{"id":64527,"date":"2021-04-10T18:29:33","date_gmt":"2021-04-10T16:29:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64527"},"modified":"2026-07-05T09:41:34","modified_gmt":"2026-07-05T07:41:34","slug":"innere-und-ausere-kolonien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64527","title":{"rendered":"Innere und \u00e4u\u00dfere Kolonien."},"content":{"rendered":"<p>Auf <em>Laying Claim,<\/em> einen Text von Mia Fuller \u00fcber den italienischen Kolonialismus, war ich schon vor einigen Jahren gesto\u00dfen. In Bezug auf die Unbest\u00e4ndigkeit nat\u00fcrlicher Grenzen \u2014 und die Ortsnamen von Ettore Tolomei \u2014 <a title=\"Impermanent fixity of the nation-state.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=48440\">hatte ich<\/a> daraus bereits im Mai 2019 kurz zitiert.<\/p>\n<p>Aufschlussreich finde ich aber besonders die \u00dcberlegungen von Fuller \u00fcber die externen und internen Kolonien, wobei sie zu letzteren im Fall von Italien neben Sizilien auch S\u00fcdtirol z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>In Italien tendiere man dazu, die nach 1861 erfolgten Grenz\u00e4nderungen nicht im Lichte der kolonialen Expansion zu betrachten, obschon die Einwohnerinnen in beiden F\u00e4llen die Oktroyierung der italienischen und das Verbot anderer Sprachen als eine Form kolonialer Unterjochung abgelehnt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Wie die Professorin am <em>Department of Italian Studies<\/em> an der <em>University of California &#8211; Berkeley<\/em> argumentiert, sollte man die \u00bbKonsolidierung\u00ab der italienischen Grenzen nicht nur im engeren Kontext der Staatswerdung, sondern auch im Lichte der imperialistischen Expansion des Landes betrachten. Die ab 1869, noch bevor Rom in den Staat eingegliedert wurde, diskutierte Eroberungspolitik sei ausdr\u00fccklich als Mittel des <em>Nation Buildings<\/em> gerechtfertigt worden. Demnach sollte der Kolonialismus einen einenden patriotischen Geist im Lande f\u00f6rdern und dem Regionalismus entgegenwirken. Kolonialistische Besetzungen in Afrika und und interne Einigung fanden nicht nur im selben Zeitraum statt, ihre Methoden waren dieselben, so Fuller.<\/p>\n<p>Gewaltsame staatliche Kontrolle und Herabw\u00fcrdigungen, wie sie f\u00fcr den Kolonialismus typisch sind, seien ab 1861 auf Sizilien und sp\u00e4ter in Venetien, Trentino oder S\u00fcdtirol brutal auf diejenigen angewandt worden, die nicht dem Bild entsprachen, das die italienische Regierung von italienischen Staatsb\u00fcrgerinnen hatte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig seien auch externe Kolonien wie Eritrea und Libyen oft in absichtlicher Aberkennung ihrer grunds\u00e4tzlichen Andersheit bewusst als <em>a priori<\/em> italienisch dargestellt worden.<\/p>\n<p>Auf Sizilien h\u00e4tten sich Menschen vor allem in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und auf eine Landreform Garibaldis <em>Tausend<\/em> angeschlossen \u2014 doch schon in den 1860ern sei dieser Optimismus verflogen, als Bauernaufst\u00e4nde gerade von den angeblichen Befreiern gewaltsam unterbunden wurden. Und w\u00e4hrend in Frankreich und Gro\u00dfbritannien die kolonisierten V\u00f6lker Afrikas und Asiens studiert wurden, w\u00e4hnte Italien seine eigenen \u00bbPrimitiven\u00ab in den Gebirgsregionen von Abruzzen und Molise sowie auf Sardinien und Sizilien, also im Inneren des neu zusammengeflickten Landes.<\/p>\n<p>Wie in Libyen habe Italien auch in S\u00fcdtirol davon getr\u00e4umt, ein historisches Kontinuum wiederherzustellen und dort anzusetzen, wo das R\u00f6mische Reich aufgeh\u00f6rt hatte. Als w\u00e4re die Geschichte in den dazwischenliegenden Jahrhunderten gestoppt worden. Eine r\u00e4umliche und zeitliche Grenze sei gleichzeitig erfunden und erobert worden, um an eine glorreiche Vergangenheit anzukn\u00fcpfen und sich eine noch hellere Zukunft zu sichern.<\/p>\n<p>Der Umgang mit Libyen und der mit S\u00fcdtirol folgte in der Zwischenkriegszeit laut Fuller demselben Muster. Das Staatsgebiet wurde erweitert und die Anzahl von Italienerinnen innerhalb der neuen Grenzen nahm zu, weil die urspr\u00fcnglichen Einwohnerinnen sowohl physisch als auch kulturell verdr\u00e4ngt wurden.<\/p>\n<p>In 1939 sei die Agenda f\u00fcr beide Gebiete zusammengeflossen. Das bereits kolonisierte Libyen sei auch formell an Italien angegliedert und zu italienischem Festland erkl\u00e4rt worden. \u00dcber Nacht habe man so eine Kolonie zur italienischen Provinz gemacht. In S\u00fcdtirol sollte die Option mehr Raum f\u00fcr eine zu intensivierende Italianisierung machen, die ohne den Zweiten Weltkrieg wohl ihr Ziel erreicht h\u00e4tte. Die kulturelle S\u00e4uberung, die Italien in S\u00fcdtirol umsetzte, sei viel detaillierter und mit Sicherheit wirksamer gewesen als jene in Libyen oder in jeder anderen externen Kolonie. Es habe sich nicht nur um eine Kolonisierung, sondern um eine radikale Ausl\u00f6schung der Andersheit in der Gegenwart und in der Vergangenheit gehandelt.<\/p>\n<p>Aus all den genannten Gr\u00fcnden sei im Falle von Italien die \u00fcbliche historische Differenzierung zwischen Mutterland und Kolonien, wie sie etwa auf das franz\u00f6sische und britische <em>Empire<\/em> Anwendung findet, nicht haltbar.<\/p>\n<p>Die von Tolomei aufgezwungenen Ortsnamen sind bis heute g\u00fcltig und \u2014 so Fuller \u2014 werden wohl die Grenze \u00fcberleben, die Italien f\u00fcr ewig hielt. W\u00e4hrend das Eis in den Alpen schmelze, erweise sich die n\u00f6rdliche Staatsgrenze aus dem kolonialistischen Blickwinkel als eine willk\u00fcrlich gezogene Grenze statt als pr\u00e4destinierte Markierung f\u00fcr alle Zeiten. Der Klimawandel bedrohe die symbolische Best\u00e4ndigkeit des Nationalstaats.<\/p>\n<p><small><em>Mia Fullers Beitrag ist in <\/em>A Moving Border: Alpine Cartographies of Climate Change<em> (Hrsg. A. Bagnato, M. Ferrari, E. Pasqual &#8211; 2019) erschienen.<\/em><\/small><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Italien er\u00f6ffnet Kolonialmuseum wieder.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=61528\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Sudtirolo: Treccani\u2026 colonialista.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=60248\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Ab wann ist Tolomei Geschichte?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=63925\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"El Alamein und Castel Benito.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=43780\"><code>04<\/code><\/a> <a title=\"Postcolonial Italy \u2013 Mapping Colonial Heritage.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=58321\"><code>05<\/code><\/a> <a title=\"Eine Topographie des Grauens.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=63617\"><code>06<\/code><\/a> <a title=\"Militarisiertes Land.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=62934\"><code>07<\/code><\/a> <a title=\"Profit aus faschistischem Unrecht.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=42331\"><code>08<\/code><\/a> <a title=\"Colonie, negazionismo di stato.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=49882\"><code>09<\/code><\/a> <a title=\"L\u2019Italia nelle terre \u00abirredente\u00bb\u2026\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=43899\"><code>10<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Banaler Nationalismus.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=66863\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Albert Memmi: Jede Domination ist relativ.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=69640\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Kolonialistische Toponomastik.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70287\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Limes: S\u00fcdtirol gleichschalten.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=71148\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>04<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Widerst\u00e4ndige Beziehungen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72433\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>05<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Kolonie und Einverleibung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>06<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Black Lives Matter und der italienische Kolonialismus in S\u00fcdtirol.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79753\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>07<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Darum kolonial.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85968\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>08<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Entkolonisiert S\u00fcdtirol?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=100068\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>09<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Laying Claim, einen Text von Mia Fuller \u00fcber den italienischen Kolonialismus, war ich schon vor einigen Jahren gesto\u00dfen. 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