{"id":5881,"date":"2010-08-25T14:22:39","date_gmt":"2010-08-25T12:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=5881"},"modified":"2026-02-02T08:43:45","modified_gmt":"2026-02-02T07:43:45","slug":"szenarien-der-macht-%e2%80%93-ein-italienisches-buhnenstuck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=5881","title":{"rendered":"Szenarien der Macht."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><em>von Florian Dreher<\/em><sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007e30000000000000000_5881\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007e30000000000000000_5881-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007e30000000000000000_5881-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">Florian Dreher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am KIT &#8211; <em>Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie,<\/em> Architekturfakult\u00e4t, Institut f\u00fcr Architekturtheorie.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5896\" title=\"Szenarien der Macht.\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/szenarien.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"74\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/szenarien.jpg 450w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/szenarien-150x24.jpg 150w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/szenarien-300x49.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/p><\/blockquote>\n<p>Italien erf\u00e4hrt seit 1994, dem Amtsantritt Silvio Berlusconis, dem Cavaliere und seiner Mitte-Rechts-Koalitionen, eine anhaltende \u201cEntfaschistisierung des Faschismus\u201d (Mattioli). Jedoch muss festgehalten werden, dass eine konsequente Aufarbeitung des <em>Ventennio nero<\/em>, der \u00c4ra der Mussolini-Diktatur, selbst in der Nachkriegszeit nie stattgefunden hat. Erste Anzeichen einer kritischen Diskussion \u00fcber die italienischen Verbrechen in \u00c4thiopien und Libyen entflammten beim Staatsbesuch in Rom 2009, als Revolutionsf\u00fchrer Gaddafi am Revers seiner Uniform, f\u00fcr alle gut sichtbar, ein Foto von libyschen Zwangsarbeitern befestigte. Durch einen geschickt eingef\u00e4delten Ablasshandel darf sich nun Berlusconi als bester Freund Gaddafis sehen (<em>Spiegel<\/em>-Interview, 3.1.2010) und sich die Vorkaufsrechte der libyschen \u00d6lkonzessionen f\u00fcr Italien vorbehalten.<\/p>\n<p>Mag diese Grund- und Verweigerungshaltung den N\u00e4hrboden f\u00fcr das Wiederaufkeimen faschistischen Irrglaubens bereitet haben, geht es heute vor allem um die Meinungs- und Deutungshoheit politischer Bilder und Orte \u2013 Szenarien der Macht. Die Bilder der Vergangenheit werden wiederbelebt und nachgestellt, in ihrem Inhalt entkernt und neu codiert. Dabei, aus Gr\u00fcnden der Legitimation und ihrer R\u00fcckverankerung in der Gesellschaft, spielt der \u00f6ffentliche Raum als B\u00fchne eine entscheidende Rolle. Bild und Raum sind wesentlicher Bestandteil dieser Handlung.<\/p>\n<p>F\u00fcr die rechte Szene in Italien ist der \u00f6ffentliche Raum Wiederentdeckung und Laboratorium zugleich. Ihre Aktionen werden geduldet und wahrgenommen. Um sich dauerhaft im kollektiven Ged\u00e4chtnis einzunisten wird der Heldenkult und M\u00e4rtyrertod, also die Erinnerungskultur, gefordert wie bespielt.<\/p>\n<p>Jugendverb\u00e4nde, wie die zum rechten Spektrum zuzuordnende Berlusconi-Bewegung <em>Azione Giovani<\/em> in Rom, verlangen \u00f6ffentlich f\u00fcr ihre im \u201cKampf gefallenen Kameraden\u201d die Umbenennung von Stra\u00dfenz\u00fcgen. Letztendlich ist das bereits gang und g\u00e4be, selbst wenn der vorherige Namenstr\u00e4ger aus den Kreisen der Resistenza, des faschistischen Widerstandes kam. Die Grabenk\u00e4mpfe zwischen Links und Rechts, den Veteranen der Resistenza und den Sympathisanten der letzten Mussolini-Regierung von Sal\u00f2, werden immer noch offen ausgetragen. Als ebenso gute Patrioten sollen die \u00fcbriggebliebenen Mussolini-Brigaden im Bewusstsein der Gesellschaft ankommen. Unterf\u00fcttert werden all diese Reklamationen durch aktive Beteiligungen von Regierungsmitgliedern, wie der Ministerin f\u00fcr Jugend, Giorgia Meloni, die 2009 \u00f6ffentlich Kr\u00e4nze f\u00fcr Neofaschisten niederlegte oder der Tourismusministerin Michela Brambilla, die auf Wahlveranstaltungen ihren Arm zum \u201cR\u00f6mischen Gru\u00df\u201d gen Himmel streckt. Selbst die Duce-Verehrung erfreut sich seit Jahren wieder h\u00f6chster Beliebtheit und geht bis an die Grenzen des ertr\u00e4glichen. Neben beliebten \u201ciMussolini-Apps\u201d f\u00fcrs <em>Telefonino<\/em>, einem Taschen-F\u00fchrer to go, werden die Duce-Rufe, mit denen sich Berlusconi auch von seinen Parteianh\u00e4ngern hochfeiern l\u00e4sst, immer lauter. Grund f\u00fcr die ansteigende Faszination des Duce, nicht nur der Apps wegen, sei die Neugier, wie diese Person es geschafft habe, ein Volk zusammenzuhalten und Italien an den Fortschritt anzubinden. Bei der historischen Rekonstruktion ginge man eben nicht nur die traditionellen Wege, so Michele Pigliucci von <em>Azione Giovani<\/em> im Interview mit <em>Kulturzeit.<\/em><\/p>\n<p>Im italienischen Fu\u00dfball, unter anderem bei AS und insbesondere Lazio Rom, geh\u00f6rt der Rechtsextremismus zur etablierten Fankultur. Mit eigenem Merchandising und Devotionalienhandel zeigt sich der Duce-Warenkatalog \u00e4u\u00dferst konsumfreudig und absatzstark \u2013 ein wahrer Kassenkn\u00fcller.<\/p>\n<p>Spieler wie Cannavaro, Buffon oder Di Canio br\u00fcsten sich, mit Begeisterung f\u00fcr den gro\u00dfen italienischen F\u00fchrer zu schw\u00e4rmen, kunstfreudige Sammler von Duce-B\u00fcsten zu sein oder ihre \u00dcberzeugung mit einem <em>Dux<\/em>-Tattoo (lat. F\u00fchrer) zur Schau zu stellen. Der Rechtsextremismus wird zum sakralen beziehungsweise g\u00f6ttlichen Moment erhoben, wenn Mannschaft und Publikum im gefassten Raum des Stadions unter der speziellen Dramaturgie und Atmosph\u00e4re miteinander verschmolzen und zu einem Volksk\u00f6rper geschmiedet werden.<\/p>\n<p>Welche Rolle kommt der Architektur zu, wenn sie mehr als nur Hintergrundfolie darstellen will? Politik und Architektur gingen seit jeher ein symbiotisches Verh\u00e4ltnis miteinander ein. Kein Medium ist pr\u00e4destinierter, die Klaviatur des Symbolischen zu bespielen und als Bedeutungstr\u00e4ger zu fungieren. Seit den Neunzigerjahren gilt die Architektur, so Michael M\u00f6nninger, als kulturelles Leitmedium in unserer Mediendemokratie. Es sind jedoch nicht die Ikonen der Stararchitekten wie Zaha Hadid mit ihrem Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo (MAXXI) oder Richard Meiers Ara-Pacis-Schutzbau in Rom, die der Medienjongleur Berlusconi f\u00fcr seine Staatsreklame rekrutiert. Gehen von den neueren Architekturikonen die falschen Signale aus, falls \u00fcberhaupt Inhalte vorhanden sind? Zeigen sich doch in Zeiten der Krise erste Erm\u00fcdungserscheinungen was den Ikonenkult betrifft (Kramer, <em>NZZ<\/em>, 19.4.2010). Diesbez\u00fcglich strahlen sie den Makel einer Modeerscheinung mit dem Label des Verg\u00e4nglichen aus und sind mit dem politischen Ewigkeitsanspruch nicht kompatibel.<\/p>\n<p>Die historischen Bauzeugnisse der Mussolini-Diktatur sind, mangels Kriegszerst\u00f6rungen, weitgehend erhalten geblieben und erfahren im Rahmen der Wiederaufwertung des Faschismus ihre kosmetische Revitalisierung. Erinnern wir uns, dass unter Mussolini ein gewaltiges Bauprogramm in Italien vonstatten ging. Bis in die letzten Winkel des Landes sollte durch den Bau von Infrastrukturen und vor allem Erinnerungsst\u00e4tten die Herrlichkeit und Macht der Diktatur demonstriert werden. Die Bauten der Macht sollten Pr\u00e4senz zeigen, und Mussolini wusste nur zu gut die Suggestivkraft der Architektur zu nutzen. Die Architekten zeigten sich kooperativ. Beide Hauptstr\u00f6mungen in der Architektur, die <em>Architettura razionale<\/em> und die <em>Scuola Romana<\/em> mit den Protagonisten Guiseppe Terragni und Marcello Piacentini, im \u00fcbrigen vehement \u00fcberzeugte Faschisten, gingen mit dem Regime einen \u201cFaustischen Pakt\u201d (Sudjic) ein. Hierbei d\u00fcrfte Piacentini die gl\u00fccklichere Hand gehabt haben, denn er stieg zum \u201cReichsarchitekten\u201d (<em>architetto del regime<\/em>), wie sp\u00e4ter Speer unter Hitler auf. Dennoch baute er in der Nachkriegszeit ungehindert weiter. Terragni opferte sich hingegen f\u00fcr seinen Duce in den vierziger Jahren an der Ostfront \u2013 Treue bis in den Tod.<\/p>\n<p>Neben Sabaudia, dem Mussolini-Forum oder den s\u00fcdlich von Rom gelegenen Agrarst\u00e4dten auf dem trockengelegten <em>Agro Pontino,<\/em> z\u00e4hlt das heutige EUR-Gel\u00e4nde (<em>Esposizione Universale di Roma<\/em> oder <em>Quartiere XXXII. Europa<\/em>) zu den bedeutesten in Stein manifestierten \u00dcberlieferungen des <em>Ventennio nero<\/em>. Urspr\u00fcnglich als Weltausstellungsgel\u00e4nde E 42 (Esposizione Universale 1942) nach den Veranstaltungsst\u00e4tten Paris (1937) und New York (1939) auserkoren, tritt hier das fatalistische Verh\u00e4ltnis von Repr\u00e4sentationsarchitektur und politischer Propaganda am Deutlichsten hervor. Eigentlich sollte Rom 1941, gem\u00e4\u00df zweij\u00e4hrigem Turnus, Austragungsort der Weltausstellung werden. Doch das Regime sah in der Gro\u00dfveranstaltung die M\u00f6glichkeit, den Faschismus und seinen Machtanspruch Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt zu pr\u00e4sentieren. So wurde aus Propagandazielen die Er\u00f6ffnung der Weltausstellung um ein Jahr auf das zwanzigste Jubil\u00e4um des &#8220;Marsches auf Rom&#8221; verschoben. Bereits 1932 hatte Mussolini mit einer gewaltigen Parade die neue Machtachse Via dell\u2019Impero (heute: Via dei Fori Imperiali) im historischen Zentrum von Rom, vom Kolosseum zum Palazzo Venezia, im Setting einer Ruinenlandschaft antiker Foren er\u00f6ffnet. Die im Regierungsbezirk liegenden Bauten, egal, ob es sich um arch\u00e4ologische Reste oder Armenbehausungen handelte, fielen einer radikalen Politik der Spitzhacke zum Opfer. E 42 sollte als Stadterweiterungsgebiet an diese Achse angeschlossen werden, das Tor zum Meer aufschlagen und die Expansionspolitik mit Weltmachtanspruch baulich unterstreichen. Auch entschied man sich f\u00fcr permanente Bauten, denn nach 1936 hatte sich das Selbstverst\u00e4ndnis ge\u00e4ndert. Man sah sich nicht mehr vor dem Hintergrund einer faschistischen Revolution, sondern proklamierte das neue Italienische Reich.<\/p>\n<p>An den Planungen sollten anfangs als Kollektiv die beiden Architekturhauptpositionen beteiligt werden. Mit der Zeit aber konnte vor allem Marcello Piacentini seine Widersacher aus der rationalistischen Fraktion verdr\u00e4ngen. Unter Piacentini erhielt der Masterplan seine bis heute g\u00fcltige Pr\u00e4gung, eine an der Antike Roms orientierte Monumentalarchitektur mit Pl\u00e4tzen, Achsen und Foren neoklassizistischer Ausformulierung. Inmitten eines Systems orthogonaler Achsen- und Sichtbez\u00fcge bilden drei Projekte bis dato das Herzst\u00fcck der Gesamtanlage: der Palazzo della Civilt\u00e0 Italiana (gemeinhin bekannt als Colosseo quadrato) von Guerrini, La Padula und Romano von 1938-1943, der Palazzo dei Congressi von Adalberto Libera von 1937-1942 sowie der Palazzo dello Sport von Piacentini und Pier Luigi Nervi von 1956. Zuvor hatte Piacentini an dieser Position einen Palazzo della Luce, einen Tempel mit liturgischer Funktion sowie mit Licht- und Wasserspielen als inszenierten Endpunkt der Hauptachse der Via Imperiale entworfen.<\/p>\n<p>Die Geschichte zeigt an diesem Beispiel den nahtlosen \u00dcbergang von der Diktatur zur Nachkriegsdemokratie und ihren unbeschwerten Umgang mit dem politischen Erbe. Piacentini konnte mit dem Palazzo dello Sport dort fortfahren, wo er 1941 kriegsbedingt aufh\u00f6ren musste. An der Gesamtplanung gab es keine Korrekturen. Die Vierziger und fr\u00fchen F\u00fcnfzigerjahre lie\u00dfen E 42 zu einer Nekropole, einer Geisterstadt erstarren, bis man sich zum Weiterbau entschlossen hat und schlie\u00dflich f\u00fcr die Olympischen Spiele das Gebiet wiederentdeckte und rehabilitierte. Glanzst\u00fcck der Verharmlosung ist der bronzene J\u00fcngling <em>Genio del Fascismo<\/em>. Anstatt die Staue mit dem r\u00f6mischen Gru\u00df aus dem \u00f6ffentlichen Raum zu entfernen, befand man es als ausreichend, einen Boxhandschuh \u00fcber die Hand zu st\u00fclpen. Aus dem <em>Genio del Fascismo<\/em> wurde der <em>Genio dello Sport<\/em>.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Feierlichkeiten der Weltausstellung sowie f\u00fcr die Partei, entwarf Libera in Anlehnung an einen r\u00f6mischen Doppeltempel den Palazzo dei Congressi, einen Komplex aus Fest- und Empfangshalle, Konferenzsaal und einem Freilichttheater auf dem Dach, welches mit seinen Marmorb\u00e4nken an die Gr\u00e4ber eines Soldatenfriedhofs erinnern. In der Gesamtbetrachtung ist der Prestigebau ein einziger B\u00fchnenraum. \u00d6ffnet der Empfangssaal seine Pforten, so durchdringen die beiden Foyers und die Galerien s\u00e4mtliche Ebenen. Sehen und Gesehen werden lautet die Maxime \u2014 oder: Kontrolle von allen Seiten.<\/p>\n<p>In axialer Sichtbeziehung steht der Palazzo della Civilt\u00e0 Liberas Geb\u00e4ude gegen\u00fcber, verbunden mit einer breiten Prachtstra\u00dfe und an einer weitr\u00e4umigen Esplanade gelegen. Die Eingangssituation wird von einer kolossalen S\u00e4ulenordnung dominiert, dar\u00fcber thront ein monumentaler schneewei\u00dfer Kubus aus Carrara-Mamor, bekr\u00f6nt von einer segmentf\u00f6rmigen Kuppelkonstruktion. Unter Mussolini war Marmor zum einzig wahren italienischen Baumaterial auserkoren, mit dem Subtext einer nationalistischen Kundgebung. 2003 w\u00e4hlte Berlusconi das Areal und den Palazzo dei Congressi f\u00fcr die EU-Regierungskonferenz unter seiner Ratspr\u00e4sidentschaft aus und empfing im Habitus eines Gro\u00dfimperators seine Staatsg\u00e4ste. Diese durften nach dem politischen Protokoll die weitl\u00e4ufige leicht ansteigende Esplanade emporschreiten, sich w\u00e4hrenddessen von den Monumentalbauten beeindrucken lassen, bis sie an der Schwelle der Kolossalordnung vom Cavaliere pers\u00f6nlich abgeholt wurden. In der Vorhalle empfing sie ein erhaltenes Gro\u00dfmosaik mit dem Zyklus \u201cAlle Wege f\u00fchren nach Rom mit der G\u00f6ttin Roma\u201d, um danach durch kleine, fast niederdr\u00fcckende T\u00fcr\u00f6ffnungen in den gro\u00dfen Empfangssaal zu gelangen. Erst nach ein paar Schritten im Inneren des Kubus erschlie\u00dft sich einem dessen ma\u00dfstabssprengende Raumdimension. Zur Tagung im Palazzo dei Congressi Riccione bildet das Idealstadtpanorama von Francesco di Giorgio das Hintergrundbild. Der gew\u00fcnschte historische Bezug ist eindeutig und bespielt eine Entwurfsidee Liberas, die zwar geplant, aber nicht mehrausgef\u00fchrt wurde. Die dunklen Innenseiten des Kubus sollten mit vier Gro\u00dfmosaiken auf circa 3.000 Quadratmetern ausgestattet werden. Jede Front sollte von einer r\u00f6mischen Glanzzeit verk\u00fcnden: die des r\u00f6mischen Ursprungs, die des Imperiums, der Wiedergeburt und Universalit\u00e4t der Kirche und zum schlie\u00dflich die des Zeitalters von Mussolini. Sp\u00e4ter sollte Libera sein Versagen eingestehen und seinen Bau mit der gesamten E 42 Anlage als \u201cFriedhof unserer Niederlagen\u201d bezeichnen.<\/p>\n<p>In einer Achse mit dem Palazzo dei Congressi, auf einer Anh\u00f6he weit \u00fcber die D\u00e4cher der Umgebung ragend, strahlt der Palazzo della Civilt\u00e0 Italiana als mystisch wirkender Monolyth. Seine klare \u00e4u\u00dfere Erscheinung zeigt eine rationalistische Grundhaltung auf, die ihre Verneigung vor der r\u00f6mischen Antike, der Romanit\u00e0, nicht verleugnet. Die extreme N\u00fcchternheit wie Strenge eines <em>starved classicism<\/em>, gepaart mit einem kontrastreichen Licht- und Schattenspiel, vermitteln beeindruckend und auch f\u00fcr den Laien sp\u00fcrbar Machtdemonstration und Einsch\u00fcchterungspolitik des Regimes. So verwundert es nicht, dass der seit April 2008 amtierende B\u00fcrgermeister Roms, Gianni Alemanno, ein verurteilter Rechtspopulist und Mitglied der Berlusconi-Partei <em>Popolo della Libert\u00e0 <\/em>als eine seiner ersten Amtshandlungen die Sanierung des EUR-Geb\u00e4udes in Auftrag gab, dessen Umbenennung zur\u00fccknahm und die urspr\u00fcngliche Bezeichnung aus der Mussolinizeit, Palazzo della Civilt\u00e0 Italiana, wieder einf\u00fchrte. Nun sollen in dem leerstehenden Koloss Shops, Boutiquen und Loungezonen im Lifestyleformat entstehen. Pl\u00e4ne f\u00fcr ein nationales Technikmuseum blieben Fragment. Der strahlende Sakralbau des Faschismus, der auch bei Rossis Gebeinhaus in San Cataldo bei Modena Pate stand, wird historisch entkernt, geliftet und banalisiert. Seinen gro\u00dfen Auftritt erlebt der Prachtbau im Werbespot zur Parlamentswahl 2008. Eine Horde junger, begeisterter Berlusconi-J\u00fcnger jeglicher Metiers, aber ohne Migrationshintergrund oder anderer Hautfarbe, also sinnbildlich nur der reine \u201cneue Mensch\u201d, singen eine Lobeshymne auf ihren Pr\u00e4sidenten: <em>\u201cPresidente siamo con te. Meno male che Silvio c\u2019\u00e8.\u201d<\/em> (Pr\u00e4sident wir sind mit dir. Zum Gl\u00fcck gibt es Silvio.) In den Schlusssequenzen, dramaturgisch aufbauend, aus der Froschperspektive aufblickend, zoomt die Kameraeinstellung auf den jubelnden Chor, welcher sich auf einer Freitreppe gruppiert und in die H\u00f6he staffelt. Als Hintergrundmotiv zeigt sich nun in der Totalen ein kraftstrotzender, blendend frisch sanierter Palazzo della Civilt\u00e0 Italiana. F\u00fcr den \u201cewig junggebliebenen\u201d Berlusconi ein naheliegendes Bild und zugleich eine Kampfansage. Der Faschismus ist frisch, dynamisch, h\u00fcbsch, kommt aus der gehobenen Mittelschicht und macht eindeutig klar, dass die Zeiten der Schmuddelkinder und der Schwarzhemden vorbei sind \u2014 er wird und ist salonf\u00e4hig. Dies ist l\u00e4ngst Alltag in Italien und hat das Stadium einer Postdemokratie (Mattioli) erreicht.<\/p>\n<p>Die Parteiclips sind mit ihren eigens komponierten Liederparolen Ohrw\u00fcrmer und oscarverd\u00e4chtige Kurzfilme zugleich. Parallelen zu Hollywood werden bewusst aufgegriffen und unterschwellig in einzelne Sequenzen eingewoben, von der Musik bis zum direkten Bildzitat. So werden u.a. in einem Propagandspot von <em>Azione Giovani<\/em>, neben den Floskeln von Ehre, Patriotismus, Opferbereitschaft usw., Filmausschnitte mit Dialog und Musik (Sequenz der Kampfeinschw\u00f6rungsrede) vom Hollywood-Blockbuster <em>Gladiator<\/em> mit Russel Crowe hineinmontiert. Wie wir wissen, stirbt Crowe am Schluss des Films. Als getreuer Patriot und Soldat Roms unterliegt er einer Intrige und muss als Gladiator im Kolosseum ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen, bis er den Aufstand gegen die Ungerechtigkeit probt, Rache nimmt und seine Ehre zur\u00fcckfordert.<\/p>\n<p>Unter dem Blickwinkel der propagandistischen Inszenierungen mit allem Prunk und Gloria nimmt die faschistische Inszenierung groteske Z\u00fcge an, wo Mussolini 1922 selbst Bedenken \u00e4u\u00dferte: \u201cJetzt ist es n\u00f6tig, dass die Geschichte von morgen, die wir eifrig schaffen wollen, nicht zum Kontrast oder zur Parodie der Geschichte von gestern wird.\u201d Mit ihren aufgesetzten Verweisen antiker Vorbilder stellen die Bauten des EUR Gel\u00e4ndes ein Sammelsurium architektonischen Gr\u00f6\u00dfenwahns dar \u2014 blieben sie letztendlich doch nur Kulissen einer sinnentleerten Monumentalarchitektur, die nicht den Menschen, sondern nur den historischen Bezug suchte. Verheerend bleibt, dass die Kom\u00f6die hinter dem Vorhang der Geschichte sich als Trag\u00f6die zeigt.<\/p>\n<p>Aber selbst diese wird von Berlusconi, wie im Falle des Erdbebengebiets um L\u2019Aquila 2009, noch medial verwertet. Eigentlich sah man f\u00fcr den G8-Gipfel ein neues Kongressareal auf der Insel La Maddalena bei Sardinien vor, welches extra nach den Pl\u00e4nen des Mail\u00e4nder Architekten Stefano Boeri innerhalb von zehn Monaten aus dem italienischen Sand gestampfte wurde. Der Komplex, bestehend aus einem gl\u00e4sernen Kongressgeb\u00e4ude und einem Ausstellungsbau, integriert Restbest\u00e4nde des ehemaligen Milit\u00e4rgel\u00e4ndes und gibt sich in seiner \u00c4sthetik modernistisch und mit dem Zeitgeschmack kompatibel \u2014 ornamentale Gitterstrukturen f\u00fcr den Konferenzbau, sowie eine filigrane Tempelkonstruktion mit Mauerrestbest\u00e4nden f\u00fcr den Ausstellungsbereich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich zeigte sich das katastrophale Bild der Zerst\u00f6rung L\u2019Aquilas als zeichenhafter, emotionaler und einpr\u00e4gsamer sowie f\u00fcr die Inszenierung der Person Berlusconis geradezu als geeigneter Schauplatz. Die Gunst der Stunde wurde genutzt und der Gipfel kurzerhand ins Krisengebiet verlegt. Gleichzeitig konnte Berlusconi damit nachtr\u00e4glich seinem politischen Kontrahenten und Amtsvorg\u00e4nger Prodi, dem Auftraggeber des Maddalena-Areals, sein bauliches Erbe streitig machen und ihn der B\u00fchne verweisen. Abgesehen davon, verweigert sich Boeris Architektur dem Verlangen nach einem gro\u00dfen Auftritt und medialer Pr\u00e4senz. Seit diesem Zeitpunkt fristet La Maddalena das Dasein einer Geisterstadt ohne jegliche Nutzung. La Maddalena verk\u00fcmmert zum Gedenkstein einer nicht erf\u00fcllten Vision; der von Boeri erhoffte \u201cMaddalena Effekt\u201d wurde zur Illusion. Diese Tatsache scheint es mit den liegengebliebenen Aufbauarbeiten L\u2019Aquilas zu teilen. Zwar wurde die Peripherie in gro\u00dfem Stil mit Notunterk\u00fcnften bebaut, der zerst\u00f6rte alte Kern ist jedoch nach wie vor eine verlassene Ruinenlandschaft.<\/p>\n<p>Nach Berlusconis Ansicht sollten die Bewohner ihre Notunterkunft einfach wie einen Campingurlaub begreifen: Zum Gl\u00fcck gibt es Silvio! Er ist f\u00fcr alle da, wenn nicht leibhaftig, dann zumindest auf der Leinwand. Wir k\u00f6nnen heute an Berlusconis politischem K\u00f6rper und dessen Kommunikationsstrategie der Liebe (z.B. die zum Wahlkampf geschaltete Telefonseelsorge &#8220;Silvio risponde&#8221;) teilhaben und k\u00f6nnen seine Bestrebungen, im Anti-Aging-Zeitalter der Sterblichkeit entgegenzutreten, mitverfolgen. Mittels Sch\u00f6nheitschirurgie und Medienwelt zeichnet sich neuerdings ein dritter, zus\u00e4tzlicher, autonom agierender \u201cmedialer K\u00f6rper\u201d neben dem \u201cdoppelten K\u00f6rper\u201d, so Parotto, der Figur Berlusconi ab. Es entsteht eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr unterschiedlich wahrnehmbare Identit\u00e4ten und Rollen. Ein Kaleidoskop an Berlusconi-Figuren \u00f6ffnet sich, und alles scheint im Repertoire vorhanden zu sein: der M\u00e4rtyrer, der gewiefte Gesch\u00e4ftsmann, der Macher, der treu liebende Vater, der Fu\u00dfballfanatiker oder der Womanizer. Sein politisches Handeln entspricht demnach der Inszenierung einer <em>bella figura<\/em>. In einer Studie zum \u201cdoppelten K\u00f6rper\u201d unterscheidet Ernst Kantorowicz zwischen einem sterblichen und einem unsterblichen K\u00f6rper. Der nat\u00fcrliche K\u00f6rper verweist uns auf die Endlichkeit des Lebens. Gleichzeit koexistiert der sogenannte \u201cpolitische K\u00f6rper\u201d, welcher losgel\u00f6st vom Tod mit der Aura des Ewigen verbunden ist, gem\u00e4\u00df der Parole \u201cder K\u00f6nig ist tot, lang lebe der K\u00f6nig\u201d. Der Mensch Berlusconi vergeht, doch die Kunstfigur bleibt uns erhalten und findet im Faschismus seine Gleichzeitigkeit. Dieser war nie wirklich weg, immer latent vorhanden und \u00fcberlebte stets seine Kritiker.<\/p>\n<p><small><span style=\"text-decoration: underline;\">Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/span><\/small><br \/>\n<small><\/small><\/p>\n<ul>\n<li><small>Simonetta Falasca-Zamponi, Fascist Spectacle. The Aesthetics of Power in Mussolini\u2019s Italy, Berkeley\/Los Angeles\/London 2000<\/small><\/li>\n<li><small>Giuliana Parotto, Silvio Berlusconi \u2013 Der doppelte K\u00f6rper des Politikers, M\u00fcnchen 2009<\/small><\/li>\n<li><small>Aram Mattioli, Viva Mussolini! Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis, Paderborn\/M\u00fcnchen\/Wien\/Z\u00fcrich 2010<\/small><\/li>\n<\/ul>\n<p><small><em>Erschienen in: <a title=\"Archithese.\" href=\"http:\/\/www.archithese.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Archithese<\/a> 4\/2010 (\u00bbSzenografie\u00ab); ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors. Dieser Beitrag unterliegt dem Urheberrecht.<\/em><\/small><\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list modern-footnotes-list--show-only-for-print\"><li><span>1<\/span><div>Florian Dreher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am KIT &#8211; <em>Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie,<\/em> Architekturfakult\u00e4t, Institut f\u00fcr Architekturtheorie.<\/div><\/li><\/ul><!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Florian Dreher Italien erf\u00e4hrt seit 1994, dem Amtsantritt Silvio Berlusconis, dem Cavaliere und seiner Mitte-Rechts-Koalitionen, eine anhaltende \u201cEntfaschistisierung des Faschismus\u201d (Mattioli). Jedoch muss festgehalten werden, dass eine konsequente Aufarbeitung des Ventennio nero, der \u00c4ra der Mussolini-Diktatur, selbst in der Nachkriegszeit nie stattgefunden hat. 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