In der Märzausgabe der Weinstraße, »erste unabhängige Zeitschrift fürs Überetsch, Unterland und Etschtal«, ist unter dem Titel Lieber tot als Grün-Weiß-Rot ein Beitrag erschienen, den man als Bilderbuchbeispiel für banalen Nationalismus bezeichnen könnte. Dafür ist kennzeichnend, dass der Nationalismus etablierter Staaten als nahezu gottgegeben hingenommen und normalisiert — wenn nicht gar ganz übersehen — und jedenfalls kaum hinterfragt wird.
Als Minderheit in einem fremden Nationalstaat hätte man jedoch eigentlich das nötige Instrumentarium zur Verfügung, um dies zu durchschauen, was der anonymen Autorin des Beitrags aber ganz offensichtlich nicht gelingen mag.
Ich greife hier mehrere Zitate aus dem Text heraus, um sie kurz zu kommentieren:
Es gibt Dinge, die sind in Südtirol absolut verlässlich: der Gästeandrang am Pragser Wildsee, die einspurigen Fahrbahnen auf der A22 und die patriotische Hektik, sobald irgendwo ein sportliches Großereignis auf dem Programm steht. Da werden Athleten und Athletinnen binnen Sekunden vom Individuum zur wandelnden Litfaßsäule für nationalistische Befindlichkeiten.
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Das »kleine« Detail, das hier übersehen wird, ist, dass Athletinnen bei solchen Großereignissen per se keine Individuen sind — es sei denn sie verlieren —, sondern ohnehin »wandelnde Litfaßsäulen für nationalistische Befindlichkeiten«. Dafür ist gar keine »patriotische Hektik« in Südtirol nötig, dafür sorgen der durch und durch politische Staatsnationalismus und die Logik der meisten großen Sportveranstaltungen bereits von sich aus. Minderheiten haben höchstens die Möglichkeit, sich gegen diese Vereinnahmung zur Wehr (und damit einen schwachen Kontrapunkt) zu setzen.
Auch im Vorfeld der Olympischen Winterspiele wurde eines der Lieblingsthemen bemüht: die Sportautonomie. Ein Steckenpferd der 360°-Sezessionsfans, das noch immer nicht zu Tode geritten ist. Endlich Schluss damit, dass „unsere“ Athleten und Athletinnen von einem fremden Staat vereinnahmt werden!
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Die Sportautonomie, wie sie andere Minderheiten teilweise längst haben, wäre tatsächlich eine gute Möglichkeit, dem banalen, kolonialisierenden und die Assimilierung fördernden Staatsnationalismus zu entkommen. Diese Wirkung zu leugnen oder gar nicht erst wahrzunehmen bringt niemanden weiter, wiewohl sich die Mär vom angeblich unpolitischen Sport beharrlich hält.
Dass sie dort vielleicht bessere Trainingsmöglichkeiten und größere Förderung erhalten, ist genauso ein Nebenschauplatz wie die Meinung der Athleten und Athletinnen selbst.
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Bessere Trainingsmöglichkeiten und größere Förderung erhalten Südtiroler Athletinnen — wenn überhaupt — in dem Maße, in dem sie sich nationalistisch unterordnen und eine politische Aufgabe erfüllen. Dies zu verkennen, wäre blauäugig. Dass hier ausgerechnet »die Meinung der Athleten und Athletinnen selbst« angesprochen wird, ist diesbezüglich wohl ein schlechter Witz: im jetzt und heute zählt die Meinung der Athletinnen null. Sie werden vom Staat, politischen Akteuren und Medien ungefragt für ihre Ziele vereinnahmt und abgestraft, wenn auch nur der leiseste Zweifel an ihrer bedingungslosen Loyalität entsteht — für oder gegen die sie sich nie frei entscheiden konnten. Mitunter reicht es, dass sie ihre Muttersprache sprechen, um gesellschaftlich sanktioniert zu werden.
Autonome Teams würden nicht nur schon per se Südtirol mit all seinen Besonderheiten und der sprachlichen Vielfalt repräsentieren (vgl.), sondern könnten Athletinnen im Idealfall sogar noch die freie Wahl zwischen einer Teilnahme unter grünweißroter oder Landesflagge erlauben. Das sieht der jüngst im Landtag behandelte Vorschlag sogar ausdrücklich vor.
Damit läuft auch dieser Vorwurf total ins Leere:
Die Empfindungen der italienischsprachigen Athletenschar Südtirols bezüglich der Flagge lassen sie vollkommen außer Acht und damit sind sie nicht anders, als diejenigen, die sie kritisieren.
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Auch sie hätten dann Wahlfreiheit. Lustig finde ich aber, dass die Empfindungen der italienischsprachigen Athletinnen thematisiert werden, während die der deutsch- und ladinischsprachigen vom Tisch gefegt werden.
Auf den Untertitel Der neue De Coubertin: Nicht dabei sein ist alles folgt dann unter anderem diese Perle:
Man stelle sich die Möglichkeiten der Südtiroler Eigenständigkeit vor: Ein eigenes WM- oder Olympiateam, bestehend aus zwei Skifahrern, einer Biathletin beziehungsweise – weil es ja nicht nur Wintersport gibt – einer Leichtathletin und dem Cousin der Landtagsabgeordneten, der irgendwas wie Fliegenfischen macht. Wenn man am Ende keine Medaille holt oder gar nicht teilnehmen kann, verkündet man einfach stolz, dass man wenigstens in Vertretung Südtirols erfolglos war.
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Wenn man schon »dabei sein ist alles« zitiert, ist es absurd und widersinnig, auf zu kleine Teams oder auf entgehende Medaillen zu verweisen — das ohnehin ausgelutschte und an der Realität vorbeiführende Motto will nämlich gerade darauf hinweisen, dass Erfolge nicht alles seien. Der Meinung der Autorin folgend müssen wir also auch noch froh sein, von einem größeren Staat erobert worden zu sein. Das ist nicht nur hanebüchen und unsportlich, sondern auch noch eine Herabwürdigung von Athletinnen (Individuen!?) aus kleineren Staaten. Vielleicht sollte man ihnen empfehlen, die Staatsbürgerinnenschaft von Staaten mit »besseren Trainingsmöglichkeiten und größerer Förderung« anzunehmen, um dem traurigen Schicksal ihrer Heimatstaaten zu entrinnen? Oder sollte man kleineren Ländern wie Irland empfehlen, sich wieder kolonisieren zu lassen, wegen der sportlichen Synergieeffekte?
Während die Athleten und Athletinnen versuchen, in einem globalisierten Hochleistungssystem zu bestehen und – wieso nicht – ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, werden sie daheim in symbolische Dirndl und Lederhosen gezwängt. Ihre Erfolge sind dann kollektiver Besitz Südtirols und ihre Niederlagen Schuld des „Besatzerstaates“.
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Sport und Politik sind im Hier und Jetzt nicht bloß nicht getrennt, sondern eine schwer entflechtbare Symbiose eingegangen. Zurück also zur Definition von banalem Nationalismus: Hier wird verkannt oder vielleicht sogar bewusst versteckt, dass Athletinnen heute in reale und keineswegs nur symbolische Nationalflaggen geradezu eingepackt werden. Mir persönlich wäre eine Abschaffung von Flaggen und Hymnen am liebsten, doch als Minderheit muss man leider öfter in Kategorien denken und argumentieren, die von außen aufgezwängt werden.
Exkludierend und Vielfalt unterdrückend sind übrigens die heutigen Großveranstaltungen, wenn sie — wie bei Olympia — das Schwenken von Regionalflaggen verbieten oder Minderheitensprachen ausblenden und marginalisieren.
Viele erfolgreiche Sportler und Sportlerinnen Südtirols, die einen Individualsport betreiben, profitieren davon bei der Sportgruppe der Carabinieri oder der Finanzpolizei zu sein. Die Einzahlung in den Rentenfond ist damit garantiert und sie haben alle Freiheiten ihrem Trainingsprogramm nachzugehen.
Die Südtiroler Sportautonomist:innen haben natürlich auch an das gedacht: Aufnahme in den Landesdienst. Ja klar, das ist ja so einfach. Stellenplan, Wettbewerb – pfeif drauf. Zweisprachigkeitsnachweis – überbewertet. Dauernde Abwesenheit vom Dienst aufgrund der Trainings- und Wettkampftätigkeit – da drücken wir ein Auge zu. Mit dem olympischen Prinzip, dabei sein ist alles, würden sich aber weder Justitia noch der Rechnungshof beschwichtigen lassen.
– Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)
Dieser Abschluss ist ein klassisches Angstargument, das aber keinerlei Fundament hat. Warum sollten Stellenplan, Wettbewerb, Zweisprachigkeitsnachweis und Abwesenheit vom Dienst beim Land ein unüberwindbares Problem darstellen, das Justitia und Rechnungshof beschäftigen würde, während es bei Carabinieri und Finanzpolizei ohne mit der Wimper zu zucken möglich ist? Das wird nicht erklärt und ist auch nicht erklärbar.
Ein Neofaschist wie Alessandro Urzì (FdI) hätte das alles nicht schöner schreiben können, aber vermutlich fühlt sich die Autorin des Textes auch noch besonders progressiv und alternativ.
Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09