{"id":94333,"date":"2025-09-04T12:07:41","date_gmt":"2025-09-04T10:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94333"},"modified":"2025-09-16T20:26:18","modified_gmt":"2025-09-16T18:26:18","slug":"bildung-zum-discountpreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94333","title":{"rendered":"Bildung zum Discountpreis?"},"content":{"rendered":"<p><em>Ich hatte die M\u00f6glichkeit in der <a title=\"\" href=\"https:\/\/epaper.brixner.info\/de\/profiles\/9c8640fe337b-brixner\/editions\/brixner-427-august-2025\/pages\/page\/12\">Monatszeitschrift &#8220;Brixner&#8221;<\/a> einen Gastkommentar zur Diskussion um die Lehrerinnenbesoldung zu verfassen, den ich hier vollinhaltlich wiedergebe:<\/em><\/p>\n<h6>Bildung zum Discountpreis?<\/h6>\n<p>Der US-amerikanische P\u00e4dagoge und ehemalige Pr\u00e4sident der Harvard Universit\u00e4t, Derek Bok, soll den Satz gepr\u00e4gt haben: \u201eIf you think education is expensive, try ignorance!\u201c Und vordergr\u00fcndig scheint es in der seit Monaten hochkochenden Debatte um die Entlohnung der S\u00fcdtiroler Lehrerschaft, die in der Drohung, im anstehenden Schuljahr unterrichtsbegleitende Aktivit\u00e4ten auszusetzen, gipfelte, tats\u00e4chlich nur um das liebe Geld zu gehen. Die Menschen im Land sind indes hin- und hergerissen zwischen \u201eBildung muss uns etwas wert sein, denn sie ist unsere Fahrkarte in die Zukunft!\u201c und \u201eWas erlauben sich die Lehrer, den Konflikt auf dem R\u00fccken der Kinder auszutragen?\u201c Schneller, als man <em>Bildungsmisere <\/em>sagen kann, waren auch zahlreiche Kritiker und Kommentatoren auf den Plan gerufen, die f\u00fcr die komplexe Causa <em>Lehrerinnenbesoldung<\/em> oft einfach gestrickte, plakative \u2013 um nicht zu sagen vorurteilsbehaftete \u2013 Einw\u00e4nde parat hatten, die sich aber meist ebenso einfach relativieren, ja sogar entkr\u00e4ften lassen.<\/p>\n<p>Eines noch vorweg: Wir haben in S\u00fcdtirols Bildungswesen \u2013 auch im internationalen Vergleich \u2013 (noch) keinen akuten Bildungsnotstand. Vieles funktioniert \u2013 vor allem dank idealistischer und kompetenter Besch\u00e4ftigter sowie einer weitgehend intakten, zeitgem\u00e4\u00dfen Infrastruktur \u2013 ziemlich gut. Doch jetzt kommt das gro\u00dfe <em>ABER<\/em>. Wir haben definitiv ein Problem, das sich \u2013 wenn nicht umgehend gegengesteuert wird \u2013 zu einer veritablen Krise und damit tausendfach verspielten Zukunftschancen auswachsen kann.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Einw\u00e4nden:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Lehrerschaft tr\u00e4gt keinen Gehaltsstreit auf dem R\u00fccken der Sch\u00fcler aus \u2013 ungeachtet dessen, dass ein gro\u00dfer Teil ja selbst Kinder hat und wohl kaum gegen deren Interessen agieren w\u00fcrde. Sie w\u00e4hlt vielmehr das kleinere \u00dcbel, um eine \u00c4nderung zu erreichen. Dieses geringere \u00dcbel ist, mit dem Verzicht auf \u2013 wohlgemerkt nicht verpflichtende \u2013 Aktivit\u00e4ten au\u00dferhalb der Schule, so viel Druck aufzubauen, dass die Politik endlich die Dringlichkeit erkennt. Das gr\u00f6\u00dfere \u00dcbel w\u00e4re n\u00e4mlich, voller Idealismus und Naivit\u00e4t weiterzumachen wie bisher, um in ein paar Jahren vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Dann sind es aber nicht mehr blo\u00df ein paar Exkursionen, die ausfallen.<\/li>\n<li>S\u00fcdtirols Lehrerschaft verdient mehr als jene im restlichen Italien. Das ist korrekt, doch gibt es auch hier ein <em>aber<\/em>: Zum einen liegt S\u00fcdtirol, was das Lohnniveau anbelangt, im italienischen Spitzenfeld und hat mit die h\u00f6chsten Lebenshaltungskosten und zum anderen ist die Landeszulage an Mehrarbeit gekoppelt. In S\u00fcdtirol beinhaltet ein voller Lehrauftrag an Mittel- und Oberschulen 20 Unterrichtsstunden pro Woche, im restlichen Italien hingegen nur 18. Vor allem im Vergleich zu anderen Akademikern sowie zu Berufskollegen im benachbarten Bundesland Tirol \u2013 von der Schweiz ganz zu schweigen \u2013 ist S\u00fcdtirols Lehrerschaft definitiv unterbezahlt. Und so verwundert es auch nicht, dass S\u00fcdtirol zunehmend (junge) Lehrkr\u00e4fte an diese L\u00e4nder verliert.<\/li>\n<li>Das g\u00e4ngigste Argument, das gegen die Besch\u00e4ftigten im Bildungsbereich und eine Aufbesserung ihrer Entlohnung vorgebracht wird, ist aber jenes der vermeintlich geringen Arbeitszeit. Eine Antwort auf die Frage, warum es dann so schwierig ist, neues, qualifiziertes p\u00e4dagogisches Personal zu finden, wenn die Arbeitsbedingungen so paradiesisch sind, erh\u00e4lt man weit weniger oft. Eine amtliche Untersuchung dar\u00fcber, wie viel S\u00fcdtirols Lehrpersonen tats\u00e4chlich arbeiten, hat zuletzt der damalige Bildungslandesrat Otto Saurer 2006 in Auftrag gegeben. Ergebnis der Studie: Mit einer Jahresarbeitszeit bei Vollauftrag von durchschnittlich rund 1.650 Stunden (nur etwas mehr als ein Drittel davon entf\u00e4llt auf den tats\u00e4chlichen Unterricht in den Klassen) entspricht das Pensum des Lehrpersonals in etwa jenem anderer \u00f6ffentlich Bediensteter. Die Arbeitsbelastung d\u00fcrfte seitdem gewiss nicht geringer geworden sein, da die Heterogenit\u00e4t in den Klassen, und damit auch die p\u00e4dagogischen Herausforderungen, zugenommen haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Generell ist das Thema Lehrerarbeitszeit komplex und auch die immer wieder ins Treffen gef\u00fchrten reinen Zahlenvergleiche sind selten zielf\u00fchrend. Beispielsweise umfasst ein Vollauftrag in \u00d6sterreich oder Deutschland in der Regel mehr Stunden als in S\u00fcdtirol. Gleichzeitig gibt es in diesen und anderen L\u00e4ndern Stundenabschl\u00e4ge f\u00fcr F\u00e4cher mit vermehrtem Vorbereitungs- und Korrekturaufwand, was in S\u00fcdtirol nicht der Fall ist. Zudem wird argumentiert, dass der Schulkalender in besagten L\u00e4ndern l\u00e4nger sei. Dabei \u00fcbersieht man gerne, dass dort die Abschlusspr\u00fcfungen w\u00e4hrend der Schulzeit (Ende Mai\/Anfang Juni) abgehalten werden, w\u00e4hrend sie in S\u00fcdtirol nach dem regul\u00e4ren Schulschluss stattfinden, sich meist bis Anfang Juli hineinziehen und die Lehrkr\u00e4fte bis dahin im Einsatz sind.<\/p>\n<p>Der gewichtigste Unterschied ist jedoch, dass es in Italien ein inklusives Schulmodell gibt, w\u00e4hrend in Deutschland und \u00d6sterreich nach wie vor auch Sonderschulen betrieben werden. In inklusiven Klassen mit hoher Heterogenit\u00e4t der Lernenden und entsprechendem F\u00f6rder- und Differenzierungsbedarf ist der Vor- und Nachbereitungsaufwand f\u00fcr die Lehrenden um ein Vielfaches h\u00f6her als in homogeneren Klassen. Das erkl\u00e4rt auch, warum Betreuungsschl\u00fcssel und Klassensch\u00fclerzahl in S\u00fcdtirol niedriger sind.<\/p>\n<p>Penibles Stundenz\u00e4hlen oder gar fixe Anwesenheitszeiten mit Stechuhr sind im Bildungssektor generell nicht sinnvoll, weil es sich beim Lehrberuf um eine Projektt\u00e4tigkeit mit festgelegten Zielen handelt. Wie viele Stunden zur Erreichung dieser Ziele notwendig sind, h\u00e4ngt von mannigfaltigen Faktoren ab, ist entsprechend schwankend und nicht standardisierbar. Aktualit\u00e4tsbezug und Vor- bzw. Nachbereitungsaufwand des Faches, Klassengr\u00f6\u00dfe, Unterst\u00fctzungsbedarf sowie Leistungsf\u00e4higkeit, Disziplin und sozialer Hintergrund der Sch\u00fclerschaft (Stichwort: Brennpunktschulen) spielen eine Rolle. In keinem Jahr investiert eine Lehrperson daher exakt gleich viel Zeit.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der Bildungsarbeit bestimmt wie kaum etwas anderes Erfolg und Misserfolg ganzer Gesellschaften mitunter \u00fcber Generationen hinweg. Wir m\u00fcssen danach trachten, dass die besten, engagiertesten und kreativsten K\u00f6pfe mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten \u2013 vom Kindergarten bis zur Matura. Wenn ein kluger Kopf direkt nach Schulabschluss in der Privatwirtschaft mitunter aber mehr Einstiegsgehalt erh\u00e4lt, als dessen Lehrer, von dem er alles gelernt hat, nach 20 Dienstjahren verdient, ist f\u00fcr beide die Motivation, ihre F\u00e4higkeiten in der Schule einzusetzen, wohl eher enden wollend.<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht um Neid. Es geht darum, wo eine Gesellschaft Priorit\u00e4ten setzt und was ihr soziale Berufe, die immense gesellschaftliche Verantwortung tragen, wert sind. Unsere Kinder sind zweifelsfrei das Wertvollste, was wir haben. Warum zahlen wir dann Leuten, denen wir sie anvertrauen (wie im \u00dcbrigen auch jenen, die sich um die Alten, Kranken und Gebrechlichen k\u00fcmmern), viel weniger als jenen, denen wir unser Geld anvertrauen?<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Auf dem R\u00fccken der Kinder?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=92186\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Sch\u00fclerinnen vor dem Ideologiekarren.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87921\"><code>02<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte die M\u00f6glichkeit in der Monatszeitschrift &#8220;Brixner&#8221; einen Gastkommentar zur Diskussion um die Lehrerinnenbesoldung zu verfassen, den ich hier vollinhaltlich wiedergebe: Bildung zum Discountpreis? 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