{"id":84400,"date":"2024-03-16T18:47:30","date_gmt":"2024-03-16T17:47:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=84400"},"modified":"2024-03-20T18:26:35","modified_gmt":"2024-03-20T17:26:35","slug":"ohnmachtig-weil-hilflos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=84400","title":{"rendered":"Ohnm\u00e4chtig. Weil hilflos."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><strong>F\u00fcr kranke Senior:innen ist es fast unm\u00f6glich, au\u00dferhalb des Krankenhauses gediegen medizinisch versorgt zu werden<\/strong><\/p>\n<p>Es geht um meine Mutter. Sicher kein Einzelfall, sicher ein Fall wie viele andere auch. Ihr Leidensweg begann, als ihr Herz immer schw\u00e4cher wurde und weitere Probleme verursachte. Mit weitreichenden Folgen.<\/p>\n<p>Es war fast aussichtlos, einen Termin bei dem ihr zugewiesenen Hausarzt zu erhalten. Er war, wenn \u00fcberhaupt, nur digital erreichbar, gew\u00e4hrte Termine erst nach mehreren Wochen. Eine effiziente Hilfe f\u00fcr eine betagte kranke Frau sieht anders aus. Abgesehen davon, dass der Arzt kein Wort deutsch sprach. Reden in der eigenen Sprache, sagte der <a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=80925\">M\u00fcnchner Psychiater Tom Hegemann<\/a> auf diesen Seiten, hilft in der \u00e4rztlichen Behandlung. Das wird in S\u00fcdtirol als \u00fcberfl\u00fcssig, weil deutsch-nationalistisch, abgetan.<\/p>\n<p>Wir suchten nach einer Alternative und fanden sie auch. Der Hausarzt, der auch als Zahnarzt t\u00e4tig ist, fand trotz seiner \u00dcberbelastung Zeit, meine Mutter ohne gro\u00dfen Aufwand und ohne st\u00e4ndige Einw\u00e4nde mit den notwendigen Rezepten zu versorgen. Eine gro\u00dfe Erleichterung, denn die Zettelwirtschaft ist erdr\u00fcckend. Von wegen B\u00fcrokratie in der Landwirtschaft.<\/p>\n<h6>Abwesender Hausarzt<\/h6>\n<p>Doch der Reihe nach: Nach dem v\u00f6lligen Versagen ihres Hausarztes, wegen seiner fehlenden realen, analogen Anwesenheit, brachte mein Bruder unsere angeschlagene Mutter im Herbst ins Krankenhaus nach Bozen. Den \u00c4rzt:innen gelang es, ihre Herzschw\u00e4che \u00bbabzuschw\u00e4chen\u00ab. Andererseits war es unm\u00f6glich, \u00e4rztliche Auskunft \u00fcber den Zustand der Mutter zu erhalten. Erst \u00fcber den Umweg \u00bbVitamin B\u00ab \u2014 eigentlich unertr\u00e4glich \u2014 wurden wir \u00fcber die m\u00fctterlichen Lebensperspektiven informiert. Ein Zustand zum Verzweifeln.<\/p>\n<p>Das Krankenhaus \u00fcberstellte unsere Mutter anschlie\u00dfend f\u00fcr eine weiterf\u00fchrende Therapie an die Privatklinik <em>Bonvicini.<\/em> Den \u00c4rztinnen und \u00c4rzten dort gelang eine Stabilisierung, die hoffen lie\u00df. Mutter erholte sich \u00fcberraschend gut, auch weil sie sich aufgehoben f\u00fchlte. Manchmal \u2014 sie beklagte sich nicht, bedauerte es aber \u2014 fand sie sich in der italienischen Welt der <em>Bonvicini<\/em>-Klinik nicht zurecht. Der Kunde, der Patient ist K\u00f6nig? Das Versprechen der Autonomie auf sprachliche Normalit\u00e4t wird im Gesundheitswesen st\u00e4ndig gebrochen.<\/p>\n<p>Erschreckend f\u00fcr mich auch, wie wenig zwischen dem Bozner Krankenhaus und der erw\u00e4hnten Privatklinik zusammengearbeitet wurde. Es scheint zwischen den beiden Einrichtungen nicht direkt kommuniziert zu werden, wir Angeh\u00f6rigen der Patient:innen mussten vermitteln, die Krankenhaus\u00e4rzt:innen wussten nicht, was ihre Kolleg:innen der Patientin an neuen Medikamenten verschrieben. Fast schon fahrl\u00e4ssig. Ein <em>No-Go.<\/em><\/p>\n<h6>Alleingelassen<\/h6>\n<p>Die Unzul\u00e4nglichkeiten sind f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen noch verkraftbar, wahrscheinlich aber weniger verkraftbar f\u00fcr Patient:innen. Schlimm wird es, wenn vermeintlich genesene Erkrankte nach Hause entlassen werden. Da ist \u00bbman\u00ab pl\u00f6tzlich auf sich allein gestellt. Da sp\u00fcrt \u00bbman\u00ab die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.<\/p>\n<p>Das Bad musste umgebaut, eine Pflegerin \u2014 eine <em>Badantin<\/em> \u2014 gesucht werden. Weil die Schwester eine Bedienstete des <em>Bauernbundes<\/em> ist, fand sie dort effiziente Hilfe beim eigenen Patronat, unb\u00fcrokratisch schnell und zielf\u00fchrend. Ein Kompliment an den <em>Bauernbund.<\/em> Andere tun sich da schwer, deutlich schwerer. Es war ein Zickzack-H\u00fcrdenlauf, zeitaufw\u00e4ndig f\u00fcr uns Angeh\u00f6rige, aber besonders entw\u00fcrdigend f\u00fcr die Betroffene, unsere Mutter.<\/p>\n<p>Stichwort Invalidit\u00e4t, Pflegegeld, Pflegeeinstufung. Entw\u00fcrdigend ist es, wenn Senior:innen vor die Invalidenkommission zitiert werden. Unsere Mutter musste vom <em>Wei\u00dfen Kreuz<\/em> dorthin gebracht werden, \u00e4u\u00dferst gebrechlich, hilflos ausgeliefert. Und was machen alte Menschen vor der Kommissionsriege? Sie mimen St\u00e4rke, weil sie ihr Leben lang widerstehen mussten, allen m\u00f6glichen Widrigkeiten. Auch hier wiederholte sich die einsprachige Arroganz italienischer \u00c4rzte, die nicht einmal versuchten, wenigstens passiv zweisprachig zu sein.<\/p>\n<p>Zweite H\u00fcrde Pflegeeinstufung. Diese beantragte meine Schwester im November 2023 beim zust\u00e4ndigen Amt. Im April 2024 h\u00e4tte sie stattfinden sollen. Monate sp\u00e4ter. Ist das eine Strategie? Unsere Mutter verstarb in der Zwischenzeit. Warum findet diese Einstufung nicht gleichzeitig mit der Anh\u00f6rung vor der Invalidenkommission statt? B\u00fcrokratieabbau?<\/p>\n<p>Passend dazu ein kolportierter Sager des ehemaligen Generaldirektors des <em>Sanit\u00e4tsbetriebs,<\/em> <a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=81217\">Thomas Schael<\/a>. Er zweifelte die Sinnhaftigkeit an, kranke Seniorinnen und Senioren mit Prothesen zu versorgen. Weil sie eh sterben werden. Medizindarwinismus der \u00fcbelsten Sorte. &nbsp;<\/p>\n<h6>Der unaufhaltsame Leidensweg<\/h6>\n<p>Als Mutter nach der zweimonatigen Betreuung im Krankenhaus und in der <em>Bonvicini<\/em>-Klinik nach Hause zur\u00fcckkehrte, begann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ihr Leidensweg. Die Nachtstunden wurden f\u00fcr sie eine Qual: Wasser in der Lunge, Atemnot, die Angst, zu ersticken. Bruder und <em>Badantin<\/em> verzweifelten an der misslichen Lage der Mutter. Ihre Unruhe artete jede Nacht zu einer Art Amok-Aktion aus.<\/p>\n<p>Die im Krankenhaus angek\u00fcndigte Hilfe durch den Sprengel blieb ein nicht eingehaltenes Versprechen. Diese begleitende Hilfe gab es ganz einfach nicht. In der absoluten Not der Hilflosigkeit \u2014 Ohnmacht pur \u2014 griffen mein Bruder, meine Schwester und ich zu einer Notma\u00dfnahme. Innerhalb einer Woche suchten wir gleich dreimal die Notaufnahme im Bozner Krankenhaus auf. Eine SOS-Mail an einen die Mutter betreuenden Arzt blieb unbeantwortet.<\/p>\n<p>Wir verbrachten jeweils acht Stunden, meine Geschwister und ich. Eine Zumutung f\u00fcr unsere kranke Mutter. Sie wurde vom Team \u2014 ohne Zweifel: alle arbeiten in der Notaufnahme unter Druck effizient und viel \u2014 als ein \u00bbNicht-Notfall\u00ab eingestuft. Wasser in der Lunge, Blut im Magen, kein Notfall? Zweimal wurde unsere Mutter mit einer Liste neuer Medikamente nach Hause verschickt. W\u00e4re das nicht der Job des Sprengels vor Ort? Damit k\u00f6nnte die Notaufnahme entlastet werden. Beim dritten Anlauf erbarmte sich eine \u00c4rztin und behielt die Herzkranke f\u00fcr einige Tage im Krankenhaus.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr nach Hause war letztendlich ein Umweg in den Tod. Wir wurden zu ohnm\u00e4chtigen Sekundanten des Sterbens unserer Mutter. Nach weiteren qualvollen N\u00e4chten, nicht verkraftbar das hilflose \u00bbHelfen\u00ab, ein weiterer Anlauf in die Notaufnahme, der letzte Gang. Es gab einige engagierte Pfleger:innen, einen interessierten Arzt, die die Mutter fachlich begleiteten, in den Tod. Er war schmerzfrei, unendlich traurig, weil endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Die \u00bbPflege\u00ab zuhause ist eine Schim\u00e4re, ein Trugbild, ein Hirngespinst. Uns Familienangeh\u00f6rigen wurde ein Job \u00fcbertragen, den wir nicht beherrschten. Nicht nur der Job wurde uns \u00fcbertragen, auch die Verantwortung wurde auf uns abgew\u00e4lzt. Die Verantwortung f\u00fcr das vorhersehbare Scheitern. Hat sich das unsere Mutter verdient? Wie bereits angedeutet, das war und ist nicht ein Einzelfall.<\/p>\n<p>Eine positive Erw\u00e4hnung darf nicht fehlen: Reibungslos erhielten wir vom <em>Sanit\u00e4tsbetrieb<\/em> Krankenbett, Rollator und Rollstuhl. Erstaunlich unb\u00fcrokratisch schnell, nachdem alle notwendigen Zettel vorlagen.<\/p>\n<h6>F\u00fcr eine Lobby der Alten, Pflegebed\u00fcrftigen, Sterbenden<\/h6>\n<p>Die oben beschriebene \u00bbBehandlung\u00ab hat sich unsere Mutter \u2014 das gilt f\u00fcr alle M\u00fctter und V\u00e4ter \u2014 nicht verdient. Die Loblieder auf die Alten, Senior:innen, die den Faschismus, wie auch den Nazismus und den Zweiten Weltkrieg durchgestanden und \u00fcberlebt, danach S\u00fcdtirol wieder aufgebaut haben, bleiben schal, unehrlich.<\/p>\n<p>Auf der <a href=\"https:\/\/www.litcologne.de\/\">lit. Cologne<\/a> hat es <a href=\"https:\/\/www.litcologne.de\/de\/programm\/lit-cologne\/meine-mutter-war-ihr-ganzes-leben-lang-ungluecklich-mit-didier-eribon-und-ulrich-matthes\">der franz\u00f6sische Philosoph Didier Eribon<\/a> unmissverst\u00e4ndlich deutlich formuliert: Es braucht <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/lit-cologne-didier-eribon-carine-debrabandere-ulrich-matthes-lesung-debatte-1.6437327?reduced=true\">eine Lobby f\u00fcr die Alten, die Pflegebed\u00fcrftigen, die Sterbenden<\/a>.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=84445\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr kranke Senior:innen ist es fast unm\u00f6glich, au\u00dferhalb des Krankenhauses gediegen medizinisch versorgt zu werden Es geht um meine Mutter. 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