{"id":77440,"date":"2023-03-24T12:41:31","date_gmt":"2023-03-24T11:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77440"},"modified":"2026-01-06T20:20:32","modified_gmt":"2026-01-06T19:20:32","slug":"sprachimmersion-minderheiten-und-eliten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77440","title":{"rendered":"Sprachimmersion, Minderheiten und Eliten."},"content":{"rendered":"<p>Eine Person, die die Einf\u00fchrung der mehrsprachigen Schule in S\u00fcdtirol bef\u00fcrwortet, hat mir k\u00fcrzlich via <em>Facebook<\/em> das Buch <em>Lernen in der Fremdsprache \u2013 Grundz\u00fcge von Immersion und bilingualem Unterricht<\/em> von <a title=\"Wiki: Henning Wode.\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henning_Wode\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Henning Wode<\/a> (1995) empfohlen. Darin wird tats\u00e4chlich sehr differenziert \u2014 und meinem Eindruck nach in manchen Punkten auch etwas widerspr\u00fcchlich \u2014 analysiert, unter welchen Umst\u00e4nden eine mehrsprachige Schule gut funktionieren kann. Insbesondere wird auch auf die Situation von Minorit\u00e4ten und Majorit\u00e4ten eingegangen.<\/p>\n<p>Einige Ausz\u00fcge:<\/p>\n<blockquote><p>Je gr\u00f6\u00dfer die Gruppe der Sprecher einer Sprache, umso st\u00e4rker ist der Sog bzw. Zwang f\u00fcr Sprecher einer anderen Sprache, sich bei Kontaktsituationen der Sprache der gr\u00f6\u00dferen Gruppe zu bedienen.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Henning Wode<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Die dominante Gruppe wird als Majorit\u00e4t bezeichnet, die nichtdominante als Minorit\u00e4t oder Minderheit. <strong>Abgesehen von Eroberung<\/strong> oder Kolonialisation, ist erstere in der Regel zahlenm\u00e4\u00dfig st\u00e4rker als die Minderheit, besetzt vorrangig die Macht- und F\u00fchrungspositionen in Staat und Wirtschaft; und die Sprache der Majorit\u00e4t ist meist auch die Nationalsprache des Staates.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Henning Wode<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>Hervorhebung von mir<\/em><\/small><\/p>\n<p>Welche Sprache zwischen Deutsch und Italienisch sich in Kontaktsituationen in S\u00fcdtirol meist durchsetzt, n\u00e4mlich zweitere, ist erforscht (<a title=\"Mehrheits- und Minderheitensprache im Kontakt.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72582\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Kolipsi: Die Outgroup-Kontakte.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=74013\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a>).<\/p>\n<p>Und dass es sich bei S\u00fcdtirol um eine Eroberung \u2014 wenn nicht um Kolonialisation (<a title=\"Impermanent fixity of the nation-state.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=48440\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Kolonie und Einverleibung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Kolonialistische Toponomastik.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70287\" rel=\"\"><code>03<\/code><\/a>) \u2014 handelt, d\u00fcrfte unstrittig sein. Das erkl\u00e4rt, warum die Sprachminderheit (laut obiger Definition) hierzulande zahlenm\u00e4\u00dfig in der Mehrheit ist und trotzdem eine <a title=\"Minorisierte Sprachen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72762\" rel=\"\">Minorit\u00e4t<\/a> darstellt.<\/p>\n<blockquote><p>[Es] hat sich die Unterscheidung von Lambert 1984 zwischen additivem und subtraktivem Bilingualismus bew\u00e4hrt. Mit additivem Bilingualismus ist gemeint, da\u00df Sch\u00fcler zus\u00e4tzlich zu ihren L1 F\u00e4higkeiten in der L2 erwerben, ohne da\u00df ihre Kompetenz in der L1 geschm\u00e4lert wird. Bei subtraktivem Bilingualismus hingegen lernen die Kinder zwar bis zu einem gewissen Grade eine L2, jedoch wird dadurch ihre L1-Entwicklung entweder gehemmt, oder bereits vorhandene L1-F\u00e4higkeiten verk\u00fcmmern wieder. Im Extremfall k\u00f6nnen solche Sch\u00fcler in beiden Sprachen semilingual in dem Sinne sein, da\u00df sie zwar zwei Sprachen sprechen, aber keine wirklich gut.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Henning Wode<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Auf die Unterscheidung zwischen additivem und subtraktivem Bilingualismus waren wir <a title=\"Additive und subtraktive Zweisprachigkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=73353\" rel=\"\">hier<\/a> bereits eingegangen, unter anderem mit Bezug auf Forschungsergebnisse von 2021. Insbesondere auch bei Sprachminderheiten ist die Gefahr von subtraktivem Bilingualismus vorhanden. Laut Wode gibt es M\u00f6glichkeiten, um dem entgegenzuwirken.<\/p>\n<blockquote><p>Swain\/Cummins 1986 bieten einen kritischen \u00dcberblick seit Peal\/Lambert. Sie nennen eine Reihe von Faktoren, die die positive oder negative Wirkung von Mehrsprachigkeit bestimmen.<br \/>\nDazu geh\u00f6ren: Die Zugeh\u00f6rigkeit der Kinder zu einer Minorit\u00e4t oder Majorit\u00e4t; das Prestige und der Status, den die L1 und L2 in der Familie und in der Gemeinschaft genie\u00dfen; der sozio-\u00f6konomische Status der Kinder bzw. ihrer Familien; sowie die Art des Unterrichts. Swain\/Cummins heben hervor, da\u00df <strong>die positiven Ergebnisse in der Regel bei Majorit\u00e4tenkindern festgestellt wurden, die negativen bei Minorit\u00e4tenkindern.<\/strong> Wenn die Kinder, ihre Familien und die Sprachgemeinschaft eine positive Einstellung zur L1 und L2 haben, wenn beide Sprachen ein hinreichendes Prestige genie\u00dfen und aus sozialen und wirtschaftlichen Gr\u00fcnden n\u00fctzlich sind, ergeben sich in der Regel positive Ergebnisse. <strong>G\u00fcnstig sind die Auswirkungen von Mehrsprachigkeit meistens bei Kindern aus h\u00f6heren sozio-\u00f6konomischen Schichten, weniger g\u00fcnstig bei Kindern aus niederen.<\/strong><\/p>\n<p><small><em>\u2013 Henning Wode<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>Hervorhebung von mir<\/em><\/small><\/p>\n<p>Letzteres finde ich besonders interessant und aufschlussreich. Es ist ein Aspekt, der in S\u00fcdtirol selten bis gar nicht thematisiert wurde \u2014 doch die mehrsprachige Schule k\u00f6nnte nicht nur ein Problem f\u00fcr die Minderheitensprachen (und somit f\u00fcr die Aufrechterhaltung der <a title=\"Zweisprachige Schule (II).\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=30232\" rel=\"\"><em>gesellschaftlichen<\/em><\/a> Mehrsprachigkeit) werden, sondern auch den Graben zwischen \u00bbsozio-\u00f6konomischen Schichten\u00ab vertiefen und zur Eliteschule werden. Dieser Vorwurf steht <a title=\"Immersion in Kanada: Chancen und Risiken.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=49470\" rel=\"\">im Mutterland der Immersion, Kanada<\/a>, schon lange im Raum und wir sollten uns vielleicht auch deshalb fragen, ob ein solches Modell im Rahmen des \u00f6ffentlichen Schulsystems Platz haben soll.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Assimilierende mehrsprachige Schule.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=68528\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Immersion ist f\u00fcr Minderheiten nicht.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64168\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Gli scarsi risultati della scuola bilingue.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=73677\" rel=\"\"><code>03<\/code> <\/a><a title=\"Eine \u00bbEurop\u00e4ische Schule\u00ab f\u00fcr S\u00fcdtirol?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=54606\" rel=\"\"><code>04<\/code><\/a> <a title=\"Erw\u00fcnschte Aostisierung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77387\" rel=\"\"><code>05<\/code><\/a> <a title=\"Bozen: Mehrsprachige Schule als L\u00f6sung?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77373\" rel=\"\"><code>06<\/code><\/a> <a title=\"Hegemoniale Zweisprachigkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=75013\"><code>07<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Sprachliche Rahmenbedingungen f\u00fcr Immersion.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77791\" rel=\"\"><span style=\"color:#ff8c00; text-decoration:underline; text-decoration-color:#ff8c00; text-decoration-thickness:3px;\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Schule: Elit\u00e4re versus echte Mehrsprachigkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=77859\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Nicht so internationaler Klassenzug.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85413\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Person, die die Einf\u00fchrung der mehrsprachigen Schule in S\u00fcdtirol bef\u00fcrwortet, hat mir k\u00fcrzlich via Facebook das Buch Lernen in der Fremdsprache \u2013 Grundz\u00fcge von Immersion und bilingualem Unterricht von Henning Wode (1995) empfohlen. 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