{"id":83918,"date":"2024-02-18T19:07:19","date_gmt":"2024-02-18T18:07:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83918"},"modified":"2025-12-23T18:18:25","modified_gmt":"2025-12-23T17:18:25","slug":"foderalisierung-als-gefahr-fur-die-autonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83918","title":{"rendered":"F\u00f6deralisierung als Gefahr f\u00fcr die Autonomie."},"content":{"rendered":"<p>Ausgerechnet eine Regierungsmehrheit unter F\u00fchrung der postfaschistischen <em>Fratelli d&#8217;Italia<\/em> (FdI) soll nach dem Wunsch der <em>Lega<\/em> die asymmetrische Autonomie im italienischen Staat umsetzen, wie sie Artikel 116 der Verfassung seit der Reform von 2001 vorsieht und mehrere Regionen schon seit Jahren <a title=\"F\u00f6deralistischer Wind in Venetien und Lombardei.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=37112\" rel=\"\">fordern<\/a>. Wie <a title=\"Gr\u00fcnwei\u00dfrot gegen mehr Autonomie.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83248\" rel=\"\">berichtet<\/a>, gehen unter anderem <abbr title=\"Partito Democratico\">PD<\/abbr> und <abbr title=\"F\u00fcnfsternebewegung\">5SB<\/abbr> dagegen auf die Barrikaden.<\/p>\n<p>Eine etwaige st\u00e4rkere F\u00f6deralisierung des Gesamtstaates k\u00f6nnte nach allgemeiner Lesart auch f\u00fcr die bereits autonomen Gebiete von Vorteil sein, da so das Vorhandensein unterschiedlicher Formen von Selbstverwaltung in das Bewusstsein und in den Genpool des Zentralstaates \u00fcbergehen w\u00fcrde. Autonomie w\u00e4re nicht mehr wie heute eine kleine Ausnahme, sondern, wiewohl regional unterschiedlich ausgepr\u00e4gt, die allgemeine Regel.<\/p>\n<h6>Die Wesentlichen Betreuungsstandards<\/h6>\n<p>Dennoch birgt die asymmetrische Autonomie der 15 Normalregionen auch Risiken f\u00fcr die sechs bestehenden Sonderautonomien Aosta, Friaul und Julien, Sardinien, Sizilien, S\u00fcdtirol und Trentino. Ein warnendes Beispiel daf\u00fcr, was uns erwarten k\u00f6nnte, bietet die Erfahrung mit den <em>Wesentlichen Betreuungsstandards<\/em> (WBS) im Gesundheitswesen.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich waren die WBS ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Gesundheitssysteme der gew\u00f6hnlichen Regionen plus Sizilien gedacht, denen damit eine zentral(istisch)e Regie und Kontrolle \u00fcbergest\u00fclpt wurde. Die anderen autonomen Gebiete sollten ihr Gesundheitswesen im vorgegebenen Rahmen nach eigenen Kriterien formen und auslegen k\u00f6nnen, die \u00dcbermittlung von WBS-Daten nach Rom war freiwillig und unverbindlich. Mit der Zeit jedoch stieg der Druck \u2014 auch zum Beispiel von oppositioneller Seite in S\u00fcdtirol \u2014 sich der zentralstaatlichen \u00dcberwachung \u00bbfreiwillig\u00ab zu unterwerfen. Ist ein solches Kontroll- und Bewertungssystem erst einmal etabliert, wird es n\u00e4mlich schwierig, sich ihm g\u00e4nzlich zu entziehen.<\/p>\n<p>Dabei wurden aber zwei zentrale Aspekte regelm\u00e4\u00dfig v\u00f6llig au\u00dfer Acht gelassen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die WBS waren von Anfang an nicht daf\u00fcr konzipiert, Systeme zu \u00fcberwachen und zu vergleichen, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Auslegung zu sehr unterscheiden. Eine vom zentralen Modell abweichende Organisation kann das WBS-Raster teils gar nicht erfassen und abbilden, weshalb autonome L\u00f6sungen bisweilen ungeachtet ihrer Leistungsf\u00e4higkeit (!) bestraft werden. Wenn also S\u00fcdtirol gewisse Leistungen beispielsweise nicht \u00fcber das Gesundheitssystem im engeren Sinne, sondern \u00fcber eine andere Schiene abwickelt, werden ihm daf\u00fcr wom\u00f6glich keine Punkte im WBS-Raster angerechnet.<\/li>\n<li>Bereiche, in denen S\u00fcdtirol aus den unterschiedlichsten Gr\u00fcnden (auch aus denen, die im ersten Punkt genannt wurden) erst gar keine Daten \u00bbfreiwillig\u00ab ans Ministerium nach Rom lieferte, flossen dennoch in die \u00bbfreiwillige\u00ab Erhebung ein und bedingten somit eine negative Gesamtbewertung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So konnte sich trotz angeblicher Freiwilligkeit \u2014 im Zusammenspiel mit einer hilflosen Kommunikation des Landes und recherchefaulen Medien \u2014 \u00fcber die Jahre <a title=\"S\u00fcdtiroler Gesundheitswesen an vorletzter Stelle?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=53521\" rel=\"\">der Mythos<\/a> eines S\u00fcdtiroler Gesundheitswesens etablieren, das im Vergleich mit denen des Gesamtstaates zu den allerschlechtesten geh\u00f6rte. Wiewohl es nat\u00fcrlich auch hierzulande teils grobe Probleme gibt, entsprach dieser Befund <a title=\"CREA: Regionale Gesundheitssysteme 2023.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=79012\" rel=\"\">keineswegs der Realit\u00e4t.<\/a> Nicht hilfreich war zudem, dass das benachbarte Trient sich anders als S\u00fcdtirol oder Aosta ohne Zwang viel bereitwilliger dem gesamtstaatlichen System unterwarf, was weitere Verwirrung stiftete. Das Trentino konnte n\u00e4mlich nicht haupts\u00e4chlich deshalb viel bessere Bewertungen als S\u00fcdtirol erzielen, weil es tats\u00e4chlich ein so viel leistungsf\u00e4higeres Gesundheitswesen hat, sondern weil das WBS-System aufgrund seiner Auslegung autonome Organisation und L\u00f6sungen tendenziell bestraft. Wer freiwillig oder unfreiwillig darauf verzichtet, wird belohnt.<\/p>\n<p>Letztendlich f\u00fchrte dies so weit, dass vor wenigen Jahren auch die autonomen Regionen und L\u00e4nder dazu verpflichtet wurden, g\u00e4nzlich dem WBS-System beizutreten. Wenn es ein staatsweites Monitoringsystem erst einmal gibt, ist die Versuchung, ihm alle, ungeachtet ihrer autonomen Zust\u00e4ndigkeiten, zu unterwerfen, sehr gro\u00df. Das damit einhergehende Risiko ist nun, dass S\u00fcdtirol dazu gedr\u00e4ngt wird, nicht vor allem die <em>echten<\/em> Probleme in seinem Gesundheitswesen zu beheben, sondern \u2014 ungeachtet der tats\u00e4chlichen Notwendigkeit \u2014 auch Dienste so umzubauen, dass dies m\u00f6glichst hohe WBS-Bewertungen sicherstellt. Zumindest aber wird man dazu \u00fcbergehen m\u00fcssen, Daten so zu erfassen, dass sie WBS-konformer werden, unerheblich ob dies eigentlich sinnvoll ist. Insgesamt nehmen die Anreize stark zu, das eigene System dem staatsweiten \u00e4hnlicher zu machen. Der Antrieb, sich gute Praktiken auch vom Ausland (etwa vom deutschsprachigen Raum, mit dem enge Kooperationen bestehen) abzuschauen, sinkt hingegen, da die damit erzielten Ergebnisse im WBS-System wom\u00f6glich nicht honoriert werden.<\/p>\n<h6>Die Wesentlichen Leistungsstandards<\/h6>\n<p>Ein wichtiger Bestandteil der asymmetrischen Autonomie, wie sie die rechtsrechte Regierung von Giorgia Meloni (FdI) vorantreibt, ist tats\u00e4chlich die Festlegung von <em>Wesentlichen Leistungsstandards<\/em> (WLS), die alle Regionen zu gew\u00e4hrleisten haben. In wirklich f\u00f6deral ausgelegten Staatsgebilden gibt es so etwas nicht, doch in Italien scheint es ohne eine zentralistische Regie offenbar nicht zu gehen. Das sehr reale Risiko ist nun, dass auch dieses System \u00fcber kurz oder lang \u2014 verpflichtend oder nicht \u2014 den bisher autonomen Regionen und L\u00e4ndern \u00fcbergest\u00fclpt wird. Genauso n\u00e4mlich wie die asymmetrische Autonomie an sich wird n\u00e4mlich auch die Erwartungshaltung hinsichtlich der Sicherstellung der einheitlichen Standards ins staatsweite <em>Mindset<\/em> \u00fcbergehen. F\u00fcr Medien, \u00d6ffentlichkeit und Politik wird also die Versuchung gro\u00df sein, auch die Gebiete mit Sonderstatut \u00fcber den einheitlichen Kamm zu scheren. Ein Gebiet, das in gewissen Bereichen tats\u00e4chlich autonome L\u00f6sungen sucht, wird dann \u2014 wie schon im Gesundheitswesen \u2014 m\u00f6glicherweise schlechte Bewertungen erzielen, womit abermals der Druck steigt, sich selbst unverbindlichen zentralen Vorgaben zu unterwerfen. Das dient dann zwar der Punktezahl, schadet aber der Autonomie und f\u00fchrt wom\u00f6glich auch zu einer Verschlechterung der tats\u00e4chlichen Leistungsstandards.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Ancora disinformazione sui LEA.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=61742\" rel=\"\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Il Sudtirolo e i Livelli Essenziali di Assistenza.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=48142\" rel=\"\"><code>02<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"I rischi dell\u2019autonomia differenziata.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=86854\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgerechnet eine Regierungsmehrheit unter F\u00fchrung der postfaschistischen Fratelli d&#8217;Italia (FdI) soll nach dem Wunsch der Lega die asymmetrische Autonomie im italienischen Staat umsetzen, wie sie Artikel 116 der Verfassung seit der Reform von 2001 vorsieht und mehrere Regionen schon seit Jahren fordern. 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