{"id":72810,"date":"2022-06-25T20:05:42","date_gmt":"2022-06-25T18:05:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810"},"modified":"2025-08-18T22:34:13","modified_gmt":"2025-08-18T20:34:13","slug":"kolonie-und-einverleibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810","title":{"rendered":"Kolonie und Einverleibung."},"content":{"rendered":"<p>Auf ihren Namen bin ich durch die Ank\u00fcndigung der <a title=\"Widerst\u00e4ndige Beziehungen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72433\" rel=\"\">Ausstellung<\/a> <em>Unruly Connections<\/em> gesto\u00dfen, wo davon die Rede ist, dass die Historikerin Roberta Pergher \u2014&nbsp;<a title=\"Innere und \u00e4u\u00dfere Kolonien.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64527\" rel=\"\">\u00e4hnlich \u00fcbrigens wie ihre Kollegin Mia Fuller<\/a> \u2014<\/p>\n<blockquote><p>eine den italienischen Binnen- und Au\u00dfenkolonialismus miteinander verbindende Praxis der Besiedlung insbesondere in S\u00fcdtirol und Libyen erkennt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Ausstellung m\u00f6chte ich erst noch besuchen, doch inzwischen hatte ich schon etwas Zeit, mich in Perghers S\u00fcdtirol betreffende Forschung \u2014 insbesondere in das von ihr gemeinsam mit Marcus M. Payk herausgegebene Buch <em>Beyond Versailles<\/em> (Bloomington, 2019) \u2014 einzulesen.<\/p>\n<p>Darin argumentiert die Historikerin, dass die italienische Politik im Umgang mit den neu eroberten, multiethnischen Gebieten im Norden (s\u00fcdliches Tirol, Friaul, <a title=\"Warum ich es Julien nenne.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70988\" rel=\"\">Julien<\/a>, Istrien) nicht nur mit der Kolonialpolitik in Afrika vergleichbar, sondern wenigstens einige wesentliche Aspekte betreffend sogar noch invasiver war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens mit Versailles seien Konzepte wie Entkolonialisierung, Minderheitenschutz und Recht auf Selbstbestimmung im politischen Mainstream angekommen. Man denke zum Beispiel an die&nbsp;<a title=\"Wiki: 14-Punkte-Programm.\" href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/14-Punkte-Programm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">14 Punkte<\/a>&nbsp;von US-Pr\u00e4sident Woodrow Wilson. Der neue Kolonialismus und die neuen Assimilierungsversuche, die erst <em>nach<\/em> dem Ersten Weltkrieg stattfanden, waren also schon damals anachronistisch und im Widerspruch zu einem vorherrschenden Gerechtigkeitsgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Vor allem aufgrund eigener Schw\u00e4che sah sich das liberale Italien laut Pergher zun\u00e4chst zu Konzessionen gegen\u00fcber den italienischen Kolonialgebieten veranlasst, wodurch etwa Tripolitanien ein eigenes Parlament und die dort ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung eine \u2014 wenngleich auf die Kolonie begrenzte \u2014 italienische Staatsb\u00fcrgerinnenschaft erhielt.<\/p>\n<p>Einiges von dem, was ab 1919 den externen Kolonien gew\u00e4hrt wurde, hatten die Binnenkolonien (wie S\u00fcdtirol) nicht und w\u00e4re f\u00fcr sie schon ein Fortschritt gewesen. Die Minderheitenrechte f\u00fcr die Binnenkolonien waren aufgrund der Tatsache, dass Italien zu den Weltkriegsgewinnern gez\u00e4hlt wurde, nicht verschriftlicht, sondern vom italienischen K\u00f6nig, Premierminister Francesco Saverio Nitti und sogar schon von (einem bereits erstarkenden) Benito Mussolini lediglich m\u00fcndlich versprochen worden.<\/p>\n<p>Dem sp\u00e4teren Diktator schreibt Pergher die Absicht zu, in den neu eroberten Gebieten durch die Verhei\u00dfung des Minderheitenschutzes der Entwicklung separatistischer (irredentistischer) Tendenzen entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend Konzessionen gegen\u00fcber den externen Kolonien vonseiten des liberalen Italien denkbar waren, sei im Norden das Ziel der nationalen Homogenit\u00e4t nie aus den Augen verloren worden. Das erst k\u00fcrzlich vereinigte Italien sollte von den neuen Minderheiten nicht verw\u00e4ssert werden.<\/p>\n<p>Anders als in einer externen Kolonie h\u00e4tten die Minderheiten, die in manchen Gebieten \u2014 wie eben S\u00fcdtirol \u2014 sogar eine zahlenm\u00e4\u00dfige Mehrheit darstellten, die Legitimit\u00e4t der italienischen Herrschaft in Frage stellen k\u00f6nnen. Dabei hatte sich Italien selbst erst so sehr in die Lage gebracht, die Minderheiten unterdr\u00fccken und assimilieren zu \u00bbm\u00fcssen\u00ab, weil es bei den Friedensverhandlungen gelogen und die Italianit\u00e4t dieser Gebiete vorgegaukelt hatte, um sie sich unter den Nagel zu rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Mit der faschistischen Machtergreifung verschlechterte sich dann die Situation sowohl f\u00fcr die externen als auch f\u00fcr die internen Kolonien massiv.<\/p>\n<p>Pergher verweist auf das Interview eines deutschen Journalisten mit Mussolini, in dem er den Despoten 1928 mit der Situation in Tripolis und S\u00fcdtirol konfrontierte. Unter anderem fragte er den Diktator, warum die Araberinnen in Nordafrika muttersprachliche Schulen h\u00e4tten und ihre Sprache sprechen d\u00fcrften, w\u00e4hrend dies in S\u00fcdtirol nicht der Fall sei. An der ausweichenden und irref\u00fchrenden Antwort von Mussolini findet Pergher insbesondere interessant, dass nicht einmal der italienische Diktator selbst den Vergleich von S\u00fcdtirol mit einer Kolonie infrage stellte. Im Gegenteil: Er behauptete sogar, die Bewohnerinnen hier und dort h\u00e4tten \u00e4hnliche Rechte.<\/p>\n<p>In der Tat habe der faschistische Staat, indem er die Rechte beider Seiten drastisch einschr\u00e4nkte, die Unterschiede zwischen externen Kolonien und annektierten Provinzen weiter verwischt, wiewohl Einwohnerinnen der letzteren immerhin vollwertige italienische Staatsb\u00fcrgerinnen werden konnten, so Pergher.<\/p>\n<p>Im Jahr 1938 wurden aber die libyschen K\u00fcstengebiete vom faschistischen Italien sogar als 19. Region direkt in den italienischen Staat integriert. \u00c4hnlich wie in S\u00fcdtirol ging mit dieser Annexion ein massives Besiedelungsprogramm einher, das bis zum Schluss den Umzug von einer halben Million Italienerinnen nach Nordafrika vorgesehen h\u00e4tte. Ein Schachzug, mit dem man sich wenigstens diesen Teil des Kolonialgebiets \u00bbf\u00fcr immer\u00ab sichern wollte, falls andere Gebiete der Entkolonialisierung zum Opfer gefallen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das Konzept der Nation hielt man f\u00fcr best\u00e4ndiger als jenes der Kolonie, womit man \u2014 obschon die Rechnung bez\u00fcglich Nordafrika nicht aufging \u2014 Recht behalten sollte.<\/p>\n<p>Einen Plan f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Assimilierung der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung gab es jedoch auch in dieser neuen Region am anderen Ufer des Mittelmeeres nicht. Anders als in S\u00fcdtirol und Istrien durften zum Beispiel die libyschen Kinder in den Schulen weiterhin ihre Sprache erlernen.<\/p>\n<p>Irgendwann ging man in den externen wie in den internen Kolonien zur Segregation \u00fcber. In Nordafrika seien die Araberinnen \u00bbvon der Nation ausgeschlossen\u00ab worden, in S\u00fcdtirol sollten diejenigen, die sich nicht assimilieren lassen wollten, durch das Optionsabkommen zur Auswanderung gedr\u00e4ngt werden. Und ausschlie\u00dflich in den nach dem Ersten Weltkrieg annektierten Gebieten verloren die J\u00fcdinnen neben vielen ihrer Rechte auch ihre italienische Staatsb\u00fcrgerinnenschaft.<\/p>\n<p>Alles in allem habe sich Italien, insbesondere der Faschismus, <em>eines<\/em> der nach dem Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt stehenden Konzepte voll und ganz zueigen gemacht \u2014 den des homogenen Nationalstaats. Gleichzeitig habe man verstanden, dass das neue Recht auf Selbstbestimmung f\u00fcr die italienische Souver\u00e4nit\u00e4t in den eroberten Gebieten, die keine italienischsprachige Mehrheit hatten, eine Gefahr dargestellt h\u00e4tte. Das faschistische Regime habe zudem eingesehen, dass der nationale Anspruch st\u00e4rker war als der imperiale, weshalb eine Majorisierung von Teilen Libyens den Anspruch darauf h\u00e4tte zementieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Faschismus erschuf jedoch ein Hybrid, um gleichzeitig die formale Verhei\u00dfung des Nationalstaats seit seiner Gr\u00fcndung \u2014 die Gleichheit aller Staatsb\u00fcrgerinnen \u2014 auszuhebeln. Diesbez\u00fcglich seien im Namen eines gr\u00f6\u00dferen Italien einfach Differenzierungen und Hierarchien in eine europ\u00e4ische Nation importiert worden, die den Imperien eigen waren.<\/p>\n<p>All das sagt uns einiges \u00fcber die Strategien, die zur Integration von S\u00fcdtirol in die italienische Nation gef\u00fchrt haben. Anders als den externen wurde den Binnenkolonien bis heute \u00fcbrigens auch das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt.<\/p>\n<p><small><em>Die aus Brixen stammende Historikerin Roberta Pergher <\/em>(<a title=\"CV Roberta Pergher.\" href=\"https:\/\/history.indiana.edu\/PDFs\/CVs\/Pergher_Roberta.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CV<\/a>)<em> ist am<\/em> Department of History <em>der Universit\u00e4t von Indiana &#8211; Bloomington t\u00e4tig.<\/em><\/small><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Albert Memmi: Jede Domination ist relativ.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=69640\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Kolonialistische Toponomastik.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70287\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Postcolonial Italy \u2013 Mapping Colonial Heritage.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=58321\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Limes: S\u00fcdtirol gleichschalten.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=71148\"><code>04<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Black Lives Matter und der italienische Kolonialismus in S\u00fcdtirol.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79753\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Gr\u00fcnwei\u00dfrot gegen mehr Autonomie.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83248\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Darum kolonial.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85968\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf ihren Namen bin ich durch die Ank\u00fcndigung der Ausstellung Unruly Connections gesto\u00dfen, wo davon die Rede ist, dass die Historikerin Roberta Pergher \u2014&nbsp;\u00e4hnlich \u00fcbrigens wie ihre Kollegin Mia Fuller \u2014 eine den italienischen Binnen- und Au\u00dfenkolonialismus miteinander verbindende Praxis der Besiedlung insbesondere in S\u00fcdtirol und Libyen erkennt. 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