{"id":94948,"date":"2025-10-01T23:18:19","date_gmt":"2025-10-01T21:18:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94948"},"modified":"2025-10-02T08:37:59","modified_gmt":"2025-10-02T06:37:59","slug":"mit-intellektueller-faulheit-zum-verlust-der-deutungshoheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94948","title":{"rendered":"Mit intellektueller Faulheit zum Verlust der Deutungshoheit."},"content":{"rendered":"<p>Als Reaktion auf <a title=\"Renovierung eines Skandals: Das Bozner Siegesdenkmal.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94663\">einen Beitrag<\/a> des Eppaner Gemeinderates und vormaligen Co-Sprechers der S\u00fcdtiroler Gr\u00fcnen, Felix von Wohlgemuth, \u00fcber das sogenannte Siegesdenkmal, der auf <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"> erschienen ist, fand gestern Abend auf RAI-S\u00fcdtirol <a title=\"Rai S\u00fcdtirol: Pro &amp; Contra 30.09.2025\" href=\"https:\/\/www.raibz.rai.it\/de\/index.php?media=Ptv1759263600\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ein <em>Pro &amp; Contra<\/em><\/a> mit dem Historiker Hannes Obermair und dem Autor des Beitrags statt.<\/p>\n<p>Von Wohlgemuth fordert eine radikale Dekonstruktion des faschismusverherrlichenden Charakters des Denkmals, das auf die &#8220;M\u00fcllhalde der Geschichte&#8221; bef\u00f6rdert geh\u00f6re. Obermair schickte gleich zu Beginn voraus, dass es gut sei, \u00fcber die Thematik zu diskutieren:<\/p>\n<blockquote><p>Ich freue mich sehr, dass wir diese Debatte hier f\u00fchren k\u00f6nnen. Ich sch\u00e4tze auch, dass Herr von Wohlgemuth sich der Debatte stellt &#8211; im Unterschied zu anderen Exponenten vom rechten Rand, dem Sie nicht angeh\u00f6ren, aber deren Argumentationsmuster Sie leider bedienen.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Hannes Obermair<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Erstaunlicherweise erliegt der eloquente Historiker, der ma\u00dfgeblich an der Umsetzung des Dokumentationszentrums unterhalb des Siegesdenkmals beteiligt war, hier aber genau jenem Bei\u00dfreflex, der so viele sachliche und notwendige gesellschaftspolitische Debatten in S\u00fcdtirol und dar\u00fcber hinaus im Keim erstickt. Nur weil eine angesprochene Thematik vom rechten Rand befeuert und besetzt wird, hei\u00dft das nicht notwendigerweise, dass man sich dessen Argumentationsmuster bedient, auch wenn dieses am Ende zumindest \u00e4u\u00dferlich und oberfl\u00e4chlich betrachtet \u00e4hnliche Resultate zeitigt. Obermairs Anwurf ist einer der sch\u00e4dlichsten f\u00fcr den demokratischen Diskurs, denn er f\u00fchrt dazu, dass rechten Gruppierungen die Deutungshoheit \u00fcber bestimmte Themen kampflos \u00fcberlassen wird, anstatt ihnen inhaltlich etwas entgegenzusetzen. Wenn man als bekennender Linker &#8211; von Wohlgemuths Selbstdefinition in der RAI-Diskussion &#8211; Gefahr l\u00e4uft, zumindest bez\u00fcglich seiner Ansichten in die rechte Schublade bef\u00f6rdert zu werden, nur weil man eine in der letzten Konsequenz, nicht jedoch in Motivation und Substanz, vergleichbare Forderung wie diverse Rechtspopulisten stellt, \u00fcberlegt man lieber zweimal, ob man sich das antun m\u00f6chte (Selbstbestimmungsbef\u00fcrworter docet). \u00dcber mittlerweile Jahrzehnte hat die politische Linke es aus diesem Grund verabs\u00e4umt, vermeintlich rechte Themen wie Migration, \u00f6ffentliche Sicherheit, Verteidigung usw. mit progressiven Konzepten, die \u00fcber simple Parolen wie &#8220;Refugees welcome!&#8221; oder &#8220;ACAB&#8221; hinausgehen, zu besetzen und die Diskussion dar\u00fcber faktenbasierend und ohne Scheuklappen und Denkverbote zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist dieses Ph\u00e4nomen, wie auch die Schubladisierung von von Wohlgemuths Forderung, Ausdruck intellektueller Faulheit. Von Wohlgemuth hat ausdr\u00fccklich betont, dass das Dokumentationszentrum gelungen sei, gibt aber zu Bedenken, dass dieses nur von jenen wahrgenommen werde, die aktiv den Schritt dahingehend tun. Passiven und arglosen Betrachtern gegen\u00fcber w\u00fcrde das Denkmal jedoch nach wie vor ungebrochen seine menschenverachtende Wirkungsmacht entfalten (Leuchtring und Marmor sind &#8211; im Gegensatz zum Schriftzug beim Piffrader-Relief &#8211; nicht auf Augenh\u00f6he), da zwar die Geschichte des Baus wissenschaftlich kontextualisiert wurde, nicht jedoch dessen \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild. Damit hat von Wohlgemut vollkommen recht und legt eine Haltung an den Tag, die eine wohltuende Abwechslung zur in S\u00fcdtirol vorherrschenden Appeasement-Attit\u00fcde ist &#8211; frei nach dem Motto: &#8220;Rom w\u00fcrde das ohnehin nicht erlauben, also fordern wir es gar nicht&#8221; (Was sagt das \u00fcber Rom aus? Was sagt das \u00fcber S\u00fcdtirols Autonomie aus?) oder &#8220;Eine Beseitigung w\u00fcrde die Gef\u00fchle vieler Italiener verletzen und sie eines wichtigen Identit\u00e4tsfaktors berauben.&#8221; (Seit wann wird in einer Demokratie auf die Gef\u00fchle jener R\u00fccksicht genommen, deren Identifikation von einem diktatorischen Symbol gen\u00e4hrt wird?) Selbst Obermair hat unl\u00e4ngst im <a title=\"Siegesdenkmal: Optimierungsbedarf auf vielen Ebenen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94817\">Mittagsmagazin auf RAI-S\u00fcdtirol<\/a> best\u00e4tigt, dass es hinsichtlich der Au\u00dfenwirkung Optimierungsbedarf g\u00e4be. Und \u00fcber Ausma\u00df und Erscheinung dieser &#8220;Optimierung&#8221; wird man doch wohl noch diskutieren d\u00fcrfen, ohne gleich in Verdacht zu geraten, rechte Argumentationsmuster zu bedienen. Allein dass ein Abriss oder auch nur eine Musealisierung des Siegesdenkmales den massivsten Protest bei italienischen Rechtsextremisten hervorrufen w\u00fcrde, ist ein untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr, dass dies im Kern alles andere als ein rechtes Ansinnen ist, solange man gleichzeitig auch den Abriss nationalsozialistischer Denkm\u00e4ler guthei\u00dfen w\u00fcrde. Auf welchem Planeten also ist die Forderung nach Schleifung faschistischer Denkm\u00e4ler rechts? Nach dieser Logik w\u00e4re auch die in den USA immer wieder lancierte Forderung nach Entfernung der Statuen von <a title=\"Charlottesville hob Lee vom Sockel.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=67059\">S\u00fcdstaaten-Gener\u00e4len<\/a> ein Konf\u00f6derierten-Anliegen.<\/p>\n<p>Besch\u00e4menderweise ist \u00fcber Jahrzehnte &#8211; vom unr\u00fchmlich ausgegangenen Friedensplatz-Intermezzo abgesehen &#8211; bez\u00fcglich Geschichtsaufarbeitung rund um das Siegesdenkmal nichts weitergegangen, obwohl Bozen immer von Mitte-Links regiert wurde. Man kann sich leider des Eindrucks nicht erwehren, dass es die deutschnationalen Kr\u00e4fte und Nostalgiker in S\u00fcdtirol gebraucht hat, um Bewegung in die Sache zu bringen. Allen anderen war das Eisen zu hei\u00df, was einiges \u00fcber den Status totalit\u00e4rer Ideologien hierzulande aussagt. Meine pers\u00f6nliche Vision f\u00fcr den &#8220;Bogen der Schande&#8221; w\u00e4re \u00fcbrigens kein Abriss, sondern die folgende: Die Liktorenb\u00fcndel werden abgeschlagen und in Tr\u00fcmmern am Boden unter dem Denkmal liegen gelassen, um den Fall des Faschismus zu symbolisieren. Zus\u00e4tzlich wird das Denkmal komplett in rosarote Farbe get\u00fcncht und oben drauf wird eine Quadriga aus regenbogenfarbenen Einh\u00f6rnern gesetzt. Die Treppen werden Teil eines Skateparks, der das Denkmal umgibt.<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-95015\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2142\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-scaled.jpg 2142w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-768x918.jpg 768w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-1285x1536.jpg 1285w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-1713x2048.jpg 1713w, https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Siegesdenkmal-Gestaltungsvorschlag-1-1004x1200.jpg 1004w\" sizes=\"auto, (max-width: 2142px) 100vw, 2142px\" \/><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><small><em>Gestaltungsvorschlag f\u00fcr das Bozner Siegesdenkmal &#8211; Bildbearbeitung von mir (<a title=\"\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bolzano,_monumento_alla_vittoria_(13995)_01.jpg\">Bildquelle<\/a>)<\/em><\/small><\/p>\n<p>Im Laufe der Diskussion hat mich eine weitere Aussage Obermairs erstaunt:<\/p>\n<blockquote><p>Sie m\u00fcssten aber \u2013 weil Sie Deutschland zitiert haben \u2013 nat\u00fcrlich dann auch etwa in Buchenwald \u201eJedem das Seine\u201c entfernen. Das irritiert Sie wahrscheinlich genauso.<\/p>\n<p><small><em>\u2013 Hannes Obermair<\/em><\/small><\/p><\/blockquote>\n<p>Obermair suggeriert somit, dass die Forderung nach Abriss des Siegesdenkmales zwangsl\u00e4ufig bzw. konsequenterweise auch die Forderung nach Abriss von Konzentrationslagern mit sich bringen m\u00fcsse. Das ist &#8211; mit Verlaub &#8211; eine absurde Schlussfolgerung oder wiederum intellektuelle Faulheit. Was die totalit\u00e4ren Regime des 20. Jahrhunderts anbelangt, gibt es mindestens drei Kategorien von architektonischen Zeugnissen, die v\u00f6llig unterschiedlich zu betrachten sind. Zun\u00e4chst gibt es da die Zweckbauten, die sich nach wie vor vielerorts finden und deren reine Existenz &#8211; wenn entsprechend entnazifiziert, sprich expliziter faschistischer Symbolik wie Hakenkreuzen entledigt &#8211; nicht bedenklich ist, obschon sie die propagandistische <span class=\"mw-page-title-main\">\u00c4sthetik des Regimes weitertragen <\/span>(z. B. die rationalistischen B\u00fcro- und Wohngeb\u00e4ude der Bozner Freiheitsstra\u00dfe, das Berliner Olympiastadion usw.). Dann gibt es Gedenk- und Erinnerungsst\u00e4tten wie die verbliebenen Konzentrationslager, die Mauer des Bozner Durchgangslagers oder auch &#8211; um ein Beispiel im kommunistisch-totalit\u00e4ren Kontext zu nennen &#8211; das ehemalige <a title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tuol-Sleng-Genozid-Museum\">S-21-Foltergef\u00e4ngnis der Roten Khmer<\/a> in <span class=\"mw-page-title-main\">Phnom Penh<\/span>. Diese waren zwar auch &#8220;Zweckbauten&#8221;, jedoch war dieser Zweck der Innbegriff der Menschenverachtung dieser Regime. Somit sollte in einer demokratischen Gesellschaft klar sein, dass deren Erhalt (inklusive etwaiger Symbolik) ausschlie\u00dflich Mahnmalcharakter haben kann. F\u00fcr die dritte Kategorie &#8211; die Monumentalbauten, die keine praktische Funktion erf\u00fcllen, sondern wie im Falle des Siegesdenkmals ausschlie\u00dflich Macht und Unterdr\u00fcckung symbolisieren &#8211; gilt dies nicht. Sie werden nicht automatisch als Mahnmal wahrgenommen und entfalten &#8211; unkontextualisiert &#8211; ihre origin\u00e4re Wirkung. Daher muss das &#8220;Jedem das Seine&#8221; in Buchenwald oder auch das &#8220;Arbeit macht frei&#8221; in Auschwitz selbstverst\u00e4ndlich bleiben, das &#8220;HINC CETEROS EXCOLVIMVS LINGVA LEGIBVS ARTIBVS&#8221; jedoch wie das gesamte sogenannte Siegesdenkmal in dieser Form hinterfragt werden.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Renovierung eines Skandals: Das Bozner Siegesdenkmal.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94663\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Siegesdenkmal: Optimierungsbedarf auf vielen Ebenen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=94817\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Simbologia inalterata.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=32232\"><code>03<\/code><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Reaktion auf einen Beitrag des Eppaner Gemeinderates und vormaligen Co-Sprechers der S\u00fcdtiroler Gr\u00fcnen, Felix von Wohlgemuth, \u00fcber das sogenannte Siegesdenkmal, der auf erschienen ist, fand gestern Abend auf RAI-S\u00fcdtirol ein Pro &amp; Contra mit dem Historiker Hannes Obermair und dem Autor des Beitrags statt. 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