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Autorinnen und Gastbeiträge

Die klaren Worte der Liliana Segre.
Holocaust-Überlebende und Senatorin wirbt für Ukraine

Liliana Segre warb am 25. April, Tag des italienischen Gedenkens an die Befreiung vom »Nazi-Faschismus«, für uneingeschränkte Solidarität mit der von Russland überfallenen Ukraine. Es gehe gar nicht, am Tag der Befreiung das Partisanenlied Bella Ciao anzustimmen, ohne an die Lage in Osteuropa zu denken. »Sie sind überfallen worden«, sagte Segre im Interview mit der Tageszeitung Corriere della Sera, »ihr Widerstand muss unterstützt werden«.

Für Teile von Partisanen, Linken und Pazifisten eine Provokation. Auch innerhalb des Partisanenverbandes ANPI taten sich Brüche auf. Die Jüdische Brigade erklärte sich mit der Ukraine solidarisch, kündigte an, am 25. April mit Ukraine- und Israel-Fahnen auftreten zu wollen — und, ja, auch mit NATO-Flaggen.

Die sich als Erben des antifaschistischen Widerstandes fühlenden Linken hingegen kritisieren die NATO und die USA für Waffenlieferungen an die Ukraine. Sie demonstrierten vor NATO-Stützpunkten, nicht aber vor der russischen Botschaft.

»Frieden wird nicht dadurch erreicht«, hielt Liliana Segre den linken NATO-GegnerInnen entgegen, »dass man gleichgültig bleibt«. Sie befürwortete den Auftritt einer Ukrainerin bei der Veranstaltung des Partisanenverbandes ANPI in Mailand. »Ich begrüße diese Entscheidung, sie ist ein Zeichen der Solidarität mit den vielen Alten, Frauen, Kindern, die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen«, klagte Segre im Corriere-Interview an.

»Sich neutral zu verhalten ist nicht möglich, die Äquidistanz zwischen Aggressor und Opfer ist falsch. Das ukrainische Volk wurde von den Russen angegriffen und sein Widerstand muss unterstützt werden«, stellte die Senatorin auf Lebenszeit bestimmt fest. Für sie gibt es in diesem Krieg keine neutrale Haltung. Segre unterstützt deshalb auch die Lieferung westlicher Waffen an die Ukraine. Mit dem russischen Eroberungskrieg sei der Krieg wieder ins Herz Europas zurückgekehrt, erinnerte die 92-jährige Senatorin Pazifisten und Linke an den Verursacher der Aggression, an Russland.

Segre überlebte das KZ Malchow in Norddeutschland. Der 25. April hat für sie einen doppelten Wert, an diesem Tag wurde Mailand befreit und die angloamerikanischen Armeen sowie die sowjetische Rote Armee gingen gemeinsam gegen Nazi-Wehrmacht und Waffen-SS vor.

»Ich war noch im KZ Malchow, dorthin bin ich von den Nazis als letzte Etappe des “Todesmarsches” von Auschwitz aus verlegt worden. Ich erinnere mich an große Nervosität unter unseren Peinigern, während wir nicht verstanden, was geschah. Es waren einige französische Gefangene der Deutschen, die in jenen Apriltagen am Stacheldraht vorbeikamen und uns sagten: Sterbe nicht, warte, der Krieg ist im Begriff, zu enden«, erinnert sich Segre an ihre Befreiung.

Die Senatorin auf Lebenszeit zeigt außerdem wenig Verständnis dafür, dass das Parlament den 26. Jänner zum Nationalen Gedenk- und Opfertag der Alpini erklärt hat. An diesem Tag fand die Schlacht im russischen Nikolajewka zwischen der Roten Armee und deutsch-italienischen Invasionstruppen statt. Die Alpini sicherten den Rückzug. »Es war ein ehrenvolles Unterfangen im Kontext eines unehrenhaften Krieges, den der Faschismus wollte«, versuchte Segre die gewürdigte Tapferkeit der Alpini zurechtzurücken. Das faschistische Italien hatte gemeinsam mit Nazi-Deutschland einen souveränen Staat überfallen, die damalige UdSSR.

Einen Tag später, am 27. Jänner, erinnert sich die Welt an die Befreiung von Auschwitz und an die Opfer der Shoah. »Wenn der Nazi-Faschismus gewonnen hätte, gäbe es keinen 25. April. Und auch nicht Freiheit«, kommentiert Liliana Segre die Parlamentsentscheidung, die Alpini des Zweiten Weltkrieges zu würdigen und hochleben zu lassen.

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Autorinnen und Gastbeiträge

Sondersitzung – Wer ist Franz Locher?
Die SVP-Fraktion lässt ihren LH über Thomas Widmann stolpern

Eine Annahme? Nein, eine Befürchtung. Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) stellt am Freitag dem Landtag sein Projekt zur Verkleinerung der Landesregierung vor. Thomas Widmann (SVP), laut dem Buch Freunde im Edelweiß ein erklärter Gegner des Landeshauptmannes, muss nach der Veröffentlichung der SAD-Abhörprotokolle seinen Sitz in der Landesregierung räumen — eine Folge der von den Ermittlungsbehörden mitgeschnittenen Sager des Landesrats über Kompatscher. Der schlechteste Landeshauptmann aller Zeiten, Verachtung pur.

Für den Rauswurf und für die Verkleinerung der Landesregierung benötigt der Landeshauptmann die 18 Stimmen seiner Koalition aus SVP und Lega. Somit müsste auch der geschasste Widmann für seine Entlassung stimmen. Ist das realistisch?

Der Landeshauptmann gibt sich notgedrungen optimistisch. Wohl oder übel, eine Alternative hat er nicht. Er geht davon aus, dass »seine« Fraktion sich an die eigenen Beschlüsse hält. Laut Kompatscher gibt es gleich mehrere Beschlüsse seiner Partei für den Vorschlag auf Verkleinerung der Landesregierung.

Kann sich der Landeshauptmann aber auf die SVP-Fraktion verlassen? Sein Vertrauter Gert Lanz trat nach einem Schreiben von zehn der 15 Fraktionsmitglieder entnervt zurück. Die zehn MandatarInnen mit Widmann an der Spitze verübelten Lanz seine negativen Äußerungen über die in den Abhörprotokollen vorkommenden SVP-Granden. Damit stellte sich die Mehrheit der Fraktion konsequent auf die Seite der Kompatscher-Gegner in und außerhalb der Partei. Die Fraktion, ein verlässlicher Partner des Landeshauptmannes? Das darf lebhaft angezweifelt werden.

Der Politikwissenschaftler und Meinungsforscher Hermann Atz geht trotz der vielen Brüche in der SVP davon aus, dass die LandtagsmandatarInnen ihren Landeshauptmann nicht fallen lassen werden. Atz kann sich nicht vorstellen, dass diese neue Allianz aus Arbeitnehmern, Bauern und Rechtskonservativen dem Bozner bürgerlichen Vertreter Thomas Widmann folgen. Laut Neuer Südtiroler Tageszeitung soll Widmann die These vertreten, eine SVP bei 30 Prozent sei besser als weitere fünf Jahre Landeshauptmann Kompatscher.

Fraktionsvorsitzende Magdalena Amhof, die von der Wochenzeitung ff zu den Kompatscher-Gegnerinnen gezählt wird, kündigte zwar die vorbehaltlose Zustimmung zur Verkleinerung der Landesregierung an. Sie will die Situation für die SVP wieder geradebiegen, kündigte Amhof für die Sondersitzung des Landtages am Freitag an, was auch immer das bedeuteten mag. Wahrscheinlich nichts Gutes.

Es geht nämlich auch um die Frage, wie es nach einer möglichen Verkleinerung der Landesregierung weitergehen soll. Der Landeshauptmann soll auf die Nachbesetzung von Widmann setzen und an die Berufung eines Fachmannes von außen denken. Hier kommt der ehemalige Sarner Bürgermeister Franz Locher ins Spiel.

Doch der Reihe nach.

Die SVP-Fraktion spricht sich für eine Umverteilung der Kompetenzen unter den verbleibenden acht Regierungsmitgliedern aus. Das schwierige Ressort Gesundheit soll der Landeshauptmann übernehmen. Als zweite Option gilt die Nachbesetzung mit einem SVP-Abgeordneten. Locher wird dazu in der Neuen Südtiroler Tageszeitung mit der Aussage zitiert, dass es sich keiner der SVP-Abgeordneten zutraut, in Widmanns Fußstapfen zu treten. Locher Solidarität mit Widmann steht wohl stellvertretend für die Zehnergruppe in der Fraktion.

Laut Locher habe Widmann gute Arbeit in der Pandemiebekämpfung geleistet, Schlauchtuch- und Maskenskandal hin oder her. Skandale spielen in der SVP keine Rolle, die Berichterstattung darüber hingegen schon. In diesem Sinne leitet Locher auch den Untersuchungsausschuss des Landtages zum Maskenskandal. Die Lesart von Franz Locher ist dabei, dass es keinen Skandal gab.

Vehement stellt sich Locher auch gegen die Alternative, einen externen Fachmann in die Landesregierung zu berufen. Locher spricht von der »schlimmsten Option«, dafür werde es in der Fraktion keine Mehrheit geben. Immerhin eine Lösung, die der Landeshauptmann und auch der SVP-Obmann Achammer ins Spiel gebracht haben. Diese Lösung soll die schlimmste sein?

Drei Gründe führen die Gegner einer solchen Lösung, also die Gegner des Landeshauptmannes, an.

Ein »Externer« habe nicht genügend Zeit, sich in die Materie einzuarbeiten, denn in einem Jahr finden die Landtagswahlen statt. Und wenn der Externe Hubert Messner heißt, Oswald Mayr oder Walter Pitscheider? Ehemalige Primare im Ruhestand, die das Gesundheitswesen detailliert kennen?

Ein Externer, so der nächste Einwurf, würde nicht unerhebliche Mehrkosten verursachen. Doch in der SVP-Fraktion spielten die Politikkosten bisher kaum eine Rolle, nicht einmal eine Nebenrolle.

Offensichtlich setzt die SVP-Fraktion aber alles daran, dass das Gesundheitsressort beim Landeshauptmann bleibt, analysiert Landtagsabgeordneter Paul Köllensperger (TK) die Äußerungen von Franz Locher. Für ihn keineswegs überraschend: »Man geht Kompatscher so lange auf die Nerven, bis er das Handtuch wirft und 2023 nicht mehr kandidiert«, schreibt Köllensperger in einer Aussendung.

Oder die Fraktion nimmt Kompatscher schon am Freitag auf der Sondersitzung des Landtages das Handtuch ab und lässt ihn mit seiner Verkleinerung der Landesregierung kaltschnäuzig auflaufen. Weil er der schlechteste Landeshauptmann aller Zeiten ist, weil er kein Freund des Medienkonzerns Athesia ist, weil er SAD-Eigner Gatterer hat abblitzen lassen. Damit würden die Pläne der SAD-Strategen um Alt-Landeshauptmann Durnwalder in Erfüllung gehen. Und dann? Dann steht eine zerstrittene SVP inhaltsleer da, um Politikwissenschaftler Hermann Atz zu zitieren.

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In Erinnerung an Berta Cáceres.

Vor sechs Jahren ist in Honduras die Menschenrechtlerin Berta Cáceres ermordet worden. Die indigene Aktivistin wehrte sich mit den indigenen Lenca-Gemeinden gegen den illegalen Bau des Wasserkraftwerkes Agua Zarca.

Die Autorin und Schriftstellerin Nina Lakhani hat die Geschichte von Berta Cáceres recherchiert. »Chi ha ucciso Berta Cáceres?«, fragte sie nach. Ihre Erklärungen dazu, »Staudämme und Todesschwadrone gegen eine indigenen Verteidigerin unserer Welt«. Lakhani stellt ihre Recherche und ihr Buch in Bozen vor (am 28. April ab 18 Uhr im Garten des Stadtmuseums in der Sparkassenstraße). Sie kommt zum Schluss, in Honduras – und nicht nur dort – werde Widerstand lebensgefährlich.

Im März 2016 erschossen Auftragsmörder Berta Cáceres in ihrem Haus in La Esperanza. Sie und die Lenca-Gemeinden widersetzten sich dem illegalen Bau eines Wasserkraftwerkes der Betreiberfirma Desarollos Energéticos S.A. Hinter der Desa vermuten Oppositionelle einflussreiche Personen aus Wirtschaft und Politik.

2018 wurden mehrere Auftragsmörder und Mittelsmänner zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Kritiker wie der Zivile Rat für indigene und Volksorganisationen von Honduras (COPINH) werfen der Unternehmerfamilie Atala vor, hinter dem Mordanschlag zu stecken.

Dem Bau des umstrittenen Wasserkraftwerkes sollen Absprachen zwischen Funktionären des Staates und einflussreichen Geschäftsleuten – wie der Familie Atala – vorausgegangen sein. Die Atalas zählen zu den reichsten Familien Zentralamerikas. Sie und ihresgleichen gelten als Nutznießer der internationalen »Entwicklungspolitik«.

Die Bevölkerung von Honduras »profitiert« nicht davon. Zwei Drittel der Menschen sind arm, die Hälfte bitterarm, besonders die Angehörigen der indigenen Völker. Diese drängen auf die Klärung der Landrechte, besonders die Lenca fordern die staatliche Anerkennung ihrer Territorien.

Den Staat haben die reichen Familien gekapert, sie teilen sich ihre Einflusssphären, beherrschen die Sicherheitskräfte und die Justiz. In Honduras grassieren ungehindert der Drogenhandel und die Geldwäsche.

Der Zivile Rat für indigene und Volksorganisationen (COPINH) hofft auf tiefgreifende Reformen der linken Regierungspartei Libertad y Refundación, die die Präsidentschaftswahlen 2021 gewonnen hat.

In Honduras wurden in den vergangenen Jahren immer wieder indigene AktivistInnen und Angehörige indigener Völker angegriffen und getötet. Meist vom Militär. So warf die Misquito-Organisation Mosquitia Asla Takanka (Masta) der Armee vor, in ihrer Region Mosquitia die Menschen zu terrorisieren.

Im Januar 2022 wurde ein weiterer prominenter indigener Anführer getötet. Bei einem Kirchenbesuch erschossen unbekannte Täter Pablo Hernández. Er hatte sich unter anderem für die Errichtung einer Universität für die indigene Bevölkerung eingesetzt. Zudem war er als Journalist für unabhängige Radiostationen sowie als Koordinator von kirchlichen Basisgemeinden und Vorsitzender des Netzwerkes für ökologische Landwirtschaft in der Region aktiv.

Nach demografischen bzw. ethnografischen Angaben leben in Honduras bis zu neun Millionen Menschen, die meisten davon Mestizen. 7 bis 15 Prozent sind Angehörige indigener Völker, 2-5 Prozent Schwarze sowie 1-2 Prozent Weiße.

Auf Einladung von Bibliothek Kulturen der Welt/biblioteca culture del mondo, Friedenszentrum Bozen/Centro per la Pace Bolzano, Collettivo Italia Centro-America, Stadtmuseum und Stadtbibliothek besucht Nina Lakhani Bozen. Sie war in den vergangenen sechs Jahren in Mittelamerika unterwegs, ihre journalistischen Themen sind Vertreibungen, der Drogenkrieg und die Folgen, die weitverbreitete Gewalt, die Korruption, das Versagen der Staaten, der Krieg um die natürlichen Ressourcen und die Verteidigung der Umwelt. Lakhani ist Korrespondentin der Zeitung The Guardian.

Verschiedene Solidaritätskomitees und der Zivile Rat für indigene und Volksorganisationen von Honduras (COPINH) bitten um Spenden für ihre politische und humanitäre Arbeit.

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Autorinnen und Gastbeiträge

»Vernichtet die Ukraine!«

Timofei Sergeitsev ruft als Gastautor von Ria Novosti zur Tötung der widerstandsleistenden UkrainerInnen auf.

Autor Sergeitsev spricht in seinem Gastbeitrag für die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Novosti der Ukraine die staatliche Existenz ab. Laut dem Tagespiegel zählt Sergeitsev zur liberal-konservativen »Bürgerplattform« des Oligarchen Michail Prochorow.

Sergeitsev interpretiert die Putin-Parole »Entnazifizierung« als ein Programm zur Vernichtung der Ukraine. Er fordert die russischen Soldaten auf, zehntausende Menschen zu töten, die ihr Land verteidigen. Präsident Putin begründet seinen Eroberungskrieg mit dem Hinweis auf die angebliche »Naziregierung« in der Ukraine, die die russischsprachigen Menschen unterdrücke.

In seinem Kommentar wird Sergeitsev zu einem Lautsprecher seiner Regierung. Er formuliert aus, wie die »Entnazifizierung« umgesetzt werden soll. Der Tagesspiegel hält der LeserInnenschaft den russischen Artikel nicht vor (auch in englischer Übersetzung). Ungeniert schreibt Sergeitsev nieder, »was mit der Ukraine passieren muss«.

Sergeitsev ist überzeugt, dass die nationalsozialistische Politik die große Mehrheit des ukrainischen Volkes beherrscht. Für ihn ist die Annahme grundlegend falsch, dass das Volk gut ist, die Regierung aber schlecht. Volk und Regierung sind schlecht, schlussfolgert der angeblich liberal-konservative Sergeitsev.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung sei schuldig, schreibt der Gastkommentator, weil die Massen passive Nazis, Komplizen sind. Eine Mehrheit wählte immerhin diese Naziregierung, heißt es im Gastbeitrag: »Die gerechte Bestrafung dieses Teils der Bevölkerung ist nur möglich, wenn man die unvermeidlichen Härten eines gerechten Krieges gegen das Nazisystem erträgt, der so vorsichtig und umsichtig wie möglich gegenüber der Zivilbevölkerung geführt wird,« philosophiert der Kriegsbefürworter Sergeitsev.

Die zerbombten Dörfer und Städte sind der Beleg für diese »vorsichtige und umsichtige« Kriegsführung, wie auch die Vergewaltigungen und die Ermordung von Zivilisten. Folgt man der Logik des Kommentators, sind die Kriegsverbrechen die reale Bestrafung der ukrainischen Nazibevölkerung.

Der Krieg soll ergänzt werden, um die Entnazifizierung umzusetzen, wirbt Sergeitsev für eine ideologische Umerziehung der Bevölkerung. Die nationalsozialistische Gesinnung wird unterdrückt, auch mit Zensur, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kultur und im Bildungswesen.

Sergeitsev weiß auch, wer die von Putin gewünschte Entnazifizierung umsetzt: Die siegreiche russische Armee, die das Land absolut kontrolliert. Ein zu entnazifizierendes Land kann nicht souverän sein, so die Botschaft von Sergeitsev: »Der Name „Ukraine“ kann offensichtlich nicht als Titel eines vollständig entnazifizierten Staatsgebildes in einem vom Naziregime befreiten Gebiet beibehalten werden.«

Offensichtlich setzt die russische Armee dieses Programm in Zusammenarbeit mit tschetschenischen Killern und den russischen Neonazis von der Privat-Armee Gruppe Wagner um.

BBC-Reporter Francis Scarr bezeichnet die Rhetorik des Gastbeitrags von Sergeitsev auf Ria Novosti als »entsetzlich«. CNN-Reporter Neil Hauer spricht von einer »vollumfänglichen Genozid-Rhetorik«. Hauer vergleicht das Massaker von Butscha mit den Massakern in  Grosny im Tschetschenienkrieg. Der Unterschied zu Tschetschenien: Die russische Armee tötet Zivilisten, schreibt Hauer, die »ihre Verwandten sein könnten«.

Hunderttausende klickten den Aufruf von Sergeitsev zu massenhaften Kriegsverbrechen auf Ria Novosti an.

Wenige Tage nach Beginn der russischen Invasion veröffentlichte Ria Novosti bereits einen Artikel über den russischen Sieg. Der angestrebte russische »Blitzkrieg« samt Sieg findet nicht statt. Dafür rächen sich die Invasionstruppen, indem sie das Land in Schutt und Asche legen.

In Deutschland dürfen Putin-Fans und russische Kriegsbegeisterte den Ukraine-Krieg feiern. Männer »greifen« an den Bahnhöfen ukrainische Mädchen und Frauen auf, verschleppen sie, vergewaltigen sie. Ob sie an deutsche Bordelle verkauft werden? Liberales Deutschland? Nie wieder?

Ja, es ist zum Schämen, um einen russischen Diplomaten zu zitieren.

Nachdenkliches statt blanken Zynismus: zwei russische Wortmeldungen auf Dekoder über das russische Massaker in Butscha und über den Putinismus.

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»Nachbarn« im Filmclub.

Der aus dem nordsyrischen Qamischli stammende kurdische Kameramann, Regisseur und Produzent Khalil erzählt in seinem Film Nachbarn wohl seine eigene Kindheitsgeschichte.

Ein sechsjähriger kurdischer Junge wächst in einem kleinen Dorf an der syrisch-türkischen Grenze – im heutigen Autonomiegebiet Rojava – auf und erlebt in den frühen 1980er-Jahren, wie der um sich greifende Nationalismus seine kleine Welt allmählich zerstört. In der Schule muss er Arabisch sprechen, seine jüdischen Nachbarn gelten plötzlich als Todfeinde und Soldaten dies- und jenseits der Grenze – Türken wie Syrer – rücken bedrohlich nahe. Feinfühlig verspielt und doch ernsthaft erzählt der Film von einer Kindheit, die zwischen Diktatur und schmerzhaftem Drama auch ihre heiteren Momente findet.

Ein Filmkritiker schrieb:

Mit feinem Gespür für Humor und Satire erzählt der Film von einer Kindheit, die zwischen Diktatur und dunklem Drama auch ihre leichten Momente findet.

Mano Khalil wurde 1964 geboren, studierte in Damaskus Jurisprudenz und Geschichte sowie Regie an der FAMU in der Tschechoslowakei. Er arbeitete als freier Mitarbeiter für das tschechische und slowakische Fernsehen. In Syrien stand Khalil unter polizeiliche Beobachtung und wurde immer wieder bedroht. Er flüchtete in die Schweiz nach Bern. Mit einfachen technischen Mitteln drehte er seinen ersten Film Triumph of Iron. Das gesamte Filmbudget betrug 66 Franken. Der Film erhielt im Jahr 2000 den Anerkennungspreis an den Solothurner Filmtagen und wurde für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Der Bozner Filmclub stellt den Nachbarn von Khalil am Donnerstag (7. April, 20 Uhr) bei den Filmtagen vor.  

Thomas Benedikter von der GfbV-Südtirol moderiert einen »Runden Tisch« mit Regisseur Khalil, Kerstin Wonisch vom Institut für Minderheitenrechte der Europäischen Akademie und mit Kamal Sido von der GfbV-Deutschland.

Kamal Sido stammt aus der ehemaligen kurdischen Enklave Afrin in Nordsyrien, er beschäftigt sich gezielt mit dem kurdischen Autonomiegebiet Rojava und arbeitet als Minderheiten-Fachmann für die GfbV-Deutschland.

Zum 50. Geburtstag der Südtirolautonomie organisiert die Eurac mit dem Filmclub Bozen seit Februar jeden Monat einen Film zum Thema »Minderheiten&Autonomie« mit anschließender Diskussion. Die Filmreihe soll Südtirolerinnen und Südtirolern Einblicke in die Realität anderer Minderheiten und die damit verbundenen Konflikte geben.

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Nestor Machno.
Die Ukraine der Machnowtschina

von Wolfgang Mayr

Der Bauern-Anarchist Nestor Machno behauptete seine Ukraine der Arbeiter und Bauern fünf Jahre lang gegen den Ansturm der zaristischen, deutschen, österreichischen und Roten Armee.

Die russische Propaganda über die ukrainischen »Nazis« zeigt überraschenderweise Wirkung, setzt sich auch in Köpfen im Westen fest. Als Beweis für die Richtigkeit der russischen Fake News verweisen Pazifisten, Kriegsgegner und Linke auf das rechtsradikale Asow-Regiment, das sich der Ideologie von Stepan Bandera verpflichtet fühlt. Putin will mit seinem Krieg die Ukraine »Entnazifizieren«, so die Begründung für den russischen Eroberungskrieg. Die Linke im Westen, im Schatten US-amerikanischer Raketen und der damit garantierten Freiheit, applaudiert ihrem »Führer« zu. Zynisch oder dümmer geht immer.

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, Autor der »Bloodlands«, erinnert daran, dass im Zentrum des deutschen Vernichtungskrieges im Zweiten Weltkrieg vor allem die Ukraine stand. Snyder zitiert russische Historiker, laut denen mehr Einwohner der Sowjet-Ukraine starben als Einwohner Sowjetrusslands. Die Ukrainer, Opfer der Hitler-Ideologe der »slawischen Untermenschen«.

Es gab nicht nur den Nationalisten und Antisemiten Bandera, der für einen ukrainischen Staat kämpfte. Die Nazis ließen Bandera 1941 außerdem fallen, einige Angehörige seiner Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) wurden von den Nazis ermordet. Die OUN war zweifelsohne antipolnisch, antirussisch und antisemitisch.

Aber nicht nur Bandera kämpfte, eingezwängt zwischen den deutschen Nazis und den sowjetischen Kommunisten, für eine eigenständige Ukraine. Es gab noch eine ganze lange Reihe von Persönlichkeiten, die für die Ukraine den aufrechten Gang einforderten. Und das schon Jahre zuvor.

1917, im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges, knickte das zaristische Russland im Krieg gegen Deutschland ein. Grund: In diesem Jahr brach die Revolution aus, die zaristische Armee wandte sich vom äußeren Feind ab hin zum inneren Feind. Der in Moskau wegen anarchistischer Aktivitäten bereits 1908 zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilte Nestor Machno kehrte in den Revolutionswirren in die Ukraine zurück.

Der Sohn russischer Kleinbauern organisierte die bäuerliche Guerillabewegung »Machnowtschina«. Machno gelang es, in der zentralen Südukraine mit mehreren Millionen Menschen eine Keimzelle für eine unabhängige Ukraine zu verwirklichen. Diese Anarcho-Ukraine glich der spanischen Republik von 1936, in der die Anarchisten in Katalonien tonangebende politische Kraft waren. In der Ukraine setzten Machno und seine Bewegung schon vor der Oktoberrevolution eine weitreichende Bodenreform durch, die Großgrundbesitzer wurden kurzerhand enteignet, viele auch ermordet. Die Nestor-Anarchisten gingen äußerst gewalttätig gegen die alte Herrscher-Elite vor.

Während die Bauern auf dem Land zuerst die Großgrundbesitzer und dann die zaristische Armee samt deutschen und österreichischen Verbündeten vertrieben, wurde in Kyjiw von der Zentralna Rada, der Vollversammlung der Nationalbewegung, die unabhängige Ukrainische Volksrepublik ausgerufen. In Charkow proklamierten die Bolschewiki die Ukrainische Sowjetrepublik.

Das Anarchisten-Experiment in der russischsprachigen südlichen Zentralukraine, das zaristische Russland ließ dort im 18. Jahrhundert russische Bauern ansiedeln und nannte das Land »Neurussland«, provozierte überraschende Koalitionen. Es formierte sich eine Allianz aus Kriegsgegnern, so ging das zaristische Heer gemeinsam mit der deutschen und der österreichischen Armee gegen die ukrainischen Bauern vor.

Die Mittelmächte drängten die Rote Armee zurück, die gesamte Ukraine – von Don bis Bug – kam unter die Kontrolle des deutschen Kaiserreiches und von Österreich-Ungarn. Der erste ukrainische Staat entstand. Die Koalition mit der Ukrainischen Volksrepublik der Zentralna Rada zerbrach, die Mittelmächte unterstützen den Putsch des russischen Großgrundbesitzers und zaristischen Generals Pawlo Skoropadskyj.  Er revidierte Entscheidungen des Volksrepublik Ukraine, kehrte zur zaristischen Eliten-Politik zurück und nannte sein Staatswesen »Ukrainischer Staat«.

Im Frühling 1918 gelang es also den national-ukrainischen und österreichisch-ungarischen Truppen in der südlichen Zentral-Ukraine – in der Machno-Hochburg – die Anarchisten zu vertreiben, die Sowjets wurden abgeschafft. Machno floh nach Sowjetrussland, traf sich dort mit führenden Bolschewiki und Anarchist*innen, um den Partisanenkampf in der Ukraine zu organisieren. Illegal kehrte Machno in die Ukraine zurück, als Verbündeter der Sowjets.

Im November 1918 brach der ukrainische Staat zusammen, dem General gingen die Alliierten verloren. Deutschland und Österreich-Ungarn zogen nach ihrer Kriegs-Niederlage die Truppen zurück. Die Rote Armee nutzte das Vakuum und flutete das Land. Sie stieß aber auf Widerstand, auf ihren vermeintlichen Partner Nestor Machno.

Machno war nicht vorrangig ein Verfechter der staatlichen Unabhängigkeit. Im Gegensatz zu den russischen und ukrainischen Sozialdemokraten trat Machno nie für die Idee eines unabhängigen ukrainischen Staates ein. Er wollte »das Leben des Dorfes in die eigenen Hände nehmen« und nicht einem Nationalstaat überlassen.

Besonders diese Position machte Machno zum Gegner der bolschewistischen Revolutionsregierung im russisch-ukrainischen Krieg von 1917 bis 1922. Die bolschewistische Regierung agierte russisch, wollte die im Krieg und durch die Revolution verloren gegangenen Gebiete, Polen, das Baltikum und die Ukraine wieder zurückholen in ein großrussisches Reich unter dem Firmennamen Sowjetunion.

Die Bewegung von Mancho wehrte sich gegen die Vereinnahmung aus dem kommunistischen Russland, die Bauern wurden zur tragenden Säule im Kampf um die Unabhängigkeit der Ukraine. Obwohl Mach­no gegen die antibolschewistische Weiße Armee auf der Seite der Kommunisten kämpfte, wurde die Machnowstschina von Kriegskommissar Leo Trotzki und General Frunse hartnäckig gejagt und brutal niedergeschlagen. Die Kommunisten waren geschickte Staatspolitiker. Solange sie Machno brauchten, ha­ben sie ihn ausgenutzt. Als sie ihn nicht mehr brauchten, wurde er liquidiert.

Das blutige Ende der Machno-Bewegung und ihrer basisdemokratischen Ukraine besorgte also nicht die Bourgeoisie. Zwischen 1917 und 1922 hatten die Bolschewiki viermal die »Machnowzi« gegen ihren gemeinsamen zaristischen Feind um Hilfe angefleht. Die gutgläubigen Machnowzi waren verlässliche Verbündete der Roten Armee, die Bolschewiki von Lenin hingegen ließen die ukrainischen Anarchisten bei Bedarf immer wieder fallen.

Ende 1921 wurde Machno bei Kämpfen schwer verletzt. Er war verwundet, die 1917 erkämpfte Freiheit von den Bolschewiki abgeschafft. Seine Truppen waren zerschlagen, nur einige wenige kämpften noch hartnäckig bis Anfang 1922 weiter. Bauern, die Sympathie für die Machnowtschina zeigten, wurden von den Rot-Armisten niedergemetzelt. Schätzungen sprechen von bis zu einer Million Menschen. Zehn Jahre später erklärte Lenin-Nachfolger Stalin den ukrainischen Bauern den Krieg. Kulaken, angebliche Großbauern, wurden zwangskollektiviert, die Folge war eine Hungersnot riesigen Ausmaßes. Eine politisch herbeigeführte Katastrophe mit drei bis sechs Millionen Toten.

Die Bolschewiki gingen nach ihrem Sieg über die Zaristen brutal gegen die linke Konkurrenz vor. Gegen Matrosenräte von Kronstadt, gegen Arbeiter- und Bauernräte, nichtkommunistische Linke, Linke, die in nichtrussischen Regionen ihre eigenen Staatsgebilde errichten wollten.

Machno floh vor seinen kommunistischen Killern über Ungarn und Deutschland nach Frankreich. Dort lebte er als gebrochener und mittelloser Mann bis zu seinem Tod 1935 in einem Armenasyl.

Die bolschewistische Propaganda versuchte nachträglich, ihren ehemaligen Verbündeten und späteren Widersacher Nestor Machno anzuschwärzen — als radikalen Antisemiten. Als Initiator von Pogromen gegen Juden mit mindestens 30.000 Toten. Die übliche bolschewistische Umschreibung der Geschichte. Verantwortlich dafür war aber die Armee der bürgerlichen Ukrainischen Volksrepublik von Symon Petljura.

Desinformationen und Fake News waren schon immer eine besondere Spezialität der russischen Bolschewiki. Der politische Erbe, Wladimir Putin, verfeinerte diese Tradition der Miesmachung und Verunglimpfung politischer Kontrahenten.

Weitere Links zu Nestor Machno:

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Mariupol – das ukrainische Srebrenica?

Tschetschenische Söldner wüten in der zusammengebombten Hafenstadt

Die ehemalige grüne Politikerin Marieluise Beck vom Zentrum für Liberale Moderne ist sehr deutlich in ihre Analyse: »Es geht dem russischen Präsidenten Putin um die Ausschung Mariupols«, sagte Beck web.de. Putin will mehr als Zerstörung, die Stadt soll in Schutt und Asche versinken, ausgelöscht werden. Beck hält sich derzeit in der Ukraine auf.

Grosny, Aleppo, Homs und Srebrenica, Beispiele für die jüngsten Kriege, in denen der russische Präsident im Hintergrund Regie führte. Die tschetschenische Hauptstadt Grosny wurde während der beiden Tschetschenien-Kriege komplett zerstört, es blieb kein Stein stehen. In der ost-bosnischen Stadt Srebrenica töteten bosnische Serben im Juli 1995 mehr als 8.000 bosniakische Jungen und Männer, unter den Augen der UNO-Soldaten. In Syrien bombt die russische Luftwaffe seit acht Jahren Städte in Schutt und Asche.

Im Krieg Russlands gegen die Ukraine wird Mariupol zum Inbegriff für Leid, zum Symbol des Eroberungskrieges. Tschetschenische Kämpfer und Söldner drängen die russische Armeeführung auf die Einnahme der belagerten und zerbombten Stadt. Tausende Bewohner konnten letzthin flüchten. Die russische Armee versucht eine pro-russische Verwaltung zu installieren.

»Putin hofft, das Gebiet dauerhaft besetzen zu können, damit das Asowsche Meer vollkommen in seine Hand zu bringen und damit Russlands Herrschaft über die Schwarzmeerküste auszuweiten«, vermutet Beck im Gespräch mit web.de. »Wenn Mariupol fällt, ist der Weg nach Odessa für das russische Militär offen.«

Laut neuesten Meldungen bewegen sich russische Truppenteile in Richtung Westen, zur ukrainisch-moldawischen Grenze. Nach Transnistrien, in die russische Enklave.

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Matrice di guerra con continuità storica.
Invasione russa in Ucraina

La guerra di aggressione russa in corso contro l’Ucraina era inimmaginabile fino al 24 febbrario 2022, ma ci sono evidenti continuità nelle guerre condotte dalla Russia contro popoli vicini.

L’insurrezione polacca del 1831: una guerra di militari contro militari

Dopo il Congresso di Vienna del 1815, la Polonia era rimasta parte dell’impero zarista ma era diventata anche un campo sperimentale di riforme liberali. A differenza della Russia centrale, i polacchi avevano una propria costituzione, un proprio parlamento e persino un proprio esercito. Ma ben presto il regno più liberale della Polonia entrò in feroce conflitto con l’impero zarista governato in modo autocratico. Il 25 gennaio 1831, con un atto senza precedenti, i deputati polacchi dichiararono lo zar russo deposto come sovrano della Polonia. Come risposta la Russia dichiarò guerra ai polacchi. 130.000 soldati russi avanzarono sulla Polonia, il cui esercito contava solo 30.000 soldati. L’esercito russo assediò Varsavia per mesi, la richiesta di aiuto del parlamento polacco rivolto ai governi europei rimase inascoltata, e la solidarietà dell’Europa fu mostrata solo nei convogli di medici da Parigi a Varsavia. Nella guerra della Russia contro la Polonia del 1831, il nemico era l’esercito polacco, la popolazione civile polacca a differenza di oggi fu ampiamente risparmiata, e la legge di guerra dell’epoca fu rispettata. Ma alla fine l’impero zarista comunque impose la sua legge.

Caucaso 1830-1860: una guerra a lungo termine

Allo stesso tempo della guerra in Polonia, l’impero zarista era in guerra anche nel sud-est, cioè nel Caucaso. Tra il 1830 e il 1860, la Russia condusse una guerra contro le milizie musulmane ribelli per oltre 30 anni, che degenerò in una guerra contro l’intera popolazione civile della regione del Caucaso. Prima, i ceceni e i daghestani avevano già combattuto l’esercito russo per 20 anni per scrollarsi di dosso il dominio degli zar. I russi nel 1845 avevano concentrato più di un quarto del loro intero esercito, allora il più grande del mondo, ai piedi del Caucaso. 200.000 soldati russi scesero in campo contro circa 40.000 miliziani caucasici. Ma anche questo evidente squilibrio militare non consentì ai russi di sfondare nelle montagne del Caucaso.

Solo l’attacco mirato ai mezzi di sussistenza della popolazione caucasica portò ad una svolta. Un nuovo governatore russo fece abbattere sempre più foreste su vaste aree del Caucaso, il che spinse i ceceni sempre più in alto nelle montagne. La foresta era il mezzo di sussistenza centrale dei popoli di montagna del Caucaso, e la loro economia crollò passo per passo. Ma la resa dei popoli di montagna nel 1859 non segnò la fine della guerra della Russia nel Caucaso. Rivolte permanenti continuarono a scuotere la regione del Caucaso per decenni fino alla prima guerra mondiale. Un secolo più tardi, dopo la caduta dell’Unione Sovietica, nel 1994 i ceceni hanno ripreso questa lotta per l’autodeterminazione. Ma dopo due guerre, nel 2009 i ceceni furono nuovamente sconfitti. Nella seconda guerra di Cecenia, scatenata da Putin appena eletto presidente, ancora più spietata e lunga, la capitale Grozny venne rasa al suolo e almeno 80.000 vittime rimasero sul campo.

La violenza contro l’Ucraina all’interno dell’URSS: una guerra contro la popolazione civile

Oltre all’asimmetria degli avversari e all’attacco pianificato alla popolazione civile attaccando i mezzi di sussistenza, nel Caucaso del XIX secolo è mersa un’altra caratteristica delle guerre della Russia ai suoi margini: transizioni fluide tra guerra e pace, come abbiamo osservato anche nel Donbass dal 2014. Come successore dell’impero zarista, l’Unione Sovietica intraprese azioni militari, soprattutto nel sud del suo territorio, perché Stalin temeva una secessione degli ucraini. I comunisti nazionali e i contadini ucraini nel 1932 si erano sollevati contro la collettivizzazione forzata voluta dal regime comunista a Mosca e sembravano minacciare il controllo russo sulla Repubblica Sovietica Ucraina. I contadini e gli ucraini dovevano essere puniti per questo. I villaggi e i contadini, come incarnazione di entrambi, diventarono l’obiettivo centrale da schiacciare. Questa volta lo strumento di guerra centrale fu la fame. Tutti i villaggi dovevano consegnare un dazio sul grano che li lasciava privi di alimentazione. Tutto il commercio di cibo con la popolazione rurale ucraina venne bloccato. Mentre centinaia di migliaia di contadini fuggivano in Bielorussia, le truppe sovietiche sigillarono militarmente l’Ucraina per impedire le fughe e per evitare che le informazioni sulla carestia e la morte di massa raggiungessero il mondo esterno. Alla fine del 1933 circa cinque o sei milioni di ucraini erano morti di fame. Questa catastrofe da parte degli ucraini fu poi chiamata Holodomor, che significa «guerra della carestia».

Vittime del Holodomor a Charkiw 1933 (Autore: golodomorkharkiv.jpg. Fonte: eu.gariwo.net/education/insights)

Il termine «Holodomor» ufficialmente autorizzato solo nel 1987

Anche se i diplomatici e i giornalisti stranieri erano a conoscenza dei fatti all’epoca, la fame sistematica usata dal regime di Stalin come arma contro gli ucraini è rimasta sconosciuta in Occidente fino al 1990. Come ha fatto la leadership sovietica a far passare la bugia che non c’era stata nessuna guerra della fame? Proprio come oggi in Russia è vietato usare la parola «guerra» per l’invasione russa dell’Ucraina, il termine «Holodomor» fu vietato dalle autorità sovietiche all’epoca. Chiunque usasse la parola rischiava cinque anni di prigione.

Perché è rimasto talmente sconosciuto questo grande crimine del regime di Stalin? Solo nel 1987 fu permesso di usare la parola «Holodomor» pubblicamente nell’Ucraina ancora sovietica. In secondo luogo, le autorità sovietiche distrussero i libri comunali dei defunti del 1932/33, passo importante per nascondere i fatti. Successivamente, il governo di Mosca vietò a tutti i giornalisti e osservatori stranieri di entrare in Ucraina. Dopo tutto, l’inedia deliberata della sua stessa popolazione all’inizio del XX secolo era ancora al di là dell’esperienza occidentale. Inoltre, l’Ucraina era considerata non solo da Stalin, ma anche dall’Occidente, non una nazione indipendente, ma semplicemente una parte integrante della Russia. Nella guerra della fame contro i villaggi ucraini, la matrice di fondo delle guerre russe alla periferia del regno è emersa più chiaramente. La guerra contro le società alle sue periferie è sempre stata anche una guerra contro le popolazioni civili. Tuttavia, bisogna anche ricordare che la Russia dai tempi di Napoleone è stata attaccata più volte dalle grandi potenze europee e nella seconda guerra mondiale ha pagato il più grande tributo di sangue di soldati e civili (17-25 milioni di persone).

Dal 1991 l’Ucraina non è più una periferia dipendente dal potere centrale

Avversari ineguali, asimmetria del potere militare, transizioni fluide tra guerra e pace, negazione della legittimità del diritto internazionale alla parte più debole, divieto di nominare i fatti e di riferire all’interno come all’esterno, e soprattutto: fare della popolazione civile il bersaglio della guerra. Questa matrice di guerra dell’impero russo ai suoi margini caratterizza anche l’attuale guerra in Ucraina. Ma a differenza dei secoli XIX e XX, l’Ucraina oggi non è più una periferia dipendente di un potere centrale onnipotente. Anche se l’asimmetria militare degli avversari rimane grande, il potere comunicativo dell’interpretazione oggi è chiaramente dell’avversario più debole, la cui legittimità nel diritto internazionale è riconosciuta a livello mondiale. Ma soprattutto, la guerra contro l’Ucraina è diventata in pochi giorni il simbolo di una guerra contro la libertà e la democrazia che il governo russo sta conducendo anche in patria, e quindi una guerra contro tutti noi. E a differenza della guerra di carestia degli anni 1932-1934, e a differenza dall’interesse molto limitato nei confronti della guerra russa nel Donbass che dura dal 2014, stavolta non possiamo più essere indifferenti.

La guerra d’Ucraina nella tradizione imperialista degli zar, di Stalin e dello stesso Putin

Uno sguardo al passato, tuttavia, mostra che non abbiamo affatto a che fare con un nuovo tipo di guerra da parte del presidente russo, come attualmente si afferma spesso. La guerra iniziata il 24 febbraio 2022 si inserisce in una continuità di guerre che l’impero zarista e l’Unione Sovietica hanno condotto per due secoli contro le società alla periferia del proprio impero o delle regioni vicine ogni volta che sembravano minacciare il potere del centro autocratico. Come si può notare ora, la guerra nel Donbass dal 2014 è stata solo la prova per l’attacco generale che si sta svolgendo oggi. Non è solo la guerra di Putin. È la guerra di un sistema autocratico contro i vicini e i loro civili che rifiutano quel sistema. È la guerra di un regime che usa la sua interpretazione della storia della Russia come ex grande potenza e la sua visione del futuro di una Grande Russia risorgente, «Russki Mir», come legittimazione della sua nuova pretesa imperiale. La pretesa di dominio della Russia di Putin. Finché Putin sarà in grado di occupare permanentemente dei territori ai margini del suo «impero», di annettersi illegalmente dei territori, di intervenire militarmente e impunemente a favore di vassalli (Assad nella guerra civile siriana, Kazakistan), continuerà in questo stile. Questo può cambiare con la guerra di aggressione in Ucraina, perché l’Occidente sta ora imponendo sanzioni più efficaci. Tuttavia, ci si chiede perché la Russia sia stata autorizzata a bombardare i civili siriani per 10 anni (e direttamente con cacciabombardieri russi pilotati da piloti russi), perché ha potuto armare le fazioni estremiste del Donbass e alimentare una guerra a bassa intensità all’interno dell’Ucraina per otto anni, e perché le sanzioni economiche di oggi non vennero imposte da subito dopo l’annessione della Crimea nel 2014.

Una vendetta dell’autocrazia russa

«Operazione militare speciale» è stata definita dal Cremlino la guerra di aggressione contro lo stato sovrano dell’Ucraina scatenato il 24 febbraio. In una prospettiva storica questa guerra contro gli ucraini – sì, le scene orribili da Charkiw, Mariupol e Irpin confermano che si tratta di una guerra contro tutta la popolazione civile – si presenta come un’operazione di punizione collettiva di un’intera comunità nazionale, «rea» di non essersi inserita come suddito nel sistema di potere di Putin. Dato che nessun politico russo si farà illusioni che la popolazione ucraina dopo tanta violenza subita nella storia potrà avere un rapporto «normale» con l’autocrazia russa, la guerra di aggressione si spiega con la pura volontà di punizione e vendetta. In altri termini: ci troviamo di fronte ad un atto nato dalla costruzione ideologica dell’attuale leadership russa di una rinata «Russki Mir», progetto fallimentare che affascina nessun altro che Lukashenko, e dato che l’impero russo non riesce più a soggiogare i popoli vicini come i polacchi negli anni 1830, i popoli caucasici nel 1860, popoli siberiani nel corso dell’Ottocento e gli ucraini nel secolo XX, li punisce come «traditori» con violenza autodistruttiva che a medio termine si rivolgerà contro la Russia stessa, impoverendola a causa dell’isolamento creato dai suoi governanti. La mancata ri-elaborazione della propria storia all’interno della società russa – soprattutto quella del Holodomor nel caso dell’Ucraina – produce nuovi crimini nel presente. Tragico.

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