{"id":99689,"date":"2026-06-10T12:24:23","date_gmt":"2026-06-10T10:24:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=99689"},"modified":"2026-06-10T20:36:38","modified_gmt":"2026-06-10T18:36:38","slug":"die-reprasentationskrise-hat-auch-eine-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=99689","title":{"rendered":"Die Repr\u00e4sentationskrise hat auch eine Sprache."},"content":{"rendered":"<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 20px; border: none; margin-top: 0em; background-color: darkred;\"\/><\/div><p>Wessen Sprache im Landtag z\u00e4hlt, war im Fr\u00fchjahr eine der aufgeladensten Debatten der S\u00fcdtiroler Politik. Seit der Entscheidung, den Dialekt aus dem Parlament zu verbannen, ist es ruhiger geworden. Die zentrale Frage ist allerdings offen geblieben: Geht es beim Dialekt um Verst\u00e4ndigung, oder um etwas, das sich mit Meinungen allein nicht kl\u00e4ren l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Ich habe <a title=\"Wir waren niemals woke.\" href=\"https:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?p=98894\">an dieser Stelle<\/a> argumentiert, dass die Dialektdebatte einen unterschwelligen Konflikt offenlegt: um Lebenswelten, Status und die Frage, wessen Stimme in der Demokratie als legitim gilt. Festgemacht war das an den \u00f6ffentlichen Diskursen politischer und Meinungseliten. Meine These war: Die Repr\u00e4sentationskrise hat auch eine sprachliche Dimension. Jetzt liegen Daten vor, fast so, als w\u00e4ren sie auf Ma\u00df bestellt worden.<\/p>\n<p>In der renommierten Zeitschrift <em><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/00323217261450437\">Political Studies<\/a><\/em> zeigen Martin Gross (LMU M\u00fcnchen) und Constantin Wurthmann (Uni Mainz) anhand breiter Umfragedaten aus Deutschland, dass sich Dialektsprecher:innen schlechter vertreten f\u00fchlen als Nicht-Dialektsprecher:innen \u2013 und dass sie deutlich st\u00e4rker von Menschen vertreten werden wollen, die reden wie sie.<\/p>\n<p>Das allein w\u00e4re noch erwartbar. Bemerkenswert ist, was \u00fcbrig bleibt, wenn man alles andere herausrechnet. Man k\u00f6nnte ja vermuten, hinter dem Effekt stecke etwas Handfesteres: Bildung, Alter, Einkommen, Stadt oder Land, Zufriedenheit mit der Demokratie, am Ende die politische Gesinnung. Die Studie kontrolliert all das, und zur Sicherheit auch noch die Wahlabsicht, von der <em>Linken<\/em> bis zur <abbr title=\"Alternative f\u00fcr Deutschland\">AfD<\/abbr>. Der Zusammenhang h\u00e4lt. Es sind nicht die Ungebildeten, nicht die Abgeh\u00e4ngten, nicht die Rechten. Es bleibt, nach Abzug von allem, die Sprache, soweit Umfragedaten das zeigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit verschiebt sich die Beweislast, zumindest jener Kritiker:innen des Dialekts, die sich auf Inklusion berufen. In der S\u00fcdtiroler Debatte steht die Hochsprache als neutrale <em>Lingua Franca<\/em> im Raum, als Garantin einer offenen Gesellschaft, w\u00e4hrend der Dialekt als Instrument der Ausgrenzung erscheint. Das klingt nach Fairness. Aber wenn Dialektsprecher:innen sich in einem hochsprachlich dominierten System schlechter vertreten f\u00fchlen \u2013 unabh\u00e4ngig von Bildung, Einkommen und politischer Haltung \u2013, dann ist die Hochsprache alles andere als inklusiv. Auch sie hat ein \u00bbWir\u00ab, nur eines, das als Normalit\u00e4t auftritt und deshalb unsichtbar bleibt. Michael Billig nennt das \u00bbbanalen Nationalismus\u00ab. Die Studie macht ihn sichtbar, bis in die politische Repr\u00e4sentation hinein. Wohlgemerkt in Deutschland, wo die Hochsprache weitaus etablierter ist als in S\u00fcdtirol.<\/p>\n<p>Denn Repr\u00e4sentation ist ein kommunikativer Akt: Nicht nur, <em>was<\/em> ein:e Politiker:in sagt, z\u00e4hlt, sondern auch <em>wie.<\/em> Wer den Dialekt seiner W\u00e4hler:innen spricht, sendet ein Signal \u2013 f\u00fcr Ortsbindung und geteilten Hintergrund. Nicht weil damit inhaltlich etwas anderes gesagt wird, sondern weil die Sprache selbst eine Form der Anerkennung ist. Wer sich dauerhaft sprachlich nicht wiedererkannt f\u00fchlt, verliert das Vertrauen in die Institution.<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn sich das Gef\u00fchl, sprachlich nicht repr\u00e4sentiert zu sein, in Gemeinschaften verfestigt?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/S0003055423000862\">Daniel Ziblatt und seine Kollegen<\/a> zeigen, dass sprachliche Distanz zum hochdeutschen Zentrum mit h\u00f6herer Zustimmung zur radikalen Rechten einhergeht. Nicht der Dialekt treibt die Menschen nach rechts, sondern das, was er \u00fcber Generationen markiert: peripheren Status, das Gef\u00fchl, am Rand zu stehen, und Misstrauen gegen\u00fcber den Eliten des Zentrums. Ein Gef\u00fchl, das tiefer sitzt als jede aktuelle Debatte. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/01402382.2023.2253514\">Kaitlin Alper und Caroline Lancaster<\/a> erg\u00e4nzen den Befund aus zehn westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern: Wo regionale Identit\u00e4t stark verankert ist, sind Menschen weniger anf\u00e4llig f\u00fcr die radikale Rechte, allerdings nur dort, wo diese auf Staatsnationalismus setzt. Wo die radikale Rechte selbst regionalistisch auftritt, greift dieser Schutz nicht.<\/p>\n<p>In S\u00fcdtirol trifft beides zugleich zu. Die differenzierte Identit\u00e4t h\u00e4lt den italienischen Staatsnationalismus auf Distanz. Aber auch innerhalb der deutschsprachigen Gemeinschaft verl\u00e4uft ein Zentrum-Peripherie-Gef\u00e4lle. Die Zentren stehen den Talgemeinschaften gegen\u00fcber, die wirtschaftlich schw\u00e4cher, interethnisch distanzierter und mundartlich je eigen gepr\u00e4gt sind. Auch Autonomie kann ein eigenes Gef\u00e4lle erzeugen: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/21622671.2025.2562014\">Studien aus dezentralisierten Systemen<\/a> zeigen, dass die Peripherie die Vorteile der Selbstverwaltung oft weniger sp\u00fcrt als das Zentrum.<\/p>\n<p>Und die radikale Rechte bedient sich genau jener Symbole, die der Mainstream aus dem institutionellen Raum dr\u00e4ngt. Wer den Dialekt aus dem Parlament verbannt, \u00fcberl\u00e4sst nicht nur ein Symbol, sondern ein Repr\u00e4sentationsangebot: die Geste, f\u00fcr Menschen zu sprechen, die sich sprachlich nicht wiedererkannt f\u00fchlen. Regionale Identit\u00e4t ist kein demokratisches Risiko an sich. Entscheidend ist, wer sie besetzt, und ob \u00bbdie Mitte\u00ab den Fehler begeht, sie kampflos abzutreten.<\/p>\n<p>Niemand behauptet, man m\u00fcsse fortan im Dialekt regieren. Man darf die Hochsprache im Landtag verteidigen, aus guten Gr\u00fcnden. Was man nach diesen Daten schwerer behaupten kann, ist, das geschehe neutral und allein zum Schutz der Schw\u00e4cheren. Die Frage war nie, ob der Dialekt in den Landtag \u00bbgeh\u00f6rt\u00ab. Die Frage ist, was es kostet, ihn drau\u00dfen zu halten. Der Maurer aus Villanders hat sie gestellt. Jetzt steht die Antwort in den Daten.<\/p>\n<p><em><small>Matthias Scantamburlo ist Politikwissenschafter und forscht an der Universit\u00e4t Deusto (Bilbao)<\/small><\/em><\/p>\n<!-- Snippets by WebberZone Snippetz --><div class=\"ata_snippets\"><hr style=\"height: 10px;border: none;margin-top: 0px;background-color: darkred\" \/>\r\n\r\n<div style=\"background-color: none;padding: 0px;font-size: 14px;font-family: Helvetica,Arial;margin: 10px 0px 0px 0px\"><span style=\"color: darkred\"><strong><small>Autor:innen- und Gastbeitr\u00e4ge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterst\u00fctzen.<\/small><\/strong><small> \u00b7 I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici\/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. \u2014 <a href=\"http:\/\/www.brennerbasisdemokratie.eu\/?page_id=11356#copyleft\"><strong>\u00a9<\/strong><\/a><\/small><\/span><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wessen Sprache im Landtag z\u00e4hlt, war im Fr\u00fchjahr eine der aufgeladensten Debatten der S\u00fcdtiroler Politik. 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