{"id":7611,"date":"2011-04-18T14:38:41","date_gmt":"2011-04-18T12:38:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7611"},"modified":"2024-12-07T22:30:23","modified_gmt":"2024-12-07T21:30:23","slug":"sudtiroler-sprachlandschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=7611","title":{"rendered":"S\u00fcdtiroler Sprachlandschaft."},"content":{"rendered":"<p>Als ich vor einigen Jahren das <em>Sprachbarometer<\/em> des Landesinstituts f\u00fcr Statistik in meinen H\u00e4nden hielt, fiel mir sofort auf, dass die meisten Daten nach Sprachgruppen getrennt angegeben waren \u2014 wodurch es schwierig ist, ein gesellschaftliches Gesamtbild zu erlangen. Das ist vermutlich Konsequenz des S\u00fcdtiroler Autonomiemodells, in dem gew\u00f6hnlich alles gesondert nach Sprachgemeinschaften betrachtet wird.<\/p>\n<p>Die meisten mir bekannten mehrsprachigen L\u00e4nder \u2014 von Katalonien \u00fcber die Schweiz bis Cymru\/Wales \u2014 kennen einen sehr wichtigen Indikator, der als Grundlage f\u00fcr die jeweilige Sprachpolitik dient, doch genau der fehlt in der Astat-Studie: Es handelt sich um die H\u00f6r-, Sprech-, Lese- und Schreibf\u00e4higkeiten <em>aller<\/em> B\u00fcrger in den unterschiedlichen Sprachen.<br \/>\nIm Sprachbarometer scheint zwar auf, wie gut die S\u00fcdtirolerinnen deutscher Muttersprache Italienisch und wie gut die S\u00fcdtirolerinnen italienischer Muttersprache Deutsch beherrschen, alles andere \u2014 einschlie\u00dflich der Kompetenzen in der <em>eigenen<\/em> Sprache \u2014 wird jedoch ohne ganz Angabe von Zahlenwerten und ebenfalls nach Sprachgruppen getrennt (ausschlie\u00dflich graphisch) zusammengefasst.<\/p>\n<p>Eine tabellarische oder grafische Darstellung der Sprachf\u00e4higkeiten <em>aller<\/em> S\u00fcdtirolerinnen (also ungeachtet ihrer Muttersprache) fehlt ganz.<\/p>\n<p>Ich habe nun beim Astat die entsprechenden Daten angefordert, erhalten und auf die Gesamtbev\u00f6lkerung umgelegt. Daraus ergibt sich ein viel differenzierteres Bild der S\u00fcdtiroler Sprachlandschaft, als die wie \u00fcblich nach Sprachgruppen getrennte Betrachtung erahnen l\u00e4sst. Daten \u00fcber das Leseverst\u00e4ndnis liegen mir leider nicht vor, genausowenig wie \u00fcber die Beherrschung der ladinischen Sprache. Das hier in Folge pr\u00e4sentierte Ergebnis m\u00fcsste normalerweise einschlagen wie eine Bombe:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7613 aligncenter\" title=\"H\u00f6rverst\u00e4ndnis.\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/hoeren.gif\" alt=\"\" width=\"399\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/hoeren.gif 399w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/hoeren-150x118.gif 150w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/hoeren-300x236.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Rund 68% der S\u00fcdtirolerinnen haben keine Schwierigkeiten, gesprochenes Deutsch zu verstehen. Das ist rund 1 Prozentpunkt <em>weniger<\/em>, als es \u2014 laut Volksz\u00e4hlung \u2014 S\u00fcdtiroler deutscher Muttersprache gibt. Dar\u00fcberhinaus k\u00f6nnen weitere 16% der S\u00fcdtirolerinnen Zusammenh\u00e4nge eines l\u00e4ngeren Gespr\u00e4chs auf Deutsch verstehen. Insgesamt befinden sich 84% der S\u00fcdtiroler Gesamtbev\u00f6lkerung in diesem \u00bbgr\u00fcnen Bereich\u00ab.<\/p>\n<p>Obwohl sich bei der Volksz\u00e4hlung nur 26,5% der S\u00fcdtirolerinnen der italienischen Sprachgruppe zugeh\u00f6rig erkl\u00e4rt haben, geben 59% (also mehr als <em>doppelt<\/em> so viele!) an, ohne Schwierigkeiten einem Gespr\u00e4ch auf Italienisch folgen zu k\u00f6nnen. Betrachtet man den gesamten \u00bbgr\u00fcnen Bereich\u00ab, schneiden die deutsche und die italienische Sprache sogar gleich gut ab: Bei beiden Sprachen fallen 84% der Bev\u00f6lkerung in die zwei h\u00f6heren Kategorien.<\/p>\n<p>Fast doppelt soviele S\u00fcdtirolerinnen verstehen kaum oder gar kein gesprochenes deutsches Wort (7%), wie solche, die angeben, (fast) kein Italienisch zu verstehen (4%).<\/p>\n<p>Interessant ist nicht zuletzt der Vergleich mit dem deutschen Dialekt (nicht grafisch dargestellt): 13% der S\u00fcdtirolerinnen k\u00f6nnen (fast) gar nichts verstehen, wenn sie jemanden auf \u00bbS\u00fcdtiroler Deutsch\u00ab sprechen h\u00f6ren. Das sind fast doppelt soviele, wie beim Hochdeutschen (7%). Allerdings geben im Gegenzug nur 7% an, einfache S\u00e4tze verstehen zu k\u00f6nnen, weshalb der sogenannte \u00bbgr\u00fcne Bereich\u00ab beim Dialekt mit 80% nur unwesentlich kleiner ist, als im Falle des Hochdeutschen (84%). Die Einwohnerinnen S\u00fcdtirols haben also insgesamt nur unwesentlich gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten, den Dialekt zu verstehen, als die Hochsprache.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7614 aligncenter\" title=\"Sprechen.\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/sprechen.gif\" alt=\"\" width=\"399\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/sprechen.gif 399w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/sprechen-150x118.gif 150w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/sprechen-300x236.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nur wenig mehr als die H\u00e4lfte der S\u00fcdtirolerinnen (55%) geben an, sich spontan und fl\u00fcssig auf Deutsch ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. Das sind deutlich weniger, als sich 2001 der deutschen Sprachgruppe zugeh\u00f6rig erkl\u00e4rt hatten (\u00fcber 69%). Umgekehrt sprechen mit 43% der Gesamtbev\u00f6lkerung wesentlich mehr S\u00fcdtirolerinnen \u00bbperfekt\u00ab Italienisch, als die Sprachgruppenzugeh\u00f6rigkeit vermuten lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Alarmierend ist, dass in einem Land mit deutscher Bev\u00f6lkerungsmehrheit \u00fcber ein Zehntel der Menschen (fast) gar nicht Deutsch sprechen kann. Das sind fast <em>dreimal<\/em> soviele, wie jene, die kein Italienisch sprechen.<\/p>\n<p>Was den gesamten \u00bbgr\u00fcnen Bereich\u00ab betrifft, so ist er bez\u00fcglich der Sprechf\u00e4higkeit im Deutschen (74%) nur unwesentlich gr\u00f6\u00dfer als im Italienischen (71%). Anders gesagt: Fast gleich viele Einwohnerinnen S\u00fcdtirols sprechen gut Italienisch, wie jene, die gut Deutsch sprechen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7615 aligncenter\" title=\"Schreiben.\" src=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/schreiben.gif\" alt=\"\" width=\"399\" height=\"315\"\/><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nur knapp die H\u00e4lfte der S\u00fcdtirolerinnen traut sich zu, Texte zu komplexen Sachverhalten auf Deutsch zu schreiben. Das sind rund 20 Prozentpunkte weniger, als die, die Deutsch als ihre Muttersprache bezeichnen. Fast ein Drittel (und somit ca. 6 Prozentpunkte mehr [!], als sich \u00bbitalienischer Muttersprache\u00ab erkl\u00e4rt haben), trauen sich dieselbe F\u00e4higkeit im Italienischen zu. Im \u00bbgr\u00fcnen Bereich\u00ab der deutschen Sprache befinden sich 77% der S\u00fcdtirolerinnen, in jenem der italienischen Sprache 71%: Wiederum gibt es in dieser Hinsicht keinen allzu gro\u00dfen Unterschied zwischen den Sprachen. Die Anzahl jener S\u00fcdtirolerinnen, die kein Deutsch schreiben k\u00f6nnen, ist um 50% h\u00f6her, als jene, die kein Italienisch schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><hr class=\"dotted-hr\" style=\"height: 4px; width: 100%; border: none; margin-top: 0em; margin-bottom: 0em; background-color: black;\"\/><\/p>\n<p>Das sind die Daten, die man meines Erachtens \u2014 anstatt der Sprachgruppenzugeh\u00f6rigkeitserkl\u00e4rung \u2014 f\u00fcr eine seri\u00f6se Sprach- und Kulturpolitik ben\u00fctzen sollte, weil sie ein realeres Bild der S\u00fcdtiroler Gesellschaft zeichnen. Sie k\u00f6nnten in zahlreichen Bereichen Anlass f\u00fcr eine drastische Kurs\u00e4nderung sein. Dabei gilt zu beachten, dass die neuen S\u00fcdtirolerinnen (Zuwanderer) in diesen Erhebungen \u2014 meines Wissens \u2014 gar nicht ber\u00fccksichtigt wurden.<\/p>\n<p><em>Die Daten beziehen sich auf das Astat-Sprachbarometer 2004 (Abschnitt 4 &#8211; Sprachidentit\u00e4t) und auf die Sprachgruppenerhebung von 2001. Die genauen Fragestellungen und methodologischen Hinweise sind dem Sprachbarometer zu entnehmen; ihre Ausf\u00fchrung w\u00fcrde den Rahmen eines Blogeintrags sprengen.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor einigen Jahren das Sprachbarometer des Landesinstituts f\u00fcr Statistik in meinen H\u00e4nden hielt, fiel mir sofort auf, dass die meisten Daten nach Sprachgruppen getrennt angegeben waren \u2014 wodurch es schwierig ist, ein gesellschaftliches Gesamtbild zu erlangen. Das ist vermutlich Konsequenz des S\u00fcdtiroler Autonomiemodells, in dem gew\u00f6hnlich alles gesondert nach Sprachgemeinschaften betrachtet wird. 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