{"id":98894,"date":"2026-04-15T11:49:34","date_gmt":"2026-04-15T09:49:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98894"},"modified":"2026-04-15T11:49:34","modified_gmt":"2026-04-15T09:49:34","slug":"wir-waren-niemals-woke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98894","title":{"rendered":"Wir waren niemals woke."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><strong>In einer Zeit der Repr\u00e4sentationskrise sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen. Eine Klassenperspektive auf die S\u00fcdtiroler Dialektdebatte.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Matthias Scantamburlo<\/em><\/p>\n<p>Dem S\u00fcdtiroler Landtag gef\u00e4llt der Dialekt nicht. Eine breite Mehrheit, auch Teile der deutschen Rechten, will die Alltagssprache aus dem Parlament verbannen. Die Gr\u00fcnde erscheinen pragmatisch und legitim: Verst\u00e4ndigung, Zusammenleben, Minderheitenschutz. Aber die Art, wie die Dialektdebatte gef\u00fchrt wird, zeigt auch einen unterschwelligen Konflikt: um Lebenswelten, Status, und darum, wessen Stimme in der Demokratie z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Der US-amerikanische Soziologe Musa al-Gharbi hilft zu verstehen, warum. In seinem Buch <em>We Have Never Been Woke. The Cultural Contradictions of a New Elite<\/em> <em>(Princeton University Press)<\/em> stellt er eine einfache, aber unbequeme Frage: Warum sind es ausgerechnet die Gewinner der bestehenden Ordnung, die sich so leidenschaftlich mit den Marginalisierten identifizieren?<\/p>\n<p>Die Gewinner, von denen er spricht, sind Menschen wie ich: Akademiker, Journalisten, Kulturschaffende, NGO-Mitarbeiter \u2013 \u00bbsymbolische Kapitalisten\u00ab, deren Kapital nicht in Feldern oder Fabriken steckt, sondern in Sprache, Deutung und kultureller Zugeh\u00f6rigkeit. Auch in S\u00fcdtirol schreiben wir die Kolumnen, f\u00fchren wir die Debatten, pr\u00e4gen wir den Ton. Nicht alle von uns sind materiell privilegiert, ich selbst war \u00fcber zehn Jahre in prek\u00e4rer akademischer Anstellung. Aber als Klasse sind wir stark. Und wir rechtfertigen unseren Status, indem wir sagen, unsere Arbeit sei f\u00fcr andere. Daraus entsteht ein Statuswettbewerb mit eigenen Codes: die richtigen Begriffe, die richtige Ausdrucksweise, die richtige Art zu argumentieren. Wer sie beherrscht, geh\u00f6rt dazu. Wer sie nicht beherrscht, wird sanktioniert. Nicht weil es falsch liegt, sondern weil es falsch klingt. Dieser Mechanismus beg\u00fcnstigt Debatten im Namen der Marginalisierten, die dabei vor allem uns selbst n\u00fctzen: unserem Status und teilweise auch unseren Arbeitspl\u00e4tzen. Nicht, weil unsere Motive unehrlich sind. Sondern weil wir Eliten und Altruisten zugleich sind \u2013 und unsere Codes strukturell bestimmen, wessen Stimme als legitim gilt. Und wessen nicht.<\/p>\n<p>\u00bbIch bin kein Akademiker, ich bin kein Lehrer, ich bin der einzige Handwerker im Landtag\u00ab, sagt Hannes Rabensteiner. Er hat recht, und das ist kein Zufall. Die Politikwissenschaftlerin <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0261379424000465?via%3Dihub\">Lea Els\u00e4sser<\/a> zeigt, dass Arbeiter und Handwerker in europ\u00e4ischen Parlamenten systematisch fehlen, vor allem in linken Parteien: nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil die Codes der Nominierungsprozesse gegen sie arbeiten. Er spricht Dialekt, bewusst als politisches Signal. Die \u00dcbersetzung hat dabei immer problemlos funktioniert. Christian Bianchi von <em>Forza Italia,<\/em> der den Dialekt am lautesten kritisiert, nutzt den Dienst ohnehin, auch f\u00fcr Hochdeutsch. Wer die falschen Codes spricht, wird sanktioniert. Nicht weil ihn niemand versteht oder wegen dem, was er sagt, sondern weil er falsch klingt.<\/p>\n<p>Symptomatisch daf\u00fcr ist die Emp\u00f6rung \u00fcber Dialekt im Landtag aus jenen Milieus, die von kultureller Deutungshoheit leben \u2014 wie beispielsweise ein Blick in die <em>Salto-<\/em>Kolumnen zeigt. In Kommentaren wird Dialekt als sprachliches Defizit gerahmt; Dialektsprecher erscheinen als unprofessionell, <a title=\"Salto: Mein Schnabel.\" href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/01042026\/mein-schnabel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">provinziell<\/a>, intellektuell unzureichend, und wer <a title=\"Salto: Die Grenzen seiner Welt.\" href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/02042026\/die-grenzen-seiner-welt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wittgenstein<\/a> nicht aussprechen kann, hat im Landtag nichts verloren. <a title=\"Salto: Mein Dialekt ist mein Kaschtl.\" href=\"https:\/\/salto.bz\/de\/article\/04042026\/mein-dialekt-ist-mein-kaschtl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andere sagen:<\/a> im Privaten ist der Dialekt das Echteste, Intimste, Verwurzelteste. Aber im Landtag konstruiere er ein \u00bbWir\u00ab, das Migrant:innen, Italiener:innen und Andere ausschlie\u00dfe und Grundrechte gef\u00e4hrde. Legitime Gr\u00fcnde, die sich aber auch als klassisches al-Gharbi-Muster lesen lassen: man bestimmt, wo Volkskultur hingeh\u00f6rt und wo nicht, als Folklore gerne, im Parlament nicht. Die Verbundenheit zum Dialekt gilt als echt, solange sie privat bleibt. Sobald sie politisch wird, ist sie \u00bbbeliebig konstruiert\u00ab und ein Instrument. Und al-Gharbi w\u00fcrde weiterfragen: N\u00fctzt dieses Verbot wirklich den Migrant:innen und Italiener:innen? Wird ihre Lage dadurch verbessert?<\/p>\n<p>Die Antwort, die implizit mitschwingt, lautet: ja, weil Dialekt ins Private geh\u00f6rt. Aber genau diese Trennung ist eine politische Entscheidung und keine neutrale. Die feministische Bewegung hat gezeigt, dass der private Raum immer durch den \u00f6ffentlichen bedingt war: Der Mann hatte die politische und wirtschaftliche Macht, die Frau blieb unsichtbar zuhause. Was als privat galt, war das Ergebnis einer Ordnung, die bestimmte, wessen Erfahrung z\u00e4hlt. Den Dialekt ins Private zu verbannen, bedeutet nicht, ihn zu sch\u00fctzen. Es bedeutet, ihn aus dem Raum zu halten, in dem Macht ausgehandelt wird. Aber wenn das Private nicht politisch sein darf, wozu brauchen wir dann Politik? F\u00fcr die PolitikerInnen?<\/p>\n<p>Die Argumente der Verst\u00e4ndigung und institutionellen W\u00fcrde sind nicht falsch, aber sie werden zum Schutzschild gegen eine unbequeme Frage: Wessen Sprache gilt im Landtag als legitim? Ja, Dialekt konstruiert ein \u00bbWir\u00ab. Die Hochsprache tut es auch. Sie konstruiert das \u00bbWir\u00ab der Gebildeten, der Sprachsicheren, der kulturell Arrivierten \u2013 jener, f\u00fcr die Hochdeutsch nicht Anstrengung, sondern Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist. Das ist keine neutrale <em>Lingua Franca.<\/em> Hochsprachen entstehen nicht nat\u00fcrlich, sie werden kodifiziert und als Norm gesetzt, meist von jenen, die bereits die Macht dazu hatten. Auch die \u00bbNabelschnur in den Norden\u00ab wurde von jemandem gekn\u00fcpft. Warum gilt Dialekt als Ausgrenzung, Hochdeutsch als Demokratie?<\/p>\n<p>Hier liegt Rabensteiners Geste tiefer, als wir zugeben wollen. Jacques Ranci\u00e8re beschreibt Demokratie nicht als geordneten Diskurs, sondern als den Akt, die Ordnung des Diskurses selbst zu befragen: wer sprechen darf, in welcher Sprache, nach welchen Regeln. Er nennt die Verwaltung dieser Ordnung \u00bbPolicing\u00ab, die stillschweigende Festlegung dessen, was als vern\u00fcnftig und parlamentsw\u00fcrdig gilt. Demokratie beginnt genau dort, wo diese Ordnung problematisiert wird. Rabensteiner tut genau das: Er spricht im Parlament die Sprache der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung und demokratisiert damit die Sprache des Parlaments. Ein Verbot \u00bbaus Respekt vor der Institution\u00ab ist kein Demokratieschutz. Es ist Policing.<\/p>\n<p>In einer Zeit der Repr\u00e4sentationskrise, in der Parlamente fast nur noch Akademiker kennen und Macht immer mehr an Institutionen abgegeben wird, die niemand gew\u00e4hlt hat, sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen.<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Zeit der Repr\u00e4sentationskrise sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen. 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