{"id":98445,"date":"2026-03-16T14:14:16","date_gmt":"2026-03-16T13:14:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98445"},"modified":"2026-04-15T12:33:00","modified_gmt":"2026-04-15T10:33:00","slug":"christian-bianchi-gegen-den-dialekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98445","title":{"rendered":"Christian Bianchi gegen den Dialekt."},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen hatte sich Landesrat Christian Bianchi (<abbr title=\"Forza Italia\">FI<\/abbr>) sowohl im Landtag als auch in einem Interview mit dem <em>A. Adige<\/em> (13. Februar) abf\u00e4llig zum Dialektgebrauch in S\u00fcdtirol ge\u00e4u\u00dfert und die Forderung erhoben, die S\u00fcdtirolerinnen sollten in \u00f6ffentlichen Settings und im Umgang mit Italienischsprachigen Standarddeutsch sprechen. Im Landtag \u00bbdrohte\u00ab Bianchi sogar damit, andernfalls demn\u00e4chst eine Rede in tiefstem Venetisch halten zu wollen. Das allerdings ist nicht nur eine anerkannte Sprache und kein Dialekt des Italienischen, sondern \u2014 im Unterschied zum S\u00fcdtiroler Dialekt \u2014 auch kein autochthoner Code.<\/p>\n<p>Aus Bianchis Angriff hat sich \u2014 unter anderem mit Beitr\u00e4gen von Herausgeber Arnold Tribus (21. Februar) und Prof. Stephanie Risse (27. Februar) in der <em>Tageszeitung<\/em> \u2014 erneut eine Debatte \u00fcber den Dialektgebrauch entwickelt. Risse bezeichnete den Wunsch, im Landtag S\u00fcdtirolerisch zu sprechen, als berechtigt, schlug jedoch vor, einen S\u00fcdtiroler Standard zu etablieren.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier aber zun\u00e4chst einen Schritt zur\u00fcck machen: Vor gut hundert Jahren kamen Italienerinnen ins Land und schrieben den S\u00fcdtirolerinnen vor, wie sie zu sprechen hatten: ausschlie\u00dflich Italienisch. Wiewohl nicht mehr so brutal wie damals, wird diese Forderung von einigen noch immer erhoben. \u00bb<em>Siamo in Italia, qui si parla italiano!\u00ab<\/em> Zumindest im Umgang mit Italienischsprachigen <a title=\"Deutsch als Verst\u00e4ndigungssprache schwindet.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87395\">ordnen sich dieser Maxime viele vorauseilend unter<\/a>.<\/p>\n<p>Eigentlich w\u00e4re zu erwarten, dass Italienerinnen im Lande \u2014 insbesondere wenn sie institutionelle Rollen innehaben \u2014 angesichts dieses historischen Gewaltakts heute vorsichtig agieren und nicht weiterhin versuchen, den autochthonen Minderheiten Sprachvorschriften zu machen. Stattdessen wollen einige \u2014 sie k\u00f6nnen es offenbar nicht lassen \u2014 sogar dar\u00fcber befinden, wie deutschsprachige S\u00fcdtirolerinnen Deutsch zu sprechen haben. Das ist nichts anderes als eine weitere Form von Sprachimperialismus und Negierung von Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Landesrat Bianchi implizierte in seinen \u00c4u\u00dferungen zudem, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen Sprache und Dialekt \u2014 beziehungsweise zwischen Deutsch und S\u00fcdtirolerisch \u2014 gebe. Als w\u00e4re der Dialekt keine Sprache und als w\u00e4re S\u00fcdtirolerisch kein Deutsch.<\/p>\n<p>Dabei suggerierte er auch, dass man wennschon gleich mehrere S\u00fcdtiroler Dialekte lernen m\u00fcsste. Auch das ist irref\u00fchrend. Die verschiedenen Tiroler Dialekte sind untereinander gut verst\u00e4ndlich, weshalb es ausreichen w\u00fcrde, sich mit einer Variante vertraut zu machen. Sprechen deutschsprachige S\u00fcdtirolerinnen aus unterschiedlichen Landesteilen miteinander, m\u00fcssen sie ja auch nicht ins Standarddeutsche wechseln, um sich verstehen zu k\u00f6nnen \u2014 schlimmstenfalls reicht es, die Dialektintensit\u00e4t etwas zu reduzieren. Sprachkurse, in denen der S\u00fcdtiroler Dialekt vermittelt wird, unterrichten in der Regel auch nur eine Form und nicht eine Vielzahl von Varianten.<\/p>\n<p>Die vorherrschende <a title=\"Sch\u00e4dliche Standardsprachenideologie.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=88222\">Standardsprachenideologie<\/a>, wie sie auch Tribus und Risse zumindest teilweise vertreten, kommt Bianchi jedenfalls zupass.<\/p>\n<p>Dabei wurde der Minderheitenschutz nicht zugunsten einer Standardsprache eingef\u00fchrt, sondern zum Schutz der sprachlichen und kulturellen Eigenart der autochthonen deutschsprachigen Minderheit. Und diese Minderheit hat in S\u00fcdtirol stets Tiroler Dialekte gesprochen \u2014 vor der Annexion durch Italien, zum Zeitpunkt, als der Minderheitenschutz eingef\u00fchrt wurde und bis heute.<\/p>\n<p>Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie ihre eigene Sprache zu sprechen haben, kommt einer kulturpolitischen Vergewaltigung gleich. Aufgrund der dauerhaften <a title=\"Minorisierte Sprachen.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=72762\">Minorisierung<\/a> \u2014 die Bianchi <a title=\"Christian Bianchi nega la minorizzazione.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=96481\">leugnet<\/a> \u2014 sind viele deutschsprachige S\u00fcdtirolerinnen beim Gebrauch ihrer eigenen Muttersprache ohnehin verunsichert und bem\u00fchen sich \u00fcber Geb\u00fchr, ein dann oft k\u00fcnstlich klingendes Standarddeutsch zu sprechen. Wenn sie dar\u00fcber hinaus von der Mehrheit zu einem f\u00fcr sie unnat\u00fcrlichen Sprachgebrauch <em>gedr\u00e4ngt<\/em> (oder gar <em>gezwungen)<\/em> werden, wird der Erhalt der Minderheitensprache zus\u00e4tzlich erschwert.<\/p>\n<p>Respektvoll w\u00e4re es, stattdessen endlich die Sprache des anderen \u2014 gemeint ist der Dialekt \u2014 <a title=\"Dialekt im Zweitsprachunterricht.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=54649\">zumindest passiv zu erlernen.<\/a> Nat\u00fcrlich kann und soll es einen Aushandlungsprozess dar\u00fcber geben, wie Deutsch im \u00f6ffentlichen Kontext gesprochen wird. Doch das ist in erster Linie eine Binnenaufgabe der deutschen Sprachgruppe, wenngleich sie im Austausch mit den anderen Sprachgruppen stattfinden kann. Das muss jedoch <em>zumindest<\/em> auf Augenh\u00f6he geschehen \u2014 und nicht unter Bedingungen kolonialer Unterordnung, was beim Selbstverst\u00e4ndnis vieler Italienerinnen und beim vorhandenen Machtgef\u00e4lle zwischen den Sprachen schwierig ist.<\/p>\n<p>Erschwerend kommt hinzu, dass viele Italienerinnen <a title=\"Die Dialekt-Intoleranz.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=87448\">den S\u00fcdtiroler Dialekt verachten<\/a>, zumindest implizit sprachliche Unterordnung erwarten und sich selbst kaum je bem\u00fchen, ein Wort in der Sprache des anderen zu sprechen.<\/p>\n<p>So wie es auch die beiden italienischen Landesr\u00e4te Christian Bianchi und Marco Galateo (<abbr title=\"Fratelli d\u2019Italia\">FdI<\/abbr>) vormachen: Sie <a title=\"Politici monolingui e arroganti, ci risiamo.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=83977\">zwingen ihre Sprache allen anderen auf<\/a> \u2014 und wollen sich nun auch noch in die Sprachpraxis der anderen einmischen. Eine Grundlage f\u00fcr Begegnung auf Augenh\u00f6he ist das nicht.<\/p>\n<p>Bianchi selbst hatte <a title=\"Christian Bianchi bestimmt die Sprache.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=81909\">sogar in einem Leserbrief an die <em>Tageszeitung<\/em> nicht Deutsch, sondern Italienisch verwendet<\/a>. Er passt sich selbst also keineswegs sprachlich an sein Gegen\u00fcber an \u2014 erwartet aber gleichzeitig, dass andere sogar ihre eigene Sprache an ihn anpassen.<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; text-transform: uppercase;\">C\u00ebla enghe:<\/span><\/strong> <a title=\"Vietato sputare e parlare dialetto.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=50076\"><code>01<\/code><\/a> <a title=\"Dialektverbot im L\u00e5ndtog?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=89683\"><code>02<\/code><\/a> <a title=\"Sprache entkolonialisieren!\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=90140\"><code>03<\/code><\/a> <a title=\"Dialekt im Landesparlament.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=89730\"><code>04<\/code><\/a> <a title=\"\u203aWo ein Wille, da Verst\u00e4ndnis.\u2039\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=95992\"><code>05<\/code><\/a> <a title=\"Sprachkolonialismus und linguistische Unsicherheit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=61390\"><code>06<\/code><\/a>&nbsp;<a title=\"Standardsprache und internalisierte Minderheitenfeindlichkeit.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=91191\"><code>07<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">|<\/span> <a title=\"Sport und Intoleranz.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=14239\"><code>08<\/code><\/a> <a title=\"Nationalschikanierter Domme.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=45857\"><code>09<\/code><\/a> <span style=\"font-family: Helvetica, Arial, sans-serif; font-weight: normal;\">||<\/span> <a title=\"Landtag, insensato vietare il dialetto.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98755\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>01<\/code><\/span><\/a> <a title=\"In Austria i rifugiati impareranno il dialetto.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98606\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>02<\/code><\/span><\/a> <a title=\"Wir waren niemals woke.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98894\"><span style=\"color: #ff8c00\"><code>03<\/code><\/span><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen hatte sich Landesrat Christian Bianchi (FI) sowohl im Landtag als auch in einem Interview mit dem A. Adige (13. Februar) abf\u00e4llig zum Dialektgebrauch in S\u00fcdtirol ge\u00e4u\u00dfert und die Forderung erhoben, die S\u00fcdtirolerinnen sollten in \u00f6ffentlichen Settings und im Umgang mit Italienischsprachigen Standarddeutsch sprechen. 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