{"id":777,"date":"2007-11-04T07:00:46","date_gmt":"2007-11-04T05:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.selbstbestimmung.net\/?p=777"},"modified":"2021-06-11T09:54:40","modified_gmt":"2021-06-11T07:54:40","slug":"vierter-november","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=777","title":{"rendered":"Vierter November."},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Am Anfang der Era Fascista stand [&#8230;] einerseits ein Nichtereignis, andererseits eine jener eitlen Possen, die Mussolini einzunehmen pflegte, wenn er&#8217;s mit Frauen, zumal mit gro\u00dfen, zu tun bekam. Bis 1924 hatte \u2013 wie ich mich sp\u00e4ter unterrichten lie\u00df \u2013 kein Mensch in der Partei oder im Land daran gedacht, eine faschistische Zeitrechnung zu inaugurieren. In jenem zweiten Jahr nach der faschistischen Machtergreifung aber schenkte Mussolini der Schauspielerin Emma Gramatica eine Photographie mit eigenh\u00e4ndiger Widmung und markanter Unterschrift: Benito Mussolini, Roma, am Soundsovielten, Jahr II. Era Fascista (E. F.). Die Idee war ihm offensichtlich pl\u00f6tzlich durch den Kopf geschossen wie so viele vor- und nachher, doch da er sich in sie verliebt hatte, wurde aus der momentanen Eitelkeit eine Mode und aus der Mode ein Gebot: und damit galt die Era Fascista als neue, zun\u00e4chst noch der christlichen nebengeordnete Zeitrechnung, sp\u00e4ter als allein g\u00fcltige und erlaubte, bis sie eines Tages, im Jahre XXI., verschwand, ebenso unvermittelt, wie sie in Lauf gesetzt worden war \u2013 eine falsche M\u00fcnze, von der Geschichte eingezogen&#8230;<br \/>\nWie dem auch sei. Der 28. Oktober wurde gefeiert wie ein echter Neujahrstag: wir hatten schulfrei, die Gesch\u00e4fte hielten geschlossen, in den Zeitungen standen Artikel \u00fcber R\u00fcckblick und Ausblick. Wir Kinder hatten gegen dieses herbstliche Vizeneujahr absolut nichts einzuwenden. Der 28. Oktober war der Beginn einer ersten, leider nicht ganz geschlossenen Ferienwoche nach dem bitteren Schulanfang am 1. Oktober. Auf den 28. folgten am 1. und 2. November Allerheiligen und Allerseelen und dann der 4. November, der Tag des Sieges, an dem wiederum Nationalfeiertag und folglich schulfrei war. Gelegentlich rutschte auch ein Sonntag so geschickt in diese Feiertagsreihe hinein, da\u00df wir gleich drei oder vier Tage nacheinander von der Schule befreit waren.<br \/>\nIn der Erinnerung empfinde ich diese Tage zwischen dem 28. Oktober und dem 4. November als eine Art Karwoche im Herbst \u2013 wenn der Rauch von Erd\u00e4pfelkraut bei\u00dfend \u00fcber die Stoppel\u00e4cker kroch und das Vieh tr\u00e4ge auf den kahlen Feldern graste. Der Morgentau schmeckte nach Reif und der Regen nach Schnee. Und auch den Feiertagen, den kirchlichen wie den staatlichen, fehlte die Heiterkeit.<br \/>\nDrei Tage vor diesen Festen stiller Einkehr wurde nun der 28. Oktober als Neujahrstag eines Zeitalters gefeiert, das, au\u00dfer f\u00fcr seine neum\u00e4chtigen, neuadeligen und neureichen Protagonisten, niemals eine \u00bbgute alte Zeit\u00ab, wie unsere Eltern sie besa\u00dfen, werden w\u00fcrde: ein protzig l\u00e4rmender Tag mit Balilla-Aufmarsch, flatternden Trikoloren um den Postplatz, Beh\u00f6rdengesch\u00e4ftigkeit, Gesang und Musik.<br \/>\nUnd nur zwei Tage nach den stets ein wenig beklemmenden Totenfeiern auf den Kriegsfriedh\u00f6fen oberhalb des Bades und in unserm Wald unterm Gsell (die wenigen Frauen weinten; die M\u00e4nner lasen die fremdartigen Namen auf den Grabkreuzen \u2013 Milos, Bogdan, Milan, Janos, Vasili, Ivan \u2013 und tasteten sich daran ins \u00bbFr\u00fcher\u00ab zur\u00fcck; von den Fichten fielen schwere Tropfen ins Gebetbuch des Pfarrers, und von den L\u00e4rchen rieselten bla\u00dfgoldene Nadeln), nur zwei Tage also nach diesen Feiern, in denen wir jener Toten gedachten, die zur Verteidigung unserer Berge, unseres Dorfes, unserer H\u00e4user und Felder gefallen waren, feierten \u00bbwir\u00ab am 4. November den Sieg \u00fcber eben diese Toten, den Sieg \u00fcber unsere V\u00e4ter, die Vergeblichkeit des Opfers der einen und der Leiden der anderen. Wieder flatterten die Trikoloren. Die Alpini r\u00fcckten von den Baracken aus und marschierten zum Postplatz, wo die Milit\u00e4rkapelle die triumphalen M\u00e4rsche schmetterte, hastig, als f\u00fcrchtete der Herr Major an der Spitze des Bataillons, die T\u00f6ne k\u00f6nnten den Sieg vers\u00e4umen.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>aus: Gatterer, Claus, \u00bbSch\u00f6ne Welt, b\u00f6se Leut \u2013 Kindheit in S\u00fcdtirol\u00ab, Europaverlag Wien-Z\u00fcrich, 1982<\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"4N: Gegen Krieg und Rassismus.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=43838\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Der ungenie\u00dfbare Einheitsbrei vom 4N.\" href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=52391\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang der Era Fascista stand [&#8230;] einerseits ein Nichtereignis, andererseits eine jener eitlen Possen, die Mussolini einzunehmen pflegte, wenn er&#8217;s mit Frauen, zumal mit gro\u00dfen, zu tun bekam. 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