{"id":57508,"date":"2020-05-21T11:02:58","date_gmt":"2020-05-21T09:02:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57508"},"modified":"2026-02-02T09:15:39","modified_gmt":"2026-02-02T08:15:39","slug":"auf-einem-auge-blind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57508","title":{"rendered":"Auf einem Auge blind."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><em>von Olaf Borghi*<\/em><\/p>\n<p>Ich wage mich in den letzten Tagen kaum mehr, Kommentare auf Facebook oder anderen Social-Media-Plattformen zu lesen. Nicht, dass das fr\u00fcher eine Wohltat war. Doch in Coronazeiten scheinen sich auch andere vergangene Pathologien st\u00e4rker auszupr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Denn das klassische Bild, das sich dort zeigt, ist ein Grabenkampf zwischen der sogenannten Gruppe der Verschw\u00f6rungstheoretiker und der Gruppe der rational-\u00fcbergeordneten Menschen. Die einen fordern die anderen dazu auf, beide Augen zu \u00f6ffnen. Manche der anderen wiederum versehen jeden Denkansto\u00df, der nicht der offiziellen Linie folgt, als Verschw\u00f6rungsbl\u00f6dgeschwurbel.<\/p>\n<p>Bevor ein konstruktiver Kommentar geteilt wird, \u00fcberlegt sich in diesen Zeiten so mancher doch, ob es nicht geschickter w\u00e4re, ihn sich nur still zu denken. Zu schnell l\u00e4uft man Gefahr, nicht einen Diskurs anzuregen, sondern blo\u00df dem einen oder dem anderen Lager zugeordnet zu werden, wodurch jeder weitere Kommentar automatisch von einer Gruppe diskreditiert wird.<\/p>\n<p>Die einzige Konsequenz, die sich daraus ergibt, ist eine Frontenbildung, die jeglichen konstruktiven Diskurs verhindert.<\/p>\n<p>Die dritte Gruppe, die sich zwischen den zwei Fronten bewegt und die einen rational-konstruktiven Zugang sucht, geht dabei unter.<\/p>\n<p>So w\u00e4re es manchmal durchaus legitim, das zu hinterfragen und zu diskutieren, was von offizieller Seite kommt.<\/p>\n<p>Viele wurden von der Krise vergessen. Kinder, die sozial isoliert und eingesperrt wurden. Psychisch Kranke, die ohnehin oft schon zu wenig Platz in unserer Gesellschaft finden. Eltern, vor allem M\u00fctter, die zwischen Beruf und Kinderaufsicht in eine Frauenrolle des 19 Jahrhunderts zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurden. Kleinunternehmer und Selbstst\u00e4ndige, die verzweifelt auf Hilfe warten. \u00dcberforderte Pflegekr\u00e4fte. Eine beinahe endlose Liste.<\/p>\n<p>Der Protest in dieser Situation richtet sich vielerorts aber nicht gegen schlechtes Krisenhandling, oder etwa dagegen, dass die Zeit im notwendigen Lockdown zu schlecht genutzt wurde, um einen umfassenden Plan f\u00fcr die Zeit danach zu erstellen.<\/p>\n<p>Stattdessen wird demonstriert gegen Bill und Melinda Gates, gegen internationale Adrenochromnetzwerke oder Impfungen, die uns einen Chip einpflanzen oder uns alle zu Autisten machen wollen, die dann wiederum in derartigen Krisen alleine gelassen werden.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Problem ist dabei nicht, dass diese Menschen das Recht der Meinungsfreiheit umsetzen oder ihre Grundrechte zur\u00fcckfordern. Das ist in einem gewissen Rahmen ja durchaus legitim.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Problem ist, das genau diejenigen, die allen anderen vorwerfen, auf einem Auge blind zu sein, da sie die Scheinkausalit\u00e4ten in ihren abstrusen Theorien nicht erkennen wollen, selber oft auf dem anderen Auge blind sind.<\/p>\n<p>Das andere gro\u00dfe Problem ist, dass diese Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen oft auch reale Probleme aufgreifen, diese allerdings so verzerren, dass auch hier wieder ein konstruktiver Diskurs verhindert wird.<\/p>\n<p>So kann man durchaus \u00fcber die Inhaltsstoffe von Impfungen diskutieren oder darauf achten, dass genaueste Forschungsstandards eingehalten werden. Dann sollte man allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass Impfstoffe sehr wohl einiges dazu beigetragen haben, dass die Lebenserwartung von Menschen stetig steigt und sich auch in der Impfstoffentwicklung in den letzten Jahren einiges getan hat (das vermeintliche Quecksilber ist z.B. schon seit Jahren nicht mehr in gel\u00e4ufigen Impfstoffen als Konservierungsmittel enthalten, siehe \u201c<a href=\"https:\/\/www.quarks.de\/gesundheit\/darum-ist-impfen-nicht-gefaehrlich\/\">Quecksilber in Impfungen?<\/a>\u201d).<\/p>\n<p>Auch der Zusammenhang zwischen Impfungen und diversen erb- oder umweltbedingten Krankheiten kann recht schnell eliminiert werden, wenn wir beide Augen \u00f6ffnen. So werden im 21. Jahrhundert gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung geimpft. Ein ganz kleiner Teil der Bev\u00f6lkerung erkrankt auch noch an anderen Krankheiten. An diesen Krankheiten erkrankten Menschen aber auch schon, bevor es Impfungen gab. Eine gottgegebene Kausalit\u00e4t anzunehmen ist fern von jeglicher Logik. Das bedeutet allerdings nicht, dass \u00fcberzuf\u00e4llig auftretende Krankheitscluster schlichtweg ignoriert werden sollen. Sollten derartige Cluster auftreten, so sollten sie dennoch untersucht werden. Eine Kausalit\u00e4t konnte allerdings nicht gefunden werden. Genauso, wie bisher kein kausaler Zusammenhang zwischen der Anzahl an Menschen, die in Swimmingpools ertrinken, und der Anzahl an Filmen, in denen Nicolas Cage erscheint, angenommen werden kann (tats\u00e4chlich korrelieren beide Ph\u00e4nomene, siehe&nbsp;<a href=\"https:\/\/tylervigen.com\/page?page=1&amp;fbclid=IwAR1OQ6A0R4Hw5Uai5J8o7O1idBKfNT_ovlMUqinGa6oubOFyz3eufrgb7OU\">Scheinkorrelationen<\/a>).<\/p>\n<p>Man kann durchaus auch \u00fcber die Rolle der Superreichen in unserer Gesellschaft diskutieren, ja vielleicht sogar dar\u00fcber, ob es so etwas wie Superreiche \u00fcberhaupt braucht. Es lohnt sich dabei auch auf die Interessen zu achten, die hinter Investitionen oder Meinungen stehen.<\/p>\n<p>So stimmt es durchaus, dass Bill Gates Milliarden in die Entwicklung von Impfstoffen steckt. Ihm dabei aber gleichzeitig zu unterstellen, dass sein Interesse dahinter ist, m\u00f6glichst vielen Menschen Impfstoffe zu verkaufen um m\u00f6glichst viel Geld mit Impfungen zu verdienen, er dann aber wiederum die Menschheit auf 500 Millionen dezimieren will, um sich selbst seines Absatzmarktes zu berauben, erscheint zumindest mir etwas widerspr\u00fcchlich.<\/p>\n<p>Auch m\u00f6gliche Interessen hinter der Verbreitung derartiger Theorien werden schnell hinter einer Augenklappe versteckt. So wurden Verschw\u00f6rungstheorien schon seit dem 18. Jahrhundert zum Zwecke politischer Propaganda eingesetzt (z.B. wenn Trump China beschuldigt, das Virus bewusst in die Welt gesetzt zu haben, siehe&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2020-03\/china-usa-covid-19-pandemie-diplomatie\">&#8220;Das Virus als Propagandawaffe&#8221;<\/a>&nbsp;und \u201c<a href=\"https:\/\/www.lpb-bw.de\/verschwoerungstheorien#c45509\">Interessen hinter Verschw\u00f6rungstheorien<\/a>\u201d).<\/p>\n<p>In eine Zwickm\u00fchle geraten ist in dieser Frontenbildung auch die Wissenschaft. So sollte sie eigentlich dazu dienen, Verschw\u00f6rungstheorien und Unsicherheit zu entkr\u00e4ften und eine Vermittlerrolle einnehmen. Doch in den letzten Monaten verbreitete sich bei vielen Menschen eher eine Wissenschaftsskepsis. Diese stammt allerdings nicht daher, dass die Wissenschaft besonders viele Fehler in der letzten Zeit produziert hat. Es mangelt eher am Verst\u00e4ndnis, dass Wissenschaft, oder das, was wir darunter verstehen, ein offener Prozess ist, in dem einzelne Forschungsergebnisse f\u00fcr sich noch kaum Bedeutung tragen. Werden solch fr\u00fche Ergebnisse von den Medien und der \u00d6ffentlichkeit f\u00e4lschlicherweise als gro\u00dfe Durchbr\u00fcche rezipiert, so ist die Entt\u00e4uschung gro\u00df, wenn eine Woche darauf, innerhalb des Wissenschaftsprozesses, ein g\u00e4nzlich anderes Ergebnis gefunden wird. Erst durch das Big-Picture vieler Forschungen lassen sich abgesicherte Aussagen treffen (siehe hierzu auch \u201c<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Ioannidis_(2005)_Why_Most_Published_Research_Findings_Are_False.pdf\">Why Most Published Research Findings Are False<\/a>\u201d).<\/p>\n<p>Um die Zukunft besser zu gestalten, sollten wir daher lernen, statt auf Frontenbildung, auf Diskurs zu setzen. Statt schnell Beitr\u00e4ge zu teilen, sollten wir reflektieren, was dahinterstecken k\u00f6nnte. Statt Fehler zu vertuschen, sollten wir mit diesen offen umgehen und sie diskutieren. Statt auf einem Auge blind zu sein, sollten wir lernen, innerhalb der Grenzen unserer menschlichen Erkenntnis, m\u00f6glichst mit beiden Augen zu sehen und zu reflektieren, welche Bedeutung die Sicht auf manche Dinge mit nur einem Auge hat.<\/p>\n<p>Richte ich den Blick in die Zukunft, so sehe ich einige Herausforderungen, die auf unsere Spezies zukommen werden. Von der Arbeitslosigkeit nach und w\u00e4hrend Corona bis zur Klimakrise, die sich schon lange als Generationenaufgabe herauskristallisierte. Einiges muss sich \u00e4ndern, wenn wir diese Aufgaben gemeinsam l\u00f6sen wollen. Entwicklung ist nicht auf einen besseren oder schlechteren Zustand hin gerichtet, denn es ist unsere menschliche Aufgabe, unsere Entwicklung auszurichten.<\/p>\n<p><small><em>Dieser Beitrag ist urspr\u00fcnglich<\/em> <a title=\"\" href=\"https:\/\/www.salto.bz\/de\/article\/17052020\/auf-einem-auge-blind\"><em>auf<\/em> Salto<\/a> <em>erschienen.<\/em><\/small><\/p>\n<p><small><em>*) Olaf Borghi stammt aus dem Vinschgau, studiert Psychologie in Wien und lebt in Meran und Wien<\/em><\/small><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Olaf Borghi* Ich wage mich in den letzten Tagen kaum mehr, Kommentare auf Facebook oder anderen Social-Media-Plattformen zu lesen. 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