A22: Leere Worte.

Es ist jetzt ein halbes Jahr vergangen, seit Wolfgang Niederhofer und ich uns im Beisein von Martha Stocker mit dem Präsidenten der Brennerautobahn, Walter Pardatscher getroffen haben. Ziel der Besprechung war, Herrn Pardatscher auf zum Teil gravierende Mängel in Sachen Zweisprachigkeit hinzuweisen, die in seinen Zuständigkeitsbereich fallen und welche aufgedeckt hatte.

Der Verlauf der Sitzung schien vielversprechend: Herr Pardatscher bedankte sich für die zahlreichen Hinweise und versprach sofortige Maßnahmen. Er bat um Verständnis, dass nicht alles sofort in Angriff genommen werden könne — wir würden jedoch binnen zwei bis drei Wochen eine ausführliche Stellungnahme zu jedem einzelnen beanstandeten Punkt erhalten.

Schon damals hatte ich angekündigt, nicht sosehr das Treffen, sondern vor allem die konkreten Auswirkungen beurteilen zu wollen. Und diesbezüglich sieht es bis heute sehr schlecht aus: Nicht nur, dass wir nach wie vor auf die versprochene Stellungnahme warten — viel schwerer wiegt natürlich, dass sich am damals kritisierten Zustand gar nichts verändert hat. Die Worte des Präsidenten waren also nur das: Worte.

Im Vorfeld hatte ich übrigens auch das Regierungskommissariat auf die zahlreichen Missstände aufmerksam gemacht, welches sich im Fall der Flurnamen (AVS-Wegweiser) sehr tatkräftig engagiert hatte. Leider muss ich auch diesbezüglich konstatieren, dass mein Hinweis dem Präfekten nicht einmal eine Antwort wert war. Ernüchternd.

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«Alto Adige» wines for the US.

Vor einem knappen Jahr, im April 2010, referierte Johannes Gutmann, Inhaber der Firma Sonnentor, an der Berufsschule Brixen, im Rahmen des “Tages der Meister” zum Thema “Vom Spinner zum Winner”. Der Niederösterreicher Gutmann, dessen Markenzeichen die abgewetzten Lederhosen seines Großvaters sind, vermarktet heute weltweit bäuerliche Bio-Spezialitäten unter der Marke “Sonnentor”. Von Null ist es dem Querdenker Gutmann gelungen eine Weltmarke zu kreieren. Neben einigem Glück bedarf es hierfür auch ein ausgezeichnetes Gefühl für die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt.

Den anwesenden Südtiroler MeisterInnen und Meistern gab er zwei Ratschläge mit: Erstens in ihren Produkten Geschichten zu erzählen. Südtirol sei ein reiches Land an Traditionen und Geschichten und diese müssen mit den ausgezeichneten Produkten, die unser Land erzeuge, erzählt werden. Zweitens beschwörte er die SüdtirolerInnen die Chancen zu erkennen, die unter anderem der italienische Markt für hochwertige Produkte aus den Alpen böte.
In einem Gespräch im Anschluss seiner Ausführungen fragte ich Gutmann um eine Meinung, ob sich Südtirol in Italien unter dem Begriff “Sudtirolo” oder “Alto Adige” zu vermarkten.
Sudtirolo war seine Antwort — wie soll man denn unter einem historisch aufgezwungenen Namen auch seine Traditionen und Geschichten verpacken.

Die EOS (Export Organisation Südtirol), die für die Vermarktung der Südtiroler Betriebe zuständig ist, beschreitet in den USA wieder einmal andere Wege. Alto Adige — wines of the Italian Alps ist der Leitfaden der durch die Webseite [Link] führt. In einem Untermenü erklärt man den BesucherInnen in einem Nebensatz zwar, dass Alto Adige die älteste Weinregion des deutschen Sprachraumes ist, ansonsten vermeidet man sämtliche historisch gewachsenen Ortsnamen wie der Teufel das Weihwasser. “Today there are about 12,750 acres of vineyard planted in Alto Adige, which lie in the valleys along the Adige River between Silandro and Salorno along the Isarco River between Bolzano and Bressanone.”

Lieber als eine starke eigene Marke “South Tyrol” aufzubauen, die die Vielfalt unseres Landes betont, fährt man im Kielwasser des “stile italiano” der im Bereich der hochwertigen Lebensmittel sicherlich einige Vorteile bringt, aber eben nicht unser Land in der vollen kulturellen, sprachlichen und historischen Bandbreite darstellt. Sind dies die Geschichten, die wir mit unseren Produkten erzählen wollen?

Nicht verwunderlich, dass der Name Südtirol international so gut wie unbekannt ist. Vor etlichen Jahren wurden weltweit die 1000 bekanntesten Tourismusdestinationen ermittelt. Während Nordtirol sehr wohl dazu zählte fand man Südtirol nirgendwo. Ohne Namen existiert man eben nicht oder noch schlimmer, unter falschem Namen verleugnet man den Inhalt – eine marketingmäßige Todsünde. Eine Binsenweisheit, die noch nicht zu unseren hochbezahlten Marketingexperten der EOS vorgedrungen zu sein scheint.

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Was der Uluru kann, kann Urtijëi schon lang.

Hiesige Touristiker und “Marketingexperten” behaupten, dass sich die italienischen Übersetzungen der Südtiroler Ortsnamen im nicht-deutschsprachigen Ausland besser vermarkten ließen, da sie schöner klängen und leichter auszusprechen seien. Demnach müsste man der australischen Regierung wohl Schwachsinn attestieren. Diese hat nämlich in den 1990er-Jahren beschlossen, die 120 Jahre alten und weltbekannten Namen Ayers Rock und Olgas aufzugeben und die roten Felsformationen im Zentrum des Kontinents von nun an Uluru und Kata Tjuta zu nennen. So bezeichnen nämlich die Anangu, seit Jahrtausenden die Ureinwohner der Region, diese ihnen heiligen Stätten. Aussprachetechnische Gründe wird die Maßnahme wohl keine gehabt haben. Den Australiern ging es vielmehr um Respekt und Authentizität. Sie wollten keine Mogelpackungen und kein imperialistisches Selbstverständnis mehr verkaufen. Wie lange dauert es bei uns wohl, bis man die Oberflächlichkeit ablegt und versteht, dass ein Ort in den Dolomiten Urtijëi heißen darf?

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[Unità] tra parentesi | in Klammern.

Am 17. März feiert Italien den 150. Jahrestag seiner Vereinigung. Dieser Tag bietet uns die Gelegenheit zum Nachdenken über die Bedeutung der Einheit Italiens und über die vielen Kräfte, die diese beeinflussen. Nachdenken werden wir auch über die Entwicklung, die die Einheit in einem Land wie dem unseren nehmen kann, das durch seine Besonderheit einen widersprüchlichen Umgang mit dem Konzept der Einheit pflegt.

Il 17 marzo, giorno in cui l’Italia celebra ufficialmente il giorno della sua unificazione avvenuta 150 anni fa, offre un’occasione per riflettere. Riflettere sul significato dell’unità nazionale, la sua complessa dinamica, ma anche sulle prospettive che essa può avere in un territorio, come il nostro, caratterizzato da peculiarità da sempre conflittuali rispetto a quell’idea di unità. Lo faremo in compagnia di:

Gabriele Di Luca
insegnante ed editorialista del Corriere dell’Alto Adige

Hans Heiss
Historiker und Landtagsabgeordneter der Grünen-Verdi-Vërc

Giorgio Mezzalira
storico ed editorialista del Corriere dell’Alto Adige

Hartmuth Staffler
Journalist und Gemeinderat der Süd-Tiroler Freiheit

Es moderiert/modererà Lucio Giudiceandrea
Journalist und Autor/autore e giornalista

Donnerstag | Giovedì 17.03.2011 – 17:00
Cusanus Brixen | Bressanone

Neue Wege des Zusammenlebens | Vivere qui

Die Arbeit an einer gemeinsamen Zukunft setzt eine gemeinsame Betrachtung der Vergangenheit un der Gegenwart voraus. In dieser Veranstaltungsreihe wollen wir das Verständnis für die Verletztheit der Südtiroler und für den “disagio” der Italiener in der jeweils anderen Gruppe wecken.

Per costruire un futuro comune è necessario avere una visione comune del passato e del presente. In questo ciclo di conferenze vorremmo sviluppare la reciproca comprensione del rammarico sudtirolese e del disagio degli italiani.

heimat Brixen Bressanone Persenon

Feuilleton Nationalismus Termin | | Hans Heiss | | | | Deutsch Italiano

Wales sagt ja zu mehr Eigenregierung.

In einem Referendum haben sich die Einwohner von Wales mit einer Zustimmung von 63,5% für die Ausweitung der Eigenregierung ausgesprochen. In mehr als 20 Bereichen darf die Nationalversammlung von Wales (»Senedd«) fortan Gesetze erlassen, ohne sich mit London abzustimmen.

Am 3. März sprach sich eine große Mehrheit der Abstimmenden für eine deutliche Aufwertung des eigenen Parlamentes und seiner Zuständigkeiten aus. Die Ja-Stimmen konnten sich in fast allen Bezirken durchsetzen, so etwa in Bro Morgannwg (52,5%) oder in Gwynedd (76%). Lediglich im Bezirk Sir Fynwy an der Grenze zu England erreichte das Nein wenig mehr als 50% der Stimmen.

Aufgrund dieses Ergebnisses erhält der Senedd in den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei, Wälder und Landschaftsentwicklung, historische Monumente, Kultur, Wirtschaftsentwicklung, Schule und Bildung, Umwelt, Brandschutz und -verhütung, Lebensmittel, Gesundheit, Infrastrukturen und Transport, Wohnbau, Lokalpolitik, Nationalversammlung, öffentliche Verwaltung, Wohlfahrt, Sport und Freizeit, Tourismus, Raumordnung, Wasser sowie walisische Sprache die primäre Gesetzgebungsbefugnis. In all diesen Belangen hatte Wales bereits sekundäre oder mit dem Staat geteilte Zuständigkeiten.

Die Regierungsmehrheit in Wales hat bereits angekündigt, mit den neuen Zuständigkeiten zuerst eine Widerspruchsregelung bei Organspenden verfügen zu wollen. Das heißt, dass ein Verstorbener jederzeit als Spender in Frage kommt, wenn er sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen entschieden hat. Südtirol hätte nicht die Zuständigkeit, auf diesem Gebiet gesetzgeberisch tätig zu werden.

Im Vorfeld hatten Gegner der neuen Befugnisse gewarnt, die Ausweitung der Eigenregierung könnte ein erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit sein. Obwohl jedoch nur wenig mehr als 35% der Wahlberechtigten zur Abstimmung gingen, steht im Vereinigten Königsreich außer Frage, dass das Ergebnis die volle demokratische Legitimation genießt.

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Römische Trickserei.

Wieviel die Abkömmchen wert sind, welche unser Landeshauptmann mit der Zentralregierung auspaktelt, zeigt sich in regelmäßigen Abständen. Zuerst wurde in Rom ein Haushaltsgesetz eingebracht, welches dem Inhalt des Mailänder Abkommens widersprach. Südtirol hätte damit doppelt zur Kasse gebeten werden sollen. Erst im letzten Moment konnte dies abgewendet werden, die SVP-Abgeordneten bedankten sich überschwänglich — dafür, dass eine Vereinbarung eingehalten wurde. Müsste das nicht selbstverständlich sein?

Das Durnwalder-Fitto-Abkommen sollte angeblich verhindern, dass alle Flurnamen laut Tolomei-Fibel übersetzt werden müssen. Landeshauptmann und Dolomiten jubelten unisono: »Sag Adieu zur Vetta d’Italia«. Das war kurz darauf vergessen, denn italienische Medien und Politiker machten darauf aufmerksam, dass das italienische Wort »località « nicht mit »Ortschaften« übersetzbar sei, Durnwalder somit gar nicht verstanden habe, was er unterschrieb. Das Ergebnis der Ortsnamenkommission (in der Staat und Land gemeinsam eine Zuständigkeit wahrnehmen, die allein dem Land vorbehalten wäre) liegt noch nicht vor, doch eines scheint sicher: Die Vetta bleibt. Andernfalls gäbe es schließlich keinen Zweifel, ob der Lausitzer Höhenweg mit Alta Via Vetta d’Italia zu übersetzen sei oder nicht.

Kürzlich erlangten die Südtiroler Abgeordneten in Rom die Zusage des Kulturministers, die sogenannten faschistischen Relikte nach über 60 Jahren »entschärfen« zu dürfen. In einem Brief bestätigte das Minister Bondi dem Landeshauptmann schriftlich. Vor wenigen Tagen jedoch kam die Absage des Verteidigungsministers. Eine Entschärfung des Mussolini-Reliefs wäre vorstellbar, Siegesdenkmal und Beinhäuser müssten jedoch bleiben, wie sie sind, ließ Rechtsaußen Ignazio La Russa mitteilen. Jetzt soll der Kulturminister auch noch zurücktreten, womit seine Zusage womöglich wertlos wird.

Die neueste Botschaft wurde erst gestern bekannt: Einstimmig hat der Ministerrat beschlossen, die vom Landtag verabschiedete IRPEF-Befreiung für Geringverdiener anzufechten. Obwohl diese Möglichkeit im Mailänder Abkommen festgeschrieben wurde. Und obwohl Italien dabei ist, den Steuerföderalismus einzuführen.

Migraziun Politik Recht Staat vs Land Wirtschaft+Finanzen | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung | | Dolo | | PDL&Co. SVP | Deutsch

(Tatsächliche) Schieflage.

Obwohl die Kette (außerhalb Österreichs) nur in Südtirol vertreten ist, werden in MPreis-Märkten derzeit für Treuepunkte nur Sammelpässe in italienischer Sprache ausgegeben. MPreis teilt dazu mit, es handle sich um ein Versehen, man werde nachbessern. Zurückzuführen sei dieses Missgeschick auf eine »Behörden-Ermahnung«, die Pässe müssten »auch die italienische Beschreibung beinhalten«.

Es gibt also nicht nur Gesetze, die (nicht für Inhaltsangaben oder Gefahrenhinweise, sondern vergleichsweise belanglose Dinge wie Sammelpässe) die italienische Sprache vorschreiben — sie werden auch sehr emsig auf Einhaltung überwacht. In Südtirol geschieht dies zu Lasten der deutschen und der ladinischen Sprache, da diese im Privatsektor von keinem Gesetz geschützt werden. Gleichzeitig sorgen die Behörden auch dort nicht für Gleichberechtigung, wo eine Verpflichtung dazu bestünde. Als Beispiel sei wie immer der eklatante Fall der Packungsbeilagen von Medikamenten genannt, der dem Vergleich mit einem Sammelpass wohl problemlos standhalten dürfte.

hat regelmäßig auf die Notwendigkeit eines Konsumentenschutzgesetzes hingewiesen, welches sämtliche Landessprachen berücksichtigt. Bislang wurde dies unter anderem mit dem Hinweis abgelehnt, man dürfe Privaten nichts vorschreiben, der Markt regle das von selbst. Wie der beschriebene Vorfall zeigt, werden Privaten jedoch — einseitig! — bereits strikte Vorschriften gemacht, der Markt wäre also selbst dann nicht frei, sich selbst zu regeln, wenn er es könnte und wollte.

Das ist weder positive Diskriminierung (affirmative action) noch Gleichberechtigung, sondern schlicht und ergreifend: eine Benachteiligung von Minderheitensprachen.

Siehe auch:

Discriminaziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Recht Sprachpfusch Verbraucherinnen Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen | affirmative action Packungsbeilagen | | | Südtirol/o | | Deutsch