{"id":41585,"date":"2018-06-15T16:04:46","date_gmt":"2018-06-15T14:04:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=41585"},"modified":"2019-01-22T20:30:13","modified_gmt":"2019-01-22T19:30:13","slug":"die-talfer-hinter-der-mauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=41585","title":{"rendered":"Die Talfer hinter der Mauer."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><a title=\"Brigitte Foppa: Die Talfer hinter der Mauer.\" href=\"https:\/\/brigittefoppa.com\/2018\/06\/15\/die-talfer-hinter-der-mauer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>von Brigitte Foppa*<\/em><\/a><\/p>\n<p>Ich war im Gef\u00e4ngnis. Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, mit meinen Fraktionskollegen und dem Anwalt Fabio Valcanover, der sich seit Jahren f\u00fcr die Rechte von Gef\u00e4ngnisinsassen einsetzt, einen Lokalaugenschein in der Bozner Haftanstalt vorzunehmen. Es ist das Recht von Regionalratsabgeordneten, unangemeldet das Gef\u00e4ngnis aufzusuchen, um sich ein Bild zu machen.<\/p>\n<p>Ich habe mir ein Bild gemacht. Viele Bilder.<\/p>\n<p>Meine erste Assoziation: Es ist wirklich wie in einem Gef\u00e4ngnis. Aber nicht so, wie man das aus Filmen kennt, sondern eher so wie ich mir als Kind ein Gef\u00e4ngnis vorstellte. Also mit Gittern, die ein W\u00e4rter mit einem gro\u00dfen Schl\u00fcsselbund aufsperrt, mit M\u00e4nnern, die herumstehen, mit dunklen Gew\u00f6lben, feuchten Mauern und mit hallenden Ger\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Zweite Assoziation, als ich die Einzelzellen im Untergeschoss sehe: Es ist so \u00e4hnlich wie bei mir zu Hause der Heizraum \u2014 beengt, dunkel, abgefuckt. Unvorstellbar, dass jemand in so einem Raum Monate seines Lebens verbringen kann ohne durchzudrehen oder zu verschimmeln, wie meine Tochter sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Direktorin Annarita Nuzzacci, eine resolute, schnelle, sympathische und sehr engagierte Frau, erkl\u00e4rt uns Abl\u00e4ufe und Organisation des Gef\u00e4ngnisses. 101 Insassen derzeit (damit ist man leicht unter der Kapazit\u00e4t von max. 105), alles M\u00e4nner (die Frauen sitzen in Trient ein, sie machen insgesamt weltweit ca. 5% der Gef\u00e4ngnispopulation aus), viele sehr jung, 85% aus Nicht-EU-L\u00e4ndern. Im Bozner Gef\u00e4ngnis sind T\u00e4ter untergebracht, die Haftstrafen bis zu 5 Jahren absitzen m\u00fcssen. Ein gro\u00dfes Manko ist das Fehlen von so genannten \u201eCamere di sicurezza\u201c in allen Polizeistationen S\u00fcdtirols, erkl\u00e4rt uns Nuzzacci. Dort, so ist es vom Gesetz vorgesehen, m\u00fcssten all jene verweilen (bis zu 4 Tagen), die noch nicht laut einem richterlichen Beschluss im Gef\u00e4ngnis festgehalten werden. Weil diese St\u00e4tten fehlen, landet man in S\u00fcdtirol direkt im Bozner Gef\u00e4ngnis. Die Direktorin spricht von ihrem Einsatz f\u00fcr Geldmittel, f\u00fcr mehr Personal. Es ist schwierig. Man wartet auf den neuen Bau in Bozen S\u00fcd, derweil vergammelt das alte Gef\u00e4ngnis mehr und mehr. Der Personalmangel ist besonders schwerwiegend, weil er insbesondere das p\u00e4dagogische und begleitende Personal betrifft, allerdings fehlt es auch an Aufsichtspersonal.<\/p>\n<p>Die Stimmung im Haus ist nicht unharmonisch. Aus dem chronischen Notstand hat man eine Tugend gemacht und es ist Solidarit\u00e4t unter den Menschen im Gef\u00e4ngnis sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>\u201eIl carcere si riconosce dal cortile\u201c, sagt Nuzzacci, als sie uns in den Gef\u00e4ngnishof f\u00fchrt. Ein langer Asphaltstreifen mit einigen Steinb\u00e4nken und einem Tischtennistisch. Vier M\u00e4nner spielen gerade ein Doppel. Die Mauer ist gleich hoch wie der Streifen breit ist. Das einzig Sch\u00f6ne am Gef\u00e4ngnisbesuch ist das Rauschen der Talfer, das man hier deutlich vernimmt. Vier Stunden am Tag d\u00fcrfen die H\u00e4ftlinge im Hof verbringen.<\/p>\n<p>Um 18 Uhr werden die T\u00fcren der Zellen geschlossen. Die H\u00e4ftlinge sind dann hinter einer Gittert\u00fcr eingesperrt. Die dicken Stahlt\u00fcren mit Fensterguckloch bleiben in Bozen offen. In der lauen Fr\u00fchsommerluft stelle ich die naive Frage: \u201eAnche d\u2019estate sono rinchiusi in cella alle 18?\u201c Frau Nuzzacci schaut mich entnervt an. \u201eChe crede? Che d\u2019estate possano stare fuori??\u201c Der Freigeist in mir, das Naturkind erstickt fast an dieser \u2013 logischen \u2013 Antwort. Ich stelle mir vor, wie lang die Abende sein m\u00fcssen, wie stickig die Luft, wie z\u00e4hfl\u00fcssig die Zeit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Zellen noch gar nicht gesehen.<\/p>\n<p>Die allermeisten H\u00e4ftlinge sind in 6er-Zellen untergebracht. Bei Tag sind die Gittert\u00fcren offen, wir k\u00f6nnen eintreten. Es ist Ramadan, folglich fordert uns Frau Nuzzacci auf, einen kleinen Sprung \u00fcber den kleinen Teppich zu machen, der im Eingang der Zelle liegt. Auf engstem Raum leben sie hier. Drei Stockbetten, ein kleiner Tisch, drei St\u00fchle, eine halbhohe Abtrennung und dahinter WC und Waschbecken \u2014 eine Ecke, in der auch gekocht wird. Drei der M\u00e4nner liegen zusammengekauert auf ihren Betten. Es ist 11 Uhr vormittags, aber es gibt nichts zu tun. Es ist der Augenblick, in dem ich erahne, was es bedeutet, hier drin zu landen. Ich dachte immer, wenn man eingesperrt ist, dann wird einem der Raum genommen. Aber hier merke ich, es ist die Zeit. Das Gef\u00e4ngnis ist ein Ort ohne Zeit. Denn eine Zeit ohne Sinn ist keine Zeit.<\/p>\n<p>Es geht um die Zeit, sie wird einem genommen, im Gef\u00e4ngnis. Nicht umsonst wird das Strafma\u00df in Zeiteinheiten angegeben. Die Verzweiflung und die Leere, ich sehe sie in den Gesichtern der M\u00e4nner, die auf ihrem Bett liegen und warten, dass der Tag vorbei geht. Die Emotion \u00fcberkommt mich. F\u00fcr mich als dauernd \u00dcberbesch\u00e4ftigte ist dies die schlimmste Vorstellung \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich Angebote. Zwei der M\u00e4nner arbeiten au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses, einige Arbeiten werden im Haus rotierend vergeben. Die begehrteste Arbeit ist jene in der Gef\u00e4ngnisk\u00fcche. Die Direktorin sagt, die K\u00fcchenkr\u00e4fte seien jene mit der geringsten Rezidivrate. Wer etwas lernt, hat am ehesten Chancen, drau\u00dfen. Deshalb besuchen auch viele die Sprachkurse, oder sie holen die Mittelschulpr\u00fcfung nach. Es gibt Alphabetisierungskurse und auch k\u00fcnstlerische Projekte.<\/p>\n<p>Der Anteil der Drogenabh\u00e4ngigen und der Alkoholiker ist gro\u00df, \u00fcber 60%. Viele Insassen haben keine g\u00fcltige Aufenthaltsgenehmigung \u2014 auch das ist nicht ohne Ironie. In der ganzen Migrationsdebatte wird dieser Aspekt meist au\u00dfen vor gelassen. Wer illegal ist, darf nicht arbeiten.\u00a0Was bleibt, ist der Weg in Kriminalit\u00e4t, Prostitution, Drogenhandel.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis ist einer der Terminals des nicht gel\u00f6sten Migrationsproblems, gut versteckt hinter dicken Mauern.<\/p>\n<p>Frau Nuzzacci begleitet uns zum Ausgang, vorbei an den R\u00e4umen, in denen die Aufnahme stattfindet, am trostlosen und doch wieder netten Besuchszimmer, in dem die Kinder und Frauen der H\u00e4ftlinge \u00fcber eine Seitent\u00fcr herein kommen, wenn sie ihre Familienangeh\u00f6rigen besuchen. Ich stelle mir vor, wie diese Begegnungen ablaufen.<\/p>\n<p>Hinter uns schlie\u00dfen sich die T\u00fcren des Gef\u00e4ngnisses. Ich habe viel verstanden an diesem Vormittag. Etwa, dass es praktisch unm\u00f6glich ist, aus einer solchen Anstalt \u201eges\u00fcnder\u201c herauszukommen, als man nach einer Straftat hinein gegangen ist. Wer ins Gef\u00e4ngnis kommt, l\u00e4sst einen Teil seines Lebens dort.<\/p>\n<p>Der Weg zur\u00fcck ins normale Leben, er f\u00fchrt durch Gitterst\u00e4be und Stahlt\u00fcren. \u00dcber die Mauer. Dort ist die Talfer, die flie\u00dft und nicht nur rauscht.<\/p>\n<p><small><em>*) Brigitte Foppa ist gr\u00fcne Abgeordnete zum S\u00fcdtiroler Landtag und hat diesen Text auf Anregung von BBD verfasst<\/em><\/small><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Brigitte Foppa* Ich war im Gef\u00e4ngnis. 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