{"id":6826,"date":"2011-01-13T12:06:59","date_gmt":"2011-01-13T11:06:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6826"},"modified":"2025-06-26T20:42:09","modified_gmt":"2025-06-26T18:42:09","slug":"sudtiroler-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=6826","title":{"rendered":"S\u00fcdtiroler Deutsch."},"content":{"rendered":"<p>Harald hat mich \u2014 aus welchem Grund auch immer \u2014 auf diesen <em>Wikipedia<\/em>-Eintrag \u00fcber die S\u00fcdtiroler Variet\u00e4t der deutschen Sprache aufmerksam gemacht. Ich will ihn hier wiedergeben und nur in den Kommentaren sagen, was ich davon halte. Mich w\u00fcrde nat\u00fcrlich auch die Meinung der Leserinnen interessieren.<\/p>\n<blockquote><p><strong>S\u00fcdtiroler Deutsch<\/strong> ist eine <a title=\"Variet\u00e4t (Linguistik)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Variet%C3%A4t_%28Linguistik%29\">Variet\u00e4t<\/a> des Deutschen und durch <a title=\"Interferenz (Linguistik)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Interferenz_%28Linguistik%29\">Interferenzen<\/a> aus dem Italienischen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Kohlern_Bozen_Schild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/3\/35\/Kohlern_Bozen_Schild.jpg\/180px-Kohlern_Bozen_Schild.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"140\"\/><\/a><em>Typisch zweisprachige Aufschrift in S\u00fcdtirol mit Grammatikfehler (Kohlern bei Bozen).<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Entstehung des Landes S\u00fcdtirol<\/strong><\/p>\n<p>Anders als z.B. im Falle der sog. <em>nationalen Variet\u00e4t<\/em> <a title=\"\u00d6sterreichisches Deutsch\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96sterreichisches_Deutsch\">\u00d6sterreichisches Deutsch<\/a> sind in S\u00fcdtirol unstrittig sowohl die Voraussetzungen zur Herausbildung einer an geographisch-politischen Grenzen festzumachenden sprachlichen Sonderentwicklung als auch faktisch konstatierbare <em>S\u00fcdtirolerismen<\/em> gegeben, die definitionsgem\u00e4\u00df tats\u00e4chlich auf S\u00fcdtirol beschr\u00e4nkt sind und in S\u00fcdtirol heute vom Gro\u00dfteil der Sprecher als <em>standardsprachlich<\/em> angesehen werden.<\/p>\n<p>Bis zum <a title=\"Erster Weltkrieg\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erster_Weltkrieg\">Ersten Weltkrieg<\/a> war das Gebiet des heute so benannten <a title=\"S\u00fcdtirol\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%BCdtirol\">S\u00fcdtirol<\/a> (italienischer Verwaltungsbegriff: <em>Provincia Autonoma di Bolzano)<\/em> Teil der Grafschaft <a title=\"Tirol\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tirol\">Tirol<\/a>, die auch gro\u00dfe rein italienischsprachige Gebiete umfasste (sog. Welschtirol, z.B. Trentino) und seit dem Tod <a title=\"Margarete von Tirol\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Margarete_von_Tirol\">Margaretes von Maultasch<\/a> durch Personalunion der neuen Tiroler Landesherren zum Habsburgerreich geh\u00f6rte. Durch den <a title=\"Vertrag von Saint-Germain\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vertrag_von_Saint-Germain\">Vertrag von Saint-Germain<\/a> kam jedoch auch das \u00fcberwiegend deutschsprachige Gebiet s\u00fcdlich des Alpenhauptkammes bis Salurn an Italien und wurde mit dem Trentino zu einer mehrheitlich italienischsprachigen Region vereint.<\/p>\n<p>Unter Mussolini wurde der Versuch unternommen, S\u00fcdtirol zu italianisieren bzw. an die italienische Kultur zu assimilieren, d.h. Orts- und Familiennamen wurden von <a title=\"Ettore Tolomei\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ettore_Tolomei\">Ettore Tolomei<\/a> durch italienische, oft frei erfundene Namen ersetzt und die Zuwanderung von Italienern aus anderen Regionen gef\u00f6rdert. Dadurch entstand s\u00fcdlich von <a title=\"Bozen\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bozen\">Bozen<\/a> ein ausgedehntes Gewerbegebiet (Alu-Werke) und westlich der Talfer eine italienische Neustadt mit faschistischer Architektur (Siegesdenkmal, jetziger Corso della libert\u00e0&nbsp;). Eine Enteignung oder Vertreibung der Tiroler Volksgruppe, die in S\u00fcdtirol zahlenm\u00e4\u00dfig immer die Mehrheit stellte und wirtschaftlich durch die eintr\u00e4gliche Landwirtschaft abgesichert war, bzw. eine ethnische S\u00e4uberung wurde von den italienischen Faschisten dagegen nie betrieben oder geplant. Erst Hitler strebte eine Umsiedlung der Tiroler Volksgruppe an. Im Zuge der sog. <a title=\"Option in S\u00fcdtirol\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Option_in_S%C3%BCdtirol\">Option<\/a> mussten die S\u00fcdtiroler 1939 zwischen einem Verbleib in einem italianisierten S\u00fcdtirol oder der Aussiedlung in die sp\u00e4ter von den Nazis im Zweiten Weltkrieg besetzten Ostgebiete w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der S\u00fcdtiroler stimmte zwar f\u00fcr das vermeintliche Deutschtum bzw. die Auswanderung, doch verlie\u00df wegen der Kriegswirren nur ein kleiner Teil tats\u00e4chlich S\u00fcdtirol und wurde gr\u00f6\u00dftenteils in S\u00fcdtiroler-Wohnsiedlungen in \u00d6sterreich aufgefangen. Nach dem Weltkrieg kehrten viele der sog. <em>Optanten<\/em> dank des <a title=\"Gruber-De-Gasperi-Abkommen\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gruber-De-Gasperi-Abkommen\">Gruber-De-Gasperi-Abkommens<\/a> wieder nach S\u00fcdtirol zur\u00fcck, zumal sich Italien im Geiste der Auss\u00f6hnung verpflichtete, den <em>Optanten<\/em> wieder die italienische Staatsb\u00fcrgerschaft zu verleihen.<\/p>\n<p>Bis zum vollst\u00e4ndigen Inkrafttreten des <a title=\"S\u00fcdtirol-Paket\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%BCdtirol-Paket\">Autonomiestatutes<\/a> pr\u00e4gten ethnische Spannungen und sichtbare Polizei- und Milit\u00e4rpr\u00e4senz weiterhin den Alltag in S\u00fcdtirol, sp\u00e4testens seit den Neunzigern ist aber von einer breiten Zustimmung der S\u00fcdtiroler zur Zugeh\u00f6rigkeit zum Staat Italien auszugehen. Politische Bestrebungen, eine Eigenstaatlichkeit oder sog. Selbstbestimmung (<a title=\"Eva Klotz\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eva_Klotz\">Eva Klotz<\/a>) anzustreben, sind auf kleinste Gruppierungen beschr\u00e4nkt und eine R\u00fcckkehr zur <em>Schutzmacht<\/em> \u00d6sterreich, deren internationalem Engagement auch vor der UNO die Erlangung der Autonomie zu verdanken ist, wird von keiner politischen Partei gefordert. Auch die langj\u00e4hrige Regierungspartei SVP, eine urspr\u00fcnglich rein ethnisch definierte Sammelpartei, strebt keine \u00c4nderung des Status Quo oder gar eine Volksabstimmung an, da mit einem breiten Bekenntnis zur Zugeh\u00f6rigkeit zum Staat Italien zu rechnen w\u00e4re und damit dem durch das Autonomie-Statut dem Land S\u00fcdtirol einger\u00e4umten Sonderstatus die Legitimation entzogen w\u00fcrde. De facto bewirkte das Autonomie-Statut eine Art Eigenstaatlichkeit S\u00fcdtirols, \u00fcbergeordnete (d.h. staatliche bzw. italienische) Kontrollinstanzen fehlen weitgehend und auch in jenen Bereichen, in denen keine Autonomie vorgesehen w\u00e4re (Oberschulen), werden staatliche Gesetze nur bedingt verwirklicht, zumal in der rechtspraxis oft Unklarheit herrscht, wieweit nationale, d.h. italienische Bestimmungen auf S\u00fcdtiroler Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcbertragen w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Sprachliche Faktoren<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation des Deutschen in S\u00fcdtirol unterscheidet sich von jener der Nachbarl\u00e4nder und \u00e4hnelt in gewissem Sinne der Rolle der Mundart und dem Einfluss des Romanischen in der Schweiz:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>fehlende Verst\u00e4dterung:<\/strong> der Gro\u00dfteil der S\u00fcdtiroler lebt in D\u00f6rfern und Kleinstst\u00e4dten, selbst in der einzigen <a title=\"Gro\u00dfstadt\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fstadt\">Gro\u00dfstadt<\/a>, d.h. Bozen, erreicht der Anteil der deutschen Bev\u00f6lkerung gerade einmal die Ausma\u00dfe einer Kleinstadt.<\/li>\n<li><strong>Lebendigkeit des Dialekts:<\/strong> in vielen Bereichen des t\u00e4glichen Lebens (selbst an h\u00f6heren Schulen, f\u00fcr die gesetzlich der Gebrauch des Standarddeutschen vorgeschrieben w\u00e4re) dominiert die Mundart, eine \u00fcberregionale Umgangssprache fehlt weitgehend und eine dialektfreie Standardsprache, wie sie in weiten Teilen Deutschlands vorherrscht, wird als fremd abgelehnt, weshalb auch nur bedingt von <a title=\"Diglossie\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Diglossie\">Diglossie<\/a> gesprochen werden kann.<\/li>\n<li><strong>Distanz zur Schriftsprache:<\/strong> die deutsche Standardsprache wird oft als fremd empfunden und Defizite im sprachlichen Ausdruck sogar der Gymnasiasten wurden im Auftrag der S\u00fcdtiroler Landesregierung u.a. durch die Studie DESI wissenschaftlich nachgewiesen.<sup id=\"cite_ref-0\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=S%C3%BCdtiroler_Deutsch&amp;printable=yes#cite_note-0\"><code>01<\/code><\/a><\/sup><\/li>\n<li><strong>fehlender Austausch mit sprachlich verwandten Regionen:<\/strong> anders als z.B. in \u00d6sterreich, wo sich ein reger Bev\u00f6lkerungsaustausch unter den einzelnen Dialekt(unter)gruppen nachweisen l\u00e4sst, ruht S\u00fcdtirol gewisserma\u00dfen in sich selbst. Mit der Errichtung universit\u00e4rer Bildungseinrichtungen auch in Kleinstst\u00e4dten wie Brixen und Bruneck (Fachhochschulen wie die sog. Freie Universit\u00e4t Bozen oder die Europ\u00e4ische Akademie u.\u00e4.) besteht f\u00fcr junge S\u00fcdtiroler keine Notwendigkeit mehr, den Heimatort jemals zu verlassen. Das S\u00fcdtiroler Schulamt weigerte sich sogar noch bis 2007 grunds\u00e4tzlich, n\u00e4mlich bis zum Unterliegen in vier Prozessen vor dem Verwaltungs- und Arbeitsgericht Bozen, \u00f6sterreichische Lehrer, deren Lehramt vom italienischen Unterrichtsministerium nach der <em>EU-Richtlinie 89\/48<\/em> anerkannt worden war, als regul\u00e4re Lehrer mit unbefristetem Dienstvertrag einzustellen, obwohl S\u00fcdtiroler Lehrer auch ohne Lehramt solche Dauerstellen <em>(insegnanti di ruolo \/ Stammrollenlehrer)<\/em> erlangen konnten.<\/li>\n<li><strong>Isolation und latente Xenophobie bzw. Ethnozentrismus:<\/strong> Nach einer Verlautbarung der CARITAS vertreten 40% der S\u00fcdtiroler bzw. laut ASTAT-Studie sogar zwei Drittel der Jugendlichen die Meinung, es gebe in S\u00fcdtirol zu viele Ausl\u00e4nder,<sup id=\"cite_ref-1\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=S%C3%BCdtiroler_Deutsch&amp;printable=yes#cite_note-1\"><code>02<\/code><\/a><\/sup> obwohl die Migrationsproblematik S\u00fcdtirol erst sehr sp\u00e4t und bislang nur in kleinem Ma\u00dfstab erfasste. Einwanderer-Kinder besuchen fast ausschlie\u00dflich italienischsprachige Schulen: im Jahr 2007 betrug an deutschsprachigen Oberschulen (15- bis 19-J\u00e4hrige) der Ausl\u00e4nderanteil nur 1,7%; l\u00e4sst man jene Ausl\u00e4nder, die nur formal, d.h. wegen der Verheiratung eines ihrer S\u00fcdtiroler Elternteile mit einem \u00d6sterreicher oder Deutschen, als Ausl\u00e4nder z\u00e4hlen, au\u00dfer Acht, sinkt der Ausl\u00e4nderanteil sogar auf 1,2% \u2013 an den italienischsprachigen Oberschulen in S\u00fcdtirol betr\u00e4gt er aber fast 9%. An den Grund- und Mittelschulen ist das Missverh\u00e4ltnis \u00e4hnlich: 2,6% zu 15,2% bzw. 2,4% zu 16,4%.<\/li>\n<li><strong>mangelnde Vertrautheit mit Fachsprachen und Verwaltungsterminologie:<\/strong> vielfach kennen S\u00fcdtiroler Verwaltungsbedienstete zwar die italienischen <em>termini technici,<\/em> sind aber i.d.R. nicht mit den entsprechenden Ausdr\u00fccken und Wendungen in \u00f6sterreichischen oder deutschen Paralleltexten vertraut, weshalb S\u00fcdtiroler fachsprachliche Texte f\u00fcr Nicht-S\u00fcdtiroler oft wenig fachsprachlich und zuweilen auch unverst\u00e4ndlich wirken.<\/li>\n<li><strong><a title=\"Superstrat (Linguistik)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Superstrat_%28Linguistik%29\">Superstrat<\/a>-Wirkung des Italienischen:<\/strong> in weiten Bereichen des Alltags m\u00fcssen Verwaltungsbedienstete ohne Dolmetsch-\/ \u00dcbersetzungsausbildung laufend rasch italienischsprachige Texte \u00fcbersetzen, wodurch <a title=\"Interferenz (Linguistik)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Interferenz_%28Linguistik%29\">Interferenzen<\/a> oft unvermeidbar sind. Viele der in aller Eile und ohne Sorgfalt geschaffenen Neologismen und Ausdrucksweisen werden m\u00fchelos in die Alltagssprache \u00fcbernommen und gelten dank der Autorit\u00e4t der Beh\u00f6rde oft als richtig. Dies gilt f\u00fcr viele zweisprachige Aufschriften.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Interferenzen<\/strong><\/p>\n<p>Als typische <a title=\"Interferenz (Linguistik)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Interferenz_%28Linguistik%29\">Interferenzen<\/a> aus dem Italienischen k\u00f6nnen gelten:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>lexikalische Interferenzen:<\/strong> z.B. <em>Identit\u00e4tskarte<\/em> (nach it. <em>carta d&#8217;identit\u00e0&nbsp;)<\/em> statt <em>Personalausweis,<\/em> <strong>Schulf\u00fchrungskraft<\/strong> (nach it. <em>dirigente scolastico)<\/em> statt <em>Schulleiter<\/em> (offizielle Bezeichnung in z.B. \u00d6sterreich und Bayern) oder <em>Direktor<\/em> (Alltagswort f\u00fcr <em>Schulleiter<\/em> in \u00d6sterreich und in deutschen Bundesl\u00e4ndern), Neologismen wie <em>Stammrollenlehrer<\/em> (nach it. <em>insegnante di ruolo<\/em> = verbeamteter Lehrer, zumindest mit unbefristetem Dienstvertrag), wobei hier auch von einem Sachspezifikum gesprochen werden kann;<\/li>\n<li><strong>semantische Interferenzen:<\/strong> <em>didaktische T\u00e4tigkeit(en)<\/em> (nach it. <em>attivit\u00e0&nbsp; didattiche)<\/em> statt dt. <em>Unterricht<\/em> in Wendungen wie: <em>die Wiederholungspr\u00fcfungen m\u00fcssen vor dem Beginn der didaktischen T\u00e4tigkeit abgeschlossen sein, die didaktische T\u00e4tigkeit endet Mitte Juni<\/em> &#8211; die Interferenz liegt darin, dass <em>didaktisch<\/em> sich im Standarddeutschen immer auf die <em>Didaktik,<\/em> also die Wissenschaft vom Unterrichten, bezieht und nicht synonym mit <em>Unterricht<\/em> verwendet werden kann; <em>Literat<\/em> auch im Sinne von Latein-Deutschlehrer (nach it. <em>materie letterarie).<\/em><\/li>\n<li><strong>syntaktische Interferenzen:<\/strong> h\u00e4ufig begegnen Genitivattribute oder auch lange Genitivattribut-Reihen anstelle von Komposita oder Pr\u00e4positionalausdr\u00fccken nach dem Vorbild der italienischen <em>di\/della\/&#8230;<\/em>-Ausdr\u00fccke: z.B. <em>die Vergabe der Stellen der Zweitsprachlehrer der Grundschule<\/em> statt: <em>die Stellenvergabe f\u00fcr Zweitsprachenlehrer<\/em> (= Deutschlehrer an italienischsprachigen Schulen) <em>an Grundschulen.<\/em><\/li>\n<li><strong>phraseologische\/idiomatische Interferenzen:<\/strong> typisch S\u00fcdtirolerisch ist die Verwendung der Pr\u00e4position <em>innerhalb<\/em> auch mit Zeit<em>punkten,<\/em> obwohl im Standarddeutschen <em>innerhalb<\/em> nur mit Zeit<em>strecken<\/em> kombiniert werden kann <em>(innerhalb zweier Tage, innerhalb von f\u00fcnf Tagen),<\/em> also z.B: <em>das Gesuch<\/em> (= S\u00fcdtirolerisch fast immer statt sachlich richtigem: <em>Antrag) muss innerhalb 31. Oktober eingereicht werden,<\/em> wobei die italienische Konstruktion: <em>entro il 31 ottobre<\/em> falsch \u00fcbertragen wurde; <em>einen Gefallen machen<\/em> steht f\u00fcr <em>einen Gefallen tun<\/em> (nach it. <em>fare un piacere)<\/em>.<\/li>\n<li><strong>phonetische Interferenzen:<\/strong> z.B. die Aussprache des Digraphs &lt;&lt;qu&gt;&gt; als <em>ku\u00cc\u00af<\/em> wie im Italienischen statt <em>kv<\/em> wie im Standarddeutschen; Lanthaler vermutet, diese erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingetretene Entwicklung gehe auf Volksschullehrerinnen zur\u00fcck, die den Sch\u00fclern im Schreibunterricht einsch\u00e4rften, <em>qu<\/em> d\u00fcrfe nicht <em>kw<\/em> geschrieben werden, wobei das Italienische nur indirekt diese Aussprachever\u00e4nderung bewirkt h\u00e4tte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Daneben treten im S\u00fcdtiroler Deutsch Sprachformen auf, die nicht als <em>Interferenz<\/em> erkl\u00e4rbar sind, sich aber dennoch aus der besonderen Situation des S\u00fcdtirolerischen erkl\u00e4ren. So wird \u00e4hnlich wie in der Schweiz schriftlich als Relativpronomen meist das veraltete, im Mittelalter nach lateinischem Vorbild <em>(qui\/quae\/quod)<\/em> eingef\u00fchrte und von Duden als <em>papierenes Deutsch<\/em> bezeichnete <em>welcher\/welche\/welches<\/em> benutzt, das aber im gesprochenen Deutsch in S\u00fcdtirol kaum verwendet wird, also keineswegs der nat\u00fcrlichen Ausdrucksweise entspricht. Auch werden bestimmte, als <em>politisch korrekt<\/em> erfundene, W\u00f6rter wie z.B. das in der Schweiz g\u00e4ngige <em>Lehrperson<\/em> (statt <em>Lehrkraft\/Lehrk\u00f6rper)<\/em> benutzt. Oft ist eine f\u00fcr Mundartsprecher bezeichnende Unsicherheit der Grund f\u00fcr nicht-standardsprachliche Ausdr\u00fccke wie z.B. <em>Einreichefrist<\/em> mit un\u00fcblichem Fugen-<em>e<\/em> statt <em>Abgabetermin<\/em> o.\u00e4. Andere Erscheinungen des S\u00fcdtiroler Deutschen werden von S\u00fcdtirolern selbst als <em>mundartlich<\/em> empfunden und sind in der Schriftsprache nicht anzutreffen, etwa das von vielen Nordtirolern als <em>das<\/em> S\u00fcdtiroler Kennwort empfundene Pronomen: <em>sell\/semm<\/em> bzw. verhaucht: <em>hell<\/em> (vermutlich aus der Amtssprache: &lt; <em>selbiger, selbigem)<\/em> statt demonstrativem <em>der\/die\/das,<\/em> Beispiel: <em>sell woas i nit<\/em> f\u00fcr: \u00abdas wei\u00df ich nicht\u00bb.<\/p>\n<p>Oft \u00fcbersch\u00e4tzt wurde die \u00dcbernahme italienischer W\u00f6rter (Sachspezifika oder praktische Kurzw\u00f6rter wie <em>targa<\/em> f\u00fcr &#8220;Kennzeichen\/KFZ-Nummerntafel&#8221;) und Interjektionen (<em>Oschtia<\/em> &lt; it. <em>ostia; magari<\/em> usw.) in die Alltagssprache, die keine tiefergehende Beeinflussung des Sprachsystems an sich vermuten lassen und oft kurzlebig sind. In Stellenanzeigen fand sich etwa oft der Ausdruck <em>milit\u00e4rfrei<\/em> (f\u00fcr it. <em>militesente),<\/em> durch den der Bewerberkreis auf M\u00e4nner mit abgeleistetem Milit\u00e4rdienst eingeschr\u00e4nkt wurde, der jedoch mit Abschaffung der Wehrpflicht ebenso schnell wieder verschwunden ist. F\u00fcr S\u00fcdtirol, obgleich nicht f\u00fcr das Deutsche in S\u00fcdtirol, typisch ist auch die umgekehrte Beeinflussung. Italienische Aufschriften entsprechen h\u00e4ufig nicht den italienisch-standardsprachlichen, im eigentlichen Italien \u00fcblichen (vgl. <em>attendere prego<\/em> im Sinne des dt. <em>Bitte warten!<\/em> statt <em>si prega di attendere<\/em> oder <em>un attimo).<\/em> Da heute viele Italiener v.a. au\u00dferhalb der Gro\u00dfstadt Bozen einer starken Assimilierung an die (S\u00fcd-) Tiroler, d.h. deutschsprachige Kultur in S\u00fcdtirol unterliegen und ihre Kinder vielfach in deutschsprachige Schulen schicken, um ihnen sozialen Anschluss und gr\u00f6\u00dfere Arbeits-Chancen zu sichern, ist in bestimmten Bereichen mit dem Entstehen einer <a title=\"Interimsprache (Seite nicht vorhanden)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Interimsprache&amp;action=edit&amp;redlink=1\"><em>Interlanguage<\/em><\/a> zu rechnen.<\/p>\n<p><strong>Auswahlbibliographie<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>AUFSCHNAITER, Werner von. Sprachkontaktbedingte Besonderheiten der deutschen Gesetzes- und Amtssprache in S\u00fcdtirol. In: <em>Germanistische Mitteilungen,<\/em> 16 (1982), S. 83-8.<\/li>\n<li>BAUER, Roland. Deutsch als Amtssprache in S\u00fcdtirol. In: <em>Terminologie et tradtition.<\/em> Hg. W. Osterheld. S. 63-84. Luxembourg: Office des publications officielles des communaut\u00e9s europe\u00e9nnes. 1994.<\/li>\n<li>EGGER, Kurt. Die Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmittel in der Umgangssprache von Sch\u00fclern in Bozen. In: <em>Vielfalt des Deutschen. Festschrift f\u00fcr Werner Besch,<\/em> S. 653-63. Frankfurt a.M., 1993.<\/li>\n<li>KRAMER, Johannes. <em>Deutsch und Italienisch in S\u00fcdtirol.<\/em> Heidelberg: Winter, 1981.<\/li>\n<li>LANTHALER, Franz und Annemarie Saxalber. Die deutsche Standardsprache in S\u00fcdtirol. In: <em>\u00d6sterreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen.<\/em> Hg. Rudolf Muhr, Richard Schrodt und Peter Wiesinger. S. 287-304. Wien: H\u00f6lder-Pichler-Tempsky, 1995.<\/li>\n<li>MOSER Hans und Oskar Putzer. Hg. <em>Zur Situation des Deutschen in S\u00fcdtirol. Sprachwissenschaftliche Beitr\u00e4ge zu den Fragen von Sprachnorm und Sprachkontakt.<\/em> Innsbrucker Beitr\u00e4ge zur Kulturwissenschaft \u2013 Germanistische Reihe, Band 13. Innsbruck, 1982.<\/li>\n<li>PERNSTICH, Karin. Der italienische Einfluss auf die deutsche Sprache in S\u00fcdtirol, dargestellt an der S\u00fcdtiroler Presse. <em>Schriften zur deutschen Sprache in \u00d6sterreich,<\/em> Band 11. Wien: Braum\u00fcller, 1984.<\/li>\n<li>RIEDMANN, Gerhard. <em>Die Besonderheiten der deutschen Schriftsprache in S\u00fcdtirol.<\/em> Duden Beitr\u00e4ge 39. Mannheim: Bibliographisches Institut, 1972.<\/li>\n<li>RIEDMANN, Gerhard. Bemerkungen zur deutschen Gegenwartssprache in S\u00fcdtirol. In: <em>Standardsprache und Dialekt in mehrsprachigen Gebieten Europas.<\/em> Hg. P. Sture Ureland. Linguistische Arbeiten, Band 82. T\u00fcbingen, 1979.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li id=\"cite_note-0\">DESI wurde zusammen mit der ersten regionalen Auswertung der PISA-Studie in S\u00fcdtirol 2003 durchgef\u00fchrt, allerdings so wie auch PISA irregul\u00e4r: ein Drittel der (schlechten) Sch\u00fcler wurden von vornherein von der Teilnahme ausgeschlossen und der gesamte Englisch-Testteil wurde wegen angeblicher Benachteiligung der S\u00fcdtiroler Sch\u00fcler, die als erste Fremdsprache Italienisch lernen, nicht durchgef\u00fchrt. Das DESI-S\u00fcdtirol-Ergebnis liest sich n\u00fcchtern: am Wortfeld <em>Bahnhof<\/em> scheiterten alle Sch\u00fcler, kein einziger konnte beispielsweise ein <em>Stellwerk<\/em> als solches benennen. Die bundesdeutschen Testexperten sprachen mit R\u00fccksicht auf ihre offiziellen Auftraggeber wohlwollend von <em>item bias<\/em> und ignorierten die signifikanten sprachlichen Defizite \u2013 Aufgaben, in denen S\u00fcdtiroler Sch\u00fcler grunds\u00e4tzlich schlecht abschnitten, wurden kurzerhand vor der Auswertung ausgeschlossen. Trotz dieser <em>sch\u00f6nenden<\/em> Faktoren fiel das Ergebnis eindeutig aus: im Wortschatztest erreichten nur 14% der S\u00fcdtiroler Gymnasiasten die h\u00f6chste Leistungsgruppe, der in Deutschland fast die H\u00e4lfte (!) der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen angeh\u00f6rt, umgekehrt lag ein Viertel (!) der S\u00fcdtiroler Gymnasiasten in der allerschlechtesten Gruppe, die in Deutschland trotz aller Migrationsprobleme nur 7% ausmacht. Siehe den Offiziellen Schlussbericht der deutschen DESI-Projektgruppe auf der Homepage des PI: <a href=\"http:\/\/www.schule.suedtirol.it\/pi\/publikation\/Desi.htm\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.schule.suedtirol.it\/pi\/publikation\/Desi.htm<\/a>. Ergebnis des Wortschatztests (22,6 gegen\u00fcber 7,6% unter schlechtester Gruppe A, 44,2 vs. 14,2% in bester Gruppe C): S. 36; Ausschluss der Berufsbildung (= 30%!!): S. 7; Item-Bias: \u00abBr\u00f6tchen\u00bb nicht gekannt, S. 12; DIF-Analysen (Differential Item Functioning), bei Wortfeld Bahnhof v\u00f6llig versagt, S. 17.<\/li>\n<li id=\"cite_note-1\">Siehe <a href=\"http:\/\/www.social.bz.it\/pressarchive.php?art_id=67611\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.social.bz.it\/pressarchive.php?art_id=67611<\/a>. Abgerufen am 20. November 2010.<\/li>\n<\/ol>\n<\/blockquote>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald hat mich \u2014 aus welchem Grund auch immer \u2014 auf diesen Wikipedia-Eintrag \u00fcber die S\u00fcdtiroler Variet\u00e4t der deutschen Sprache aufmerksam gemacht. Ich will ihn hier wiedergeben und nur in den Kommentaren sagen, was ich davon halte. Mich w\u00fcrde nat\u00fcrlich auch die Meinung der Leserinnen interessieren. S\u00fcdtiroler Deutsch ist eine Variet\u00e4t des Deutschen und durch [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6826","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entity-astat","issue-italianizzazione","issue-schutzmacht","issue-zitac","location-deutschland","location-italy","location-osterreich","location-sudtirolo","location-svizra","language-deutsch","person-ettore-tolomei","topic-bildung","topic-faschismen","topic-geschichte","topic-lingaz","topic-plurilinguism","topic-racism","topic-sprachpfusch","topic-statistik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6826","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6826"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6826\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87457,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6826\/revisions\/87457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6826"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6826"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6826"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}