{"id":92186,"date":"2025-05-22T13:54:14","date_gmt":"2025-05-22T11:54:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=92186"},"modified":"2025-12-11T12:32:40","modified_gmt":"2025-12-11T11:32:40","slug":"auf-dem-rucken-der-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=92186","title":{"rendered":"Auf dem R\u00fccken der Kinder?"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend im Moment das <a title=\"Peinliches und durchschaubares Spektakel.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=92130\">l\u00e4cherliche Ges\u00fclze<\/a> um Katharina Zellers (SVP) Weigerung, sich von Dario Dal Medico (La Civica per Merano) die Trikolore-Schleife umh\u00e4ngen und sich national vereinnahmen zu lassen, die Medien und den \u00f6ffentlichen Diskurs dominiert, gehen in einem der gesellschaftlich relevantesten Bereiche zumindest bei den Beteiligten bzw. Betroffenen die Wogen hoch.<\/p>\n<p>S\u00fcdtirols Lehrerschaft (inkl. der Kindergartenp\u00e4dagoginnen) liegt im Clinch mit der Landesregierung und droht mit Protestma\u00dfnahmen im kommenden Schuljahr, sollten die Rahmenbedingungen nicht ver- und die Geh\u00e4lter nicht aufgebessert werden. In mehreren Landesteilen haben sich Lehrergruppen formiert, die gro\u00dfen Zulauf haben, und die angek\u00fcndigt haben, im Schuljahr 2025\/26 &#8220;Dienst nach Vorschrift&#8221; zu machen. Kein Streik und keine Dienstverweigerung wohlgemerkt, sondern einfach nur das tun, wof\u00fcr sie &#8211; mehr schlecht als recht &#8211; bezahlt werden. Lehrausg\u00e4nge, Theaterbesuche, Sportwochen &#8211; generell Exkursionen und Projekte &#8211; sollen gestrichen bzw. nicht mehr begleitet werden. Sch\u00fcler- und Elternschaft sind hin- und hergerissen zwischen Solidarit\u00e4t mit den Lehrpersonen und Sorge um das Bildungsangebot im kommenden Jahr.<\/p>\n<p>In der vorgestrigen Ausgabe der Dolomiten wird dazu Landesr\u00e4tin Magdalena Amhof (SVP) folgenderma\u00dfen zitiert: &#8220;Ich finde es aber nicht richtig, die Lohndebatte auf dem R\u00fccken der Eltern und Sch\u00fcler auszutragen.&#8221; Christa Ladurner (Allianz f\u00fcr Familie) schl\u00e4gt in die selbe Kerbe. Und auch von Bildungslandesrat Philipp Achammer (SVP) ist in verschiedenen Medienberichten \u00c4hnliches zu vernehmen, wenngleich sie alle anerkennen, dass die Anliegen der Lehrerschaft durchaus berechtigt sind.<\/p>\n<p>Dass die Lehrerschaft mit ihrer Drohung irgendetwas auf dem R\u00fccken von Eltern und Kindern austragen w\u00fcrde, ist Bullshit. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht zuletzt deshalb, weil ein gro\u00dfer Teil der Lehrpersonen auch selbst Eltern sind und wohl kaum gegen die eigenen Interessen und die ihrer eigenen Kinder agieren. Der Lehrerschaft geht es um die Rettung des Bildungsstandorts S\u00fcdtirol und folglich das Wohlergehen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Es ist vielmehr die Politik, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit der Zukunft der Kinder &#8211; und somit unser aller Zukunft &#8211; spielt.<\/p>\n<p>Hier ist das Warum:<\/p>\n<p>Bildung ist einer der zukunftsweisendsten, wenn nicht DER zukunftsweisendste Bereich \u00fcberhaupt. Die Qualit\u00e4t der Bildung bestimmt wie kaum etwas anderes Erfolg und Misserfolg einer ganzen Gesellschaft mitunter \u00fcber Generationen hinweg. Wir m\u00fcssen danach trachten, dass die besten, engagiertesten und kreativsten K\u00f6pfe mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten &#8211; vom Kindergarten bis zur Matura. Das Bildungssystem steht und f\u00e4llt mit gut ausgebildeten, motivierten P\u00e4dagoginnen und einer finanziellen Ausstattung, die die notwendigen Rahmenbedingungen f\u00fcr modernen, funktionierenden Unterricht schafft. Beides ist in S\u00fcdtirol massiv bedroht, wenn nicht umgehend gegengesteuert wird.<\/p>\n<p>S\u00fcdtirols Lehrerinnen sind im Vergleich zu anderen \u00f6ffentlich Bediensteten, im Vergleich zu anderen Akademikerinnen sowie im Vergleich zu Berufskolleginnen im benachbarten Bundesland Tirol oder im nahen Bayern &#8211; von der Schweiz ganz zu schweigen &#8211; extrem unterbezahlt. So ist das Einstiegsgehalt einer Lehrperson in Nordtirol (mit vergleichbaren Lebenshaltungskosten) in etwa so hoch, wie das einer S\u00fcdtiroler Lehrperson mit 35 (!) Dienstjahren. Zum Ende eines Berufslebens verdient eine Lehrperson n\u00f6rdlich des Brenners beinahe das Doppelte wie die Kolleginnen in S\u00fcdtirol. Und w\u00e4hrend man in Nord- und Osttirol als Lehrperson wie die meisten unselbstst\u00e4ndig Besch\u00e4ftigten 14 volle Monatsgeh\u00e4lter bekommt, bekommen S\u00fcdtiroler Lehrerinnen nur 13 und obendrein \u00fcber den Sommer ein reduziertes Gehalt. (Das Argument &#8220;Ja, aber Lehrer haben auch dauernd frei und arbeiten viel weniger als andere&#8221; jetzt hier zu entkr\u00e4ften w\u00fcrde den Rahmen sprengen. Nur soviel: Bullshit <a title=\"\" href=\"https:\/\/news.provinz.bz.it\/de\/news-archive\/123194\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"\" href=\"https:\/\/deutsches-schulportal.de\/bildungswesen\/lehrerarbeitszeit-infografik-so-viele-stunden-arbeiten-lehrerinnen-und-lehrer-wirklich\/\"><code>02<\/code><\/a>)<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lehrergehaltervergleich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-92209\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lehrergehaltervergleich.jpg\" alt=\"\" width=\"1080\" height=\"524\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lehrergehaltervergleich.jpg 1080w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Lehrergehaltervergleich-768x373.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px\" \/><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend Landesr\u00e4tin Amhof beschwichtigt, dass es durchaus Inflationsanpassungen gegeben h\u00e4tte und die Situation nicht so dramatisch sei &#8211; dabei aber laut der Initiativen \u201eBildung am Abgrund\u201c und \u201eQualit\u00e4t Bildung S\u00fcdtirol\u201c mit <a title=\"\" href=\"https:\/\/www.suedtirolnews.it\/politik\/lehrergehalt-initiativen-sprechen-von-irrefuehrender-darstellung\">unlauteren Zahlen<\/a> agiere &#8211; stelle sich die Lage in der Realit\u00e4t folgenderma\u00dfen dar: Zwischen 1999 und 2025 gab es bei Gundschullehrerinnen 68,6 Prozent Lohnzuwachs, bei Mittel- und Oberschullehrerinnen gar nur 51,6 Prozent. Der Verbraucherpreisindex ist indes im gleichen Zeitraum um 82,8 Prozent gestiegen. Wir haben es also zus\u00e4tzlich zu dem ohnehin schon niedrigen Lohnniveau mit einem massiven Kaufkraftverlust zu tun.<\/p>\n<p>Diese Situation f\u00fchrt dazu, dass die Unterrichtsqualit\u00e4t in S\u00fcdtirol leidet. Zum einen, weil es f\u00fcr die Lehrpersonen demotivierend ist, unterbezahlt bei immer komplexeren Herausforderungen und gleichzeitig prek\u00e4reren Arbeitsbedingungen in der Klasse zu stehen und daf\u00fcr auch noch angefeindet zu werden und zum anderen, weil der Lehrerberuf in S\u00fcdtirol an sich an Attraktivit\u00e4t verliert. Eigenartig, wo die Lehrkr\u00e4fte nach Ansicht vieler doch so paradiesische Arbeitszeiten haben. S\u00fcdtiroler Lehramtsstudienabg\u00e4ngerinnen, die vielfach in \u00d6sterreich oder Deutschland studiert haben, bleiben aufgrund der Gehaltssituation vermehrt dort. Andere geben auf und orientieren sich um. Und unterqualifizierte Supplentinnen\/Quereinsteigerinnen, die mit dem Leitspruch &#8220;Iatz unterricht i halt a Zeitl bis i wos Bessers find, wo i meahr verdian&#8221; vor der Klasse stehen, heben das Unterrichtsniveau auch nicht wirklich. Von wegen &#8220;F\u00fcr die Kinder nur das Beste&#8221;.<\/p>\n<p>Ein weiteres Unikum ist, dass sich Lehrpersonen ihre Arbeitsmaterialien gr\u00f6\u00dftenteils selber finanzieren m\u00fcssen. Man stelle sich vor, wie ein Unternehmer zur neu eingestellten B\u00fcrofachkraft sagt: &#8220;Um f\u00fcr uns die Buchhaltung zu machen, bringen Sie bitte Ihren eigenen Laptop mit. Auch Stifte, Papier, Mappen und dergleichen m\u00fcssen Sie sich nat\u00fcrlich selber besorgen. Und fixen B\u00fcroarbeitsplatz bekommen Sie freilich auch keinen. Sie k\u00f6nnen sich entweder t\u00e4glich irgendwo einen Platz suchen oder Sie m\u00fcssen halt nach Hause gehen und von dort aus die Arbeit erledigen. Ich hoffe, Sie haben in Ihrer Wohnung ein B\u00fcro. Cool w\u00e4re auch, wenn Sie hin und wieder externe Experten zu uns in die Firma bringen und Vortr\u00e4ge f\u00fcr unsere Kunden organisieren. Das Fl\u00e4schchen Wein oder ein paar H\u00e4ppchen, \u00fcber die sich alle bei diesen Anl\u00e4ssen freuen, zahlen Sie aber aus eigener Tasche oder bringen Sie von zu Hause mit.&#8221; Absurd? F\u00fcr P\u00e4dagoginnen ist das Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Womit wir bei einem weiteren Brocken w\u00e4ren, mit dem Lehrpersonen in S\u00fcdtirol mittlerweile vielfach \u00fcberfordert sind. Durch die in den vergangenen Jahrzehnten massiv gestiegene Heterogenit\u00e4t und Komplexit\u00e4t in den Klassen, funktionieren Betreuungsschl\u00fcssel nicht mehr. Wenn in vielen Klassen immer mehr nicht-muttersprachliche Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sitzen, von denen einige die Unterrichtssprache nicht einmal verstehen, braucht es mehr personelle und finanzielle Ressourcen, um einen erfolgreichen Unterricht f\u00fcr alle Beteiligten garantieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Personal in S\u00fcdtirols Kinderg\u00e4rten und Schulen hat seit Jahren auf die oben beschriebenen Problematiken hingewiesen, ist aber immer wieder vertr\u00f6stet worden. Zudem wurden Zusagen von Seiten der Politik schlicht nicht eingehalten. Dass es nicht schon l\u00e4ngst gekracht hat, ist dem Idealismus ganz vieler P\u00e4dagoginnen zu verdanken, bei denen das Wohl der Kinder und Jugendlichen an erster Stelle steht &#8211; auch wenn sie selbst dabei &#8211; salopp gesagt &#8211; in Tilt gehen. Mittlerweile sind wir offenbar an einem Punkt, wo nur mehr verzweifelte Aufschreie und Radikalaktionen (<a title=\"Sch\u00fclerinnen vor dem Ideologiekarren.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87921\">Stichwort Goetheschule<\/a>) die n\u00f6tige Aufmerksamkeit finden. N\u00fcchternes und sachliches Hinweisen auf das Problem, wie es jetzt \u00fcber Jahre betrieben wurde, hat nicht funktioniert.<\/p>\n<p>Noch einmal: Die Lehrerschaft tr\u00e4gt keine Lohndebatte auf dem R\u00fccken der Kinder aus. Sie w\u00e4hlt das kleinere \u00dcbel, wie auch <a title=\"\" href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/10042025\/regt-euch-regt-euch-auf\">Alexandra Kienzl in ihrem Salto-Kommentar<\/a> andeutet, um eine \u00c4nderung zu erreichen. Dieses kleinere \u00dcbel ist, mit dem Verzicht auf Aktivit\u00e4ten au\u00dferhalb der Schule, die noch dazu mit gro\u00dfer Verantwortung verbunden sind, die nicht honoriert wird, so viel Druck aufzubauen, dass die Dringlichkeit endlich verstanden wird. Das gr\u00f6\u00dfere \u00dcbel w\u00e4re n\u00e4mlich, voller Idealismus und Naivit\u00e4t so weiterzumachen wie bisher, um in ein paar Jahren vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Dann sind es aber nicht mehr blo\u00df ein paar Exkursionen, die ausfallen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier keine Neiddebatte vom Zaun brechen. Es ist n\u00e4mlich eher eine Frage von Priorit\u00e4ten. &#8220;Unsere Kinder sind das Wertvollste, was wir haben&#8221; ist ein Satz, den man immer wieder h\u00f6rt und dem ein gro\u00dfer Teil der Eltern wohl zustimmen w\u00fcrde. Wie kommt es dann, dass wir jenen Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen, viel weniger Geld zahlen als jenen, denen wir unser Geld anvertrauen? Und wieso sollen dann eher Spitzenbeamte <a title=\"\" href=\"https:\/\/www.suedtirolnews.it\/politik\/erhoehung-der-spitzengehaelter-birgt-sozialen-sprengstoff\">Lohnerh\u00f6hungen im Ausma\u00df von Jahresgeh\u00e4ltern<\/a> von Lehrkr\u00e4ften erhalten, bevor die Verg\u00fctung Letzterer an die Inflation angepasst wird &#8211; von einer substanziellen Erh\u00f6hung der Bez\u00fcge ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Die Politik muss verstehen, dass wir langfristig Geld sparen, wenn wir in gute Bildung investieren. Ganz nach dem Motto: &#8220;If you think, education is expensive, try ignorance.&#8221; (Derek Bok)<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Ich bin zwar an einer (Privat-)Schule besch\u00e4ftigt, jedoch nicht als Lehrer, sondern als Bediensteter mit &#8220;normalen&#8221; Arbeits- und Urlaubszeiten, da nur ein kleiner Teil meiner Arbeit jene mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern betrifft.<\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span> <\/strong><a title=\"Sch\u00fclerinnen vor dem Ideologiekarren.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87921\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Sparen an der Bildung.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=64785\"><code>02<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend im Moment das l\u00e4cherliche Ges\u00fclze um Katharina Zellers (SVP) Weigerung, sich von Dario Dal Medico (La Civica per Merano) die Trikolore-Schleife umh\u00e4ngen und sich national vereinnahmen zu lassen, die Medien und den \u00f6ffentlichen Diskurs dominiert, gehen in einem der gesellschaftlich relevantesten Bereiche zumindest bei den Beteiligten bzw. 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