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  • Bahnhofsareal aus der Hand gegeben?

    Eines der wichtigsten, wenn nicht gar das wichtigste städtebauliche Projekt des Landes — das auf dem ehemaligen Bahnhofsareal in Bozen umgesetzt werden soll und mehrere Dutzend Hektar umfasst — wird nun maßgeblich einem zentralstaatlichen Akteur wie Rete Ferroviaria Italiana (RFI) überlassen. Genauer gesagt: Einer von RFI zu ernennenden Sonderkommissarin. Was sagt das über die Autonomie aus? Und was sagt es über die Autonomie, dass diese Vorgehensweise von der Landespolitik selbst angestrebt wurde?

    Übereinstimmenden Medienberichten zufolge haben sich LR Daniel Alfreider und Senator Meinhard Durnwalder (beide SVP) dafür eingesetzt, dass es zu dieser Wendung kommt. Man überzeugte Verkehrs- und Infrastrukturminister Matteo Salvini (Lega) sowie den Schienennetzbetreiber RFI; darüber hinaus genehmigte der römische Senat einen einschlägigen Änderungsantrag, der die Umwandlung in ein »Sonderprojekt« und somit die Ernennung einer Sonderkommissarin ermöglicht.

    Nun also wird RFI — nicht die Gemeinde Bozen, nicht das Land Südtirol — eine Person ernennen, die nach italienischer Unart über weitreichende Befugnisse verfügen und somit in vielerlei hinsicht nach Belieben schalten und walten können wird.

    Ein neues Stadtviertel in der Landeshauptstadt, dessen städtebauliche und gesellschaftliche Auswirkungen jene des umstrittenen Waltherparks um ein Vielfaches übertreffen dürften, wird damit einem auswärtigen Akteur übertragen, für den Südtirol kein primäres Anliegen ist. Das ist nicht nur ein Infrastrukturprojekt, sondern ein massiver Eingriff in die langfristige Stadtentwicklung.

    Dabei beweist RFI regelmäßig, dass sie die hiesigen Besonderheiten — etwa in sprachlich-kultureller Hinsicht, einschließlich der damit zusammenhängenden Vorschriften —, nicht im Geringsten interessieren.

    Es ist zu befürchten, dass sowohl Gemeinde und Land als auch die Bevölkerung wenig Mitsprache bei der Umsetzung dieses öffentlichen Jahrhundertprojekts haben werden. Neben Wohnraum sind auf dem Areal auch öffentliche Einrichtungen vorgesehen — für deren Realisierung dann vor allem ein externer Akteur mit weitreichenden Befugnissen zuständig ist. Nicht auszuschließen ist zudem, dass sich die Sonderkommissarin auch über einschlägige raumplanerische Bestimmungen auf Landes- und Gemeindeebene hinwegsetzen kann.

    Auch die wirtschaftliche Dimension ist nicht zu unterschätzen, da RFI kein Interesse haben dürfte, heimische Firmen zu beauftragen.

    Dabei hatte 2006/2007 noch alles ziemlich vielversprechend — und mit vielen Versprechungen garniert — begonnen, als Land und Gemeinde die Gesellschaft Areal Bozen gegründet hatten. Anschließend wurde ein Ideenwettbewerb organisiert, den 2011 Arch. Boris Podrecca gemeinsam mit Studio ABDR und Arch. Theo Hotz († 2018) für sich entscheiden konnte.

    Cëla enghe: 01 02



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  • I nomi (gallesi) delle circoscrizioni elettorali.
    Senedd

    Giovedì prossimo, 7 maggio, si svolgeranno le elezioni per il rinnovo del Senedd, l’assemblea parlamentare del Cymru (aka Galles). A tal fine, in seguito a una riforma elettorale del 2024, una speciale commissione indipendente ha anche ridefinito le circoscrizioni elettorali, dimezzandone il numero rispetto a quelle utilizzate per le elezioni al parlamento del Regno Unito.

    La commissione incaricata aveva inoltre il compito di assegnare un nome a ciascuna circoscrizione, con l’indicazione che — ove lo ritenesse accettabile — il nome fosse identico in entrambe le lingue ufficiali, gallese e inglese, per ragioni di chiarezza e univocità.

    Riunitosi per la prima volta nel luglio 2024, il gruppo di lavoro ha pubblicato una prima bozza delle nuove circoscrizioni a settembre dello stesso anno, aprendo una fase di consultazione pubblica. Sucessivamente, nel dicembre 2024 è stata presentata una proposta rivista, con modifiche alla suddivisione della capitale Caerdydd (aka Cardiff).

    Nel marzo 2025 la Commissione ha pubblicato la versione definitiva, in cui tutte le nuove circoscrizioni – anche quelle a stragrande maggioranza anglofona – hanno ottenuto un unico nome in lingua gallese:

    1. Bangor Conwy Môn1in inglese: Bangor, Conwy and Anglesey
    2. Clwyd2in inglese: Clwyd
    3. Fflint Wrecsam3in inglese: Flint and Wrexham
    4. Gwynedd Maldwyn4in inglese: Gwynedd and Montgomeryshire
    5. Ceredigion Penfro5in inglese: Ceredigion and Pembroke
    6. Sir Gaerfyrddin6in inglese: Carmarthenshire
    7. Gŵyr Abertawe7in inglese: Gower and Swansea
    8. Brycheiniog Tawe Nedd8in inglese: Brycheiniog, Tawe and Neath
    9. Afan Ogwr Rhondda9in inglese: Afan, Ogmore and Rhondda
    10. Pontypridd Cynon Merthyr10in inglese: Pontypridd, Cynon and Merthyr
    11. Blaenau Gwent Caerffili Rhymni11in inglese: Blaenau, Gwent, Caerphilly and Rhymney
    12. Sir Fynwy Torfaen12in inglese: Monmouthshire and Torfaen
    13. Casnewydd Islwyn13in inglese: Newport and Islwyn
    14. Caerdydd Penarth14in inglese: Cardiff and Penarth
    15. Caerdydd Ffynnon Taf15in inglese: Cardiff and Taff’s Well
    16. Pen-y-bont Bro Morgannwg16in inglese: Bridgend and Vale of Glamorgan

    Le denominazioni in inglese, non ufficiali, che ho riportato nelle note, servono a mostrare come in alcuni casi differiscano sensibilmente da quelle gallesi17in particolare (ma non solo) le n. 4, 6, 12, 13 e 16 – che tuttavia, appunto, verranno utilizzate in entrambe le lingue.

    Nelle proposte precedenti, alcune delle 16 circoscrizioni mantenevano ancora una doppia denominazione gallese-inglese, abbandonata nella versione definitiva.

    Nel suo rapporto finale, la Commissione ha spiegato di aver ricevuto anche obiezioni riguardo al fatto che non fosse stato garantito un trattamento simmetrico tra gallese e inglese, o che potessero risultare penalizzati i residenti non gallesofoni. Tuttavia, tali critiche non sarebbero state ritenute convincenti.

    Secondo la Commissione, infatti, i nomi gallesi scelti risulterebbero riconoscibili a tutti gli abitanti delle rispettive circoscrizioni, indipendentemente dalla loro lingua primaria. L’organo indipendente, che ha esplicitamente voluto promuovere l’uso della lingua minoritaria, ha ritenuto che l’adozione delle sole denominazioni gallesi — purché radicate e riconoscibili a livello locale — non comporti alcun pregiudizio per i cittadini la cui prima lingua non fosse il gallese.

    Purtroppo, in Sudtirolo un approccio simile, volto ad affermare asimmetricamente le lingue minorizzate, sarebbe difficilmente immaginabile.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07

    • 1
      in inglese: Bangor, Conwy and Anglesey
    • 2
      in inglese: Clwyd
    • 3
      in inglese: Flint and Wrexham
    • 4
      in inglese: Gwynedd and Montgomeryshire
    • 5
      in inglese: Ceredigion and Pembroke
    • 6
      in inglese: Carmarthenshire
    • 7
      in inglese: Gower and Swansea
    • 8
      in inglese: Brycheiniog, Tawe and Neath
    • 9
      in inglese: Afan, Ogmore and Rhondda
    • 10
      in inglese: Pontypridd, Cynon and Merthyr
    • 11
      in inglese: Blaenau, Gwent, Caerphilly and Rhymney
    • 12
      in inglese: Monmouthshire and Torfaen
    • 13
      in inglese: Newport and Islwyn
    • 14
      in inglese: Cardiff and Penarth
    • 15
      in inglese: Cardiff and Taff’s Well
    • 16
      in inglese: Bridgend and Vale of Glamorgan
    • 17
      in particolare (ma non solo) le n. 4, 6, 12, 13 e 16


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  • Auch für Heli-Landeplätze ist Südtirol nicht zuständig.

    In Lengstein am Ritten wurde kürzlich von der italienischen Luftfahrtbehörde ENAC die Errichtung eines Hubschrauberlandeplatzes genehmigt, der auch touristischen Zwecken dienen wird. Die Gemeindeverwaltung hatte zunächst versucht, die Genehmigung zu verhindern, unter anderem, indem sie ihre Zustimmung aus Lärmschutzgründen versagte. Dagegen klagte die beantragende Firma Heli-Union erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht.

    Zudem hatte sich die Gemeinde direkt an ENAC gewandt, um eine Ablehnung aus ökologischen und raumordnerischen Gründen zu erwirken.

    Sowohl die Gemeinden als auch das Land Südtirol verfügen bei der Planung und Errichtung von Helikopterlandeplätzen über kaum nennenswerte Mitspracherechte. Dem Schutz von Umwelt und Bevölkerung vor unnötigen Emissionen und Lärm sind damit äußerst enge Grenzen gesetzt. Ein Gestaltungsspielraum, der diesen Namen verdient, existiert nicht. Letztendlich entscheidet über die Genehmigung solcher Anlagen in Südtirol eine zentralstaatliche Behörde.

    Nun haben die Grünen im Landtag — überraschend — einen Begehrensantrag (Nr. 55/26) eingebracht, mit dem das Parlament und die Regierung in Rom dazu aufgefordert werden sollen, die Zuständigkeit in den Kompetenzbereich des Landes zu übertragen — oder wenigstens eine verbindliche Mitsprache des Landes bei der Ausweisung neuer Landeplätze sicherzustellen. Zwar ist zu hoffen, dass diesbezüglich etwas geschieht, doch solche Anträge sind natürlich immer auch ein wenig wie die Wünsche an das Christkind. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob jemals ein Begehrensantrag zu einem konkreten Ergebnis geführt hat, wiewohl sie als Willensbekundung zweifellos ihre Bedeutung haben.

    Zielführender wäre es vermutlich, die Zwölferkommission mit der Angelegenheit zu befassen, doch das wiederum liegt nicht im unmittelbaren Einflussbereich der Grünen.

    Ein staatliche unabhängiges Südtirol oder eines mit einer richtigen Autonomie könnte hingegen selbst darüber entscheiden, wo auf seinem Gebiet Hubschrauber landen und Fernbusse halten dürfen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Alles halb so schlimm?


    Für die »italienische« Politik ist der Skandal um gefälschte Sprachzertifikate kein Skandal

    Das verwundert keineswegs. Stellte doch das Landesgericht fest, dass es sich beim Dokumentenbetrug um keinen schweren Fall handelt. Das Gericht erkennt an, freute sich Fabio Gobbato auf Salto, »dass in der spezifischen Situation die strafrechtliche Verfolgung unverhältnismäßig wäre.«

    Es ist das Eingeständnis, schreibt Gobbato freudig, dass das »Problem« nicht aus der Boshaftigkeit einer listigen Person entsteht, sondern aus einem strukturellen Druck, den das System erzeugt. Einen Druck, Gobbato verweist auf eine Aussage von Landesrat Christian Bianchi (FI), der besonders im Gesundheitswesen vorherrsche – es fehle chronisch Personal und es gebe zu wenige Wettbewerbe. Motto: Warum sollen italienische Ärzt:innen in der italienischen Provinz Bozen zweisprachig sein? Das klingt nach unerträglicher Zumutung.

    Die »italienische Politik« von rechts bis links – allen voran die rechten Landesräte Marco Galateo (FdI) und Christian Bianchi – zeigt großes Verständnis für die Dokumentenfälschung und in dieser Einheitsfront engagiert sind auch die »italienischen« Medien (teils im Besitz des Verlagshauses Athesia), die ebenso vehement die schwindelnden Ärztinnen und Ärzte verteidigen.

    Nicht der Rede wert also, alles halb so schlimm, die verniedlichende Beschreibung des Skandals, der kein Skandal zu sein scheint. Warum also ermitteln die zuständigen Behörden weiter? Betroffen von diesen Ermittlungen sind derzeit mehr als 40 Personen. Der »Schwindel« scheint System zu sein.

    Der empörte Aufschrei über diesen Skandal blieb aus, blieb eher lau, »menefreghistisch«. Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) bekannte sich zur Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst. Das war es dann. Diese verbindliche Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst sieht das Autonomiestatut vor, ein Verfassungsgesetz. Aber egal?

    Die Reaktion der SVP auf den Schwindel, der laut Gericht eh keiner ist: Die Landesregierung richtet eine »Task Force« ein. Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann bilde einen Arbeitskreis. Simon kritisierte immer wieder unmissverständlich, dass wesentliche Bestimmungen des Minderheitenschutzes, wie Proporz und Zweisprachigkeit, verwässert und aufgeweicht werden. Besonders im Gesundheitswesen.

    Deutsch im Gesundheitswesen, und nicht nur dort, ist Amtssprache. Darauf haben Bürgerinnen und Bürger ein Anrecht. Aber diese verfassungsmäßig garantierte Amtssprache setzt sich offensichtlich nicht durch, beispielsweise bei Gericht. Knapp 20 Prozent der Verfahren, wenn überhaupt, werden in der deutschen Gerichtssprache abgewickelt. Ein Grund dafür, immer mehr deutschsprachige Südtiroler:innen verzichten auf deren Verwendung.

    Vehement vor dieser Entwicklung warnen die Freiheitlichen und die Süd-Tiroler Freiheit. Was verwundert, ist das Schweigen der Grünen. Gründervater Alexander Langer führte als Landtagsabgeordneter einen hartnäckigen Kampf gegen den starren Proporz, verteidigte aber immer vehement die Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst, wo auch immer.

    Die Grünen lobten das Autonomiestatut als die Magna Charta Südtirols, als die Landesverfassung der autonomen Provinz. Und sie würdigten besonders auch die Verpflichtung zur Zweisprachigkeit der öffentlichen Verwaltung. Dieses Loben und Würdigen war wohl inhaltsleer. Das Schweigen ist fatal, so kommentierte Simon das Wegducken.

    Ausgerechnet die erklärten interethnischen und mehrsprachigen Grünen kuschen. Und ausgerechnet die rechtsrechten italienischen Koalitionspartner der SVP – ohne Not in die Landesregierung gehievt – stellen verklausuliert Proporz und Zweisprachigkeit in Frage. Im Gegenzug gibt es ein bisschen mehr Autonomie. Und was bedeutet es, wenn immer mehr deutschsprachige Südtiroler:innen auf das Recht verzichten, die deutsche Amtssprache zu verwenden und einzuforden?


    Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen.· I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Immer mehr Italienerinnen gegen Zweisprachigkeitsnachweis.
    Sprachbarometer 2025

    Am 22. April hat an der Eurac eine Tagung zum 50-jährigen Bestehen des Sprachgruppenproporzes stattgefunden, die Andreas Gufler Oberhollenzer in einem Gastbeitrag für zusammengefasst hat. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, dass Eurac-Wissenschaftler Andrea Carlà in seinem Beitrag und in der anschließenden Diskussion unter anderem folgende Behauptungen aufgestellt hat:

    1. Dass es in Südtirol eine Art vertikale Segregation nach Sprachgruppen gebe, wobei Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung häufig deutscher, aber nur selten italienischer Muttersprache seien. Dazu fehlten jedoch empirische Studien.
    2. Dass in Südtirol niemand die Zweisprachigkeit infrage stelle.

    Zur ersten Behauptung habe ich bereits in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass es mit »Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in der Südtiroler Gesellschaft« sehr wohl eine einschlägige Studie gibt, die im Übrigen zum Schluss kommt, dass eine vertikale Segregation nicht nachweisbar ist.

    Auch bezüglich seiner zweiten Behauptung liegen Daten vor, nämlich im ASTAT-Sprachbarometer 2025. Demnach sprechen sich inzwischen 40 Prozent der Südtirolerinnen italienischer Muttersprache für die Abschaffung des Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweises als Voraussetzung für die Aufnahme in den öffentlichen Dienst aus. Nur noch 37 Prozent wollen diesen zentralen Pfeiler unserer Autonomie und des Minderheitenschutzes beibehalten.

    Der Anteil jener, die eine Abschaffung des Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweises im öffentlichen Dienst befürworten, ist innerhalb eines Jahrzehnts um 11 Prozentpunkte bzw. rund 38 Prozent gestiegen. Bemerkenswert ist dabei, dass — anders als in der deutschen Sprachgruppe — die Zustimmung zur Abschaffung mit steigendem Bildungsgrad zunimmt.

    Sowohl unter den Deutschen als auch unter den Ladinerinnen liegt der Anteil derer, die die Verpflichtung zum Sprachnachweis abschaffen möchten, bei vergleichsweise niedrigen, aber nicht vernachlässigbaren 14 Prozent.

    Natürlich ließe sich argumentieren, dass die Abschaffung der Nachweispflicht nicht automatisch die Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeit bedeutet. Wenn aber ein so großer Anteil der italienischen Sprachgruppe das wichtigste — und nach internationalen Standards wohl gebräuchlichste — Instrument zum Nachweis von Sprachkenntnissen ablehnt, fällt es schwer, etwas anderes zu vermuten.

    Hier verabschiedet sich die Titularnation zumehmend vom Konsens, auf dem unsere Autonomie und insbesondere der Minderheitenschutz beruhen. Sie tut dies, indem sie sich auch immer mehr von den Vorstellungen der deutschen und ladinischen Sprachgruppe entfernt. Da die Italienerinnen wissen, dass sie am wenigsten von einer Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeitspflicht zu befürchten hätten, kann man dies auch als eine Form der Entsolidarisierung werten.

    Die Aussage, dass in Südtirol »niemand« die Zweisprachigkeit infrage stelle, erscheint vor diesem Hintergrund jedenfalls sehr gewagt. Auch die Reaktionen auf den Fälschungsskandal (vgl.) sind ein guter Indikator für die auseinanderklaffenden Vorstellungen und Befindlichkeiten.

    Cëla enghe: 01 02 03



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  • ›Daten des Kundens.‹
    Wenn Kulturinstitutionen die Kultur der Sprache vergessen


    von Brennglas1Name ist uns bekannt

    Das Stadttheater Bozen verkauft Tickets online. Was dabei auf Deutsch erscheint, lässt zu wünschen übrig – und das ist symptomatischer, als es zunächst scheint.

    Es sind kleine Fehler. Fast zu klein, um Empörung zu rechtfertigen. Und genau das ist das Problem.

    Ich habe auf der Website des Stadttheaters und Konzerthauses Bozen neulich einige Tickets gekauft. Da ist mir eine sprachliche Melange begegnet, die man sich in einem Kulturbetrieb eigentlich kaum vorstellen mag: deutschsprachige Benutzeroberflächen, in denen plötzlich ganze Abschnitte auf Italienisch erscheinen. Bezahlhinweise auf Italienisch, Schaltflächen wie »Prosegui con altri acquisti« ohne Übersetzung, mitten im deutschen Text. Und das grammatikalisch fragwürdige »Daten des Kundens«, dort, wo es selbstverständlich »Kundendaten« oder wenigstens »Daten des Kunden« heißen müsste.

    Nun könnte man einwenden: Nicht alles liegt in der Hand des Theaters. Der Bestellprozess läuft womöglich über einen externen, gesamtstaatlichen Anbieter, der die Zweisprachigkeit nicht vollständig gewährleistet. Das mag sein – und ist dennoch keine Entschuldigung. Denn erstens gilt diese Erklärung nicht für den deutschen Grammatikfehler, der hausgemacht ist. Und zweitens: Wenn eine Institution, die für sich beansprucht, im kulturellen Herzen einer zweisprachigen Gesellschaft zu wirken, bei der Beauftragung externer Dienstleister die Sprachqualität nicht als Mindestanforderung definiert – was sagt das dann über ihre tatsächliche Haltung zur Sprache aus?

    Eine Institution, die Kultur vermittelt, trägt auch eine Verantwortung für die Sprache, in der sie kommuniziert. Diese Verantwortung endet nicht an der Schnittstelle zum Dienstleister.

    Theater, Konzerthäuser, Museen – sie sind keine Supermärkte (wobei das Recht auf die eigene Muttersprache auch dort keine Selbstverständlichkeit ist – aber das wäre ein Thema für sich). Sie verkaufen nicht irgendein Produkt. Sie behaupten, Bedeutung zu schaffen. Und die Bedeutung von Sprache ist nirgendwo augenfälliger als in einer Gesellschaft wie Südtirol.

    Bezahlhinweise ausschließlich auf Italienisch, Übersetzung fehlt vollständig.

    Das Digitale ist heute ein primärer Raum, in dem Sprache stattfindet. Wer dort auf Sorgfalt verzichtet – ob aus Gleichgültigkeit, Ressourcenmangel oder schlichter Gewöhnung –, leistet einen Beitrag zu jenem schleichenden Prozess, der einen Domänenverlust beschreibt: dem Rückzug einer Sprache aus bestimmten Lebensbereichen. Nicht durch politische Verbote, sondern durch Unterlassen.

    Bilder zum Vergrößern anklicken (links: »Daten des Kundens« → »Kundendaten« / »Daten des Kunden« | rechts: Informationen zur Ticketabholung ausschließlich auf Italienisch)

    Die Botschaft, die solche Fehler senden, ist subtil und deshalb umso wirkungsvoller: Hier spielt Sprache keine besondere Rolle. Für ein Kulturhaus ist das eine bemerkenswert unglückliche Botschaft.

    Es wäre eine Kleinigkeit, das zu ändern. Und eben das macht es so schwer zu erklären, warum es noch nicht geschehen ist.

    Cëla enghe: 01 02

    • 1
      Name ist uns bekannt

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  • Mussolini gegen Streichung der Ehrenbürgerschaft.

    Der Regionalrat von Trentino-Südtirol verabschiedet einen antifaschistischen Beschlussantrag, der unter anderem die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften an Benito Mussolini fordert.

    Was macht man da als »seriöse« italienische Tageszeitung? Genau: Man fragt — natürlich ohne jede Distanzierung und kritische Einordnung — bei der Enkelin des Duce nach, ob das sinnvoll ist. Sie muss es ja wissen.

    Titelseite Corriere (Südtirolbeilage) vom 28. April 2026 – Ausschnitt

    Gleich von der Titelseite des heutigen Corriere (Südtirolausgabe) weg darf sich also Edda Negri Mussolini, die den Nachnamen ihres Großvaters sogar erst 2012 im Erwachsenenalter — also bewusst — angenommen hat, darüber auslassen, wie überflüssig und was für eine Zeit- und Geldverschwendung das doch wäre.

    Unwidersprochen schildert sie einer Südtiroler Leserinnenschaft auch noch Mitleid heischend die angeblichen Ungerechtigkeiten, die ihrer Familie widerfahren seien sowie die Anfeindungen und Diskriminierungen, die sie mit ihrem Nachnamen — dem Namen eines der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts — zu ertragen habe. Über das ungleich größere Leid, das ihr Großvater über Europa und die Welt (und eben auch über Südtirol) gebracht hat, verliert sie hingegen kein einziges Wort. Im Gegenteil darf sie abschließend noch erklären, dass der Tag der Befreiung vom Faschismus am 25. April für sie »nichts anderes« sei als der Todestag ihrer Mutter im Jahr 1968.

    Wie tief kann man als Medium eigentlich noch sinken?

    Da der Beschlussantrag auch den Nationalsozialismus und andere Totalitarismen erwähnt, dürfen wir uns wohl bald auch auf Einschätzungen aus dem familiären Umfeld von Adolf Hitler, Josef Stalin oder Mao Zedong freuen. Ihnen jetzt ebenfalls das Wort zu erteilen, wäre so wichtig.

    Übrigens: Angst macht Edda Negri Mussolini Italien (s. Titel des Zeitungsartikels) selbstverständlich nicht wegen des wiederauferstehenden Faschismus, sondern wegen der Gewalt in Filmen, Videospielen und sozialen Medien.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07



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  • ›Minderheitenrechte dürfen nicht vom politischen Klima abhängen.‹


    FUEN-Präsidentin Olivia Schubert in Südtirol auf der Suche nach Solidarität und Unterstützung

    FUEN-Präsidentin Schubert war Gast der Versammlung des Südtiroler Volksgruppen-Instituts (SVI). Ein Gastspiel. Das Institut »begleitete« in der Vergangenheit das politische Lobbying der FUEN für europaweite Minderheitenrechte. Der ehemalige langjährige Leiter des Instituts, Professor Christoph Pan, war auch Vorsitzender der FUEN.

    Die Verbindungen sind also eng, Institutsleiter Paul Videsott beschreibt das SVI gar als den wissenschaftlichen Arm der FUEN. So arbeitete das SVI bei den Europarats-Dokumenten Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten und Sprachencharta mit.

    Schubert war also zu Gast bei engen Freunden. In ihrem Vortrag griff sie die politische Großwetterlage auf, den russischen Krieg in der Ukraine, den US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran, die damit ausgelöste wirtschaftliche Krise. Sie hofft, sagte sie, »dass das geopolitische Umfeld nicht noch schlechter wird und keine weiteren Krisen zu den vielen bereits schwelenden dazukommen.«

    Diese Krisen und Kriege wirken sich nämlich negativ auf Minderheiten aus, warnte Schubert: »In Krisenzeiten neigen Politiker stark dazu, Minderheitenfragen unter Sicherheitsaspekten in den Fokus zu nehmen, weniger als grundlegende Menschenrechtsfrage. In solchen Zeiten werden oft auch Sprachenrechte im Namen der nationalen Einheit infrage gestellt.« Eine unmissverständliche Analyse.

    FUEN sucht Hilfe bei der UNO

    Eine einheitliche Antwort darauf sei notwendig, sagte Schubert.

    Sie forderte, dass die EU-Kommission eine institutionelle Ansprechstelle für die nationalen Minderheiten einrichtet. Daran drückte sich die EU bisher erfolgreich vorbei. Da die EU zögert, sich mit Minderheitenfragen zu befassen, müssen die Minderheiten Europas bei der Schaffung und Stärkung rechtlicher Schutzmechanismen verstärkt mit den Vereinten Nationen und dem Europarat zusammenarbeiten, ist Schubert überzeugt. In diesem Sinne traf sie vor einigen Wochen den UN-Sonderbeauftragten Nicolas Levrat.

    Schubert-Vorgänger Lóránt Vincze schaffte es im Zusammenspiel auch mit Ungarn, die von der Europäischen Akademie in Bozen in ihren Grundzügen entworfene Minority-SafePack-Initiative zu einer der erfolgreichsten europäischen Bürgerinitiativen zu pushen. Vincze, Angehöriger der starken und selbstbewussten ungarischen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen, wurde aber auch vorgeworfen, übermäßig die Nähe zum inzwischen abgewählten illiberalen ungarischen Ministerpräsidenten Orbán gesucht zu haben.

    Obwohl die FUEN-Minderheiteninitiative erfolgreich war, erklärte sich die EU-Kommission als Kartell der Nationalstaaten für nicht zuständig. Die mehr als eine Million Unterschriften scherten die Kommission nicht. Eine doch undiplomatische Ohrfeige.

    Als einen »Rückschlag« bezeichnete Schubert, Angehörige der deutschen Minderheit Ungarns, das Ausbremsen der Initiative. Schubert betonte: kein Niederschlag, kein Scheitern, sondern ein Rückschlag. Darin sind die kulturellen, sprachlichen und nationalen Minderheiten seit langer Zeit geübt.

    »Die Entscheidung der Kommission kann das Netzwerk der Solidarität, das wir aufgebaut haben, nicht auslöschen«, begründete Präsidentin Schubert ihre Einschätzung, die Initiative stärkte untereinander die vielfältigen Beziehungen. Die in der Initiative formulierten Ziele und Maßnahmen werden weiterhin verfolgt. Inzwischen auch niedergeschrieben im »Minderheiten-Manifest für die Zukunft«, ein Dokument, das von mehreren minderheitlichen NGO mitgetragen wird.

    Südtirol für Minderheiten in Europa?

    Auch deshalb war Olivia Schubert in Südtirol, sie hofft auf die Südtiroler Unterstützung. Immerhin mobilisierte auch die Südtiroler Volkspartei ihre Mitglieder und Wählenden für die Bürgerinitiative der FUEN. SVP-Politiker:innen engagierten und engagieren sich für den europäischen Minderheitendachverband als Präsidenten, Vize und Präsidiumsmitglieder.

    Schubert nannte namentlich den langjährigen Institutsleiter Christoph Pan. Er brachte beispielsweise nach der Wende 1989/90 beim Aufbau der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, der Donauschwaben, sein Wissen und seine Erfahrungen ein.

    Das Südtiroler Volksgruppen-Institut versorgt die minderheitlichen Aktivist:innen auch mit theoretischen »Instrumenten«, mit der wissenschaftlichen Zeitschrift Europäisches Journal für Minderheitenfragen (EJM). Das SVI organisiert den Erfahrungsaustausch und forscht in Volksgruppen- und Autonomiefragen.

    Gespräche führte die FUEN-Präsidentin auch mit den Wissenschaftler:innen der Europäischen Akademie, die mit drei Instituten auch die Themen Minderheitenrechte, Autonomie und Föderalismus bearbeitet.

    Man könnte meinen, Schubert sei mit ihren Anliegen in Südtirol gut aufgehoben. Über weite Strecken trifft dies auch zu. So finanziert das Land die Arbeit der Eurac satt (die Grundfinanzierung für den Zeitraum 2025/27 beträgt mehr als 93 Millionen Euro) und auch das Volksgruppen-Institut, aber eher dürftig, es sollen nur 35.000 Euro sein. Noch überschaubarer ist die Unterstützung der FUEN durch das Land, 15.000 Euro. Bei einem Haushalt, der fast schon die Marke von zehn Milliarden Euro erreicht. Die Region steuert weitere 35.000 Euro bei. Eine doch dünne finanzielle Solidarität.

    Für die Einfahrt in das Südtiroler Olympiatal Antholz sponserte das Land die Installationen von »Olympia-Steinen«, Kostenpunkt eine halbe Million Euro. Dem Künstler sei es gegönnt. Aber: das sagt doch viel über Prioritäten aus.

    Cëla enghe:


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