{"id":6473,"date":"2010-10-15T07:28:31","date_gmt":"2010-10-15T05:28:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6473"},"modified":"2025-07-10T16:39:28","modified_gmt":"2025-07-10T14:39:28","slug":"durchstich-am-gotthard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6473","title":{"rendered":"Durchstich am Gotthard."},"content":{"rendered":"<p>Wenn am 15. Oktober 2010 der Durchstich am Gotthard-Basistunnel erfolgt, entsteht mit 57 km der l\u00e4ngste Tunnel der Erde und ein Bauwerk, das von der Gr\u00f6\u00dfenordnung laut <em>Spiegel Online<\/em> mit dem Suezkanal oder dem Panamakanal vergleichbar ist. Der alpenquerende Eisenbahnverkehr wird dann voraussichtlich ab 2017 in eine neue Dimension eintauchen. Schon heute scheint sich die inneralpine Teilung der Verkehrsstr\u00f6me so zu entwickeln, dass die Schweiz vor allem funktionierende Infrastrukturen f\u00fcr den Bahnverkehr schafft und \u00fcber den Brenner und die restlichen Transitrouten vorwiegend LKW-Verkehr abgewickelt wird.<\/p>\n<p>Dabei hatte die Brennerachse im Eisenbahnverkehr schon mal die Nase vorne. Der erste Zug rollte 1867 durch das damals noch vollst\u00e4ndig \u00f6sterreichische Tirol \u00fcber den Brenner. Erst 15 Jahre sp\u00e4ter, im Jahre 1882 folgte die Schweiz mit der Gotthard-Bahnlinie. Nun setzen die Schweizer die Ma\u00dfst\u00e4be, die auf der Brennerachse, wenn \u00fcberhaupt, fr\u00fchestens in 20 Jahren erreicht werden.<\/p>\n<p>Wird die Region des alten Tirol, zwischen Kufstein und Ala, aufgrund ung\u00fcnstigerer politischer Rahmenbedingungen abgeh\u00e4ngt?<br \/>\nWerner B\u00e4tzing, eine der Koryph\u00e4en der Alpenforschung, beschreibt in seinem h\u00f6chst lesenswerten Buch \u201cDie Alpen\u201d (C.H. Beck Verlag) die Herausbildung von \u00fcberregionalen Freiheitsstrukturen, n\u00e4mlich den sogenannten Pass-Staaten ab dem hohen Mittelalter. Solche Pass-Staaten entwickelten sich um einen wichtigen Pass herum und umfassen zudem als Kerngebiet jeweils die beiden Pass-Fu\u00dforte (M\u00e4rkte oder St\u00e4dte an der Stelle, wo die Waren umgeladen wurden, z.B. Innsbruck und Bozen).<\/p>\n<p>Beispiele f\u00fcr Pass-Staaten:<\/p>\n<ul>\n<li>Brenner: Grafschaft Tirol<\/li>\n<li>B\u00fcndner Alpenp\u00e4sse: Graub\u00fcnden (Alt Fry R\u00e4tien)<\/li>\n<li>Gotthard: Schweizer Eidgenossenschaft<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Entwicklungen am Gotthardpass sind eng mit der Entstehung der Schweiz verbunden. Seit 1516 dominieren die Schweizer die Region des Gotthardpasses und somit auch das Tessin, seit 1803 ist dieses als gleichberechtigter Kanton Mitglied der Eidgenossenschaft. W\u00e4hrend die Schweiz ihre politische Unabh\u00e4ngigkeit wahren konnte, hat das alte Tirol seine Unabh\u00e4ngigkeit vollst\u00e4ndig eingeb\u00fc\u00dft \u2014 die Region des Brennerpasses, wurde durch die Zerrei\u00dfung des alten \u201cPass-Staates\u201d Tirol sogar auf zwei Staaten aufgeteilt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Schweiz schon seit geraumer Zeit effiziente Ma\u00dfnahmen gegen den ausufernden LKW-Transitverkehr setzt und eine \u201calpenvertr\u00e4gliche\u201d Verkehrspolitik verfolgt, scheint man im alten Pass-Staat Tirol von einer einheitlichen Transitpolitik weit entfernt zu sein.<br \/>\nNordtirol hat ein LKW Nachtfahrverbot, effiziente Geschwindigkeitsbegrenzungen, LKW-Kontrollstellen und erh\u00f6hte Mautgeb\u00fchren. S\u00fcdtirol konnte sich nicht einmal zu diesen im Vergleich zur Schweiz bescheidenen Ma\u00dfnahmen konsequent durchringen. Vielfach hat es hierf\u00fcr nicht mal die entsprechenden Kompetenzen und m\u00fcsste in Rom betteln gehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Schweiz \u00fcber den Gotthard-Basistunnel selbst entscheiden kann \u2014 die definitive Zustimmung basiert auf einer Volksbefragung \u2014 und die Planungen und Bauausf\u00fchrungen nach gewohnten Schweizer Qualit\u00e4tskriterien erfolgen, verzahnen sich auf der Brennerachse verschiedenste Entscheidungsebenen:<br \/>\nEinmal die EU, f\u00fcr die der freie Waren- und Personenverkehr eine der vier Grundfreiheiten darstellt und wo die Verlagerung von der Stra\u00dfe auf die Schiene vor allem in Konzeptpapieren, aber nicht in der Realit\u00e4t erfolgt.<br \/>\nAm Brenner treffen sich neben dem Bundesland (Nord-)Tirol und der autonomen Region S\u00fcdtirol weiters die Alpenrepublik \u00d6sterreich und Italien.<br \/>\n\u00d6sterreich betreibt als klassischer Alpenstaat zwar eine alpenfreundliche Politik, hat sich aber im Gegensatz zur Schweiz nie zu einer konsequenten Bevorzugung der Bahn durchringen k\u00f6nnen.<br \/>\nF\u00fcr Italien sind die Alpen eine Randregion, der nie Sensibilit\u00e4t entgegengebracht wurde.<br \/>\nAbgesehen von den autonomen Regionen S\u00fcdtirol und Trentino, die aufgrund einer in Teilbereichen funktionierenden Autonomie eine alpenfreundliche Entwicklung forcieren konnten, ist in den meisten restlichen italienischen Alpenregionen die wirtschaftliche, soziale und vor allem demografische Entwicklung als katastrophal zu bezeichnen. Keine Alpenregion hat einen derartigen demografischen Niedergang erfahren wie die piemontesischen Alpent\u00e4ler oder das alpine Hinterland von Udine. \u201cViele Entwicklungen, wie etwa die touristische Entwicklung der italienischen Alpen, wurde von Kapital aus den gro\u00dfen italienischen St\u00e4dten getragen, also exogen bestimmt. Die gro\u00dfen Touristenzentren sind \u00f6konomische und kulturelle Fremdk\u00f6rper im Alpenraum, die die Abwanderung der Einheimischen nicht verhindern k\u00f6nnen bzw. wollen.\u201d (B\u00e4tzing, Werner: Die Alpen: C.H. Beck Verlag, M\u00fcnchen 2003, S 154). Im Zweifelsfalle werden die Interessen der gro\u00dfen, alpenfernen Zentren durchgedr\u00fcckt. Dieser Gegensatz manifestiert sich sogar in S\u00fcdtirol, wenn bestimmte Kreise in Bozen abseits jeglicher wissenschaftlicher Grundlagen, Bozen als modern hinstellen und die l\u00e4ndlichen Gebiete S\u00fcdtirols als r\u00fcckst\u00e4ndig und hinterw\u00e4ldlerisch.<\/p>\n<p>In diesem politischen Kontext ist es schwer vorstellbar, dass auf der Brennerachse eine der Gotthard-Route vergleichbare Transit- und Verkehrspolitik umgesetzt wird. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass der Brennerbasistunnel in einer dem Gotthard-Tunnel vergleichbaren professionellen Art und Weise, rasch gebaut wird und die regionalen Interessen zentral ber\u00fccksichtigt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn am 15. Oktober 2010 der Durchstich am Gotthard-Basistunnel erfolgt, entsteht mit 57 km der l\u00e4ngste Tunnel der Erde und ein Bauwerk, das von der Gr\u00f6\u00dfenordnung laut Spiegel Online mit dem Suezkanal oder dem Panamakanal vergleichbar ist. Der alpenquerende Eisenbahnverkehr wird dann voraussichtlich ab 2017 in eine neue Dimension eintauchen. Schon heute scheint sich die [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6473","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entity-eu","location-nord-osttirol","location-sudtirolo","location-svizra","location-ticino","language-deutsch","medium-spiegel","person-werner-batzing","topic-comparatio","topic-ecologia","topic-ov","topic-politik","topic-tourismus","topic-wirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6473"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6473\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68569,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6473\/revisions\/68569"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}