{"id":98997,"date":"2026-04-27T09:07:49","date_gmt":"2026-04-27T07:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98997"},"modified":"2026-04-27T09:55:09","modified_gmt":"2026-04-27T07:55:09","slug":"50-jahre-proporz-zur-veranstaltung-der-eurac","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98997","title":{"rendered":"50 Jahre Proporz \u2013\u00a0zur Veranstaltung der Eurac."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p><em>von Andreas Gufler Oberhollenzer<\/em><\/p>\n<p>An der <em>Eurac<\/em> fand am 22. April eine <a title=\"Macht teilen, Vielfalt sichern?\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98684\">Tagung<\/a> zum 50-j\u00e4hrigen Bestehen des ethnischen Proporzes statt. Ich habe die Veranstaltung vor allem deshalb besucht, weil ich sehen wollte, <em>wer<\/em> \u00fcber den Proporz in S\u00fcdtirol diskutiert und eben auch, <em>was<\/em> diskutiert wird. Eines vorweg: Es waren vor allem Akademiker:innen und medial bekannte Personen; die Tagung war sehr zahlen- und statistiklastig.<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich Teile der Tagung kurz zusammenfassen und manchmal einen kritischen Blick darauf werfen. Insgesamt waren zehn Vortr\u00e4ge zum Proporz geplant, wovon der Vortrag von Karin Ranzi \u00fcber die \u00bbWahrung der Zwei- und Dreisprachigkeit\u00ab krankheitsbedingt ausgefallen ist. Sieben Vortr\u00e4ge waren auf Deutsch, einer auf Englisch und einer auf Italienisch. Die Veranstaltung war in drei Panels aufgebaut, nach denen Teilnehmer:innen der Tagung den Vortragenden Fragen stellen konnten. Am Ende der Tagung war noch eine Diskussionsrunde geplant, bei der ich aber nicht mehr anwesend war.<\/p>\n<p>Marc R\u00f6ggla er\u00f6ffnete die Tagung und switchte bei seiner Rede zwischen Italienisch und Deutsch. Er wies auf die Kontroversit\u00e4t des Proporzes in S\u00fcdtirol hin; fr\u00fcher sei der Proporz besser angesehen gewesen als heute, wo man schnell als \u00bbEwiggestriger\u00ab gelte. Auch gab R\u00f6ggla zu bedenken, dass viele junge S\u00fcdtiroler:innen gar nicht w\u00fcssten, was der Proporz ist. Dies hat sich auch im Publikum gezeigt: Es waren nur sehr wenige junge Menschen anwesend. R\u00f6ggla w\u00fcnscht sich, mit dieser Veranstaltung einen Diskussionsraum \u00fcber den Proporz zu schaffen.<\/p>\n<h6>Der Proporz im Laufe der Zeit<\/h6>\n<p>Oskar Peterlinis Vortrag begann mit einem Abriss \u00fcber die steinige Geschichte der Autonomie, beginnend beim Faschismus. Anschlie\u00dfend pr\u00e4sentierte Peterlini die historische Verteilung von \u00f6ffentlichen Stellen bei Land und Staat, verteilt nach den drei Sprachgruppen, und konstatierte schlie\u00dflich einen R\u00fcckgang von Staatsbediensteten der deutschen und ladinischen Sprachgruppe. Peterlini nannte dabei m\u00f6gliche und sehr valide Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Entwicklung: Braindrain, wirtschaftliche Gr\u00fcnde, Geburtenr\u00fcckgang, mehr Arbeitsm\u00f6glichkeiten deutsch- und ladinischsprachiger Menschen in der Landwirtschaft.<br \/>\nAber was ist mit strukturellen Gr\u00fcnden, die mit dem Staatsdienst selbst zu tun haben? Sind staatliche Beh\u00f6rden in S\u00fcdtirol so strukturiert, dass Zwei- bzw. Dreisprachigkeit gew\u00e4hrleistet ist? Sind Computerprogramme und interne Mitteilungen in der jeweiligen Muttersprache verf\u00fcgbar? Kann man bei Besprechungen oder im Team Deutsch oder Ladinisch reden? Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man einwenden, dass jede:r Staatsbedienstete in S\u00fcdtirol \u2013 wenigstens theoretisch \u2013 die Landessprachen Deutsch und Italienisch beherrschen m\u00fcsse, trotzdem macht es etwas aus, ob man im Arbeitsumfeld seine jeweilige Muttersprache verwenden kann\/darf oder eben nicht. Vielleicht k\u00f6nnte das auch ein Grund sein, wieso Deutschsprachige und Ladinischsprachige nicht so gern im Staatsdienst t\u00e4tig sind.<\/p>\n<h6>Die \u00bbvor\u00fcbergehende\u00ab Durchf\u00fchrungsbestimmung<\/h6>\n<p>Peterlini erw\u00e4hnte auch die neue, \u00bbvor\u00fcbergehende\u00ab Durchf\u00fchrungsbestimmung 97\/2025, die es erlaubt, den Proporz bei \u00f6ffentlichen Stellen zu umgehen und Menschen in Abweichung der Proporzregelungen und dabei auch ohne Zweisprachigkeitsnachweis befristet anzustellen. Diese Regelung greift, wenn mindestens 10 Prozent Personalmangel vorherrscht, was laut Peterlini aktuell auf jede Beh\u00f6rde zutreffen w\u00fcrde. Kritisch sieht Peterlini vor allem auch, dass es dabei keinen Zweisprachigkeitsnachweis mehr braucht, und beschreibt dies als R\u00fcckschritt \u2013 zurecht, wie ich finde. Peterlini betonte aber, dass es eine \u00bbvor\u00fcbergehende\u00ab Regelung sei, sogar der Landeshauptmann habe ihn am Morgen der Tagung angerufen und gebeten, zu erw\u00e4hnen, dass diese Regelung \u00bbvor\u00fcbergehend\u00ab sei.<\/p>\n<p>Vor\u00fcbergehend bedeutet in dem Falle wahrscheinlich aber auf unbestimmte Zeit, bis eine neue Regelung verabschiedet wird. Wenn man sich die entsprechende <a href=\"https:\/\/lexbrowser.provinz.bz.it\/doc\/de\/236781\/gesetzesvertretendes_dekret_vom_12_juni_2025_nr_97.aspx\">Durchf\u00fchrungsbestimmung 97\/2025<\/a> anschaut, gibt es kein festgesetztes Datum, ab wann diese ausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Peterlinis Fazit zum Proporz lautet, dass er heutzutage weniger als Schutzinstrument von Minderheiten dient als fr\u00fcher.<\/p>\n<h6>Die Sprachgruppenz\u00e4hlung<\/h6>\n<p>Beim Vortrag von Timon G\u00e4rtner, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des ASTAT, ging es um die Sprachgruppenz\u00e4hlungen, die alle zehn Jahre durchgef\u00fchrt werden m\u00fcssen, damit der Proporz berechnet werden kann. G\u00e4rtner referierte \u00fcber die administrativen und methodischen Herausforderungen einer solchen Z\u00e4hlung, ferner res\u00fcmierte er auch positiv \u00fcber die bei der letzten Z\u00e4hlung erstmals eingef\u00fchrte Online-Abstimmung. G\u00e4rtner gab auch einen \u00dcberblick \u00fcber den rechtlichen Rahmen der Sprachgruppenz\u00e4hlung, die nun, im Gegensatz zu fr\u00fcher, von der allgemeinen Volksz\u00e4hlung entkoppelt wurde und als eigenst\u00e4ndige statistische Erhebung durchgef\u00fchrt wird. Bei der Informationskampagne f\u00fcr die letzte Sprachgruppenz\u00e4hlung, erz\u00e4hlte G\u00e4rtner, w\u00e4re man bem\u00fcht gewesen, in Gherd\u00ebina und Val Badia die jeweiligen Informationen auch in den ladinischen Sprachidiomen zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<h6>Missbrauchsanf\u00e4lligkeit der Sprachgruppenz\u00e4hlung<\/h6>\n<p>Um bei der Sprachgruppenz\u00e4hlung teilnehmen zu k\u00f6nnen, braucht man die italienische Staatsangeh\u00f6rigkeit und den Wohnsitz an einem Stichtag (30. September 2023 bei der letzten Z\u00e4hlung) in S\u00fcdtirol. Die letzte Voraussetzung scheint mir jedoch sehr anf\u00e4llig f\u00fcr Missbrauch, und das habe ich bei der anschlie\u00dfenden Diskussion auch angemerkt. Im Gegensatz zur Ans\u00e4ssigkeitsklausel bei Wahlen, die (noch) vier Jahre betr\u00e4gt, braucht man f\u00fcr die Sprachgruppenz\u00e4hlung lediglich die italienische Staatsangeh\u00f6rigkeit und eine eint\u00e4gige Ans\u00e4ssigkeit zum Stichtag in S\u00fcdtirol. G\u00e4rtner best\u00e4tigte auf meine Nachfrage hin, dass es zu Missbrauch h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, vor allem durch die vielen Zweitwohnungen in S\u00fcdtirol.<\/p>\n<h6>Il \u00abdisagio\u00bb per la proporzionale?<\/h6>\n<p>Andrea Carl\u00e0, Wissenschaftler an der <em>Eurac,<\/em> war der Einzige der Vortragenden, der auf Italienisch referierte. Sein Vortrag tr\u00e4gt den Titel <em>\u00bbIl \u201adisagio\u2018 per la proporzionale?\u00ab<\/em> und bezog sich beim Begriff des <em>disagio<\/em> auf den Artikel <a href=\"https:\/\/politika.autonomyexperience.org\/13\/il-disagio-degli-italiani-tra-retorica-e-realta\"><em>\u00bbIl disagio degli italiani tra retorica e realt\u00e0\u00ab<\/em><\/a> von Luca Fazzi. Carl\u00e0 betrachtete den Proporz f\u00fcr seinen Vortrag rein in der Funktion der Vergabe von \u00f6ffentlichen Stellen nach Sprachgruppen und sprach in seinem Vortrag von <em>\u00bbAlto Adige\u00ab<\/em> und <em>\u00bbaltoatesini\u00ab,<\/em> was mich pers\u00f6nlich befremdet hat. Zudem habe man in S\u00fcdtirol eine Art vertikale Segregation nach Sprachgruppen, wo es vor allem deutschsprachige F\u00fchrungskr\u00e4fte in der \u00f6ffentlichen Verwaltung g\u00e4be, wenig jedoch italienischsprachige; empirische Studien g\u00e4be es dazu aber noch keine, merkte Carl\u00e0 an. Der Proporz sei f\u00fcr viele Menschen in S\u00fcdtirol zu etwas Nebens\u00e4chlichem geworden, es g\u00e4be zudem wenig Anreize f\u00fcr Menschen, \u00f6ffentliche Stellen zu bekleiden, und f\u00fcr viele Menschen wichtigere Dinge als den Proporz. Carl\u00e0 fragte (rhetorisch), ob der Minderheitenschutz nicht auch von anderen Instrumenten gew\u00e4hrleistet wird und so der Proporz obsolet w\u00fcrde, wies dabei aber gleichzeitig auf den aktuellen Skandal um die F\u00e4lschungen der Zweisprachigkeitszertifikate hin.<\/p>\n<p>Bei der anschlie\u00dfenden Diskussion merkte Carl\u00e0 an, dass in S\u00fcdtirol niemand die Zweisprachigkeit infrage stelle. Meines Wissens gibt es dazu aber auch keine empirischen Untersuchungen.<\/p>\n<h6>Mindestquote f\u00fcr Ladiner:innen<\/h6>\n<p>F\u00fcr Ladiner:innen habe der Proporz auch Schattenseiten, meinte Sophie Mangutsch in ihrem Vortrag. Die Ladiner:innen machen zahlenm\u00e4\u00dfig (bei er letzten Sprachgruppenz\u00e4hlung) etwa 4,41 Prozent aus. Der Proporz sch\u00fctze vor allem die gro\u00dfen Sprachgruppen Deutsch und Italienisch, nichtsdestotrotz denken Ladiner:innen, dass der Proporz auch f\u00fcr sie wichtig ist. Mangutsch weist darauf hin, dass viele Ladiner:innen aus den T\u00e4lern auswandern und sich dort dann seltener der ladinischen Sprachgruppe zugeh\u00f6rig erkl\u00e4ren, was aber dann die ladinische Sprachgruppe an sich wieder schw\u00e4cht. Dem k\u00f6nnte man laut Mangutsch entgegensteuern, wenn man eine Mindestquote f\u00fcr Ladiner:innen festlegt oder eben auch die M\u00f6glichkeit au\u00dferhalb der T\u00e4ler schafft, dass Ladiner:innen Minderheitenrechte in Anspruch nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h6>Es wird vorausgesetzt, dass man Spanisch spricht<\/h6>\n<p>Eine andere Perspektive einer Minderheit, jene der Bask:innen, wurde von Maddi Dorronsoro Olamusu vorgestellt. Das Baskenland ist in eine franz\u00f6sische H\u00e4lfte und eine spanische H\u00e4lfte geteilt. Dorronsoro Olamusu gab einen \u00dcberblick der Minderheitenrechte in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlands (spanische Seite), die sich erst durch das Ende des Franco-Regimes entwickeln konnten. Im Gegensatz zu S\u00fcdtirol gibt es keinen Proporz, sondern man muss, um ein \u00f6ffentliches Amt zu bekleiden, je nach Berufsgruppe ein unterschiedliches Niveau Baskisch sprechen k\u00f6nnen. Es braucht kein Zweisprachigkeitszertifikat Spanisch-Baskisch, denn die Kenntnis der spanischen Sprache wird bereits vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Bei der anschlie\u00dfenden Diskussion erz\u00e4hlte Dorronsoro Olamusu von einer pers\u00f6nlichen Erfahrung mit einer Beh\u00f6rde in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlands, wo sie etwas in einer Beh\u00f6rde zu erledigen hatte. Die Beamtin in der Beh\u00f6rde hatte ein Schild, worauf stand, dass man langsam sprechen solle, da sie Baskisch lerne. Dorronsoro Olamusu hat aber gemerkt, dass die Beamtin einige Dinge auf Baskisch nicht verstanden hatte und hat dann schlie\u00dflich auf Spanisch mit ihr geredet, um ihr Anliegen zum Abschluss zu bringen.<\/p>\n<h6>Die Sprachgruppenzugeh\u00f6rigkeitserkl\u00e4rung wie die Steuererkl\u00e4rung<\/h6>\n<p>Verena Wisthaler pr\u00e4sentierte eine Studie \u2013 deren Titel mir leider entfallen ist \u2013, wie Migrant:innen den ethnischen Proporz und auch die Sprachgruppenzugeh\u00f6rigkeitserkl\u00e4rung sehen. Viele der Migrant:innen w\u00fcssten nichts bzw. sehr wenig \u00fcber den Proporz in S\u00fcdtirol. Die interviewten Migrant:innen w\u00fcrden den Proporz und die Teilnahme an Sprachgruppenz\u00e4hlungen als etwas sehen, was man f\u00fcr andere macht, weniger f\u00fcr sich selbst. F\u00fcr viele Migrant:innen sei es zudem schwierig, sich f\u00fcr eine Sprachgruppe zu entscheiden, da sie sich oft keiner zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Ein:e Respondent:in in der Studie verglich die Sprachgruppenzugeh\u00f6rigkeitserkl\u00e4rung mit einer Steuererkl\u00e4rung: Man m\u00fcsse es irgendwann halt machen, aber es sei nichts Lebensbestimmendes.<\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small>\u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andreas Gufler Oberhollenzer An der Eurac fand am 22. 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