{"id":89630,"date":"2024-12-11T11:31:53","date_gmt":"2024-12-11T10:31:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=89630"},"modified":"2024-12-11T21:38:22","modified_gmt":"2024-12-11T20:38:22","slug":"die-mar-von-der-wagenburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=89630","title":{"rendered":"Die M\u00e4r von der Wagenburg."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 15px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><strong>Was hat S\u00fcdtirols Kampf um Autonomie mit Ethnozentrismus zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Sind <a href=\"https:\/\/www.autonomyexperience.org\/danger-zones-eine-untersuchung-zu-nationalen-minderheiten-in-europa\/\">Minderheitenregionen <em>\u00bbDanger Zones\u00ab<\/em><\/a><em>,<\/em> Gefahrenzonen? Ja, doch. Im Baskenland explodierten noch bis vor weniger Jahren Bomben der ETA-Attent\u00e4ter, in Nordirland wollte die im irischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg entstandene IRA die britische Armee rausbomben.<\/p>\n<p>Auch auf Korsika z\u00fcndeten Attent\u00e4ter ihre Bomben, gegen Hotels, Zweitwohnungen, staatliche Einrichtungen. Korsika galt als \u00bbBanditeninsel\u00ab.<\/p>\n<p>In Nordirland und auf Korsika sind die Parteien der Attent\u00e4ter inzwischen an der Regierung. Im Baskenland \u00fcberholte die linksnationalistische <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2024-04\/baskenland-parlamentswahl-separatisten-erfolg\">EH Bildu<\/a> die bisher stimmenst\u00e4rkste Baskische Nationalpartei <abbr title=\"Eusko Alderdi Jeltzalea\">EAJ<\/abbr>\/PNV.<\/p>\n<p>Ja, Gefahrenzonen, es starben auch viele Unschuldige.<\/p>\n<h6>S\u00fcdtirol und der Jura<\/h6>\n<p>Am 8. Dezember erinnerten Sch\u00fctzen und Heimatb\u00fcndler auf dem Friedhof von St. Pauls an Sepp Kerschbaumer, Gr\u00fcnder des <a href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/bombenjahre\">Befreiungsausschuss BAS<\/a> und mitverantwortlich f\u00fcr die \u00bbFeuernacht\u00ab 1961. Historiker k\u00f6nnen ausschweifend \u00fcber die Auswirkungen der Terroranschl\u00e4ge des BAS auf die Autonomieverhandlungen referieren. Der langj\u00e4hrige <abbr title=\"S\u00fcdtiroler Volkspartei\">SVP<\/abbr>-Obmann und Landeshauptmann <a href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/14102024\/anschlag-auf-magnago\">Silvius Magnago befand<\/a> \u2014 als Autonomievater wird er es wohl wissen \u2014, dass die Anschl\u00e4ge die Verhandlungen regelrecht befeuerten.<\/p>\n<p>S\u00fcdtirol war Ende der 1950er und in den 1960er Jahren eine Gefahrenzone. Der italienische Staat stationierte in seinem Kampf gegen die Attent\u00e4ter tausende Soldaten und <em>Carabinieri<\/em> in S\u00fcdtirol. Einige der <a href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/27052024\/sechs-tage-den-haenden-der-carabinieri\">eingesetzten Methoden<\/a> gegen die Attent\u00e4ter waren glatte Verst\u00f6\u00dfe gegen den Rechtsstaat. Die einstige Gefahrenzone z\u00e4hlt heute zur Gruppe der wohlhabenden Regionen in der EU.<\/p>\n<p>Sogar in der Schweiz explodierten Bomben, im Jura: Die frankophonen Jurassier wollten weg von der Deutsch-Berner Bevormundung, die Radikalen bombten f\u00fcr den eigenen <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/ein-jahrzehntealter-streit-die-jura-frage-ein-ueberblick\">Kanton Jura.<\/a> So wie 1984, als Urheber galten Mitglieder der Jugendbewegung <em><a href=\"https:\/\/diju.ch\/d\/notices\/detail\/3917-groupe-belier-jugendorganisation\">B\u00e9liers<\/a>,<\/em> die 1951 entstandene Sezessionsbewegung strebte politisch die Losl\u00f6sung des Jura von Bern an. In den 1970er Jahren stimmten die B\u00fcrger:innen gleich zweimal f\u00fcr die Schaffung eines eigenen Kantons. Der dann auch Realit\u00e4t wurde. Der Jura ist der j\u00fcngste Kanton der Schweiz und tr\u00e4gt den amtlichen Titel <a title=\"Wiki: Verfassung der Republik und des Kantons Jura.\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verfassung_der_Republik_und_des_Kantons_Jura\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbRepublik und Kanton Jura\u00ab.<\/a><\/p>\n<p>Eine Geschichte des sich Wehrens gegen das ethnische Plattmachen, eine Geschichte des Widerstandes gegen die ethnische Einvernahme.<\/p>\n<h6>Danger Zones \u2013 A Study of National Minorities<\/h6>\n<p>Lange ist es her. Viele der Gr\u00fcnde f\u00fcr ethnische Konflikte in Europa liegen aber noch weiter zur\u00fcck. Mehr als hundert Jahre. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zerbrachen multinationale Imperien, einstige Staatsv\u00f6lker wurden in den neu entstandenen Nationalstaaten \u00fcber Nacht zu Minderheiten. Diese organisierten sich im <em><a href=\"https:\/\/ome-lexikon.uni-oldenburg.de\/begriffe\/europaeischer-nationalitaetenkongress\">Europ\u00e4ischen Nationalit\u00e4tenkongress<\/a>,<\/em> anfangs eine Zusammenschau deutscher und j\u00fcdischer Minderheiten im \u00f6stlichen Mitteleuropa. Der Kongress forderte die Selbstbestimmung, wie von US-Pr\u00e4sident Wilson als Friedensl\u00f6sung ausgegeben.<\/p>\n<p>Die Reaktion vieler Staaten darauf: <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/archiv\/536260\/ethnische-saeuberung-ein-mittel-zur-loesung-von-nationalitaetenproblemen\/\">ethnische S\u00e4uberungen.<\/a> Die Nationalstaaten sind Ausdruck von tats\u00e4chlichen <em>Danger Zones.<\/em><\/p>\n<p>Der von den Alliierten gegr\u00fcndete V\u00f6lkerbund versuchte mit der Formulierung von Minderheitenrechten dagegenzuhalten. Damit besch\u00e4ftigt war eine eigene Minderheitenkommission. Mitarbeiter <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_Sturge_Stephens\">John S. Stephens<\/a> schrieb seine Erfahrungen nieder: <em>\u00bbDanger Zones \u2013 A Study of National Minorities\u00ab.<\/em><\/p>\n<p>Die beiden <em>Eurac<\/em>-Forschenden Hannes Obermair und Josef Prackwieser ver\u00f6ffentlichten das fast hundert Jahre alt Buch neu und aktualisierten es mit ihren Kommentaren: <a href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/22112024\/danger-zones\">\u00bbGefahrenzonen Europas. Eine Untersuchung zu nationalen Minderheiten\u00ab<\/a> (Verlag <em>Raetia\/Alphabeta).<\/em> Auch S\u00fcdtirol kommt vor, damals schon unter faschistische Herrschaft, der S\u00fcdtiroler Parlamentarier Baron Paul von Sternbach vom <em>Deutschen Verband<\/em> war einer von Stephens&#8217; Informanten.<\/p>\n<p>Obermair und Prackwieser erg\u00e4nzten mit ihren Analysen den gar nicht altbacken wirkenden Text \u2014 im Gegenteil. Manches von Stephens gilt auch heute noch. Rechte f\u00fcr Minderheiten, Instrumente der Entspannung. Beide setzen sich mit dem Begriff der <a href=\"https:\/\/www.barfuss.it\/leben\/zur-geschichte-des-minderheitenbegriffs\/\">\u00bbMinderheiten\u00ab<\/a> auseinander.<\/p>\n<p>Wer spricht in S\u00fcdtirol heute von Minderheiten? Die Ladiner sind es zweifelsohne, italienische Parteien und einige S\u00fcdtiroler Linksliberale beschreiben die italienische Bev\u00f6lkerungsgruppe inzwischen als die neue Minderheit in S\u00fcdtirol. Also jetzt auch ein Paket f\u00fcr die Italiener? Weg mit dem <a href=\"https:\/\/www.rainews.it\/tgr\/tagesschau\/audio\/2024\/12\/autonomiereform-streichung-von-instrumenten-ist-gefahr-fur-minderheitenschutz-e2e09865-45f8-40a3-b4b1-0198453f78d0.html\">Proporz, der Zweisprachigkeit und der Ans\u00e4ssigkeitsklausel?<\/a><\/p>\n<h6>Danger Zone S\u00fcdtirol<\/h6>\n<p>Der Historiker Hannes Obermair, blitzgescheit und kreativ querdenkend zog aus dem Buch von Stephens auch seine Schlussfolgerungen f\u00fcr S\u00fcdtirol. Sehr kritische, negative. Doch der Reihe nach.<\/p>\n<p>Minderheitenregionen als <em>Danger Zones?<\/em> Nein, wenn die Nationalstaaten statt ethnisch zu mauern mit ihren sprachlichen oder nationalen Minderheiten emanzipatorisch umgehen, wird es zu keinen wie auch immer gearteten Gefahren kommen. Zentralen, die ausgrenzen, g\u00e4ngeln und\/oder diskriminieren, dr\u00e4ngen Minderheitenregionen in \u00bbGefahrenzonen\u00ab.<\/p>\n<p>Bei der Pr\u00e4sentation des Buches Ende November in der <em>Te\u00dfmann<\/em>-Bibliothek in Bozen zeichnete Obermair teilweise ein \u00e4u\u00dferst unsympathisches Bild von S\u00fcdtirol. Ethnozentristisch mit Wagenburgmentalit\u00e4t, deutsch abgeschottet, zutiefst provinziell, kurzum kleinkariert.<\/p>\n<p>Manches mag vielleicht zutreffen. Aber wie h\u00e4tten die deutsch- und ladinischsprachigen S\u00fcdtiroler:innen nach 1918 auf die italienische Annexion reagieren sollen? Freudig, weil endlich raus aus dem konservativen \u00f6sterreichischen Mief, weil endlich divers?<\/p>\n<h6>Entnationalisierung der Fremdst\u00e4mmigen<\/h6>\n<p>Die faschistische Diktatur von 1922 bis 1943 und ihre radikale Entnationalisierungspolitik \u2014 die geb\u00fcrtige Brixner Forscherin Roberta Pergher <a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72810\">spricht<\/a> von einem extremen italienischen Siedlerkolonialismus in S\u00fcdtirol \u2014 dr\u00fcckten S\u00fcdtirol an die Wand. Vieles war verboten, S\u00fcdtirol beispielsweise hie\u00df nur noch <em>Alto Adige,<\/em> die S\u00fcdtiroler erhielten den Stempel \u00bbFremdst\u00e4mmige\u00ab <em>(allogeni)<\/em> aufgedr\u00fcckt. Auch eine Art Untermenschen, weil angebliche Eindringlinge, Invasoren. Der Faschismus und die erlebten Erfahrungen wirkten lange nach.<\/p>\n<p>So stimmte 1939 eine \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der S\u00fcdtiroler bei der Option f\u00fcr die Auswanderung nach Nazideutschland. Waren diese, die Optanten, allesamt Nazis? Viele schon.<\/p>\n<p>S\u00fcdtiroler versuchten in jener Zeit ein Auskommen mit dem Faschismus zu finden oder wurden zu \u00fcberzeugten Faschisten <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/10087032\/Inhaltsverzeichnis_des_neuen_Heftes_von_Geschichte_und_Region_Storia_e_regione_22_2013_H_2_Option_und_Erinnerung_La_memoria_delle_opzioni_inkl_Hansj%C3%B6rg_Stecher_Auf_den_Spuren_von_Anton_Spechtenhauser_Ein_S%C3%BCdtiroler_Faschist_als_Opfer_S%C3%BCdtiroler_Nazis_S_57_93\">wie Anton Spechtenhauser<\/a> und manch anderer. Wer hat aber das Recht, dieses Anbiedern in einer Zeit der Diktatur zu brandmarken, die Anbiederer als Verr\u00e4ter zu verunglimpfen?<\/p>\n<h6>NS-T\u00e4ter und Kollaborateure<\/h6>\n<p>Dies gilt doch auch f\u00fcr die grauenhaften Ereignisse nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1943 in Italien. Viele S\u00fcdtiroler:innen empfingen die Soldaten mit Blumenstr\u00e4u\u00dfen und Applaus, empfanden die Besetzung als Befreiung. Die Wehrmacht, die SS und andere Nazi-Organisationen konnten sich auf die \u00bbMitarbeit\u00ab vieler S\u00fcdtiroler verlassen. Es gab viele Aktive, Mitmacher und Mitl\u00e4ufer. S\u00fcdtiroler beteiligten sich an der Verfolgung der Juden in Meran, \u00bbarbeiteten\u00ab im sogenannten Durchgangslager in der Bozner Reschenstra\u00dfe. Aus Opfern des Faschismus wurden Nazi-T\u00e4ter.<\/p>\n<h6>Halber Neustart<\/h6>\n<p>Nach der Befreiung 1945 wurden die kompromittierten S\u00fcdtiroler vom antifaschistischen Italien kollektiv bestraft. Keine R\u00fcckkehr nach \u00d6sterreich, auch keine Landesautonomie, obwohl im <a href=\"https:\/\/www.landtag-bz.org\/de\/pariser-vertrag-autonomiestatut\">italienisch-\u00f6sterreichischen <em>Pariser Vertrag<\/em> 1946<\/a> entsprechend \u2014 wenn auch nur d\u00fcnn \u2014 formuliert, stattdessen 1948 eine <a href=\"https:\/\/provinz.bz.it\/pariservertrag\/autonomie\/chronologie.asp\">Regionalautonomie<\/a> gemeinsam mit dem Trentino. Die Autonomie f\u00fcr die beiden Provinzen war knapp und d\u00fcrftig, f\u00fcr die Region, die aber ein zentralistisches Abbild des Zentralstaates war, hingegen potent.<\/p>\n<p>Das Absurde daran, die Regionalautonomie wurde auch nur st\u00fcckweise umgesetzt, wie es Martha Stocker (SVP) in <a href=\"https:\/\/www.rainews.it\/tgr\/tagesschau\/articoli\/2019\/11\/tag-50-jahre-Paket-magnago-martha-stocker-svp-f3ed7322-a267-4497-a86d-1726d0d1a1c0.html\"><em>Die Paket-Schlacht<\/em><\/a> beschreibt. Die Antifaschisten als H\u00fcter des italienischen Zentralismus. W\u00e4hrend Sizilien bereits 1945 eine gut ausgestattete <a href=\"https:\/\/autonomiae.bz.it\/de\/der-weg-zur-autonomie\/\">Autonomie<\/a> erhielt, musste S\u00fcdtirol bis 1972 warten, bis zum <a href=\"https:\/\/www.provinz.bz.it\/lpa\/download\/statut_dt.pdf\">Zweiten Autonomiestatut.<\/a><\/p>\n<p>Dazwischen lag eine unendlich lange anhaltende Bew\u00e4hrungsprobe. Der Staat f\u00f6rderte die italienische <a href=\"https:\/\/www.barfuss.it\/series\/suedtirol-100-jahre-migrationsgeschichte\/\">Migration<\/a> mit der Zuweisung von staatlichen Jobs und Sozialwohnungen an Italiener, gleichzeitig verlie\u00dfen wegen fehlender Perspektiven tausende junge S\u00fcdtiroler das Land in Richtung \u00d6sterreich, BRD und Schweiz. Die Zeit zwischen dem Referendum f\u00fcr die Republik 1946 (die S\u00fcdtiroler durften wegen fehlender italienischer Staatsb\u00fcrgerschaft nicht mitstimmen) und der parlamentarischen Genehmigung der neuen Autonomie ist kein Ruhmesblatt f\u00fcr die italienische Republik.<\/p>\n<p>Die Antwort der Mehrheitspartei, der SVP, war ihr kompaktes Auftreten. Die Zustimmung zur SVP war fast grenzenlos, heute unvorstellbar. \u00bbZusammenhalten\u00ab war die Parole, die SVP und S\u00fcdtirol pr\u00e4sentierten sich wie eine Wagenburg. Eine Ethnopolitik, davon ist Hannes Obermair \u00fcberzeugt, die dem Land schadete. Der Demokratie, dem Pluralismus, dem Zusammenleben.<\/p>\n<p>In dieser grauen Zeit dazwischen manifestierte der italienische Staat seine grenzenlose Macht in der \u00bbProvinz Bozen\u00ab. Die folgenden Attentate, die \u00f6sterreichische Intervention bei der UNO, die dann \u2014 wohl als Reaktion \u2014 einsetzenden Verhandlungen zwischen Bozen und Rom auf Augenh\u00f6he entspannten die Lage, f\u00fchrten \u00fcber die ausgehandelten Paketma\u00dfnahmen zwischen der SVP und der italienischen Regierung zur Landesautonomie, zum Zweiten Autonomiestatut. Historiker Hans Heiss nennt die Autonomie eine Z\u00e4sur, auf die ein Liberalisierungs- und Modernisierungsschub folgte.<\/p>\n<h6>Wagenburg als Widerstand<\/h6>\n<p>Das war nur m\u00f6glich und machbar, weil die SVP und ihr W\u00e4hlervolk geschlossen auftraten. Ja, ethnozentristisch in einer Wagenburg. Mag ja sein, dass manches in der S\u00fcdtirolpolitik verquer lief, dass das Ethnische lange Zeit die Politik dominierte, wie eine Glasur den gro\u00dfen Rest zudeckte. Aber das war eine erzwungene Notwehr, erzwungen von der nationalstaatlichen Arroganz.<\/p>\n<p>Der Staat Italien blieb trotz seiner progressiven Verfassung dem eigenen Ethnozentrismus verpflichtet. Verfassungsartikel 6 von 1948 sieht den Schutz und die F\u00f6rderung der sprachlichen Minderheiten vor. Das entsprechende <a href=\"https:\/\/cirf.uniud.it\/it\/risorse-in-rete\/normativa\/legge-482\/1999\">Gesetz wurde erst 1999<\/a> verabschiedet. Artikel 1 dieses Gesetzes stellt unmissverst\u00e4ndlich klar, dass die Amtssprache der Republik Italienisch ist. Was soll das in einem Minderheitengesetz?<\/p>\n<p>\u00c4hnlich, aber deutlich schneller, wurde Italien \u2014 ebenso in der Verfassung festgeschrieben \u2014 in einen Regionalstaat umgebaut: 1970. Weitere Regionalisierungsgesetze folgten 1975 und 1998. Mit der Verfassungsreform 2001 sollte die Regionalisierung auf Verfassungsbasis gestellt werden. Ein weiterer Versuch des Ausbaus der Regionalautonomie der rechtsrechten Regierung von Giorgia Meloni (<abbr title=\"Fratelli d\u2019Italia\">FdI<\/abbr>) scheiterte letzthin \u2014 nach Anrufen durch die linke Opposition \u2014 am Verfassungsgericht.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit holte sich der Staat auch wieder Kompetenzen aus S\u00fcdtirol zur\u00fcck. Die Studie der Innsbrucker Rechtsprofessoren <a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=34967\">Esther Happacher und Walter Obwexer<\/a> spricht eine klare Sprache. Die Autonomie verlor an Gewicht und an Kompetenzen, der Staat schr\u00e4nkte sie in wesentlichen Bereichen sp\u00fcrbar bis drastisch ein. Muss einem solchen Staat nicht ethnozentristisch samt Wagenburg entgegengetreten werden?<\/p>\n<h6>Beispiel S\u00fcdk\u00e4rnten<\/h6>\n<p>Dort, wo die von Hannes Obermair kritisierte ethnisch-politische Kompaktheit fehlt, verliert die Minderheit. Ein Beispiel daf\u00fcr sind die K\u00e4rntner Slowenen. Die kleine Minderheit leistet sich den Luxus von drei ideologisch unterschiedlichen Organisationen, Slowenischsprachige sind in den gro\u00dfen Parteien aktiv und w\u00e4hlen sie auch, mit einer faktischen 10-Prozent-H\u00fcrde wird der Einzug der autonomen <em>K\u00e4rntner Einheitsliste<\/em> KEL in den K\u00e4rntner Landtag erfolgreich verhindert.<\/p>\n<p>Vor hundert Jahren sollen im s\u00fcdlichen K\u00e4rnten noch mehr als 100.000 Personen slowenisch gesprochen haben. Heute \u2014 so die Vermutung \u2014 sind es nur mehr <a href=\"https:\/\/www.ogm.at\/2022\/09\/21\/ogm-studie-zur-slowenischen-volksgruppe-in-kaernten\/\">sp\u00e4rliche 10.000.<\/a> Ob deshalb in K\u00e4rnten der Pluralismus gr\u00f6\u00dfer ist als in S\u00fcdtirol, weil der Minderheit der Ethnozentrismus abgeht?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><hr class=\"dotted-hr\" style=\"height: 4px; width: 100%; border: none; margin-top: 0em; margin-bottom: 0em; background-color: black;\"\/><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozialismus.net\/2002\/12\/01\/unterdrckung-faschismus-und-reaktion-eine-politische-geschichte-sdtirols\/\">Unterdr\u00fcckung, Faschismus und Reaktion: Eine politische Geschichte S\u00fcdtirols \u2013 Revolution\u00e4r Sozialistische Organisation<\/a><\/p>\n<p>Warum soll die Zentrale nicht auf Augenh\u00f6he mit der minorit\u00e4ren ethnischen Peripherie verhandend zu gemeinsamen L\u00f6sungen kommen?<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><small>I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i\/la aut\u00ebures ne sust\u00ebn nia for i fins de BBD. \u00b7 <\/small><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hat S\u00fcdtirols Kampf um Autonomie mit Ethnozentrismus zu tun? 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