{"id":6491,"date":"2010-10-19T13:48:16","date_gmt":"2010-10-19T11:48:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6491"},"modified":"2024-10-21T18:37:39","modified_gmt":"2024-10-21T16:37:39","slug":"wir-verbrauchen-zuwanderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6491","title":{"rendered":"Wir (ver)brauchen Zuwanderung!"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich einmal mehr \u00fcber den Namen Warren Buffett im Zusammenhang mit Philanthropie gestolpert bin, Jean Ziegler unl\u00e4ngst in S\u00fcdtirol weilte und p\u00e9rvasion mich mit seinem <a title=\"Grenzenlose Blau\u00e4ugigkeit.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6253\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Radikalvorschlag<\/a> binnen 50 Jahren die Freiz\u00fcgigkeit des Personenverkehrs weltweit umzusetzen um die Ungerechtigkeit zu beseitigen begeisterte, m\u00f6chte ich einen Widerspruch aufgreifen, der in der momentanen Migrations- und Integrationsdebatte anscheinend \u00fcberhaupt nicht beleuchtet wird und dessen Pr\u00e4senz so gut wie niemandem aufzufallen geschweige denn jemanden zu st\u00f6ren scheint.<\/p>\n<p><em><strong>Es sei mir erlaubt, zuvor jedoch ein wenig auszuholen:<\/strong> <\/em><br \/>\nWarren Buffett ist Investor. Durch das Verschieben von Geld und Aktienpaketen hat er 45 Milliarden Dollar angeh\u00e4uft und gilt als drittreichster Mann der Welt. Buffett hat nichts Gro\u00dfartiges erfunden oder produziert. Er hatte einfach nur \u2013 wie man so sch\u00f6n sagt \u2013 ein gutes N\u00e4schen. Durch die ungeheuren Summen, die da verschoben wurden und immer noch werden, hatte sein Tun jedoch unweigerlich Einfluss auf die Lebenswirklichkeit zehntausender Menschen auf der ganzen Welt. Einige wenige wurden mit und durch Buffett unermesslich reich, w\u00e4hrend viele andere durch sein Handeln ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Heute wird der 80-J\u00e4hrige als Philanthrop gefeiert, weil er angek\u00fcndigt hat, 99 Prozent seines Verm\u00f6gens wohlt\u00e4tigen Zwecken zukommen lassen zu wollen.<\/p>\n<p>Irgendwie erinnert mich dieser Warren Buffett immer an \u2013 in Ermangelung eines besseren Ausdrucks \u2013 \u201cden Westen\u201d, die Industrienationen, an uns sozusagen, wenn es um die Bek\u00e4mpfung der Armut und der Ungerechtigkeit in der Welt geht. In diesem Zusammenhang hat der ehemalige UN-Sonderberichterstatter f\u00fcr das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, folgenden mittlerweile ber\u00fchmten Satz gepr\u00e4gt: \u201cEs kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen\u201d. Genau das denke ich mir wieder und wieder, wenn ich vom Gefeilsche um BIP-Abgabequoten auf so genannten Konferenzen zur Entwicklungsfinanzierung h\u00f6re. Und genau das habe ich mir auch gedacht, als ich mehr hilflos als arrogant, den zig bettelnden Kindern in Kambodscha, Indien oder Vietnam einen Dollar Almosen verweigerte.<\/p>\n<p>Solange die EU die hiesige Agrarwirtschaft mit hunderten Milliarden subventioniert und dadurch die vom Prim\u00e4rsektor gepr\u00e4gte Wirtschaft in den s\u00fcdlicher gelegenen L\u00e4ndern ruiniert, solange durch unser Konsumverhalten die aufgrund der Beliebtheit der H\u00fchnerbr\u00fcste \u00fcberfl\u00fcssigen H\u00fchnerfl\u00fcgel und -schenkel zu Ramschpreisen auf afrikanischen M\u00e4rkten landen und dadurch die dortigen Bauern mit ihrer frischen Ware gegen\u00fcber den verdorbenen Abf\u00e4llen aus Europa das Nachsehen haben, solange im Namen US-amerikanischer Saatgutfirmen ganze Landstriche in S\u00fcdamerika mit Monokulturen wie Soja, Futtermais und \u00d6lpalmen ausgelaugt werden, w\u00e4hrend daneben Menschen verhungern, \u2026 (diese Liste lie\u00dfe sich endlos weiterf\u00fchren), solange ist die scheinbare Philanthropie des Westens, sind die Schuldenerl\u00e4sse und die Entwicklungshilfe reiner Zynismus.<\/p>\n<p>Dass man den Zynismus und schlussendlich die Menschenverachtung allerdings noch weiter treiben kann, zeigt die derzeit laufende und durch oben genannte Umst\u00e4nde beg\u00fcnstige massive Wanderbewegung, die auf s\u00e4mtlichen Kan\u00e4len, in s\u00e4mtlichen europ\u00e4ischen Staaten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit allabendlich diskutiert wird und wo sich Politiker wie Experten \u2013 einer um den anderen \u2013 mit fadenscheinigen Weisheiten hervortun. Und es dauert auch meist nicht lange, dann kommt jener Satz, auf den ich jedes Mal wieder gespannt warte und der mich ob seiner Unverfrorenheit jedes Mal wieder aufs Neue verbl\u00fcfft: \u201cWir brauchen Zuwanderung\u201d. Diesbez\u00fcglich sind sich ja zwischenzeitlich beinahe alle einig. Bis auf ein paar rechtsextremistische Wirrk\u00f6pfe, die Zuwanderung prinzipiell aus niedrigsten \u2013 weil rassistischen und nationalistischen \u2013 Gr\u00fcnden ablehnen, t\u00f6nt es von der Sozialdemokratie, \u00fcber die Konservativen bis hin zu den Gr\u00fcnen: \u201cWir brauchen Zuwanderung\u201d. Die einen wollen damit das Pensionssystem retten, die anderen sehen einen Fachkr\u00e4ftemangel der Wirtschaft bei den H\u00f6herqualifizierten und wieder andere stehen einfach nach wie vor auf \u201cMulitkulti\u201d. Kaum einen scheint es zu st\u00f6ren, ja niemand will es bemerken, dass dieser Satz in bester europ\u00e4ischer Ausbeutertradition steht. Egoismus pur. R\u00fccksichtslosigkeit par excellence. &#8220;Wir brauchen&#8221; &#8211; also holen wir es uns. Ob das dem Geholten auch zum Vorteil gereicht ist dabei einerlei.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns zur\u00fcck, was Europa und sp\u00e4ter die USA bereits alles gebraucht haben. Im Selbstbedienungsladen Afrika holte man sich zugleich mit den billigen Arbeitskr\u00e4ften, weil Sklaven, auch gleich dessen Rohstoffe. Auch brauchten wir Siedlungsland, welches wir in Nord- und S\u00fcdamerika sowie in Australien fanden und uns zu Eigen machten, obwohl eigentlich schon jemand anderer dort war. Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten wir dann Asien als schier endloses Reservoir an Humankapital. Erst machten die lieben T\u00fcrken und Pakistaner die Drecksarbeit bei uns, dann brachten wir &#8211; weil&#8217;s einfacher ist und weniger Probleme bringt &#8211; die Drecksarbeit zu ihnen. Somit sparten wir uns die l\u00e4stigen Umweltauflagen, die noch l\u00e4stigere Integration und die stinkenden Abgase der Fabriken und h\u00e4sslichen grauen Produktionshallen verschandelten fortan auch nicht mehr unser idyllisches Landschaftsbild. Nicht wenige brauchten eine Frau und holten sie sich in Thailand. Schlie\u00dflich wird &#8220;unser \u00d6l&#8221; im Nahen Osten noch mit Kriegsgewalt verteidigt und der Farmer in Brasilien gezwungen den Regenwald zu roden um unser Futtermittel und unseren Biotreibstoff anzubauen. \u00dcberspitzt ausgedr\u00fcckt: Land, Arbeitskraft und Rohstoffe haben wir uns bereits genommen, jetzt holen wir uns auch noch das Hirn und die Geb\u00e4rmutter.<\/p>\n<p>Und ich h\u00f6re schon, wie es mir entgegenschallt: &#8220;Aber das kann man nicht vergleichen. Zuwanderung ist doch ein Austausch, das ist Symbiose!&#8221; Auf individueller Ebene mag das stimmen. Der amerikanische Computerkonzern profitiert vom indischen Softwareentwickler und dieser freut sich \u00fcber den h\u00f6heren Lohn, den er erh\u00e4lt und die tolle Lebensqualit\u00e4t, die er genie\u00dft. Aber auf gesellschaftlicher Ebene sieht die Bilanz ganz anders aus. Die f\u00fchrenden, ohnehin schon reichen Gesellschaften gewinnen, die Gesellschaft im Herkunftsland der Zuwanderer verliert. Das ist nicht symbiotisch sondern parasit\u00e4r. Denn einmal abgesehen von zehntausenden bewaffneten &#8220;Friedens- und Freiheitsbringern&#8221; ist mir nicht bekannt, dass Scharen aus Europa und den USA in die Gegenrichtung nach Afghanistan, Pakistan oder den Irak ziehen. Europa und die Vereinigten Staaten sind f\u00fcr einen Brain-Drain verantwortlich, der die Entwicklung der betroffenen L\u00e4nder bereits jetzt nachhaltig sch\u00e4digt. Und den Aussagen der Politiker zufolge soll dieser Hirnschmalzabfluss nun auch noch gezielt gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Die &#8220;qualifizierte Zuwanderung&#8221; von Facharbeitern ist schlichtweg unlauterer Wettbewerb. Die Industrienationen gleichen die Defizite ihrer Bildungssysteme, welche nicht nach dem notwendigen Bedarf Absolventen ausspucken, dadurch aus, indem sie ihre &#8220;Strahlkraft&#8221; in Form ihres erstohlenen Wettbewerbsvorteils insofern ausn\u00fctzen, als dass sie die Entwicklungsl\u00e4nder genau dort treffen, wo es wirklich weh tut. An Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr die Produktion, Land und Rohstoffen mangelt es diesen ja meist nicht, sehr wohl aber am Know-how. Und das wenige wird ihnen durch den Brain-Drain der &#8220;qualifizierten Zu- bzw. Abwanderung&#8221; genommen.<\/p>\n<p>Das systemimmanente Versagen unseres Pensionssystems durch Zuwanderung abfedern zu wollen, ist hingegen nicht nur dumm, sondern im h\u00f6chsten Ma\u00dfe unmoralisch. Eine Gesellschaft, die sich durch die nat\u00fcrliche Geburtenrate nicht mehr selbst reproduziert und trotz h\u00f6herer Lebenserwartung das Pensionsantrittsalter nicht der selbigen anpasst, hat ein gesellschaftliches und systemisches Problem, f\u00fcr dessen L\u00f6sung Ma\u00dfnahmen getroffen und nicht blo\u00df Symptome bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Da sich die Geburtenrate bei Zuwanderern, wenn sie in der zweiten Generation bei uns sind und ein dem durchschnittlichen Einheimischen \u00e4hnliches Bildungsniveau aufweisen, immer mehr jener der &#8220;westlichen&#8221; Bev\u00f6lkerung anpasst, ergibt sich ein Teufelskreis und die immer wieder ben\u00f6tigten &#8220;frischen&#8221; Zuwanderer werden de facto zu Geb\u00e4rmaschinen degradiert. Sobald die Integration n\u00e4mlich einigerma\u00dfen gl\u00fcckt und die von allen geforderte Bildung auch bei den Zuwanderern greift (was sich ja alle w\u00fcnschen), sinkt auch deren Geburtenrate und deren Motivation, die Drecksarbeit zu erledigen und das Spiel beginnt von vorne, mit einer neuen ungebildeten, unterprivilegierten Zuwandererschicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich einmal mehr \u00fcber den Namen Warren Buffett im Zusammenhang mit Philanthropie gestolpert bin, Jean Ziegler unl\u00e4ngst in S\u00fcdtirol weilte und p\u00e9rvasion mich mit seinem Radikalvorschlag binnen 50 Jahren die Freiz\u00fcgigkeit des Personenverkehrs weltweit umzusetzen um die Ungerechtigkeit zu beseitigen begeisterte, m\u00f6chte ich einen Widerspruch aufgreifen, der in der momentanen Migrations- und Integrationsdebatte anscheinend [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6491","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entity-eu","location-afrika","location-america","location-australia","location-europa","location-usa","language-deutsch","topic-colonialismi","topic-migraziun","topic-politik","topic-racism","topic-solidariete","topic-wirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6491"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":47230,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6491\/revisions\/47230"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}