{"id":74827,"date":"2022-11-17T18:02:20","date_gmt":"2022-11-17T17:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=74827"},"modified":"2026-01-06T20:22:43","modified_gmt":"2026-01-06T19:22:43","slug":"offre-active-niederschwelliges-sprachangebot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=74827","title":{"rendered":"Offre active: Niederschwelliges Sprachangebot."},"content":{"rendered":"<p>In Kanada sind Bundesbeh\u00f6rden in Gebieten, wo Minderheiten leben, dazu angehalten, ihre Dienste zweisprachig anzubieten, w\u00e4hrend Lokalbeh\u00f6rden auch einsprachig arbeiten d\u00fcrfen \u2014 wie zum Beispiel in der mehrheitlich frankophonen Provinz Qu\u00e9bec, wo vielfach <em>nur<\/em> Franz\u00f6sisch Amtssprache ist. Dabei sind die Bundesbeh\u00f6rden in den zweisprachigen Teilen von Qu\u00e9bec verpflichtet, ihre schriftliche und m\u00fcndliche Kommunikation in der Sprachreihung Franz\u00f6sisch-Englisch (in den zweisprachigen Teilen anderer Provinzen: Englisch-Franz\u00f6sisch) abzuwickeln.<\/p>\n<h6>Aktives Angebot<\/h6>\n<p>Dienste <em>passiv<\/em> zweisprachig anzubieten, reicht aber nicht aus, denn das k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass sich faktisch gro\u00dfteils eine Sprache durchsetzt. Um die Inanspruchnahme des Rechts auf Gebrauch der bevorzugten Sprache niederschwellig zu erm\u00f6glichen und tats\u00e4chlich sicherzustellen, sind Bundesbeh\u00f6rden in zweisprachigen Gebieten verpflichtet, ein entsprechendes <em>aktives<\/em> Angebot machen.<\/p>\n<p>Das kanadische <em>Kommissariat f\u00fcr offizielle Sprachen<\/em> <a title=\"OCOL: Active offer.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/active-offer-tool-pdf.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schreibt<\/a> hierzu, dass zur <em>Offre active<\/em> auch eine zweisprachige Begr\u00fc\u00dfung <em>(Bonjour! Hello!<\/em> in Qu\u00e9bec, <em>Hello! Bonjour!<\/em> in anderen Provinzen) geh\u00f6rt. Sie ist mit visuellen Informationen (Hinweistafeln etc.) zu erg\u00e4nzen, um die Einladung zur Nutzung der bevorzugten Amtssprache noch zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das aktive Angebot f\u00fchre zu einem Positivkreislauf: Es werde offen kommuniziert, dass die Regierung die Verwendung der Amtssprachen unterst\u00fctzt und dass sie die B\u00fcrgerinnen ermuntert, die Sprache ihrer Wahl tats\u00e4chlich zu benutzen. Ohne aktives Angebot k\u00f6nne im Gegenteil leicht ein Teufelskreis entstehen: Die \u00d6ffentlichkeit w\u00fcrde von ihrem Recht auf freie Sprachwahl weniger Gebrauch machen und die Beh\u00f6rdenmitarbeiterinnen k\u00f6nnten dadurch den falschen Eindruck gewinnen, dass gar kein wirklicher Bedarf nach einem mehrsprachigen Dienst vorhanden sei.<\/p>\n<p>In zweisprachigen \u00c4mtern h\u00e4tten B\u00fcrgerinnen aber ausdr\u00fccklich das Recht, in der Sprache ihrer Wahl bedient zu werden. Das aktive Angebot geh\u00f6re folglich zum Respekt f\u00fcr die Rechte der Menschen dazu. Ohne <em>Offre active<\/em> sei es \u00e4u\u00dferst schwierig, die vom Gegen\u00fcber bevorzugte Sprache in Erfahrung zu bringen.<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich weist das Kommissariat in seinen Anweisungen darauf hin, dass sich Beamte zum Beispiel nicht dadurch in die Irre f\u00fchren lassen sollen, dass sie B\u00fcrgerinnen untereinander in einer bestimmten Sprache sprechen h\u00f6ren. Jemand k\u00f6nnte f\u00fcr die Abwicklung eines Amtsgesch\u00e4fts trotzdem eine andere Sprache bevorzugen.<\/p>\n<p>Die Pflicht zur <em>Offre active<\/em> gelte au\u00dferdem unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um einen besonders arbeitsreichen Tag mit vielen B\u00fcrgerinnen in der Warteschlange handelt, da die \u00dcberlastung eines Amtes nichts an den Rechten der einzelnen Kundin \u00e4ndere. F\u00fcr das aktive Angebot muss also immer Zeit sein.<\/p>\n<h6>Ablauf<\/h6>\n<p>Auf eine zweisprachige Begr\u00fc\u00dfung muss eine kurze Pause folgen, damit das Gegen\u00fcber die Gelegenheit erh\u00e4lt, in der gew\u00e4hlten Sprache zu antworten. Diese Sprache ist von der Beamtin dann beizubehalten.<\/p>\n<p>Eine B\u00fcrgerin, der ein Dienst nicht spontan in ihrer bevorzugten Sprache angeboten wird, k\u00f6nnte davon ausgehen, dass der Dienst (trotz Verpflichtung) in dieser Sprache nicht verf\u00fcgbar ist bzw. dass die eigene Sprachwahl<\/p>\n<ul>\n<li>zu Verz\u00f6gerungen f\u00fchren<\/li>\n<li>sie in eine unangenehme Situation bringen<\/li>\n<\/ul>\n<p>k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sei das aktive Angebot auch bei Anrufen und im schriftlichen Verkehr einzuhalten.<\/p>\n<p>Zudem m\u00fcssen auch <em>einsprachige<\/em> Beamte, die f\u00fcr eine zweisprachige Beh\u00f6rde arbeiten, das aktive Angebot machen. So viel von der jeweils anderen Sprache m\u00fcssen sie also beherrschen, dass sie imstande sind, B\u00fcrgerinnen konsequent zweisprachig zu begr\u00fc\u00dfen und ihnen gegebenenfalls mitzuteilen, dass sie \u2014 unaufgefordert \u2014 eine Person herbeiholen, die der gew\u00fcnschten Sprache m\u00e4chtig ist.<\/p>\n<h6>In S\u00fcdtirol<\/h6>\n<p>Hierzulande gibt es insbesondere im m\u00fcndlichen Verkehr mit Beh\u00f6rden weder eine Verpflichtung noch eine allgemeine Empfehlung, den B\u00fcrgerinnen aktiv ein zwei- oder dreisprachiges Angebot zu machen. Das f\u00fchrt h\u00e4ufig dazu, dass Menschen auf ihr Recht auf Gebrauch der Muttersprache vorauseilend verzichten, wenn die Beamtin bereits eine Sprachwahl vorwegnimmt.<\/p>\n<p>Dies geht nat\u00fcrlich insbesondere zu Lasten der deutschen und ladinischen als <a title=\"Minorisierte Sprachen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72762\" rel=\"\">minorisierte Sprachen<\/a>, da <em>einsprachige<\/em> Mitarbeiterinnen \u00f6ffentlicher Dienste <a title=\"Zweisprachigkeit im Amt deutlich verschlechtert.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=25426\" rel=\"\">gro\u00dfmehrheitlich<\/a> nur Italienisch sprechen und da die Bevorzugung der italienischen Sprache als <em>lingua franca<\/em> auch einem etablierten gesellschaftlichen Reflex (<a title=\"Mehrheits- und Minderheitensprache im Kontakt.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72582\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Kolipsi: Die Outgroup-Kontakte.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=74013\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a>) entspricht.<\/p>\n<p>Insbesondere bei Diensten oder in speziellen Situationen, wo es ein gro\u00dfes (tats\u00e4chliches oder gef\u00fchltes) Machtgef\u00e4lle gibt \u2014 wie bei einer Polizeikontrolle etc.<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007fc0000000000000000_74827\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007fc0000000000000000_74827-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007fc0000000000000000_74827-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">Die entsprechenden Beh\u00f6rden sind meist staatlich und \u00fcberdies nur <em>insgesamt<\/em> zu einem zweisprachigen Dienst verpflichtet, w\u00e4hrend die einzelnen Beamtinnen keiner Zweisprachigkeitspflicht unteliegen.<\/span> \u2014, f\u00e4llt es vielen trotz Rechts auf Gebrauch der Muttersprache schwer, ohne aktives und niederschwelliges Angebot die bevorzugte Sprache zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Als B\u00fcrgerin neigt man ganz selbstverst\u00e4ndlich dazu, unangenehme Situationen zu meiden und nat\u00fcrlich auch Vor- und Nachteile abzuw\u00e4gen, die durch eine selbstbewusste Sprachwahl entstehen k\u00f6nnten. Wird eine Polizistin, die gegen ihren Willen (und ohne mir ein entsprechendes Angebot gemacht zu haben) Deutsch sprechen muss, beim defekten Licht genauer hinsehen? Wird sie vielleicht im Rahmen ihres Ermessensspielraums weniger kulant sein?<\/p>\n<p>Die <em>Offre active<\/em> ist deshalb ein Beispiel guter Praxis, das auch in S\u00fcdtirol gut aufgehoben w\u00e4re \u2014 und zwar so wie in Kanada insbesondere bei gesamtstaatlichen Beh\u00f6rden oder in Ortschaften, wo die staatliche Mehrheitssprache vorherrscht. Auch die Vorgabe, in Qu\u00e9bec die Sprachreihung Franz\u00f6sisch-Englisch (statt wie andernorts Englisch-Franz\u00f6sisch) zu verwenden, k\u00f6nnte analog<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007fc0000000000000000_74827\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007fc0000000000000000_74827-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007fc0000000000000000_74827-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\">Deutsch-Italienisch bzw. Ladinisch-Deutsch-Italienisch<\/span> auf S\u00fcdtirol angewandt werden.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Zweisprachige Sitzungen, wie geht das?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=65060\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Sprachbeharrung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64608\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Il Canada ha un ministro alle lingue ufficiali.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=91972\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list modern-footnotes-list--show-only-for-print\"><li><span>1<\/span><div>Die entsprechenden Beh\u00f6rden sind meist staatlich und \u00fcberdies nur <em>insgesamt<\/em> zu einem zweisprachigen Dienst verpflichtet, w\u00e4hrend die einzelnen Beamtinnen keiner Zweisprachigkeitspflicht unteliegen.<\/div><\/li><li><span>2<\/span><div>Deutsch-Italienisch bzw. Ladinisch-Deutsch-Italienisch<\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kanada sind Bundesbeh\u00f6rden in Gebieten, wo Minderheiten leben, dazu angehalten, ihre Dienste zweisprachig anzubieten, w\u00e4hrend Lokalbeh\u00f6rden auch einsprachig arbeiten d\u00fcrfen \u2014 wie zum Beispiel in der mehrheitlich frankophonen Provinz Qu\u00e9bec, wo vielfach nur Franz\u00f6sisch Amtssprache ist. 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