{"id":9622,"date":"2011-11-20T11:17:51","date_gmt":"2011-11-20T10:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=9622"},"modified":"2019-01-28T12:56:04","modified_gmt":"2019-01-28T11:56:04","slug":"%c2%bbim-schlamassel-der-erinnerung-%c2%ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=9622","title":{"rendered":"\u00bbIm Schlamassel der Erinnerung.\u00ab"},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><em>von Beppi<\/em><\/p>\n<p>In der letztw\u00f6chigen Donnerstag-Ausgabe der FAZ <a title=\"\" href=\"#_ftn1\"><code>01<\/code><\/a> wurde \u00fcber eine denkw\u00fcrdige Begegnung in der Deutschen Nationalbibliothek von Frankfurt berichtet: Herta M\u00fcller diskutierte gemeinsam mit der geb\u00fcrtige Wienerin, Shoa-\u00dcberlebenden und Wahlamerikanerin Ruth Kl\u00fcger \u00fcber die \u201cFormen des Gedenkens\u201d. Das Thema ist \u2013 zumal in Deutschland, wo \u201cmit dem Tod der Zeitzeugen Erinnerung nur noch aus zweiter und dritter Hand stammt\u201d \u2013 hochaktuell und f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Praxis von Geschichtsaufarbeitung, auch f\u00fcr unser S\u00fcdliches Tirol, von gro\u00dfem Interesse.<\/p>\n<p>Hier trafen sich einerseits zwei Frauen, die unterschiedliche totalit\u00e4re Regime des 20. Jahrhunderts er- und \u00fcberlebt hatten: Die j\u00fcdische Literaturwissenschaftlerin Kl\u00fcger den Nazismus; die Banater Schw\u00e4bin und Schriftstellerin M\u00fcller die Ceau\u0219escu-Diktatur. Andererseits stie\u00dfen hier vermittels der Erz\u00e4hlungen der beiden Autorinnen zwei Arten der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten: die hochelaborierte, kanonisierte Erinnerungspolitik der Bundesrepublik, sodann das staatlich verordnete Vergessensprogramm ehemaliger Ostblockl\u00e4nder. Wie wichtig indes Erinnerung f\u00fcr das gesellschaftliche Selbst-Bewusstsein sei, machen die Beispiele Ungarn und Rum\u00e4nien deutlich, die sich, so M\u00fcller, einer \u201cIkonographie des Gl\u00fccks\u201d verschrieben h\u00e4tten \u2013 mit den allbekannten Folgen, v. a. im heutigen Ungarn. Soweit d\u00fcrften uns diese \u00dcberlegungen sattsam bekannt sein, fordern doch \u201cwir\u201d S\u00fcdtiroler (allenthalben in Anlehnung an das deutsche Vorbild) schon seit einigen Jahren eine umfassende, kritische Besch\u00e4ftigung mit der Zeit des italienischen Faschismus \u2013 hier vornehmlich mit den architektonisch-toponymischen Hinterlassenschaften des Ventennio.<\/p>\n<p>H\u00f6chst aufschlussreich erscheint nun aber die Kritik an der \u201cGedenkkultur\u201d gegen\u00fcber der Shoa und dem Nationalsozialismus. Der Feuilletonleiter der FAS und Mitdiskutant Volker Weidermann etwa warnte davor, dass diese Gedenkkultur die Gefahr berge, \u201cim Ritual erstarrt in ihr Gegenteil umzuschlagen und selbst zu einer Form des Verdr\u00e4ngens zu werden\u201d. Deutschland habe sich \u201cso gut eingef\u00fchlt in seine Erinnerungsformeln, dass sie gar nichts mehr bedeuten\u201d. Dazu stie\u00dfen die Bekundungen Ruth Kl\u00fcgers, die sich vehement gegen jene Perversion richte, aus der \u201ceine \u00dcber-Identifizierung mit den Opfern entspringen kann\u201d. Einer \u201cKonvention des Opferstatus\u201d erteilt sie eine Absage. Wohl geht es ihr um Aufarbeitung (so schildern die Erinnerungen \u00abweiter leben\u00bb \u201cn\u00fcchtern und schonungslos\u201d ihre KZ-Erlebnisse), doch d\u00fcrften \u201cunsere Geschichten nicht auf M\u00e4rtyrer-Sagen verengt werden\u201d, denn: \u201cwir waren keine M\u00e4rtyrer\u201d. Bezeichnend schlie\u00dflich, und gleichsam das dem Erinnern innewohnende Dilemma auf den Punkt bringend ist jene Aussage einer Frau, die nach einer Lesung in Amerika an Kl\u00fcger herangetreten war: \u201cYou know, I love the Holocaust\u201d. Die Literaturwissenschaftlerin meint aber dazu: \u201cWir wollen den Leuten erz\u00e4hlen, was damals passiert ist. Aber wir wollen nicht, dass sie dabei eine allzu gute Zeit haben<em>.<\/em>\u201d<\/p>\n<p>Wollten wir diese \u201cneuartige\u201d Kritik an der bundesrepublikanischen Aufarbeitungspraxis auf unsere Verh\u00e4ltnisse umm\u00fcnzen, so s\u00e4hen wir sofort, dass <em>dies<\/em> bedeutend schwieriger ist (im Gegensatz etwa zur Kritik an einer Nicht-Aufarbeitung) \u2013 auch, da direkte Vergleiche kaum legitim sind. Trotzdem entdeckte ich einige hilfreiche Anhaltspunkte, die f\u00fcr unsere besondere Situation hoffentlich dienstbar gemacht werden k\u00f6nnte:<\/p>\n<ol start=\"1\">\n<li>Mittlerweile hat sich also in Deutschland eine Tendenz entwickelt, die die dortige Gedenkkultur als zunehmend ritualisiert, deswegen bedeutungsleer und folglich kontraproduktiv kritisiert. In S\u00fcdtirol sind wir dagegen weit davon entfernt, auch nur von einer (gemeinsamen) Gedenkkultur sprechen zu k\u00f6nnen, ganz zu schweigen vom fortgeschrittenen Grad offizi\u00f6s-formalisierter Erinnerungspraktiken (die wir an diesem Punkt vergleichbar beanstanden k\u00f6nnten). Vielmehr pflegt jede Sprachgruppe f\u00fcr sich eine eigene Gedenkkultur, die ihrerseits wiederum diffus und keinesfalls homogen auftritt. Zu tun haben wir es insgesamt also mit dichotomen Geschichtsbilder und -gewichtungen (man denke nur an so unterschiedliche Rituale wie die Kranzniederlegung vor dem Siegesdenkmal, dem Alpinidenkmal in Bruneck, vor den Beinh\u00e4usern; andererseits an die Sepp-Kerschbaumer-Gedenkfeier in St. Pauls, das Toten- und \u201cHeldengedenken\u201d bei den Kriegergr\u00e4bern in den D\u00f6rfern zu Allerheiligen, mitunter an die Andreas-Hofer-Feiern). Gesetzt, wir messen dem <em>gemeinsamen<\/em> Geschichtsbild einen hohen Wert f\u00fcr ein \u201cbesseres Zusammenleben\u201d bei, dann m\u00fcsste man schlussfolgern, dass wir noch ganz am Anfang mit unseren Bem\u00fchungen stehen.<\/li>\n<li>Aber es muss hier auch die provokante Frage gestellt werden d\u00fcrfen, ob f\u00fcr unsere Situation das bisher wahrgenommene Vorbild Deutschland \u00fcberhaupt so gut taugt, und ob durch eine <em>unreflektiert-einseitige<\/em> Rezeption bzw. \u00dcbernahme des kompromisslosen Aufarbeitungsdiktums wir nicht mehr an- als ausrichten. Um dies auszuf\u00fchren: Die deutsche Rechte unserer Provinz bedient bekanntlich \u2013 am lautesten und h\u00f6rbarsten \u2013 gerne besagtes Diktum gegen den italienischen Faschismus in seinen vergangenen, und insbesondere in seinen gegenw\u00e4rtigen Auspr\u00e4gungen. Mit allem Recht, m\u00f6chte man attestieren. Ab und an beschleicht einen aber das Gef\u00fchl, dass es hier weniger um konstruktive Forderungen geht (etwa: Aufarbeitung zum Zwecke der Meliorisierung der gesellschaftlichen Koh\u00e4sion), sondern um Rhetorik, um einen unselbstkritischen Populismus, der m\u00f6glicherweise auf W\u00e4hlerstimmen abzielt, in seiner teils aggressiven Tonlage aber jedenfalls auf liberale, \u201coffene\u201d Italiener h\u00f6chst abschreckend wirkt. <a title=\"\" href=\"#_ftn2\"><code>02<\/code><\/a> \u201cUnselbstkritisch\u201d sage ich \u00fcbrigens deswegen, da sich diese Parteien und Gruppen so wenig um die eigene, belastete Vergangenheit k\u00fcmmern (d. i.: die der eigenen Sprachgruppe), wie sie die der Anderen ein <em>zuviel<\/em> an Aufmerksamkeit zukommen lassen. Ja man k\u00f6nnte im Vorwurf noch weitergehen, und anmerken: Ihr habt eure Kritik \u00e4hnlich formalisiert, sie zu Slogans vereinfacht, euch in \u201cErinnerungsformeln\u201d eingef\u00fchlt ohne mehr, oder besser: ohne <em>\u00fcberhaupt<\/em> zu wissen, was sie denn bedeuten \u2013 denn auf einen ad\u00e4quaten Wissensspeicher der Aufarbeitung verf\u00fcgt ihr gar nicht. Von den <em>inhaltlichen<\/em> Leistungen Deutschlands (die ebendort jetzt wieder angemahnt werden) habt ihr also nur die \u00e4u\u00dfere Form, den sprachlichen Ausdruck: \u201cnie wieder Faschismus!\u201d, \u00fcbernommen (und setzt diesen stillschweigend mit der anderen Sprachgruppe gleich). Das eigentliche, dahinterstehende Aufkl\u00e4rungs-Ideal habt ihr dabei aber gr\u00fcndlich missverstanden.<\/li>\n<li>Wir k\u00f6nnen also zusammenfassend feststellen, dass diese <em>laute<\/em> Form der Aufarbeitungs- und Gedenkforderung f\u00fcr unsere Belange enorm kontraproduktiv ist: Wenn selbst eine so um Ausgleich und Tiefe bem\u00fchte Plattform wie <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"> den g\u00e4ngigen Gegenbildern nicht entkommt, sobald sie mit Verve auf die zahlreichen F\u00e4lle von faschistischer Wiederbet\u00e4tigung hinweist, ein Italiener sich dann aber \u2013 ohne Unterschied \u2013 \u00e4hnlich \u201cgeg\u00e4ngelt\u201d f\u00fchlt; fast so, als ob die Kritik unterschiedslos von den Rechten k\u00e4me. Und das Ganze geschieht wohlgemerkt, ohne dass auch nur der so m\u00fchsam erarbeitete <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\">-Geisteshintergrund und dessen kolossale Trennlinien zu jener \u201cpatriotischen\u201d Haltung hinreichend beachtet werden w\u00fcrde. Das ist das Dilemma, das uns gr\u00f6\u00dfte Hindernisse bescheidet, und das wir zuv\u00f6rderst zu beseitigen trachten sollten, bevor wir in der Lage sind, auf <img class=\"bbdlogo\" src=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/wp-content\/uploads\/bbdsmileys\/bbde.png\"> (und generell) <em>h\u00f6rbare<\/em> Ermahnungen auszusprechen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><small><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\"><code>01<\/code><\/a> Sandra Kegel, \u201cIm Schlamassel der Erinnerung\u201d. Herta M\u00fcller und Ruth Kl\u00fcger diskutieren in Frankfurt \u00fcber Formen des Gedenkens\u201d, in: <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em>, vom 17. November 2011, S. 31; die als Zitate gekennzeichneten Textteile im Beitrag sind dem Artikel entnommen.<\/small><br \/>\n<small><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\"><code>02<\/code><\/a> Sollten hier keine derartigen Intentionen vorliegen, so bleibt immer noch die Problematik, dass dies so <em>wirkt<\/em>. Ich gehe hier \u2013 offensichtlich \u2013 von der Vorstellung aus, dass die spezifische antifaschistische Haltung der deutsch- und auch ladinischsprachigen S\u00fcdtiroler aus Deutschland u. \u00d6sterreich \u201cimportiert\u201d wurde: Schlie\u00dflich partizipieren wir an diesem kulturellen Hinterland in nicht unerheblichem Ma\u00dfe (\u00fcber Medien transportierte Diskurse, Tabus, Werte: man denke nur an Guido Knopp). Dies alles ist aus bekannten Gr\u00fcnden (Mattioli etc. docet) bei den meisten Italienern S\u00fcdtirols nicht vorzufinden, man kann es deswegen nicht voraussetzen, sondern muss es \u2013 so unertr\u00e4glich und entmutigend dies klingen mag \u2013 sich erst gesamtgesellschaftlich erarbeiten!<\/small><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Beppi In der letztw\u00f6chigen Donnerstag-Ausgabe der FAZ 01 wurde \u00fcber eine denkw\u00fcrdige Begegnung in der Deutschen Nationalbibliothek von Frankfurt berichtet: Herta M\u00fcller diskutierte gemeinsam mit der geb\u00fcrtige Wienerin, Shoa-\u00dcberlebenden und Wahlamerikanerin Ruth Kl\u00fcger \u00fcber die \u201cFormen des Gedenkens\u201d. Das Thema ist \u2013 zumal in Deutschland, wo \u201cmit dem Tod der Zeitzeugen Erinnerung nur noch [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[],"class_list":["post-9622","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-autorinnen","entity-alpini","issue-faschistische-relikte","issue-geschichtsaufarbeitung","location-deutschland","location-sudtirolo","language-deutsch","medium-faz","topic-arch","topic-faschismen","topic-geschichte"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9622","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9622"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9622\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":45676,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9622\/revisions\/45676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9622"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9622"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9622"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}