsvorschriften haben (man kann in der \u00d6ffentlichkeit weder st\u00e4ndig nackt, noch mit einem Hakenkreuz-T-Shirt bekleidet herumlaufen), das islamische Kopftuch auch Manifest patriarchaler Unterdr\u00fcckung ist und dass es bei dem Vorschlag um Kinder geht, die per Definition noch nicht m\u00fcndig sind, also auch nicht entm\u00fcndigt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Drei weitere &#8220;Argumente&#8221; h\u00f6rt man in der einen oder anderen Form in der Diskussion \u00fcber das Kopftuchverbot an Schulen immer wieder. Im folgenden m\u00f6chte ich erkl\u00e4ren, warum ich diese f\u00fcr nicht stichhaltig und eindimensional &#8211; um nicht zu sagen einf\u00e4ltig &#8211; halte.<\/p>\n<blockquote><p>Unsere Gro\u00dfm\u00fctter haben auch Kopft\u00fccher getragen. Wollen wir denen auch das Kopftuchtragen verbieten?<\/p><\/blockquote>\n<ol>\n<li>Whataboutism ist selten zielf\u00fchrend.<\/li>\n<li>Es geht in der Diskussion um M\u00e4dchen bis 14 Jahre. Gro\u00dfm\u00fctter besuchen recht selten Grund- und Mittelschulen.<\/li>\n<li>Es besteht ein Unterschied zwischen einem Kleidungsst\u00fcck, das mitunter aus praktischen Gr\u00fcnden getragen wird und welches die Tr\u00e4gerin jederzeit abzunehmen bereit ist und einem, das als religi\u00f6ses Symbol &#8211; nach Ansicht der Tr\u00e4gerin bzw. derer, die sie zum Tragen n\u00f6tigen &#8211; zwingend getragen werden muss.<\/li>\n<li>Wir leben im 21. Jahrhundert. Nicht alles, was unsere Gro\u00dfeltern bzw. die Vor-68er getan haben, war richtig bzw. ist heute noch zeitgem\u00e4\u00df. Vieles, was damals erlaubt war, ist heute verboten und umgekehrt. So ist die Pr\u00fcgelstrafe f\u00fcr Kinder in einem Gro\u00dfteil der EU-L\u00e4nder in der Zwischenzeit gesetzlich verboten worden, w\u00e4hrend sie in vielen islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern (wie \u00fcbrigens auch in Italien) zumindest eingeschr\u00e4nkt erlaubt ist. Umgekehrt war Homosexualit\u00e4t in Europa in vielen L\u00e4ndern zu &#8220;Gro\u00dfmutters Zeiten&#8221; eine Straftat. In islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern ist sie es nach wie vor &#8211; bis hin zur Todesstrafe. In Westeuropa hingegen gibt es mittlerweile mehrheitlich die &#8220;Ehe f\u00fcr alle&#8221; oder zumindest eingetragene Partnerschaften.<\/li>\n<\/ol>\n<blockquote><p>Es gibt doch kaum Kinder, die Kopft\u00fccher tragen. Und was, wenn sie es freiwillig tun?<\/p><\/blockquote>\n<ol>\n<li>Die Pr\u00e4valenz einer Situation ist \u00fcberhaupt nicht ausschlaggebend f\u00fcr deren Sanktionierungsw\u00fcrdigkeit. Wenn wir als demokratische Gesellschaft etwas f\u00fcr falsch erachten, k\u00f6nnen wir es verbieten &#8211; unabh\u00e4ngig davon ob es 10, 1000 oder alle Menschen betrifft.<\/li>\n<li>Kaum ein Kind tr\u00e4gt ein Kopftuch, das es potenziell zu Au\u00dfenseitern macht, freiwillig, sondern so gut wie immer auf (sanften) Druck der Eltern (&#8220;Allah mag M\u00e4dchen, die Kopftuch tragen, lieber&#8221;).<\/li>\n<\/ol>\n<blockquote><p>Wenn man das Kopftuch verbietet, m\u00fcssen auch andere religi\u00f6se Symbole wie die Kippa oder das Kreuz verboten werden.<\/p><\/blockquote>\n<ol>\n<li>Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, gilt aber nicht uneingeschr\u00e4nkt. Religi\u00f6se Symbole und Riten sind eben nicht zwingend immer nur rein religi\u00f6se Symbole und Riten. Sie k\u00f6nnen unter Umst\u00e4nden auch andere Rechte tangieren und somit sehr wohl individuell verboten werden, ohne dass religi\u00f6se Symbole und Riten allgemein verboten werden m\u00fcssten.<\/li>\n<li>Sch\u00e4chtung ohne Bet\u00e4ubung ist in unseren Breiten verboten, da der Tierschutz in diesem Zusammenhang \u00fcber dem Recht auf freie Religionsaus\u00fcbung steht. Das Sch\u00e4chtverbot bedeutet aber noch lange nicht, dass &#8211; gem\u00e4\u00df dem Gleichheitsgrundsatz &#8211; alle religi\u00f6sen Riten deshalb verboten werden m\u00fcssen. Ebensowenig bedeutet es, dass auch andere islamische bzw. j\u00fcdische Riten zwangsl\u00e4ufig verboten werden m\u00fcssen.<\/li>\n<li>Analog dazu hielte ich auch ein Beschneidungsverbot bis zum 18. Lebensjahr f\u00fcr denkbar. Die religi\u00f6s motivierte Beschneidung ist ein medizinisch nicht notwendiger und irreversibler Eingriff in die k\u00f6rperliche Unversehrtheit eines Kindes. W\u00e4hrend zum Beispiel die christliche Taufe als Initiationsritus, bei dem lediglich etwas Wasser \u00fcber den Kopf gesch\u00fcttet wird, meines Erachtens einen vertretbaren Eingriff darstellt.<\/li>\n<li>In bestimmten Naturreligionen Neu Guineas ist das Tragen eines Penisfutterals (und sonst nichts) Teil der Initiation junger M\u00e4nner. Gesetzt der hypothetischen Annahme, dass es zu einer Zuwanderung aus Papua Neu Guinea nach Europa k\u00e4me, w\u00e4re es meiner Meinung nach durchaus vorstellbar und mit dem Konzept der Religionsfreiheit kompatibel, wenn wir das Tragen dieses (sexualisierten) Symbols in der Schule (und auch au\u00dferhalb) verbieten w\u00fcrden, da eben andere Rechte priorit\u00e4r erachtet werden (Jugendschutz, Erregung \u00f6ffentlichen \u00c4rgernisses usw.).<\/li>\n<li>Nehmen wir an, es g\u00e4be die Regel, dass M\u00e4dchen statt eines Kopftuches ein Kleid mit der Aufschrift &#8220;Wenn ihr f\u00fcrchtet, dass Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.&#8221; (Sure 4:34) oder &#8211; der Gerechtigkeit halber &#8211; &#8220;Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den M\u00e4nnern unterordnen.&#8221; (Epheser 5,24) tragen m\u00fcssten. Ich pers\u00f6nlich h\u00e4tte kein Problem damit, solche Kleider in Schulen zu verbieten und gleichzeitig christliche Taufkettchen oder Nazar-Amulette (islamisches Symbol) zu erlauben.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich halte den Kurs der \u00f6sterreichischen Regierung in Sachen Integration f\u00fcr durchaus kritisierenswert. Dass die Gelder f\u00fcr Integrationsprojekte &#8211; an Schulen zumal &#8211; massiv gek\u00fcrzt werden sollen, ist fatal und wird jene Probleme weiter verst\u00e4rken, die mitverantwortlich waren, dass die FP\u00d6 an die Macht gesp\u00fclt wurde. Womit die Ma\u00dfnahme zumindest aus FP\u00d6-Sicht nicht ganz unlogisch ist.<\/p>\n<p>Einem Kopftuchverbot an Schulen, ohne dass ich im Gegenzug Taufkettchen und dergleichen verbieten muss, halte ich hingegen f\u00fcr keine schlechte Idee. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liefert Sibylle Hamann in ihrem <a title=\"\" href=\"https:\/\/www.falter.at\/archiv\/FALTER_20180228EF0ED0BBEE\/wir-brauchen-eine-kopftuch-pause\">Falter-Artikel<\/a> besser und \u00fcberzeugender, als ich es k\u00f6nnte.<\/p>\n<blockquote><p>Wie aber passt das mit unseren feministischen Idealen von Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung zusammen? Wie geht sich das argumentativ aus? Am besten, indem wir uns daran erinnern, worin die ureigene Aufgabe von Schule besteht. Schule ist ein gesch\u00fctzter Raum mit speziellen Regeln, der absichtlich Distanz zu den verschiedenen Herkunftsmilieus der Kinder herstellt. Kinder sollen hier Erfahrungen machen und Dinge ausprobieren, die weder sie selbst noch ihre Eltern sich ausgesucht haben. Nur so kann man herausfinden, was alles in einem steckt.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Eine Glaubensfrage.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=31306\"><code>01<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit dem Vorschlag der \u00f6sterreichischen FP\u00d6VP-Regierung, den Hidsch\u0101b in der Schule f\u00fcr M\u00e4dchen bis 14 Jahren verbieten zu wollen, ist die Kopftuchdebatte wieder voll entbrannt. Es gibt viele gute Gr\u00fcnde, gegen ein solches Verbot zu sein. Zuallererst haben wir Religionsfreiheit. 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