{"id":64835,"date":"2021-05-07T00:06:14","date_gmt":"2021-05-06T22:06:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64835"},"modified":"2021-05-08T19:54:28","modified_gmt":"2021-05-08T17:54:28","slug":"generation-c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64835","title":{"rendered":"Generation C."},"content":{"rendered":"<p>Es ist v\u00f6llig klar, dass viele Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten mit der Bew\u00e4ltigung der derzeitigen Krise haben, die so weit gehen k\u00f6nnen, dass sie Pathologien der Psyche entwickeln. Besonders betroffen scheinen laut mehreren Studien Kinder aus wirtschaftlich benachteiligtem Umfeld zu sein. Die Corona-Pandemie hat n\u00e4mlich soziale Ungleichheiten noch einmal versch\u00e4rft. Die technischen und r\u00e4umlichen Voraussetzungen zur Teilhabe am Fernunterricht, die Betreuung durch die Eltern zu Hause wie auch die M\u00f6glichkeiten der Freizeitgestaltung und des Abschaltens sind in einer ger\u00e4umigen Vorstadtwohnung mit Garten einer gutb\u00fcrgerlichen Akademikerfamilie, in der jedes Kind ein eigenes Zimmer mit Laptop und Breitbandinternet hat, gewiss andere als in einer kleinen innerst\u00e4dtischen Zwei-Zimmer-Mietwohnung einer alleinerziehenden Mindestlohnbezieherin im f\u00fcnften Stock ohne Balkon.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie beim Long-Covid-Problem sind die politischen Entscheidungstr\u00e4gerinnen und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen gefordert, diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen, indem sie die n\u00f6tigen Ressourcen zur Verf\u00fcgung stellen, die Lage wissenschaftlich erheben und auf die Erkenntnisse entsprechend reagieren. Der Gap, den Corona aufgerissen bzw. verbreitert hat, muss mit allen Mitteln wieder zugesch\u00fcttet werden &#8211; so gut es geht.<\/p>\n<p>Das Problem psychisch belasteter und abgeh\u00e4ngter Kinder ist real und geh\u00f6rt behandelt, &#8211; doch jetzt kommt das gro\u00dfe aber &#8211; ABER tun wir bitte nicht so, als ob wir zur Zeit eine ganze Generation schwer traumatisierter, ungebildeter und hoffnungsloser Kinder heranz\u00fcchten w\u00fcrden. Das ist schlichtweg nicht der Fall, auch wenn das manche Eltern (die sich nicht notwendigerweise in eben diesen prek\u00e4ren Situationen befinden, in denen sie berechtigten Grund zur Klage h\u00e4tten) sich selbst und ihren Spr\u00f6sslingen einreden wollen. Und wenn sie lange genug durchhalten, wird ihr Bem\u00fchen vielleicht sogar zur selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung. Doch was Kinder und Jugendliche jetzt am wenigsten brauchen ist &#8211; bei allem Bewusstsein, dass manche Familien tats\u00e4chlich existenzbedrohende Probleme haben &#8211; Jammerei, Angstmache und das Gef\u00fchl der Ohnmacht.<\/p>\n<p>Doch wenn Eltern ihre Kinder vom Pr\u00e4senzunterricht &#8211; den sie w\u00e4hrend der Zeit des Fernunterrichts stets herbeigesehnt haben &#8211; nur aus dem Grund fernhalten, weil sie nicht wollen, dass ihr Spr\u00f6ssling den deppaten (vielleicht sogar todbringenden!1!1!!!11) Fetzen im Gesicht tr\u00e4gt oder am &#8220;Nasenbohrertest&#8221; teilnimmt, dann vermitteln sie genau das: Angst und Ohnmacht. Absurderweise tun sie dies noch oft mit dem Argument, dass Kinder, die positiv getestet werden, dann &#8220;stigmatisiert&#8221; werden w\u00fcrden. Es ist aber nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht stigmatisierend, wenn ein Kind als einziges zu Hause bleiben muss, weil es an einem v\u00f6llig harmlosen Test (dessen N\u00fctzlichkeit man freilich hinterfragen darf), der vielen Kindern sogar Spa\u00df macht (zumindest ist es bei meinem Sohn so) und ihnen ein Gef\u00fchl von Eigenverantwortung vermittelt, nicht teilnehmen darf. Wenn sie ihnen dann noch st\u00e4ndig vorkauen, dass wir alle nur ein Spielball irgendwelcher sinistrer Interessen von Eliten w\u00e4ren, die ihren perfiden Plan gegen die gesamte Menschheit mittels Giftspritze durchboxen wollen und man folglich prophylaktisch allem und jedem mit Misstrauen begegnen muss, dann ist das Trauma wohl tats\u00e4chlich perfekt. Nur ist daran dann halt nicht Corona schuld. Was Kinder in der jetzigen Situation sehr wohl brauchen sind Zutrauen, positive Impulse und freundliche, besonnene und nicht zornige Menschen, denen sie sich anvertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste M\u00e4r ist die vom ach so gro\u00dfen Bildungsverlust und dem &#8220;verlorenen Jahr&#8221;. Wiederum gibt es eine kleine Minderheit, auf die das tats\u00e4chlich zutrifft. Jedoch f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gab es 2020 vielleicht ein Defizit was konkrete Fachinhalte und (googlebares) Fachwissen betrifft, aber im Gegenzug auch enorme Impulse bez\u00fcglich (lebens)wichtiger F\u00e4higkeiten wie Selbstorganisation, Selbstst\u00e4ndigkeit, Eigenrecherche, Informationsbewertung, Durchhalteverm\u00f6gen, Motivation, Mediennutzung usw. Auch das ist Bildung. Oder vielleicht sogar gerade das. Die Schule als Ganzes hat im vergangenen Jahr einen didaktischen und technischen Innovationsschub erhalten, der ohne Corona in diesem Ausma\u00df und in dieser Geschwindigkeit nicht denkbar gewesen w\u00e4re. Curricula wurden (gezwungenerma\u00dfen) entr\u00fcmpelt, neue Unterrichtsformen mittels Try-and-Error ausprobiert und es wurde kommunikationstechnisch aufger\u00fcstet. Und alle &#8211; Sch\u00fcler-, Eltern- und Lehrerschaft &#8211; haben gemeinsam dazu beigetragen und Gro\u00dfartiges geleistet. Darauf kann man auch einmal stolz sein, anstatt den nicht existenten allgemeinen Bildungsnotstand heraufzubeschw\u00f6ren und ein paar verlorenen Wiederholungsstunden nachzutrauern. Und wenn ich an meine eigene Schulzeit zur\u00fcckdenke, habe ich gewiss gar einige Jahre &#8220;verloren&#8221;, was jedoch einem Virus namens Faulheit geschuldet war. Dennoch bringe ich einigerma\u00dfen gerade S\u00e4tze zuwege und kann zwei und zwei zusammenz\u00e4hlen. Lassen wir also die Kirche im Dorf!<\/p>\n<p>Und zu guter Letzt hat Corona &#8211; zumindest vor\u00fcbergehend &#8211; mit einer Unsitte aufger\u00e4umt, die der kindlichen Psyche meines Erachtens mitunter mehr Schaden zuf\u00fcgen kann als ein eigenartiges, verzichtreiches aber f\u00fcr die meisten von uns doch bew\u00e4ltigbares Jahr, vor allem &#8211; und man verzeihe mir den Whataboutism &#8211; wenn man sich die Situation von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten vor Augen f\u00fchrt. Die Unsitte, die ich meine ist die Dauerbespa\u00dfung unseres Nachwuchses, der ihnen vielfach Terminkalender beschert, die jenen von Topmanagern \u00e4hneln, und die kindliche Spontaneit\u00e4t und Kreativit\u00e4t gnadenlos abw\u00fcrgt. Aufstehen, Schule, Mittagessen, Sportverein, Musikschule, noch ein Sportverein, Nachhilfe, Gute Nacht.<\/p>\n<p>Corona &#8211; nat\u00fcrlich au\u00dferhalb der Lockdowns &#8211; hat es m\u00f6glich gemacht, dass sich Kinder wieder spontan und ungezwungen &#8211; und vor allem ohne Erwachsenenaufsicht mit vagen Regeln und Zeitlimits &#8211; im Freien (!) &#8211; anstatt vor dem Computer &#8211; treffen und die Welt erkunden, ohne dass einer mitten in der spannendsten Entdeckung oder ausgerechnet w\u00e4hrend des Elfmeterschie\u00dfens sagt: &#8220;Ich muss weg. Mama f\u00e4hrt mich zum Fu\u00dfballtraining.&#8221; (Meinen Kindern, die maximal einen Fixtermin in der Woche haben, ist das vor Corona nicht selten passiert). Im Lockdown durften Kinder auch endlich wieder ihr Menschenrecht auf Langeweile in Anspruch nehmen und waren gezwungen, zun\u00e4chst nervig und dann kreativ zu sein, anstatt von ihren &#8220;Fr\u00fchf\u00f6rderern&#8221; von einem Event zum n\u00e4chsten gekarrt zu werden. Und Eltern haben tats\u00e4chlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht, anstatt Chauffeur zu spielen. Quality-Time auf Neudeutsch. Freilich, Oma und Opa haben sie vermisst. Und manch anderes auch. Aber sie haben auch so viel gewonnen in dieser Zeit, was vieles von den Entbehrungen aufgewogen, wenn nicht gar \u00fcberwogen hat. Der Wunsch, das einiges davon bleibt, ist gro\u00df. Die Hoffnung, dass dies tats\u00e4chlich passiert, wenn wieder Normalit\u00e4t einkehrt, eher klein.<\/p>\n<p>Auch meine Kinder w\u00fcnschen sich, dass Corona bald vorbei ist. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie keinen Schaden davontragen werden, da ich sie sogar aufbl\u00fchen habe sehen. Egal was kommt, das spontane und kreative Kindsein, die sch\u00f6nen und pr\u00e4genden Erfahrungen und die Schritte in die Selbstst\u00e4ndigkeit, die sie in diesem Jahr gemacht haben, kann ihnen niemand mehr nehmen. Es war eine gewonnenes Jahr.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist v\u00f6llig klar, dass viele Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten mit der Bew\u00e4ltigung der derzeitigen Krise haben, die so weit gehen k\u00f6nnen, dass sie Pathologien der Psyche entwickeln. Besonders betroffen scheinen laut mehreren Studien Kinder aus wirtschaftlich benachteiligtem Umfeld zu sein. Die Corona-Pandemie hat n\u00e4mlich soziale Ungleichheiten noch einmal versch\u00e4rft. 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