{"id":87794,"date":"2024-08-30T00:30:13","date_gmt":"2024-08-29T22:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87794"},"modified":"2026-02-02T08:07:12","modified_gmt":"2026-02-02T07:07:12","slug":"tourismus-in-masen-statt-in-massen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87794","title":{"rendered":"Tourismus in Ma\u00dfen statt in Massen."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 15px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><strong>Kritische Sicht auf die Tourismusindustrie in S\u00fcdtirol<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2023 hat die S\u00fcdtiroler Tourismuswirtschaft die 8-Millionen-Marke bei den Ank\u00fcnften geknackt, 2024 werden wir wahrscheinlich auf den 3. Rang im EU-Regionenranking nach Tourismusintensit\u00e4t vorr\u00fccken. Was bedeuten 36 Millionen N\u00e4chtigungen? Es sind nicht weniger als 62 Prozent der 58 Millionen N\u00e4chtigungen, die die ganze Schweiz verzeichnet hat, ein 9-Millionen-Einwohner-Land und eine touristische Topdestination.<\/p>\n<p>Diese intensive touristische Nutzung unseres Landes wird in der Verkehrs\u00fcberlastung deutlich: Weil 80-86 Prozent der S\u00fcdtirolbesucher mit eigenem Kfz anreisen, aber durchschnittlich immer weniger lang bleiben, haben wir j\u00e4hrlich an die 3,8 Millionen Touristenfahrzeuge im Land einschlie\u00dflich der ausgeuferten Motorradplage. Einmal vor Ort unternehmen diese G\u00e4ste mindestens 56 Millionen Fahrten mit dem eigenen Kfz. Zus\u00e4tzlich rollen j\u00e4hrlich \u00fcber 11 Millionen PKW \u00fcber die Brennerautobahn durch S\u00fcdtirol, zum betr\u00e4chtlichen Teil wiederum Touristen. Mehr Tourismus hei\u00dft unvermeidlich mehr Verkehr, mehr verbaute Fl\u00e4che, mehr Lebensmittelimport und Abfall, mehr Energie- und Wasserverbrauch, mehr CO<sub>2<\/sub>-Emissionen. Mit den Zielen des Klimaplans S\u00fcdtirol 2040 ist das alles v\u00f6llig unvereinbar. Damit geht es in die Gegenrichtung, als ob der Klimawandel f\u00fcr den Tourismus nicht relevant w\u00e4re.<\/p>\n<p>Begr\u00fcndet wird das weitere Wachstum seitens der Hotellerie und Politik mit der angeblichen Bedeutung des Tourismus f\u00fcr Wohlstand und Arbeitspl\u00e4tze. Wohlstand kann aber in der (mit Mailand) reichsten Provinz des Staates nicht mehr blo\u00df nach Wertsch\u00f6pfung und Einkommen bemessen werden. Mit rund 11 Prozent Anteil an der Wertsch\u00f6pfung ist der Tourismus zwar wichtig, aber nicht \u00fcberragend. Verwiesen wird dann oft auf die sogenannten induzierten Effekte auf vorgelagerte Branchen wie Handel, Handwerk und Landwirtschaft, doch h\u00e4tten auch andere Branchen wie die Industrie und \u00f6ffentliche Dienstleistungen \u00e4hnliche Effekte. Wenn bestenfalls das Bauhaupt- und Nebengewerbe vom Tourismus profitiert, ist das insgesamt kritisch zu bewerten: noch mehr \u00bbqualitative Erweiterung\u00ab im landwirtschaftlichen Gr\u00fcn und noch mehr Wellnessanlagen und Luxushotelbauten sind f\u00fcr Landschaft, Umwelt und Klima nicht vertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Dann die Geschichte mit den Arbeitspl\u00e4tzen: Heute arbeiten in S\u00fcdtirol zur Hochsaison \u00fcber 50.000 Menschen abh\u00e4ngig und selbstst\u00e4ndig im Tourismus. Ganzjahresarbeitspl\u00e4tze gibt es in dieser Branche weit weniger. Im Jahresdurchschnitt liegt die Besch\u00e4ftigtenzahl bei 37.500 (ASTAT 2023) und der Anteil des Gastgewerbes an der Gesamtbesch\u00e4ftigung bei 14,2 Prozent. Die Arbeit im Tourismus weist eine vergleichsweise geringere Produktivit\u00e4t und unterdurchschnittliche Entlohnung auf. Solche Arbeitspl\u00e4tze werden nach und nach von Zuwanderern \u00fcbernommen. S\u00fcdtirol mit seinem leergefegten Arbeitsmarkt braucht heute nicht mehr so viele Arbeitspl\u00e4tze dieser Art. War das Gastgewerbe in den 1960er und 1970er Jahren die Rettung, um Abwanderung aus strukturschwachen Berggebieten zu verhindern, ist das seit Jahrzehnten nicht mehr so dringend. Heute emigrieren qualifizierte junge Leute, weil es eben nur mehr die Wahl zwischen Tourismus, Handwerk und Landwirtschaft gibt. S\u00fcdtirol hat inzwischen zu viele unterbezahlte, nicht stabile, saisonale und unterversicherte Arbeitspl\u00e4tze im Gastgewerbe. Zudem stellt sich in Zeiten des demografischen Wandels die Problematik neu dar. In den n\u00e4chsten 10-15 Jahren wird sich der Personalmangel in verschiedenen qualifizierten Bereichen von der Pflege \u00fcber das Handwerk bis zum Bildungssystem versch\u00e4rfen. In dieser Situation gereicht zu viel Tourismus zum Schaden, weil er tausende junge Erwerbst\u00e4tige absorbiert, die in anderen Bereichen sozial, \u00f6kologisch und sogar wirtschaftlich sinnvoller t\u00e4tig sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der <em>Heimatpflegeverband<\/em> setzt sich seit Jahren f\u00fcr einen ma\u00dfvollen und nachhaltigen Tourismus ein. Die fr\u00fchere Bedeutung des Tourismus f\u00fcr die wirtschaftliche und soziale Entwicklung unseres Landes steht au\u00dfer Zweifel. Doch heute geht es darum, endlich die Grenzen des Wachstums dieser Branche wahrzuhaben. Laut einer repr\u00e4sentativen Studie (Bausch\/Tauber, <em>Lebensraumqualit\u00e4t S\u00fcdtirol: Studie zur subjektiven Wahrnehmung der Lebensqualit\u00e4t durch die S\u00fcdtrioler Bev\u00f6lkerung,<\/em> <em>Freie Universit\u00e4t Bozen,<\/em> Bruneck-Bozen 2023) nimmt die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung den Tourismus in drei Bereichen \u2014 Verkehr, Lebenshaltungskosten, Immobilienmarkt \u2014 negativ oder sehr negativ wahr. Wollen wir diese Sorgen ernst nehmen? Zudem bedroht das \u00dcberma\u00df an Tourismus mit seinem Dichtestress auch die Grundlagen der touristischen Attraktivit\u00e4t selbst: die intakte Natur- und Kulturlandschaft, die Umwelt, den Erholungswert, die kulturelle Authentizit\u00e4t. Die G\u00e4ste treten sich auch nicht gerne gegenseitig auf die F\u00fc\u00dfe. S\u00fcdtirol wirkt heute vielfach wie ein bis zum letzten Winkel befahrbarer Freizeitpark, der mit M\u00fche und Not den Besucherandrang zu managen versucht. Das mindert mehr und mehr die Lebensqualit\u00e4t der Einheimischen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu \u00f6ffentlichem Protest wie auf den Balearen, Kanaren, Barcelona, Florenz und Venedig kommt.<\/p>\n<p>F\u00fcr nachfolgende Generationen ist dieses \u00dcberma\u00df an touristischer Inwertsetzung mehr Last als Chance. Nicht zuf\u00e4llig bringen zwei Ladinerinnen dieses verbreitete Unbehagen am \u00dcbertourismus in der neuen Publikation auf den Punkt: \u00bbWarum bauen wir immer mehr aus, wenn die Bev\u00f6lkerung sinken wird?\u00ab, fragt Valentine Kostner aus St. Ulrich, \u00bbf\u00fcr wen bauen wir zus\u00e4tzliche Hotels und Wohnungen? F\u00fcr diejenigen, die im Gastronomiesektor arbeiten wollen, gibt es Arbeit genug. F\u00fcr manche ist f\u00fcr Generationen schon vorgesorgt, w\u00e4hrend f\u00fcr andere das Leben im Tal nicht mehr leistbar sein wird. Wenn es so wenig Nachkommen gibt, wer \u00fcbernimmt einmal all diese Hotels?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs geht darum, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und einer die Gesellschaft und Umwelt nicht \u00fcberfordernden Dimension der Branche zu schaffen\u00ab, sagt Elide Mussner, Tourismusreferentin der Gemeine Abtei\/Badia, \u00bbes geht um die Verantwortung f\u00fcr das Gemeinwohl und die Lebensqualit\u00e4t, die auch die Tourismusunternehmer mittragen m\u00fcssen.\u00ab<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang hat k\u00fcrzlich ein fr\u00fcherer IDM-Manager behauptet, das Land w\u00fcrde nicht uns geh\u00f6ren, sondern wir zum Land. \u00bbDies wirft die Frage auf\u00ab, so <em>Heimatpflege<\/em>-Obfrau Claudia Plaikner in ihrem Vorwort zur neuen Publikation, \u00bbob wir etwa zu Statisten dieses Landes degradiert werden sollen und dem boomenden Tourismus freundlich l\u00e4chelnd und still zu dienen haben. Freilich \u201ageh\u00f6rt\u2018 uns das Land nicht wirkich. Nichts geh\u00f6rt uns wirklich und f\u00fcr immer: Wir haben es von den Generationen vor uns \u00fcbernommen und leihen es lediglich von denen, die nach uns kommen. Aber jede Generation hat jeweils eine ganzheitliche Verantwortung zu tragen.\u00ab<\/p>\n<h6>Das Buch<\/h6>\n<p><em>Heimatpflegeverband S\u00fcdtirol\/POLITiS (Hg.), <strong>Heimat oder Destination S\u00fcdtirol? <\/strong><\/em><strong>Tourismus in Ma\u00dfen statt in Massen, <\/strong>Verlag <em><strong>arca<\/strong>edizioni<\/em> Lavis, 2024, 208 Seiten, ISBN 978-88-88203-95-9. Euro 20,\u2013 | <a title=\"Kurzvorstellung Heimat-Destination S\u00fcdtirol.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/publ_heimat-destination-suedtirol.pdf\">Kurzvorstellung.<\/a><\/p>\n<p>Ein Sammelband mit Beitr\u00e4gen von Claudia Plaikner, Josef Rohrer, Hans Heiss, Thomas Benedikter, Hanspeter Niederkofler, Leonhard Resch, Stefan Perini, Wally K\u00f6ssler, Michele Nardelli, Albert Willeit, Gerd Estermann, Elide Mussner, Florian Trojer, Alexander van Gerven, Christine Baumgartner, Hanspeter Staffler, Hanna Battisti, Michil Costa. Mit Fotos von Lois Hechenblaikner, Hanna Battisti, Albert Willeit und anderen und einem Gedicht von Sepp Mall.<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische Sicht auf die Tourismusindustrie in S\u00fcdtirol Im Jahr 2023 hat die S\u00fcdtiroler Tourismuswirtschaft die 8-Millionen-Marke bei den Ank\u00fcnften geknackt, 2024 werden wir wahrscheinlich auf den 3. 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