{"id":44388,"date":"2018-12-17T16:25:17","date_gmt":"2018-12-17T15:25:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=44388"},"modified":"2020-07-18T23:03:02","modified_gmt":"2020-07-18T21:03:02","slug":"sie-sind-nicht-mehr-mein-patient","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=44388","title":{"rendered":"Sie sind nicht mehr mein Patient!"},"content":{"rendered":"<p>Wir leben im vereinten Europa ohne Grenzen. Staatsb\u00fcrgerschaft spielt keine Rolle, denn wir sind ja alle Europ\u00e4er. Oder so \u00e4hnlich. Denkste! Benvenuti in Italia!<\/p>\n<p>Neulich war ich wegen einer Krankschreibung nach l\u00e4ngerer Zeit wieder einmal bei meiner Haus\u00e4rztin in Klausen. Als sie im Computer meine Akte aufrufen wollte, stellte sie fest: &#8220;Sie sind aber nicht mehr mein Patient!&#8221; Erstaunt behauptete ich das Gegenteil und versicherte ihr, dass ich nichts gemacht h\u00e4tte. Nicht Arbeit und nicht Wohnsitz gewechselt. Alles gleich wie immer. Doch sie bestand darauf: &#8220;Sie scheinen bei mir nicht mehr auf. Am besten Sie kl\u00e4ren das gleich beim Gesundheitssprengel. Die Untersuchung machen wir so.&#8221; Ich bedankte mich f\u00fcr das Entgegenkommen und suchte &#8211; nachdem ich wieder gesundet war &#8211; den Schalter in Klausen auf. Die Frau dort hinter der Glasscheibe (Wozu ist auf derartigen \u00c4mtern in S\u00fcdtirol eigentlich nahezu immer eine solche Barriere? Um ja nicht das Gef\u00fchl aufkommen zu lassen, dass man als Kunde statt als Bittsteller vorstellig wird?) stellte sogleich fest: &#8220;Ihr Krankenkassenb\u00fcchlein ist abgelaufen!&#8221;. &#8220;Wie abgelaufen?&#8221; &#8220;Sind sie EU-B\u00fcrger?&#8221; &#8220;Ja!&#8221; &#8220;Ja dann m\u00fcssen Sie ihr B\u00fcchlein alle vier Jahre verl\u00e4ngern. Ihres ist am 31. August abgelaufen. Sehen Sie!&#8221; Tats\u00e4chlich klebte in dem gr\u00fcnen B\u00fcchlein ein unscheinbarer Sticker mit &#8220;Ablaufdatum&#8221;. Ich war also seit gut drei Monaten ohne Krankenversicherung bzw. Hausarzt. &#8220;Sie m\u00fcssen auch wieder einen Hausarzt w\u00e4hlen. Ihr bisheriger ist aber bereits voll&#8221;. Auf meine vorsichtige Anmerkung hin, nicht benachrichtigt worden zu sein, dass meine Versicherung ablaufe, meinte die Frau, dass man freilich keine Benachrichtigungen verschicke. Ich h\u00e4tte das schon selber kontrollieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ok, mein Fehler. Ich bekomme zwar eine Vorwarnung wenn mein Spatzenpost-Abo abl\u00e4uft, der S\u00fcdtiroler Santit\u00e4tsbetrieb h\u00e4lt es aber nicht f\u00fcr notwendig, bei so etwas Nebens\u00e4chlichem wie dem Rausfall aus dem Landesgesundheitsdienst einen Beitragszahler vorzuwarnen, dass seine Deckung ausl\u00e4uft. Ich h\u00e4tte also vor vier Jahren genau lesen und mir eine Notiz machen sollen, dass im August 2018 meine Pflicht(!)versicherung zu verl\u00e4ngern w\u00e4re. Doch Moment mal: Wenn ich unselbst\u00e4ndig besch\u00e4ftigt bin, ist die Krankenversicherung obligatorisch und wird automatisch von meinem Lohn abgezogen. Ich kann auch nicht zu meinem Chef sagen, dass ich diese Beitr\u00e4ge nicht zahlen m\u00f6chte, da sie eben Pflicht sind. Wieso muss ich mich dann \u00fcberhaupt beim Sanit\u00e4tsbetrieb anmelden und diese Anmeldung auch noch alle vier Jahre verl\u00e4ngern? Und obwohl ich die vergangenen drei Monate nicht versichert war, meinen Hausarzt verloren habe und mich jetzt wieder neu eintragen lassen muss, wurden meine Beitr\u00e4ge laut meinem Lohnzettel sehr wohl abgezogen. Wof\u00fcr? Versicherungsleistung wurde ja keine erbracht. Und w\u00e4re ich nicht zuf\u00e4llig zum Arzt gegangen, h\u00e4tten die dann \u00fcber die Monate stillschweigend weiter tausende Euros kassiert, ohne mir Versicherungsschutz respektive Leistungen zu gew\u00e4hren? Bekomme ich diese Beitr\u00e4ge zur\u00fcck? Wenn nicht, w\u00e4re das nicht Veruntreuung?<\/p>\n<p>Kurzer Gegencheck, bevor ich mich aufrege: Ich rufe bei der Tiroler Gebietskrankenkasse in Innsbruck an, um in Erfahrung zu bringen, wie das dort mit EU-B\u00fcrgern gehandhabt wird. Die Dame am Telefon best\u00e4tigt mir, was ich vermutet hatte: &#8220;Wenn Sie als italienischer Staatsb\u00fcrger in \u00d6sterreich in einem Arbeitsverh\u00e4ltnis mit Pflichtversicherung sind, m\u00fcssen Sie gar nichts tun. Ihr Arbeitgeber meldet Sie bei uns und solange das Arbeitsverh\u00e4ltnis besteht, l\u00e4uft Ihre Versicherung.&#8221; Das mit den vier Jahren ist offenbar wieder einmal so eine italienische Extrawurst (<a title=\"\" href=\"https:\/\/www.esteri.it\/mae\/normative\/normativa_consolare\/visti\/d_lgs_30_2007.pdf\">Legislativdekret 06.02.2007, Nr. 30<\/a>). Einmal mehr ein Beleg daf\u00fcr, dass es nicht darum geht, wo eventuell neue Verwaltungsgrenzen gezogen werden, sondern wie durchl\u00e4ssig man diese gestaltet. Die Ziehung neuer Grenzen innerhalb der EU kann Abbau bedeuten, w\u00e4hrend bestehende Grenzen recht undurchl\u00e4ssig sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck am Schalter. Ich frage die Frau, ob ich nun tats\u00e4chlich alle vier Jahre diese Versicherung erneuern muss. &#8220;Nein. Sie k\u00f6nnen sich nach f\u00fcnf Jahren Ans\u00e4ssigkeit auch in das Verzeichnis der dauerhaft ans\u00e4ssigen EU-B\u00fcrger eintragen lassen.&#8221; &#8220;Dann mach ich das jetzt, bitte!&#8221; &#8220;Dazu m\u00fcssen Sie auf Ihre Gemeinde gehen.&#8221; &#8220;Ok.&#8221;<\/p>\n<p>Szenenwechsel. Gemeindeamt Feldthurns. &#8220;Ich w\u00fcrde mich gerne in das Verzeichnis der dauerhaft ans\u00e4ssigen EU-B\u00fcrger eintragen lassen.&#8221; &#8220;Oh, das ist nicht so einfach.&#8221; &#8220;Aha?&#8221; F\u00fcr die Eintragung ben\u00f6tige ich ein Antragsformular, einen Ausweis, die Steuernummer, eine Best\u00e4tigung meines Arbeitgebers sowie &#8211; Trommelwirbel &#8211; zwei Stempelmarken zu je 16 Euro. Stempelmarken. Im Jahr 2018. &#8220;Organisieren Sie die Unterlagen. Ich bereite inzwischen alles vor. Kommen Sie n\u00e4chste Woche wieder vorbei.&#8221; Im zweiten Versuch klappte es dann auch mit dem Beibringen der Best\u00e4tigung des Arbeitgebers, da aus der ersten offenbar nicht eindeutig hervorging, dass ich nach wie vor dort arbeite. &#8220;Jetzt muss nur noch der B\u00fcrgermeister unterschreiben. Der ist morgen wieder da. Dann k\u00f6nnen Sie die Best\u00e4tigung abholen kommen.&#8221;<\/p>\n<p>Nachdem ich dann in meiner unendlichen Schusseligkeit zweimal an den doch recht kreativen \u00d6ffnungszeiten (Klausen: MO 08:00 &#8211; 12:30, 13:30 &#8211; 18:00 Uhr,\u00a0MI 08:00 &#8211; 12:30 Uhr, DI + DO 09:30 &#8211; 12:30 Uhr, FR geschlossen; Brixen: MO 08:00-12:00 Uhr, DI + MI\u00a009:00-12:00 Uhr,\u00a0DO 10:00-18:00 Uhr,\u00a0FR 08:00-11:00 Uhr. Zum Vergleich: S\u00e4mtliche elf Servicestellen der Tiroler Gebietskrankenkasse haben die gleichen \u00d6ffnungszeiten und zwar MO-FR 07:30-14:00 Uhr) der Gesundheitssprengel gescheitert war und vor verschlossenen T\u00fcren stand, traf ich im dritten Anlauf am Brixner Schalter einen &#8211; freundlichen &#8211; Mitarbeiter an.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberreichte die Bescheinigung zum Daueraufenthalt, das Antragsformular um Eintragung\u00a0in den Landesgesundheitsdienst f\u00fcr EU-B\u00fcrger\/-innen und Gleichgestellte sowie das Krankenkassenb\u00fcchlein. &#8220;Sie m\u00fcssen auf dem Formular noch angeben, seit wann sie besch\u00e4ftigt sind.&#8221; &#8220;Seit 2011. Das genaue Datum wei\u00df ich jetzt nicht auswendig.&#8221; &#8220;Moment, ich schau Ihnen nach.&#8221; Dieser letzte Satz brachte die Absurdit\u00e4t des ganzen Unterfangens wunderbar auf den Punkt: <strong>Ich muss mich &#8211; anders als im benachbarten \u00d6sterreich und gegen jede Logik &#8211; beim Landesgesundheitsdienst anmelden, obgleich mein Arbeitgeber bereits alle notwendigen Daten der Pflichtversicherung \u00fcbermittelt hat. Diese Eintragung kann &#8220;ablaufen&#8221;, obwohl die Beitr\u00e4ge daf\u00fcr automatisch kassiert werden und die Bezahlung nicht optional ist. Um dem Ablaufen zu entgehen, darf ich nach f\u00fcnf Jahren Ans\u00e4ssigkeit f\u00fcr 32 Euro und mit einigem Zeitaufwand eine Best\u00e4tigung besorgen, die es anderswo nicht braucht und die meines Erachtens eine Ungleichbehandlung von EU-B\u00fcrgern darstellt. Und als Sahneh\u00e4ubchen muss ich dann noch auf einem Wisch Dinge ausf\u00fcllen, die der Sanit\u00e4tsbetrieb ohnehin wei\u00df und die mir einer seiner Schalterbeamten nun vom Bildschirm abliest, damit ich sie auf einem Papierzettel eintragen kann.<\/strong> Asterix und der\u00a0Passierschein A38 lassen gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung lief danach alles recht unkompliziert ab. Die Versicherungsl\u00fccke wurde r\u00fcckwirkend geschlossen, die Wahl meines bisherigen Hausarztes war aufgrund eines &#8220;Familienkontingents&#8221; \u00fcber meine Frau doch noch m\u00f6glich und mithilfe der Daueraufenthaltsbescheinigung l\u00e4uft die Versicherung jetzt auch unbegrenzt. &#8220;Das ist der Vorteil als EU-B\u00fcrger gegen\u00fcber anderen. Sie m\u00fcssen nach f\u00fcnf Jahren Ans\u00e4ssigkeit nicht mehr alle vier Jahre erneuern kommen&#8221;, meinte der nette Beamte. Na dann. Ich verkniff mir einen Kommentar, schickte ein Sto\u00dfgebet zum hl. B\u00fcrokratius, dem Schutzpatron der EU-B\u00fcrger in Italien, und genoss einfach nur meinen Vorteil.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Krankes Gesundheitssystem.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=16731\"><code>01<\/code><\/a>\u00a0<a title=\"Geschichten aus dem Sanit\u00e4tswald.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=27250\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Die vielj\u00e4hrige Staatsb\u00fcrgerschaftsklausel.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=43195\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Dialoge des Wahnsinns.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=31857\"><code>04<\/code><\/a><\/p>\n<p><strong>Nachtrag (20.12.2018): <\/strong>War heute &#8211; nachdem man mir vor drei Tagen versichert hatte, dass nun wieder alles passt &#8211; bei meiner Haus\u00e4rztin. Wieder hie\u00df es: &#8220;Sie scheinen bei mir nicht auf. Die Untersuchung mache ich Ihnen so.&#8221; Ich bedankte mich abermals f\u00fcr das Entgegenkommen und suchte wieder den Weg ins B\u00fcro des Gesundheitssprengels. Dort meinte man, dass meine Gesundheitskarte in &#8220;Erwartung der Genehmigung&#8221; w\u00e4re und dass ich auch wieder bei meinem Hausarzt aufscheinen w\u00fcrde, sobald die Genehmigung erfolgt ist. Dies m\u00fcsste aber bald der Fall sein. Ich frage mich, welcher Pr\u00fcfung es da noch bedarf, wo doch alle notwendigen Daten korrekt in das System eingespeist sind und es sich ohnehin nur um die Wiederaufnahme eines bestehenden Patienten handelt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben im vereinten Europa ohne Grenzen. Staatsb\u00fcrgerschaft spielt keine Rolle, denn wir sind ja alle Europ\u00e4er. Oder so \u00e4hnlich. Denkste! Benvenuti in Italia! 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