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  • ›Wollt ihr den totalen Sieg?‹


    Der überragende Wahlsieger von Sachsen-Anhalt will mehr, die absolute Mehrheit

    Ulrich Siegmund, der Frontmann der AfD von Sachsen-Anhalt, ist unzufrieden. Trotz des überragenden und seit Monaten herbeigefragten und -geschriebenen Wahlsiegs. Er will regieren, ohne einer anderen Partei Kompromisse zugestehen zu müssen. Die Wahlverlierer, die von der AfD verunglimpften »Alt- und Systemparteien«, sind von den Wählenden ins Abseits votiert worden.

    Der AfD biedert sich nachgerade das BSW an, von der einstigen Linksradikalen Sahra Wagenknecht gegründet. Mit dem BSW hätte die AfD die absolute Mehrheit im Landtag. Das wäre dann eine Neuauflage einer Allianz, die Ende der 1920er Jahren NSDAP und KPD zusammenbrachte. Die Schlägertrupps der beiden Parteien terrorisierten hauptsächlich die Sozialdemokraten.

    Sachsen-Anhalt – russischer Vorhof

    Damit wäre dann Sachsen-Anhalt der erste russische Vorhof in Deutschland, mitten in der EU und NATO. In einer freien Wahl von einer Mehrheit gewünscht und gewollt.

    Möglicherweise widert Siegmund das billige Anbiedern der Wagenknecht-Partei an. Im ZDF, im »Regime-Sender«, ließ Siegmund seine Sachsen-Anhaltiner:innen wissen, im Notfall — sollte er mit der Regierungsbildung scheitern — gebe es Neuwahlen. Sein Ziel, 50 bis 55 Prozent.

    Siegmund scheint siegessicher zu sein. Die Nazis schafften im März 1933, die Wahlen waren nicht mehr frei, »nur« 43,9 Prozent.

    Vorbilder für die »Volksmehrheit« gibt es genügend. AfD-Sympathisant Wladimir Putin, seit Jahren schon lässt er die Opposition verräumen und gängelt mögliche Konkurrenten, schaffte bei den Wahlen vor zwei Jahren satte 88,5 Prozent. Ein Volksvotum für einen »lupenreinen Demokraten«, wie es der ehemalige sozialdemokratische deutsche Bundeskanzler Gerd Schröder so treffend formuliert hatte.

    Putin-Freund Donald Trump möchte bei den Mid-Terms im November keine Niederlage erleiden und lässt deshalb da und dort die Wahlkreise neu ziehen. Zugunsten seiner Republikaner. Damit wird er wohl verhindern wollen, dass die Demokraten ihm wieder die Wahl stehlen. Gerrymandering sozusagen als Notwehr.

    Vorbild FPÖ

    Siegmund kopiert die FPÖ. Bei den letzten Parlamentswahlen schaffte es die stärkste Partei nicht, eine Koalition mit der sich auch anbiedernden ÖVP zu bilden. »Volks- und Friedenskanzler« (Eigendefinition) Herbert Kickl wollte mit den Konservativen keine Kompromisse eingehen und ließ die Verhandlungen platzen.

    Er komme zurück, ließ er seine Partner wissen, mit noch mehr Wähler:innenstimmen. Laut Umfragen würden fast 40 Prozent der Österreicher:innen Herbert Kickl und seine FPÖ wählen. Als Kanzlerkandidat könnte er sogar 47 Prozent auf sich vereinen. Der Mann ist ganz hohe Zustimmung gewohnt. Beim Parteitag vor einem Jahr erhielt Kickl 99,94 Prozent der Delegiertenstimmen. Totaler kann ein Sieg gar nicht sein.

    Siegen will das nächste Mal auch Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (FdI). Ihre rechte Allianz arbeitet an einem neuen Wahlrecht. Positiv, die Rückkehr zum Verhältniswahlrecht. Aber, ein demokratischer Betrug, die siegreiche Wahlallianz erhält einen Bonus zur absoluten Mehrheit. Wenn das Volk schon nicht für die Mehrheit sorgt, besorgt man sich einen Bonus.

    Zu diesem Denkmuster passt auch der alte rechte Traum, den Staatspräsidenten direkt zu wählen und ihn mit weitreichender Macht auszustatten. Der Staatschef ernennt die Regierung, der Staatschef als Ausdruck des Volkswillens, des Willens des richtigen Volkes.

    So ganz spielen die Italiener:innen ja nicht mit. Sie ließen Meloni und ihre Justizreform bei einem Referendum abblitzen. Die anarchistische Volksseele misstraut dem totalen Sieg.

    Den totalen Sieg strebte einst auch Beppe Grillo mit seinen Cinque Stelle an. Auch er wollte kompromisslos regieren, keine Rücksicht auf mögliche Koalitionspartner nehmen, das reine Wahlprogramm der Cinque Stelle durchziehen. Bei den Parlamentswahlen 2013 punkteten sie mit 25 Prozent. Stärkste Kraft. Unzufrieden damit forderte Grillo die Italiener:innen auf, den Cinque Stelle die absolute Mehrheit zu verschaffen. Querelen, Streitigkeiten, Skandale, die Saubermänner und Sauberfrauen scheiterten.

    Sachsen-Anhalt – Raus aus der BRD!

    Zurück nach Sachsen-Anhalt. Im neuen Landtag sitzen AfD-Mandatare, die einst Funktionäre der DDR waren. Handlanger Putins. Der AfD-Apparat ist durchsetzt mit Freunden und Verwandten, Freunderlwirtschaft der übelsten Sorte. Auch das kümmert die Wählenden der Faschisten nicht. Und, wer Faschisten wählt ist Faschist, sagt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. In seinem Buch Die neue Mauer wirft er seinen Landsleuten vor, sich von demokratischen Grundwerten abgekehrt zu haben.

    Die rechtsradikalen Wahlsieger suchen jetzt händeringend drei Abgeordnete, egal ob BSW oder CDU, die die Wahl der Landesregierung garantieren sollen. Besonders aus den Reihen der arg mitgenommenen Christdemokraten sucht die AfD Unterstützer.

    Und, wie ihr Vorbild Donald Trump, wird in der AfD-Welt von Wahlbetrug geraunt. Es gebe einen Mega-Schwindel bei der Briefwahl, so die Losung der AfD. Als vermeintlichen Beweis werden Zahlen angeführt, die auch das ZDF am Wahlabend zeigte: Bei den Stimmen aus den Wahllokalen erreicht die AfD 51,2 Prozent. Bei der Briefwahl sind es dagegen nur 24,3 Prozent. Klar, das Kartell der »Alt- und Systemparteien« hat geschwindelt.

    Und Siegmund, der personifizierte »Volkswille« baute in Talkshows vor der Wahl argumentativ seinem möglichen Scheitern vor. Wesentliche politische Entscheidungen fällt nicht die Landesregierung von Sachsen-Anhalt, sondern die Bundesregierung. Scheitert er, ist Bundeskanzler Friedrich Merz daran schuld, seine Botschaft an die AfD-Wählenden.

    Oder aber Neuwahlen und dann die absolute Mehrheit, warnt Siegmund. Er will den totalen Sieg.

    Cëla enghe:


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  • Die Proskriptionsliste der STF.

    Der rechtsextremistische Landtagsabgeordnete Jürgen Wirth Anderlan hat es vorgemacht, jetzt ist die Süd-Tiroler Freiheit an der Reihe: Sie hat im Landtag eine Anfrage (Nr. 1965/26) eingereicht, mit der sie sich in Bezug auf »finanzielle Unterstützungen durch das Land bzw. durch öffentliche Mittel« an »Organisationen und Vereine« »einen Überblick über die Verwendung der Steuergelder« verschaffen will.

    Es folgt eine umfangreiche Liste, die über hundert NROs, Vereine und Medien umfasst, wobei der gemeinsame Nenner — mit wenigen Ausnahmen — zu sein scheint, dass sie der nach rechts offenen Bewegung aufgrund ihrer Gesinnung ein Dorn im Auge sind. Und dass man sie wohl nicht ungern unter Generalverdacht stellt.

    Im Verzeichnis enthalten sind dabei etwa

    • die Antifa Meran
    • Bozen Solidale
    • Centaurus – schwul-lesbische Initiative Südtirol
    • Extinction Rebellion
    • die linksgerichtete Fanszene Obermais
    • der Frauenmarsch
    • Fridays for Future
    • Grupa per la defendura di uciei
    • das Haus der Solidarität (HdS)
    • der Klima Club Südtirol (KCS)
    • Nosc Cunfin
    • die Organisation für eine solidarische Welt (OEW)
    • die Omas gegen Rechts
    • der OstWestClub
    • die Südtiroler HochschülerInnenschaft
    • der Südtiroler Jugendring (vgl.).

    Daneben zahlreiche weitere Jugend-, Theater- und Umweltgruppen. Aber auch Medien wie Dolomiten, ff, Salto und Tageszeitung, deren Einstufung als »Organisationen und Vereine« (mit Ausnahme vielleicht von Salto) merkwürdig erscheint.

    Mindestens genauso aufschlussreich ist aber, wonach sich die STF nicht erkundigt. Dazu gehören unter anderem

    • der Heimatbund
    • die Schützen
    • Trachtenvereine
    • Volkstanzgruppen
    • Musikkapellen
    • Sportvereine
    • die sogenannten Blaulichtorganisationen
    • UnserTirol24 bzw. die dahinter stehende Du[-]bist[-]Tirol-Genossenschaft.

    Für den angeblichen »Überblick über die Verwendung der Steuergelder« scheinen sie für die STF merkwürdigerweise nicht relevant zu sein.

    Mit auf dem Index von Sven Knoll & Friends steht auch , was wir als Adelung empfinden. Wir gehören nicht zu jenen, die wegschauen und schweigen, wenn sich die gerne als antifaschistisch auftretende STF mit Rechtsextremistinnen trifft oder rassistische Positionen vertritt. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

    Natürlich steht es der STF frei, sich danach zu erkundigen, was ihr beliebt. Dass es sich bei der Anfrage um einen bedenklichen Einschüchterungsversuch mit faschistoiden Zügen handelt, darf aber ebenfalls benannt werden.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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  • Düc adöm sön tru?
    Dreisprachigkeit

    Kürzlich berichtete Trail über eine Kampagne der Uniun di paurs de Badia im Südtiroler Bauernbund, mit der über die Rolle der Landwirte als Landschaftspfleger informiert und für ein respektvolles Miteinander auf Wegen und Pfaden sensibilisiert werden soll. Häufig geschehe es nämlich, dass sich die Bauern auf ihren eigenen Straßen als Fremde fühlten.

    Das sieht dann so aus:

    Bildausschnitt – Quelle: Trail.

    Zunächst fällt etwas ausgesprochen Positives auf: Die Kampagne ist nicht nur auch auf Ladinisch gehalten, sondern Ladinisch steht selbstbewusst an erster Stelle, wie es eigentlich normal sein sollte. Und das, obschon die Hauptzielgruppe der Botschaft vermutlich nicht aus Ladinischsprecherinnen besteht.

    Das ist ein klares und wohltuendes Statement: Die minorisierte Sprache der örtlichen Bevölkerung wird nicht nur sichtbar gemacht, sondern in den Vordergrund gerückt.

    Auch der Titel Düc adöm sön tru! Alle gemeinsam auf dem Weg! — passt eigentlich gut dazu.

    Dann fällt allerdings etwas anderes ins Auge: Die beiden weiteren Sprachen, die für die Kampagne gewählt wurden, sind die Staatssprache Italienisch und die internationale Verkehrssprache Englisch. Deutsch als meistgesprochene Sprache in Südtirol fehlt vollständig.

    Das düc adöm wird somit wieder relativiert.

    Ich interpretiere das als ein weiteres Symptom für den sinkenden Stellenwert der deutschen Sprache in Südtirol. Für die deutsche Sprachgruppe weiterhin wichtig, empfinden sie offenbar die beiden anderen Sprachgruppen inzwischen relativ oft als vernachlässigbar.

    Wenn nur Italienisch und Englisch als übergeordnete Verständigungssprachen dienen, während sich Deutsch und Ladinisch jeweils gegenseitig verdrängen, schadet das den Minderheitensprachen insgesamt.

    Wie Prof. Paul Videsott kürzlich — in Bezug auf das Schulsystem — sehr einleuchtend argumentiert hat, beruht die sprachliche Stabilität der ladinischen Täler auch auf einer Balance zwischen den beiden größeren Sprachen Deutsch und Italienisch. Verschiebt sich diese Balance zugunsten einer Konstellation, in der Deutsch entfällt, könnte das mittelfristig auch für das Ladinische zum Problem werden.

    Minderheitensprachen profitieren nicht davon, wenn sie untereinander um Sichtbarkeit konkurrieren müssen. Sie profitieren davon, wenn Mehrsprachigkeit als Ganzes selbstverständlich ist.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Gånz herzlich.
    Quotation

    Bildausschnitt aus der Übertragung der Südtiroler Rai-Sender

    Es stimmt schon, als Tiroler und als Kaunertaler ist mir Südtirol besonders nahe.

    Signore e signori, an die Unterzeichnung des Pariser Vertrags vom 5. September 1946 — den 80. Jahrestag begehen wir ja heute — habe ich keine persönliche Erinnerung, då bin i jå erscht zwoaahålb Jåhr ålt gwest und hån lei ‘s Kaunertål ‘kennt.

    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, i gratulier enk ålle, ålle mitanånd gånz herzlich, grazie mille, giulan, de gra.

    Details aus der Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen (bis 2016: Grüne) im Rahmen des heutigen Festakts zu 80 Jahren Pariser Vertrag im Kursaal von Meran – Transkription von mir

    Cëla enghe: 01 02



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  • Die Post italianisiert das Forstbier.

    Im Rahmen einer Serie, die den »Spitzenleistungen der [italienischen] Wirtschaft und des Made in Italy« gewidmet ist, hat die italienische Post auch dem Südtiroler Forst-Bier eine eigene Briefmarke gewidmet, deren Entwurf von Emanuela L’Abate stammt. Sie wurde gestern gemeinsam mit fünf weiteren Marken ausgegeben.

    Ausschnitt Website der italienischen Post

    Vom banal-nationalistischen Hintergrund einer solchen Briefmarkenserie einmal abgesehen, zeigt sich auch diesmal wieder zuverlässig die tief im Gencode des italienischen Nationalstaats eingeschriebene Assimilierungstendenz.

    Erst kürzlich mussten Briefmarken zur Rosengarten- und Latemargruppe zurückgezogen werden, weil die Bezeichnung der Region sowie der Berge nur auf Italienisch angegeben war.

    Auf der Forst-Briefmarke ist indes ein Bierglas mit dem Firmenlogo der Südtiroler Brauerei und dem Zusatz »dal 1857« zu sehen. Diesen Zusatz in italienischer Sprache gibt es aber auf den realen Forst-Gläsern gar nicht. Dort steht — auch wenn sich die Brauerei inzwischen zum offiziellen Sponsor der Alpini-Aufmärsche entwickelt hat — noch immer nur »seit 1857«.

    Das war für eine Briefmarke des so »minderheitenfreundlichen« italienischen Staates offenbar zuviel, sodass man sich zu einem sprachkorrigierenden Eingriff zur Unsichtbarmachung der Minderheitensprache entschied. 

    Die Minorisierung und Marginalisierung geht bis ins kleinste Detail und wird — wie man sieht — mit akribischer Perfektion umgesetzt. Es hätte nur noch gefehlt, dass man Forst mit dem erfundenen Ortsnamen »Foresta« übersetzt, doch eine derartige Entstellung einer Firmenbezeichnung wäre dann wohl doch zu weit gegangen.

    Darüber hinaus gibt es übrigens weder die Webseite, über die man die Briefmarke erwerben kann, noch irgendeine sonstige Zusatzinformation auch auf Deutsch.

    Dabei ist die italienische Post etwa bei ihrem eigenen Firmennamen — obwohl es sich um ein öffentliches Unternehmen handelt, das der Zweisprachigkeitspflicht unterworfen ist — höchst penibel und unflexibel: Auch auf Deutsch darf es ausschließlich Poste Italiane heißen, Übersetzung unmöglich.

    Bei anderen, insbesondere Minderheiten, ist man da viel weniger streng.

    Cëla enghe: 01 02 03



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