{"id":7406,"date":"2011-04-04T14:34:03","date_gmt":"2011-04-04T12:34:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7406"},"modified":"2025-11-18T18:42:40","modified_gmt":"2025-11-18T17:42:40","slug":"suomi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7406","title":{"rendered":"Suomi."},"content":{"rendered":"<p>Soeben von einer Reise zur\u00fcckgekehrt, die mich unter anderem nach Finnland gef\u00fchrt hat, m\u00f6chte ich kurz \u00fcber die Situation der dort lebenden schwedischen Minderheit berichten, wie ich sie kennengelernt und beobachtet habe.<\/p>\n<p>Rund 5,5 Prozent der Landesbev\u00f6lkerung ist schwedischer Sprache, was bei einer Gesamtbev\u00f6lkerung von 5,3 Millionen (Stand: 2008) etwa 291.500 Individuen entspricht (zum Vergleich: ca. 348.000 S\u00fcdtirolerinnen haben sich 2001 der deutschen Sprachgruppe zugeh\u00f6rig erkl\u00e4rt). Von dieser Anzahl m\u00fcsste man eigentlich die rund 28.000 Bewohnerinnen von \u00c5land wegz\u00e4hlen, weil die Inseln einen eigenen, halbsouver\u00e4nen Status (mit regionaler Staatsb\u00fcrgerinnenschaft, spezifischen Schutzmechanismen, teilweise eigener Au\u00dfenpolitik etc.) besitzen.<\/p>\n<p>Finnland bezeichnet sich als zweisprachiges Land, der samischen Bev\u00f6lkerung im Norden (mit nur ~1.800 Sprecherinnen) kommen noch einmal gesonderte Rechte zu. Anders als Italien hat Finnland die <em><a title=\"Charta der Regional- und Minderheitensprachen.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=1348\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Europ\u00e4ische Charta der Regional- und Minderheitensprachen<\/a><\/em> unterzeichnet und ratifiziert.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich gelten Gemeinden in Finnland als zweisprachig, wenn die kleinere Sprachgruppe mindestens 8 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung stellt; f\u00e4llt dieser Anteil unter 6 Prozent, wird die Gemeinde einsprachig. In Abweichung von dieser Regelung darf eine Gemeinde auch dann den zweisprachigen Status aufrecht erhalten, wenn die jeweils anderssprachige Bev\u00f6lkerungsgruppe unter 6 Prozent liegt. Dies bedarf der Zustimmung aus Helsinki und wurde bereits in mehreren Gemeinden erprobt.<br \/>\nAls vor wenigen Jahren mit Turku\/\u00c5bo die Schweden erstmals in einer gr\u00f6\u00dferen zweisprachigen Stadt unter die 6-Prozent-Marke zu fallen drohten, wurde der Mechanismus dahingehend erweitert, dass eine Gemeinde auch dann zweisprachig bleibt, wenn die kleinere Sprachgruppe mindestens 3.000 Mitglieder z\u00e4hlt, was in der 177.000-Einwohnerinnen-Stadt der Fall ist.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich bedarf die Prozentl\u00f6sung wie in S\u00fcdtirol einer amtlichen Erhebung der Sprachzugeh\u00f6rigkeit, was \u2014 laut von mir befragten Finninnen \u2014 noch nie politisch beanstandet wurde. Ebensowenig war angeblich jemals ein Thema, dass diese Erhebungen im Widerspruch zu EU-Recht stehen k\u00f6nnten, wie dies in S\u00fcdtirol immer wieder zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p>Die Zweisprachigkeit einer Gemeinde wirkt sich auf zahlreiche Bereiche aus, so auf die Schulsprache, die \u00f6rtliche Amtssprache\u00b9, den Konsumentinnenschutz oder die Ortsnamen. Letztere sind aber nur dann zweinamig, wenn in beiden Sprachen historische Bezeichnungen zur Verf\u00fcgung stehen \u2014 sonst bleiben sie einnamig. Produkte, insbesondere <a title=\"Es ist m\u00f6glich!\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7472\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Medikamente<\/a>, sind meinen Beobachtungen zufolge im gesamten Land (also selbst in einsprachig finnischen Gemeinden) de facto immer zweisprachig beschriftet. Auch die Durchsagen an den Bahnh\u00f6fen waren selbst in einsprachig finnischen Ortschaften immer dreisprachig (auf Finnisch, Schwedisch und Englisch).<\/p>\n<p>Das Schulmodell sieht \u2014 \u00e4hnlich wie in S\u00fcdtirol \u2014 finnische und schwedische Schulen vor, wobei die Sch\u00fclerinnen auf dem gesamten Staatsgebiet verpflichtet sind, die jeweils andere Sprache zu erlernen. Laut Informationen, die ich noch nicht hinreichend verifizieren konnte, wird der Zweitsprachunterricht in der Regel erst ab dem dritten Schuljahr eingef\u00fchrt. Immersionsunterricht gibt es ausschlie\u00dflich f\u00fcr finnischsprachige Sch\u00fclerinnen in solchen Gegenden, wo sie nicht die M\u00f6glichkeit haben, breiten direkten Kontakt zur schwedischen Bev\u00f6lkerung zu haben. Die Kenntnisse der \u00bbanderen einheimischen Sprache\u00ab, wie Finnisch und Schwedisch als Zweitsprache genannt werden, seien jedoch in <em>wirklich<\/em> zweisprachigen Gemeinden\u00b2 im Schnitt so gut, dass man \u2014 laut einhelliger Meinung von mir befragter Finninnen \u2014 nicht heraush\u00f6ren k\u00f6nne, welches die Muttersprache ist. Dies, obschon die Unterschiede zwischen den Sprachen wesentlich gr\u00f6\u00dfer sind, als zwischen Deutsch und Italienisch, welche beide der indogermanischen Sprachfamilie angeh\u00f6ren.<br \/>\nAufgrund des staatsweit erdr\u00fcckenden Anteils an Finnischsprachigen habe die perfekte Zweisprachigkeit jedoch auch den Nachteil, dass die schwedische Sprache im Laufe der letzten Jahrzehnte zur\u00fcckgegangen ist, obwohl jetzt allgemein von einer Stabilisierung gesprochen wird.<\/p>\n<p>Den Finnlandschwedinnen kommen Quotenregelungen zugute, die (im Sinne der <em>affirmative action)<\/em> anders als im Falle des S\u00fcdtiroler Proporzes nicht auch der finnischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung zustehen. So stehen schwedischsprachigen Studenten zum Beispiel eine Mindestanzahl an Studienpl\u00e4tzen zu, die Quote darf aber zu Lasten der Mehrheitsbev\u00f6lkerung auch \u00fcbererf\u00fcllt werden.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Finnische Mehrsprachigkeitsstrategie.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=29061\"><code>01<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Es ist m\u00f6glich!\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7472\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Finnland: Schwedisch, Sami und Romani.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7488\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Il paradosso di Taxell.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=91113\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>\n<p><small><em>1) an staatliche Beh\u00f6rden d\u00fcrfen sich B\u00fcrger immer in der eigenen Sprache wenden, das gilt auch f\u00fcr die Gerichte;<br \/>\n2) es hat sich in den Gespr\u00e4chen herauskristallisiert, dass amtlich zweisprachige Gemeinden nicht automatisch als voll zweisprachig empfunden werden, weil bei zu geringer Repr\u00e4sentation der kleineren Sprachgemeinschaft keine breite M\u00f6glichkeit zum direkten Sprachkontakt besteht.<\/em><\/small><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soeben von einer Reise zur\u00fcckgekehrt, die mich unter anderem nach Finnland gef\u00fchrt hat, m\u00f6chte ich kurz \u00fcber die Situation der dort lebenden schwedischen Minderheit berichten, wie ich sie kennengelernt und beobachtet habe. 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