{"id":79753,"date":"2023-08-05T17:31:46","date_gmt":"2023-08-05T15:31:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79753"},"modified":"2026-07-27T09:23:04","modified_gmt":"2026-07-27T07:23:04","slug":"black-lives-matter-und-der-italienische-kolonialismus-in-sudtirol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79753","title":{"rendered":"Black Lives Matter und der italienische Kolonialismus in S\u00fcdtirol."},"content":{"rendered":"<p>Beim <em>European Journal of Cultural and Political Sociology<\/em> ist im Februar dieses Jahres ein Beitrag<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000001370000000000000000_79753\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000001370000000000000000_79753-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000001370000000000000000_79753-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">Titel: <em>Heritage politics in the case of Black Lives Matter in Bolzano-Bozen, Italy <\/em><a title=\"Heritage politics in the case\u2026\" href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/23254823.2023.2169183\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>(siehe)<\/em><\/a><\/span> der us-amerikanischen Wissenschafterin Alexandra Cosima Budabin erschienen, der sich mit den lokalen Verstrickungen von <a title=\"Black Lives Matter in Bozen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57886\" rel=\"\"><em>Black Lives Matter<\/em> (BLM) in Bozen<\/a> befasst.<\/p>\n<p>Dr. Budabin, die unter anderem in Harvard und an der <em>New York University<\/em> studiert und ihren Doktortitel an der <em>New School for Social Research<\/em> in NYC erworben hat, war 2019-20 mit einem Forschungsstipendium an der <em>Freien Universit\u00e4t Bozen.<\/em><\/p>\n<p>Wie sie in ihrem Papier beschreibt, mehrten sich im Rahmen der BLM-Proteste vom Fr\u00fchjahr 2020 in den USA und Europa die Forderungen nach der Schleifung von Denkm\u00e4lern, die zur Reinwaschung einer rassistischen Vergangenheit beitragen. Dabei h\u00e4tte sich in diesem Kontext der globale h\u00e4ufig mit nationalen und lokalen Diskursen zu Imperialismus und Kolonialismus vermischt.<\/p>\n<p>In diesem Zuge seien auch \u00bbvandalistische\u00ab Taktiken entwickelt worden, die von Graffitis bis hin zum <a title=\"Konf\u00f6derierte Denkm\u00e4ler zu Fall gebracht.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57843\" rel=\"\">Denkmalsturz<\/a> reichten.<\/p>\n<h6>Interne koloniale Praxis<\/h6>\n<p>In Bozen habe dies unter anderem zur <a title=\"Kolonialistische Symbole markiert.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57941\" rel=\"\">farblichen Markierung<\/a> der S\u00e4ule am sogenannten Siegesplatz gef\u00fchrt, die dem Beitrag von Soldaten aus S\u00fcdtirol zum italienischen Imperialismus und Kolonialismus gewidmet ist. Budabin identifiziert dieses Denkmal als \u00bbein faschistisches und kolonialistisches Symbol, das Teil einer imperialistischen Raumplanung war\u00ab. In einem Akt der buchst\u00e4blichen, gleichzeitig aber auch metaphorischen Reinwaschung seien es dann Mitglieder der neofaschistischen <em>CasaPound<\/em> gewesen, die die Spuren des Protests <a title=\"Faschistische Fleckenbek\u00e4mpfung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57986\" rel=\"\">beseitigten<\/a>, bevor die S\u00e4ule \u2014 diesmal mit antirassistischen Parolen<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000001370000000000000000_79753\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000001370000000000000000_79753-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000001370000000000000000_79753-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\"><em>Love People &#8211; Fuck Racism<\/em><\/span> \u2014 ein zweites Mal bespr\u00fcht wurde.<\/p>\n<p>Hier wie anderswo h\u00e4tten diese Interventionen auch Debatten sichtbar gemacht, die auf lokaler Ebene schon l\u00e4nger im Gange waren. Speziell in Bozen sei es aber nicht nur um den italienischen Imperialismus im Ausland gegangen, sondern auch um die interne koloniale Praxis des italienischen Staates gegen\u00fcber S\u00fcdtirol. Der dekoloniale Kampf um die Denkm\u00e4ler im Rahmeen von BLM habe auch diese Diskursebene in den Vordergrund geholt.<\/p>\n<h6>Macht und Kontrolle<\/h6>\n<p>Budabin argumentiert, dass Monumente in der Regel aus best\u00e4ndigen Materialien \u2014 quasi f\u00fcr die Ewigkeit \u2014 geplant w\u00fcrden und Aspekte reflektierten, an die Nationalstaaten oder Organisationen im \u00f6ffentlichen Raum erinnern wollen. Es gehe um Macht und Kontrolle \u00fcber das kollektive Ged\u00e4chtnis, was die Denkm\u00e4ler wiederum f\u00fcr symbolische Angriffe und Proteste attraktiv mache.<\/p>\n<p>Zudem gehe es um die Frage, wer von wem dazu angehalten werden soll, sich aus welchem Grund woran zu erinnern.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Thema sei, wie Gruppen und Gemeinschaften durch den Umgang mit kulturellem Erbe von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Solches Erbe k\u00f6nne \u00fcber partizipative und inkludierende Prozesse als unpassend oder problematisch (bzw. dissonant) gekennzeichnet werden, wenn alle Gesellschaftsgruppen an der Aushandlung und Definition von Bedeutungen teilhaben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend zum Beispiel die <a title=\"Wiki: Faro-Konvention.\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Faro-Konvention\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Faro-Konvention<\/a> den Fokus auf die Demokratisierung von Diskussionen zum kulturellen Erbe gelegt habe, seien es in der Praxis noch immer vor allem die \u00fcblichen b\u00fcrokratischen Kr\u00e4fte, die \u00fcber das Schicksal von Denkm\u00e4lern entscheiden.<\/p>\n<p>Nach wie vor sei es daher f\u00fcr manche Akteure n\u00f6tig, konfrontative Praktiken zu w\u00e4hlen, um auf unpassende Monumente hinzuweisen und eine Debatte zum Umgang damit zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<h6>Ideologischer Vandalismus<\/h6>\n<p>Bei der Attacke auf die S\u00e4ule am sogenannten Siegesplatz in Bozen habe es sich um einen Akt des <em>ideologischen Vandalismus<\/em> gehandelt \u2014 eine Art symbolische Infragestellung, um auf einen Missstand hinzuweisen und einen Konflikt sichtbar zu machen. Der Begriff des ideologischen Vandalismus unterstreiche dabei die Legitimit\u00e4t \u00bbsymbolischer Zerst\u00f6rungen\u00ab im Rahmen von politischem Aktivismus. Der Einsatz von Farbe k\u00f6nne als gewaltfreies Element zivilen Ungehorsams mit r\u00e4umlicher und performativer Komponente eingestuft werden, das tempor\u00e4r eine weitere Bedeutungsebene \u00fcber ein Symbol lege.<\/p>\n<p>Mit dem Reinigungsakt w\u00fcrden hingegen die Hegemonie des dominanten Diskurses wiederhergestellt und die gesellschaftliche Bedeutung des Widerstandsakts ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<h6>Italienische Geschichte<\/h6>\n<p>Italien habe ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu seiner kolonialen und faschistischen Vergangenheit. Schon kurz nach der Einigung 1861 habe die \u00c4ra der kolonialen Expansion angesetzt, die propagandistisch mit Anspielungen auf die \u00bbimperiale W\u00fcrde des alten Rom\u00ab gerechtfertigt wurde. Der relativ schnelle Verlust der Kolonien als Folge der Niederlage im Zweiten Weltkrieg habe dann aber zu mangelnder Aufarbeitung, ja zu einer veritablen <a title=\"Colonie, negazionismo di stato.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=49882\" rel=\"\">Ged\u00e4chtnisl\u00fccke<\/a> gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend inzwischen die von Italien \u2014 auch in den Grenzgebieten des Festlands, einschlie\u00dflich S\u00fcdtirol \u2014 ver\u00fcbten Verbrechen in der Forschung immer mehr zur Kenntnis genommen w\u00fcrden, herrsche im offiziellen und im gesellschaftlichen Diskurs nach wie vor der Mythos vom guten Italiener <em>(Italiani brava gente)<\/em> vor. Dieser werde von Medien wie Fernsehen und Kino perpetuiert und sei Teil der nationalen Identit\u00e4t geworden. Dank diesem Narrativ w\u00fcrden die Italienerinnen von ihrer aktiven Rolle bei der Ver\u00fcbung nationalsozialistisch-faschistischer Verbrechen freigesprochen und als Opfer hingestellt.<\/p>\n<p>Die Selbstwahrnehmung als \u00bbgute Italiener\u00ab lebe jedoch auch in der heutigen Migrationspolitik fort, w\u00e4hrend Italien eine migrationsfeindliche Au\u00dfenpolitik betreibe.<\/p>\n<p>Die fortdauernde Unsichtbarmachung der kolonialen Vergangenheit manifestiere sich nicht zuletzt im bis heute aktuellen Framing von Migrantinnen als \u00bbanders, kriminell, minderwertig, schmutzig und krank\u00ab, in der schlechten Behandlung von Migrantinnen und Asylsuchenden oder in der <a title=\"Seenot: Italien verordnet Sterbenlassen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=75567\" rel=\"\">Kriminalisierung von Seenotretterinnen.<\/a><\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend die koloniale Vergangenheit in der \u00d6ffentlichkeit wenig bekannt sei, seien architektonische Spuren der faschistischen und kolonialistischen Zeit allgegenw\u00e4rtig. Pl\u00e4tze, Stra\u00dfen und Denkm\u00e4ler seien einschl\u00e4gigen Pers\u00f6nlichkeiten, Orten und Geschehnissen gewidmet.<\/p>\n<h6>S\u00fcdtirol<\/h6>\n<p>Nach der Annexion sei die deutsche und ladinische Bev\u00f6lkerung einer <a title=\"Il pionierismo razzista dei fascisti in Sudtirolo.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=78327\">Politik der Italianisierung<\/a> und der \u00bbkulturellen S\u00e4uberung\u00ab unterworfen, das Vorgehen Italiens in S\u00fcdtirol mit dem in den afrikanischen Kolonien verglichen worden.<\/p>\n<p>M\u00e4nner aus dem annektierten S\u00fcdtirol seien ferner zum Wehrdienst eingezogen und in den Kolonialkriegen eingesetzt worden.<\/p>\n<p>Trotz der inzwischen gew\u00e4hrten Autonomie, die zum Abbau von Spannungen beigetragen habe, machten die architektonischen Spuren aus der Faschistenzeit nach wie vor Wunden sichtbar. Und da die Versuche, faschistische Architektur zu entfernen, als Ausl\u00f6schung der italienischen Identit\u00e4t verstanden wurden, sei Bozen die einzige Stadt, die die urspr\u00fcnglichen Zeichen und Symbole seit der Faschistenzeit beibehalten hat.<\/p>\n<p>Obschon das Siegesdenkmal <a title=\"Mediazione al rialzo.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=41323\" rel=\"\">historisiert<\/a> und entsch\u00e4rft wurde, best\u00fcnden in Bozen zahlreiche problematische Artefakte fort, wie eben die in unmittelbarer N\u00e4he stehende S\u00e4ule. Sie erinnere zwar einerseits an die koloniale Expansion in Afrika sowie an die milit\u00e4rische Intervention in Spanien, enthalte dar\u00fcber hinaus jedoch auch eine weitere koloniale Bedeutungsebene: da sie gefallenen S\u00fcdtirolern gewidmet ist, verweise sie auch darauf, wie das faschistische Italien die Wehrpflicht nutzte, um die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber S\u00fcdtirol zu behaupten.<\/p>\n<p>Laut Budabin haben die BLM-Proteste, indem sie zur Attacke auf die S\u00e4ule gef\u00fchrt haben, dazu beigetragen, nicht nur globale und lokale, sondern auch historische und gegenw\u00e4rtige Missst\u00e4nde bez\u00fcglich Rassismus und Kolonialismus aufzuzeigen und miteinander in Verbindung zu bringen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Schritt ist getan, doch andererseits steht die S\u00e4ule heute wieder reingewaschen da.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Innere und \u00e4u\u00dfere Kolonien.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64527\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Kolonie und Einverleibung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Ziviler Widerstand gegen Mussolini.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=11318\" rel=\"\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Cadornastra\u00dfe symbolisch umbenannt.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70063\" rel=\"\"><code>04<\/code><\/a> <a title=\"As statues fall, a new history is remembered.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57923\" rel=\"\"><code>05<\/code><\/a> <a title=\"Kolonialistische Toponomastik.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70287\" rel=\"\"><code>06<\/code><\/a> <a title=\"Statuen st\u00fcrzen bedeutet nicht Vergessen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=58060\" rel=\"\"><code>07<\/code><\/a> <a title=\"Der Zweite Weltkrieg in Afrika.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=57766\" rel=\"\"><code>08<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">|<\/span> <a title=\"Eine Topographie des Grauens.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=63617\" rel=\"\"><code>09<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Reinigungskraft f\u00fcr den Imperialismus.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=81386\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Darum kolonial.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85968\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Siegesdenkmal: Imperial bis heute.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=100405\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list modern-footnotes-list--show-only-for-print\"><li><span>1<\/span><div>Titel: <em>Heritage politics in the case of Black Lives Matter in Bolzano-Bozen, Italy <\/em><a title=\"Heritage politics in the case\u2026\" href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/23254823.2023.2169183\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>(siehe)<\/em><\/a><\/div><\/li><li><span>2<\/span><div><em>Love People &#8211; Fuck Racism<\/em><\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim European Journal of Cultural and Political Sociology ist im Februar dieses Jahres ein Beitrag der us-amerikanischen Wissenschafterin Alexandra Cosima Budabin erschienen, der sich mit den lokalen Verstrickungen von Black Lives Matter (BLM) in Bozen befasst. 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