{"id":733,"date":"2007-07-05T22:45:32","date_gmt":"2007-07-05T20:45:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.selbstbestimmung.net\/?p=733"},"modified":"2021-12-29T09:16:19","modified_gmt":"2021-12-29T08:16:19","slug":"die-fassadensprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=733","title":{"rendered":"Die potemkinsche Sprache."},"content":{"rendered":"<p><em>Vorausgeschickt: Es geht hier nicht um die Pflege einer Opferrolle, denn die deutsche Sprache erfreut sich im S\u00fcdtiroler Alltag einer befriedigenden Vitalit\u00e4t. In ihrem Fortbestand gef\u00e4hrdet sind dagegen die ladinischen Idiome, deren Situation in gesonderten Eintr\u00e4gen noch zus\u00e4tzlich ausgeleuchtet werden soll. Mit diesem Eintrag m\u00f6chte ich aber einige grobe Verzerrungen aufzeigen und z. T. Verbesserungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr eine wirkliche Gleichberechtigung der Sprachen machen.<\/em><\/p>\n<p>Das <strong>Recht<\/strong> ist die Grundlage einer modernen demokratischen Gesellschaft. Doch gerade hierin ist die deutsche in S\u00fcdtirol h\u00e4ufig eine Sprache ohne Tiefgang, eine leere H\u00fclse: Die Zweisprachigkeit gilt nach wie vor in vielen F\u00e4llen als eine Gef\u00e4lligkeit zu <em>Informations<\/em>zwecken \u2014 mehr nicht. Im Zweifelsfall ist beispielsweise \u2014 etwa vor Gericht \u2014 stets nur der italienische Wortlaut eines Gesetzes (eines Dekrets, einer Verordnung&#8230;) ma\u00dfgebend, selbst wenn es von einem deutschsprachigen Abgeordneten auf Deutsch ersonnen, zu Papier gebracht und so vom Landtag (Gemeinderat etc.) beschlossen wurde. Ein krasser Widerspruch, und ein absoluter Sonderfall in der Juristerei, denn hierdurch k\u00f6nnte einem \u00dcbersetzer in der Feinjustierung des Textes eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zukommen, als dem Verfasser selbst.<\/p>\n<p>Ziel muss in S\u00fcdtirol m. E. jedoch eine parallele G\u00fcltigkeit und Auslegbarkeit der Gesetze in allen drei Landessprachen sein, wie dies in der Schweiz der Fall ist: Zur Interpretation einer Rechtsnorm k\u00f6nnen dort ungeachtet der offiziellen Sprache des Kantons und der jeweiligen Prozesssprache stets der deutsche, franz\u00f6sische, italienische <em>und<\/em> \u2014 wo vorhanden \u2014 der r\u00e4toromanische Wortlaut gleichzeitig herangezogen werden. Dies f\u00fchrt zu einer klaren Auspr\u00e4gung und Kultivierung aller offiziellen Sprachen von der Gesetzgebung bis hin zur Rechtsprechung. Trotz oder gerade wegen dieser sprachlichen Mehrgleisigkeit ist das Schweizer Recht von so gro\u00dfem internationalen Ansehen, dass es sehr h\u00e4ufig f\u00fcr zwischen Parteien unterschiedlicher Herkunft geschlossene Vertr\u00e4ge (auch im Ausland!) gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n<blockquote><p><img decoding=\"async\" id=\"image734\" class=\"aligncenter\" title=\"Die Leiden des jungen Werther.\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2007\/07\/werther.jpg\" alt=\"Die Leiden des jungen Werther.\" \/><\/p><\/blockquote>\n<p>Im <strong>Privatbereich<\/strong> ist der rechtliche Schutz der deutschen Sprache in S\u00fcdtirol \u00e4u\u00dferst gering. W\u00e4hrend die italienische Sprache f\u00fcr Etiketten, Inhaltsangaben und andere vorgeschriebene Deklarationen h\u00e4ufig vorgeschrieben ist, ist dies f\u00fcr die deutsche Sprache die absolute Ausnahme. Dort wo eine derartige Regelung vorhanden w\u00e4re \u2014 etwa im sensiblen Bereich der Packungsbeilagen bei Medikamenten \u2014 wird sie systematisch missachtet und von den Gesetzesh\u00fctern kaum zur Einhaltung gebracht. Sinnvoll w\u00e4re f\u00fcr unser Land eine zwingende Dreisprachigkeit in der Beschriftung s\u00e4mtlicher etikettierungspflichtiger Produkte, oder aber die Legalisierung der deutschen und ladinischen Sprachen als fakultative \u00bbAlleinbeschriftungssprachen\u00ab. Wie \u2014 wieder einmal \u2014 in der Eidgenossenschaft: Gleiche W\u00fcrde f\u00fcr alle Sprachen.<\/p>\n<p>Anders als in anderen Minderheitenregionen Europas gilt in S\u00fcdtirol ausschlie\u00dflich <strong>im \u00f6ffentlichen Sektor<\/strong> eine durchgehende Zwei- und Dreisprachigkeitspflicht, die allerdings h\u00e4ufig trotzdem nicht zum Tragen kommt. \u00bbAlibideutsch\u00ab und \u00bbGarkeindeutsch\u00ab schm\u00fccken sehr oft die Druckerzeugnisse staatlicher Stellen (NISF, Post, Ordnungsh\u00fcter, Bahn, Steuerbeh\u00f6rden etc. pp.), um nicht von der systematischen Vernachl\u00e4ssigung der ladinischen Sprache sogar vonseiten des Landes und ladinischer Gemeinden selbst zu sprechen. Die B\u00fcrgerInnen gew\u00f6hnen sich daran, bei bestimmten Beh\u00f6rden automatisch auf den italienischen Text zur\u00fcckzugreifen, weil man da auf geringere Holprigkeit und h\u00f6here Genauigkeit hoffen kann. Auch in dieser Hinsicht w\u00e4re eine bessere Sprachpflege sicherlich vonn\u00f6ten \u2014 die Schaffung einer Landesstelle, die staatlichen Stellen (solange sie in S\u00fcdtirol noch existieren) im Umgang mit der deutschen Sprache unterst\u00fctzend und beratend, aber auch mahnend zur Seite steht, w\u00e4re eine gute M\u00f6glichkeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorausgeschickt: Es geht hier nicht um die Pflege einer Opferrolle, denn die deutsche Sprache erfreut sich im S\u00fcdtiroler Alltag einer befriedigenden Vitalit\u00e4t. In ihrem Fortbestand gef\u00e4hrdet sind dagegen die ladinischen Idiome, deren Situation in gesonderten Eintr\u00e4gen noch zus\u00e4tzlich ausgeleuchtet werden soll. Mit diesem Eintrag m\u00f6chte ich aber einige grobe Verzerrungen aufzeigen und z. T. 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