{"id":5451,"date":"2010-07-02T10:49:52","date_gmt":"2010-07-02T08:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=5451"},"modified":"2026-02-02T08:44:21","modified_gmt":"2026-02-02T07:44:21","slug":"grober-kulturpolitischer-unfug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=5451","title":{"rendered":"Grober kulturpolitischer Unfug."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 15px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p>Soll Tolomei einen sp\u00e4ten Triumph erhalten, indem fl\u00e4chendeckend alle Wegschilder des AVS zweinamig gefasst werden m\u00fcssen? Oder sollen zumindest die Wanderer und Bergsteiger vom Unfug der Tolomeischen Fantasienamen verschont bleiben? Jahrzehntelang haben sich weder die italienischen Mitb\u00fcrger noch die Urlaubsg\u00e4ste an den einnamigen Wegweisern gesto\u00dfen. Erst die Digitalisierung der Wanderrouten durch den AVS hat der italienischen Rechten den Anlass geliefert, einen Angriff gegen dieses Refugium gewachsener Ortsnamen zu starten. Statt Tolomeis <em>Prontuario<\/em> im \u00f6ffentlichen Gebrauch aufs unvermeidliche Minimum zu reduzieren, statt eine L\u00f6sung im Einklang mit internationalen Standards des Minderheitenschutzes bei der Ortsnamengebung zu suchen, soll das Tolomei-Erbe bis aufs letzte Hinweisschild im hintersten Bergtal ausgedehnt werden, obwohl fast kein Italiener diese Namen kennt oder jemals verwendet hat. Sogar ein Ultimatum meinte Regionenminister Fitto daf\u00fcr setzen zu m\u00fcssen: eine Revanche der italienischen Rechten gegen die langj\u00e4hrigen Bestrebungen der S\u00fcdtiroler, zumindest einen Teil der Tolomei-Namen ins Kuriosit\u00e4tenfach der Geschichte zu entsorgen? Dazu kommen konnte es freilich nur, weil das Land die Materie seit Jahrzehnten vor sich herschiebt und nicht in der Lage war, durch ein klares Landesgesetz den vom Autonomiestatut erlaubten Spielraum vor dem Verfassungsgericht auszuloten.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnten einnamige Wegschilder, versehen mit den italienischen geografischen Bezeichnungen (Berg, Bach, Alm usw.), Teil der S\u00fcdtiroler kollektiven Erinnerung sein. Die AVS-Schilder erinnern die italienischen G\u00e4ste und Mitb\u00fcrger daran, dass hier die allermeisten Flur- und Ortsnamen einnamig deutsch oder ladinisch waren, bis es einem Roveretaner Fanatiker eingefallen ist, sich am Schreibtisch 8000 Namen aus den Fingern zu saugen und per Dekret Mussolinis einem ganzen Land aufzustempeln. Es war ein Projekt der kulturellen Kolonisierung und wird der deutschen Sprachgruppe als solches in Erinnerung bleiben. Wie die nicht durch Kontextinformationen relativierten faschistischen Denkm\u00e4ler sind sie ein penetrant st\u00f6rendes Element im Zusammenleben der Sprachgruppen. Ein sprachgruppen\u00fcbergreifender Widerstand gegen den Tolomei-Unfug aus Einsicht in die Revidierbarkeit einer kulturpolitischen Aggression der Vergangenheit ist in S\u00fcdtirol nie entstanden, doch auch eine Kompromissl\u00f6sung etwa im Sinne der Prozentl\u00f6sung der f\u00fcnf Vereine oder des Durnwalder-Vorschlags zur Regelung der Mikrotoponomastik auf Gemeindeebene wird nicht ohne deutlicheres Engagement gelingen.<\/p>\n<p>Dass die italienische Rechte und PDL-Minister diese Linie fahren, kann niemanden \u00fcberraschen, bietet doch der Symbolgehalt von Namen und Denkm\u00e4lern den klassischen Stoff f\u00fcr nationalistische Stimmungsmache. Dass sich der CAI f\u00fcr 7000 solcher Namen stark macht, ist aber wenig angetan, die Stimmung zwischen deutsch- und italienischsprachigen Bergfreunden zu verbessern. Traurig schlie\u00dflich, dass die Gr\u00fcnen und der PD sich f\u00fcr das Ansinnen der Durch-Tolomeisierung der Landschaft hergeben. Die Gr\u00fcnen m\u00fcssen sich fragen, ob solche Positionen mit der Tatsache in Zusammenhang stehen, dass es landesweit nur mehr 20 gr\u00fcne Gemeinder\u00e4te gibt. Der PD, offensichtlich gefangen in der italienischen Wahlarithmetik, glaubt, dass jegliches Nachgeben bei den Ortsnamen als Kniefall gegen\u00fcber der deutschen Sprachgruppe ausgegeben wird und nicht als Akt kulturpolitischer Vernunft. Um keine Stimmen zu riskieren, l\u00e4sst man sich die Position von der italienischen Rechten diktieren. F\u00fcr die italienische <em>\u201csociet\u00e0 civile\u201d<\/em> S\u00fcdtirols bleibt es ein Armutszeugnis, die Tolomei-Namen auf allen Wegweisern im Land durchsetzen zu wollen. Diesen kulturpolitischen Unfug einzud\u00e4mmen w\u00e4re ein wichtiger Schritt zur gemeinsamen Beheimatung der Sprachgruppen in diesem Land, nicht seine Ausweitung und Perpetuierung.<\/p>\n<p><small><em>*) Thomas Benedikter ist Wirtschafts- und Sozialforscher in Bozen. Er ist u. a. Autor von \u00bbAutonomien der Welt\u00ab (Athesia, Bozen 2007) und \u00bbThe World&#8217;s Working Regional Autonomies\u00ab (Anthem, London\/Neu-Delhi 2007).<\/em><\/small><\/p>\n<p>PS: Sollten, wie der HGV dies vorschl\u00e4gt, auf den k\u00fcnftigen Wegschildern auch englische geografisch-technische Bezeichnung Platz finden, w\u00e4re ich absolut f\u00fcr die Erg\u00e4nzung mit chinesischen Bezeichnungen. Wie kann man es blo\u00df den Angeh\u00f6rigen dieser gro\u00dfen Kulturnation, zahlreiche und zahlungskr\u00e4ftige Touristen der Zukunft, zumuten, \u201cTal\u201d, \u201cAlm\u201d und \u201cBerg\u201d in einer Fremdsprache lesen zu m\u00fcssen?<\/p>\n<p><small><em>Dieser Beitrag ist auch in der aktuellen Ausgabe des Wochenmagazins <\/em>ff <em>erschienen.<\/em><\/small><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><small>I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i\/la aut\u00ebures ne sust\u00ebn nia for i fins de BBD. \u00b7 <\/small><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soll Tolomei einen sp\u00e4ten Triumph erhalten, indem fl\u00e4chendeckend alle Wegschilder des AVS zweinamig gefasst werden m\u00fcssen? 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