{"id":83222,"date":"2024-01-23T17:58:10","date_gmt":"2024-01-23T16:58:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83222"},"modified":"2025-07-21T16:31:56","modified_gmt":"2025-07-21T14:31:56","slug":"warum-italien-sudtirol-nicht-aufgeben-darf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83222","title":{"rendered":"Warum Italien S\u00fcdtirol \u203anicht aufgeben darf\u2039."},"content":{"rendered":"<p>Noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ver\u00f6ffentlichte ein angesehenes italienisches Fachblatt \u2014 keine rechtsextreme Kampfpostille \u2014 einen aggressiv imperialistischen Text wie den, aus dem ich hier zitiere:<\/p>\n<blockquote><p>Italien darf das Alto Adige nicht aufgeben. <strong>Es geht um seine strategische Vollendung.<\/strong> Im Jahr 1919 auf den Gipfel der R\u00e4tischen Alpen gelangt, musste Italien im Anschluss an die im Zweiten Weltkrieg erlittene Niederlage einen <strong>nachteiligen Kompromiss<\/strong> annehmen, um das Gebiet behalten zu k\u00f6nnen. Seither besitzt Rom die Region, ohne sich aber <strong>ihre Bev\u00f6lkerung einverleiben<\/strong> zu k\u00f6nnen. Denn hier lebt eine weitgehend fremdst\u00e4mmige Gemeinschaft, <strong>die sich der Italianisierung widersetzt<\/strong> und kulturell mit dem angrenzenden \u00d6sterreich verwandt ist. Das ist eine <strong>Unzul\u00e4nglichkeit<\/strong>, die sich aus der <strong>beschnittenen Souver\u00e4nit\u00e4t<\/strong> ergibt, \u00fcber die Italien verf\u00fcgt, [und] eine Unstimmigkeit, die <strong>die territoriale Integrit\u00e4t Italiens unterminiert.<\/strong> Und doch ist dies eine unverzichtbare Voraussetzung \u2014 nicht nur vom geographischen Gesichtspunkt, der S\u00fcdtirol <strong>der italienischen Einflusssph\u00e4re zuordnet.<\/strong> Obschon es nicht auf die Loyalit\u00e4t der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung z\u00e4hlen kann, verzeichnet Rom hier seine gr\u00f6\u00dfte Ausdehnung nach Norden sowie die besten Verteidigungsbedingungen. So sieht es die milit\u00e4rische Grammatik, die die Eroberung der orographischen Gipfelpunkte gebietet.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>F\u00fcr Italien hat das Alto Adige doppelte Relevanz. Es befindet sich in seinem [eigenen] geographischen Raum, auf der S\u00fcdseite der Alpen, und ist <strong>grundlegender Bestandteil der territorialen Vollendung der Nation.<\/strong> [\u2026] Es handelt sich dabei um einen fundamentalen Faktor der Einheit und gleichzeitig um ein notwendiges strategisches Ziel.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Im Irredentismus nach der italienischen Einheit erhoben die italienischen Patrioten aus Gr\u00fcnden der geographischen und kulturellen Zugeh\u00f6rigkeit einen Anspruch auf das Trentino (und zudem auf Triest), mit der Absicht, Gebiete gleicher Sprache zu erobern. Sie verkannten jedoch <strong>die Dringlichkeit, bis zum Brenner vorzusto\u00dfen.<\/strong> Einflussreiche Nationalisten waren damit einverstanden, die Grenze [nur] bis zur Salurner Klause zu versetzen, einem Dorf im Etschtal, das damals den \u00dcbergang zwischen italienischem und deutschem Sprachraum darstellte. Sie waren in Unkenntnis geopolitischer \u00dcberlegungen \u00fcberzeugt, dass der Brenner zu deutsch sei, um annektiert zu werden. Lediglich der Autor von <em>Il Trentino,<\/em> Cesare Battisti, bezeichnete die M\u00f6glichkeit, die heutige Provinz Bozen zu erobern, als \u00bbmilit\u00e4risch gro\u00dfartig\u00ab.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>[Nach dem Zweiten Weltkrieg] behielt Italien das Alto Adige formell, <strong>verzichtete aber darauf, die fremdst\u00e4mmige Gemeinschaft zu assimilieren<\/strong>, der das Recht zuerkannt wurde, sich von der restlichen Bev\u00f6lkerung zu unterscheiden, obschon sie an der verh\u00e4ngnisvollen Grenze lebt.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Die heutige <strong>territoriale Unvollendetheit S\u00fcdtirols<\/strong> kam plastisch zum Vorschein. Ein Zustand, der von der italienischen Regierung als <strong>inakzeptabel benachteiligend<\/strong> betrachtet wurde, weshalb sie sich jahrelang weigerte, die Vereinbarungen [bez\u00fcglich Autonomie und Minderheitenschutz] zu erf\u00fcllen, was die gewaltsame Reaktion eines Teils der Deutschsprachigen hervorrief.<\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>\u00dcbersetzung und Hervorhebungen von mir<\/em><\/small><\/p>\n<p>W\u00e4re da nicht der letzte von mir zitierte Absatz, w\u00fcrde der Text wohl m\u00fchelos als ein sp\u00e4ter <a title=\"Ein paar Gedanken zum \u00bbProntuario\u00ab.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=3113\" rel=\"\">Erguss des Fanatikers Ettore Tolomei<\/a> durchgehen. Es ist aber auch nicht \u2014 wie man hoffen w\u00fcrde \u2014 die Ausgeburt eines seiner Anh\u00e4nger, die vielleicht aus den 1970er oder h\u00f6chstens 1980er Jahren stammt.<\/p>\n<p>Um es nicht l\u00e4nger hinauszuz\u00f6gern: Die hier wiedergegebenen Ausz\u00fcge stammen allesamt aus einem <a title=\"Limes: Perch\u00e9 l'Italia non pu\u00f2 rinunciare\u2026\" href=\"https:\/\/www.limesonline.com\/cartaceo\/perche-litalia-non-puo-rinunciare-allalto-adige\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag<\/a> des Journalisten Dario Fabbri, der vor weniger als sechs Jahren (Juni 2018) bei <em>Limes<\/em> erschienen und nach wie vor online einsehbar ist. Die Fachzeitschrift f\u00fcr Geopolitik, in deren wissenschaftlichem Beirat unter anderem Enrico Letta, Romano Prodi und Giulio Tremonti sitzen, geh\u00f6rt zur GEDI-Gruppe, die unter anderem die linksliberalen Bl\u00e4tter <em>la Repubblica<\/em> und <em>l&#8217;Espresso<\/em> herausgibt.<\/p>\n<p>Fabbri selbst war ab 2021 stellvertretender Leiter der <em>Limes<\/em>-Schule, arbeitet regelm\u00e4\u00dfig mit dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk <em>Rai<\/em> zusammen und gr\u00fcndete 2022 mit dem italienischen <em>Anchorman<\/em> Enrico Mentana eine neue Zeitschrift f\u00fcr Geopolitik, <em>Domino.<\/em> Im September 2023 war er auf Einladung der Gemeinde Bozen und ihres sogenannten Friedenszentrums im Rahmen des Festivals <em>Generazioni<\/em> in der Landeshauptstadt.<\/p>\n<p>Bis heute vertreten also wichtige italienische Vordenker den Standpunkt, dass S\u00fcdtirol leider aufgrund der Niederlage Italiens im Zweiten Weltkrieg (und nicht aus demokratischer und historischer Einsicht) nicht mehr <em>offen<\/em> assimiliert werden kann, was aber eigentlich geboten w\u00e4re, um die nationale Einheit und Integrit\u00e4t zu sichern und zu vollenden. Nach wie vor und trotz europ\u00e4ischer Einigung gilt Experten, die unter dem Deckmantel der Friedensforschung nach S\u00fcdtirol geladen werden, die Wasserscheidentheorie als strategisches Ziel, das es mit Z\u00e4hnen und Klauen zu verteidigen gilt, damit Italien \u2014 O-Ton Fabbri \u2014 von oben auf Europa herabschauen kann. Er geilt sich sogar daran auf, dass die Wasserscheide mit der \u00dcbernahme von Innichen \u00fcberschritten werden konnte.<\/p>\n<p>Als Fabbris Kollege Federico Petroni im Jahr 2022 ebenfalls via <em>Limes<\/em> <a title=\"Limes: S\u00fcdtirol gleichschalten.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=71148\" rel=\"\">forderte<\/a>, Italien m\u00fcsse S\u00fcdtirol wegen des \u00bbgaloppierenden antizentralistischen Geistes\u00ab w\u00e4hrend der Pandemie endlich wieder unter seine Kontrolle bringen, war das offenbar kein einsamer Ausrutscher. Vielmehr war das der willkommene Anlass, um eine grunds\u00e4tzlich f\u00fcr notwendig gehaltene Forderung zu erheben. W\u00e4hrend Petronis Beitrag damals jedoch etwas Aufsehen erregte, war der \u2014 meines Erachtens deutlich aufschlussreichere und emp\u00f6rendere \u2014 von Fabbri unter dem Radar geblieben. Ein ehrenamtlich gef\u00fchrter Blog wie dieser muss darauf aufmerksam machen.<\/p>\n<p>Gegen solche antiautonomistische, ja neokolonialistische Erg\u00fcsse m\u00fcsste eine S\u00fcdtiroler Landesregierung eigentlich zusammen mit \u00d6sterreich lautstark ihre Stimme erheben und Protest einlegen. Doch von einem Kabinett mit Beteiligung italienischer Rechtsextremistinnen darf dies wohl nicht erwartet werden.<\/p>\n<p>In jedem Fall lehrreich ist der <em>Limes<\/em>-Beitrag, der im Ton wie aus 1922 klingt, bez\u00fcglich der wahren Absichten vieler Strateginnen in diesem Nationalstaat. Es w\u00e4re wohl h\u00f6chst naiv zu glauben, dass es sich dabei um einzelne, fehlgeleitete Stimmen handelt, die in der staatlichen Administration, beim Verfassungsgericht und gerade in einer rechtsrechten Regierung wie der gerade in Rom am Werk befindlichen keine Beachtung finden. Wenn regelm\u00e4\u00dfig die Lockerung oder Abschaffung von Schutzmechanismen unserer Autonomie gefordert wird, weil ohnehin keine Gefahr mehr drohe, sollten wir vielleicht daran denken, dass einige Strategen im Staat nach wie vor auf nichts anderes warten, als Italien durch Ausl\u00f6schung der Minderheiten seiner wohlverdienten nationalen Vollendung zuzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Kolonie und Einverleibung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Cesare Battisti und die Brennergrenze.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70640\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Tolomeis Institut dichtmachen!\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=8449\" rel=\"\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Kolonialistische Toponomastik.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=70287\" rel=\"\"><code>04<\/code><\/a> <a title=\"Sudtirolo: Treccani\u2026 colonialista.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=60248\" rel=\"\"><code>05<\/code><\/a> <a title=\"L\u2019orgoglio nazionale imposto.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=80563\" rel=\"\"><code>06<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Qu\u00e4stor schreibt f\u00fcr \u2018s\u00fcdtirolfeindliches\u2019 Blatt.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=84172\" rel=\"\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Darum kolonial.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=85968\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"S\u00fcdtirol im Land der Zitronen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=90670\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Spagnolli f\u00fcrchtet zu niedrige Milit\u00e4rpr\u00e4senz in S\u00fcdtirol.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=93511\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>04<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ver\u00f6ffentlichte ein angesehenes italienisches Fachblatt \u2014 keine rechtsextreme Kampfpostille \u2014 einen aggressiv imperialistischen Text wie den, aus dem ich hier zitiere: Italien darf das Alto Adige nicht aufgeben. 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