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  • Immer mehr Italienerinnen gegen Zweisprachigkeitsnachweis.
    Sprachbarometer 2025

    Am 22. April hat an der Eurac eine Tagung zum 50-jährigen Bestehen des Sprachgruppenproporzes stattgefunden, die Andreas Gufler Oberhollenzer in einem Gastbeitrag für zusammengefasst hat. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, dass Eurac-Wissenschaftler Andrea Carlà in seinem Beitrag und in der anschließenden Diskussion unter anderem folgende Behauptungen aufgestellt hat:

    1. Dass es in Südtirol eine Art vertikale Segregation nach Sprachgruppen gebe, wobei Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung häufig deutscher, aber nur selten italienischer Muttersprache seien. Dazu fehlten jedoch empirische Studien.
    2. Dass in Südtirol niemand die Zweisprachigkeit infrage stelle.

    Zur ersten Behauptung habe ich bereits in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass es mit »Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in der Südtiroler Gesellschaft« sehr wohl eine einschlägige Studie gibt, die im Übrigen zum Schluss kommt, dass eine solche vertikale Segregation nicht nachweisbar ist.

    Auch bezüglich seiner zweiten Behauptung liegen Daten vor, nämlich im ASTAT-Sprachbarometer 2025. Demnach sprechen sich inzwischen 40 Prozent der Südtirolerinnen italienischer Muttersprache für die Abschaffung des Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweises als Voraussetzung für die Aufnahme in den öffentlichen Dienst aus. Nur noch 37 Prozent wollen diesen zentralen Pfeiler unserer Autonomie und des Minderheitenschutzes beibehalten.

    Der Anteil jener, die eine Abschaffung des Zwei- bzw. Dreisprachigkeitsnachweises im öffentlichen Dienst befürworten, ist innerhalb eines Jahrzehnts um 11 Prozentpunkte bzw. rund 38 Prozent gestiegen. Bemerkenswert ist dabei, dass — anders als in der deutschen Sprachgruppe — die Zustimmung zur Abschaffung mit steigendem Bildungsgrad zunimmt.

    Sowohl unter den Deutschen als auch unter den Ladinerinnen liegt der Anteil derer, die die Verpflichtung zum Sprachnachweis abschaffen möchten, bei vergleichsweise niedrigen, aber nicht vernachlässigbaren 14 Prozent.

    Natürlich ließe sich argumentieren, dass die Abschaffung der Nachweispflicht nicht automatisch die Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeit bedeutet. Wenn aber ein so großer Anteil der italienischen Sprachgruppe das wichtigste — und nach internationalen Standards wohl gebräuchlichste — Instrument zum Nachweis von Sprachkenntnissen ablehnt, fällt es schwer, etwas anderes zu vermuten.

    Hier verabschiedet sich die Titularnation zumehmend vom Konsens, auf dem unsere Autonomie und insbesondere der Minderheitenschutz beruhen. Sie tut dies, indem sie sich auch immer mehr von den Vorstellungen der deutschen und ladinischen Sprachgruppe entfernt. Da die Italienerinnen wissen, dass sie am wenigsten von einer Abschaffung der Zwei- bzw. Dreisprachigkeitspflicht zu befürchten hätten, kann man dies auch als eine Form der Entsolidarisierung werten.

    Die Aussage, dass in Südtirol »niemand« die Zweisprachigkeit infrage stelle, erscheint vor diesem Hintergrund jedenfalls sehr gewagt. Auch die Reaktionen auf den Fälschungsskandal (vgl.) sind ein guter Indikator für die auseinanderklaffenden Vorstellungen und Befindlichkeiten.

    Cëla enghe: 01 02 03



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  • ›Daten des Kundens.‹
    Wenn Kulturinstitutionen die Kultur der Sprache vergessen


    von Brennglas1Name ist uns bekannt

    Das Stadttheater Bozen verkauft Tickets online. Was dabei auf Deutsch erscheint, lässt zu wünschen übrig – und das ist symptomatischer, als es zunächst scheint.

    Es sind kleine Fehler. Fast zu klein, um Empörung zu rechtfertigen. Und genau das ist das Problem.

    Ich habe auf der Website des Stadttheaters und Konzerthauses Bozen neulich einige Tickets gekauft. Da ist mir eine sprachliche Melange begegnet, die man sich in einem Kulturbetrieb eigentlich kaum vorstellen mag: deutschsprachige Benutzeroberflächen, in denen plötzlich ganze Abschnitte auf Italienisch erscheinen. Bezahlhinweise auf Italienisch, Schaltflächen wie »Prosegui con altri acquisti« ohne Übersetzung, mitten im deutschen Text. Und das grammatikalisch fragwürdige »Daten des Kundens«, dort, wo es selbstverständlich »Kundendaten« oder wenigstens »Daten des Kunden« heißen müsste.

    Nun könnte man einwenden: Nicht alles liegt in der Hand des Theaters. Der Bestellprozess läuft womöglich über einen externen, gesamtstaatlichen Anbieter, der die Zweisprachigkeit nicht vollständig gewährleistet. Das mag sein – und ist dennoch keine Entschuldigung. Denn erstens gilt diese Erklärung nicht für den deutschen Grammatikfehler, der hausgemacht ist. Und zweitens: Wenn eine Institution, die für sich beansprucht, im kulturellen Herzen einer zweisprachigen Gesellschaft zu wirken, bei der Beauftragung externer Dienstleister die Sprachqualität nicht als Mindestanforderung definiert – was sagt das dann über ihre tatsächliche Haltung zur Sprache aus?

    Eine Institution, die Kultur vermittelt, trägt auch eine Verantwortung für die Sprache, in der sie kommuniziert. Diese Verantwortung endet nicht an der Schnittstelle zum Dienstleister.

    Theater, Konzerthäuser, Museen – sie sind keine Supermärkte (wobei das Recht auf die eigene Muttersprache auch dort keine Selbstverständlichkeit ist – aber das wäre ein Thema für sich). Sie verkaufen nicht irgendein Produkt. Sie behaupten, Bedeutung zu schaffen. Und die Bedeutung von Sprache ist nirgendwo augenfälliger als in einer Gesellschaft wie Südtirol.

    Bezahlhinweise ausschließlich auf Italienisch, Übersetzung fehlt vollständig.

    Das Digitale ist heute ein primärer Raum, in dem Sprache stattfindet. Wer dort auf Sorgfalt verzichtet – ob aus Gleichgültigkeit, Ressourcenmangel oder schlichter Gewöhnung –, leistet einen Beitrag zu jenem schleichenden Prozess, der einen Domänenverlust beschreibt: dem Rückzug einer Sprache aus bestimmten Lebensbereichen. Nicht durch politische Verbote, sondern durch Unterlassen.

    Bilder zum Vergrößern anklicken (links: »Daten des Kundens« → »Kundendaten« / »Daten des Kunden« | rechts: Informationen zur Ticketabholung ausschließlich auf Italienisch)

    Die Botschaft, die solche Fehler senden, ist subtil und deshalb umso wirkungsvoller: Hier spielt Sprache keine besondere Rolle. Für ein Kulturhaus ist das eine bemerkenswert unglückliche Botschaft.

    Es wäre eine Kleinigkeit, das zu ändern. Und eben das macht es so schwer zu erklären, warum es noch nicht geschehen ist.

    Cëla enghe: 01 02

    • 1
      Name ist uns bekannt

    Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen.· I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Mussolini gegen Streichung der Ehrenbürgerschaft.

    Der Regionalrat von Trentino-Südtirol verabschiedet einen antifaschistischen Beschlussantrag, der unter anderem die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften an Benito Mussolini fordert.

    Was macht man da als »seriöse« italienische Tageszeitung? Genau: Man fragt — natürlich ohne jede Distanzierung und kritische Einordnung — bei der Enkelin des Duce nach, ob das sinnvoll ist. Sie muss es ja wissen.

    Titelseite Corriere (Südtirolbeilage) vom 28. April 2026 – Ausschnitt

    Gleich von der Titelseite des heutigen Corriere (Südtirolausgabe) weg darf sich also Edda Negri Mussolini, die den Nachnamen ihres Großvaters sogar erst 2012 im Erwachsenenalter — also bewusst — angenommen hat, darüber auslassen, wie überflüssig und was für eine Zeit- und Geldverschwendung das doch wäre.

    Unwidersprochen schildert sie einer Südtiroler Leserinnenschaft auch noch Mitleid heischend die angeblichen Ungerechtigkeiten, die ihrer Familie widerfahren seien sowie die Anfeindungen und Diskriminierungen, die sie mit ihrem Nachnamen — dem Namen eines der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts — zu ertragen habe. Über das ungleich größere Leid, das ihr Großvater über Europa und die Welt (und eben auch über Südtirol) gebracht hat, verliert sie hingegen kein einziges Wort. Im Gegenteil darf sie abschließend noch erklären, dass der Tag der Befreiung vom Faschismus am 25. April für sie »nichts anderes« sei als der Todestag ihrer Mutter im Jahr 1968.

    Wie tief kann man als Medium eigentlich noch sinken?

    Da der Beschlussantrag auch den Nationalsozialismus und andere Totalitarismen erwähnt, dürfen wir uns wohl bald auch auf Einschätzungen aus dem familiären Umfeld von Adolf Hitler, Josef Stalin oder Mao Zedong freuen. Ihnen jetzt ebenfalls das Wort zu erteilen, wäre so wichtig.

    Übrigens: Angst macht Edda Negri Mussolini Italien (s. Titel des Zeitungsartikels) selbstverständlich nicht wegen des wiederauferstehenden Faschismus, sondern wegen der Gewalt in Filmen, Videospielen und sozialen Medien.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07



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  • ›Minderheitenrechte dürfen nicht vom politischen Klima abhängen.‹


    FUEN-Präsidentin Olivia Schubert in Südtirol auf der Suche nach Solidarität und Unterstützung

    FUEN-Präsidentin Schubert war Gast der Versammlung des Südtiroler Volksgruppen-Instituts (SVI). Ein Gastspiel. Das Institut »begleitete« in der Vergangenheit das politische Lobbying der FUEN für europaweite Minderheitenrechte. Der ehemalige langjährige Leiter des Instituts, Professor Christoph Pan, war auch Vorsitzender der FUEN.

    Die Verbindungen sind also eng, Institutsleiter Paul Videsott beschreibt das SVI gar als den wissenschaftlichen Arm der FUEN. So arbeitete das SVI bei den Europarats-Dokumenten Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten und Sprachencharta mit.

    Schubert war also zu Gast bei engen Freunden. In ihrem Vortrag griff sie die politische Großwetterlage auf, den russischen Krieg in der Ukraine, den US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran, die damit ausgelöste wirtschaftliche Krise. Sie hofft, sagte sie, »dass das geopolitische Umfeld nicht noch schlechter wird und keine weiteren Krisen zu den vielen bereits schwelenden dazukommen.«

    Diese Krisen und Kriege wirken sich nämlich negativ auf Minderheiten aus, warnte Schubert: »In Krisenzeiten neigen Politiker stark dazu, Minderheitenfragen unter Sicherheitsaspekten in den Fokus zu nehmen, weniger als grundlegende Menschenrechtsfrage. In solchen Zeiten werden oft auch Sprachenrechte im Namen der nationalen Einheit infrage gestellt.« Eine unmissverständliche Analyse.

    FUEN sucht Hilfe bei der UNO

    Eine einheitliche Antwort darauf sei notwendig, sagte Schubert.

    Sie forderte, dass die EU-Kommission eine institutionelle Ansprechstelle für die nationalen Minderheiten einrichtet. Daran drückte sich die EU bisher erfolgreich vorbei. Da die EU zögert, sich mit Minderheitenfragen zu befassen, müssen die Minderheiten Europas bei der Schaffung und Stärkung rechtlicher Schutzmechanismen verstärkt mit den Vereinten Nationen und dem Europarat zusammenarbeiten, ist Schubert überzeugt. In diesem Sinne traf sie vor einigen Wochen den UN-Sonderbeauftragten Nicolas Levrat.

    Schubert-Vorgänger Lóránt Vincze schaffte es im Zusammenspiel auch mit Ungarn, die von der Europäischen Akademie in Bozen in ihren Grundzügen entworfene Minority-SafePack-Initiative zu einer der erfolgreichsten europäischen Bürgerinitiativen zu pushen. Vincze, Angehöriger der starken und selbstbewussten ungarischen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen, wurde aber auch vorgeworfen, übermäßig die Nähe zum inzwischen abgewählten illiberalen ungarischen Ministerpräsidenten Orbán gesucht zu haben.

    Obwohl die FUEN-Minderheiteninitiative erfolgreich war, erklärte sich die EU-Kommission als Kartell der Nationalstaaten für nicht zuständig. Die mehr als eine Million Unterschriften scherten die Kommission nicht. Eine doch undiplomatische Ohrfeige.

    Als einen »Rückschlag« bezeichnete Schubert, Angehörige der deutschen Minderheit Ungarns, das Ausbremsen der Initiative. Schubert betonte: kein Niederschlag, kein Scheitern, sondern ein Rückschlag. Darin sind die kulturellen, sprachlichen und nationalen Minderheiten seit langer Zeit geübt.

    »Die Entscheidung der Kommission kann das Netzwerk der Solidarität, das wir aufgebaut haben, nicht auslöschen«, begründete Präsidentin Schubert ihre Einschätzung, die Initiative stärkte untereinander die vielfältigen Beziehungen. Die in der Initiative formulierten Ziele und Maßnahmen werden weiterhin verfolgt. Inzwischen auch niedergeschrieben im »Minderheiten-Manifest für die Zukunft«, ein Dokument, das von mehreren minderheitlichen NGO mitgetragen wird.

    Südtirol für Minderheiten in Europa?

    Auch deshalb war Olivia Schubert in Südtirol, sie hofft auf die Südtiroler Unterstützung. Immerhin mobilisierte auch die Südtiroler Volkspartei ihre Mitglieder und Wählenden für die Bürgerinitiative der FUEN. SVP-Politiker:innen engagierten und engagieren sich für den europäischen Minderheitendachverband als Präsidenten, Vize und Präsidiumsmitglieder.

    Schubert nannte namentlich den langjährigen Institutsleiter Christoph Pan. Er brachte beispielsweise nach der Wende 1989/90 beim Aufbau der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, der Donauschwaben, sein Wissen und seine Erfahrungen ein.

    Das Südtiroler Volksgruppen-Institut versorgt die minderheitlichen Aktivist:innen auch mit theoretischen »Instrumenten«, mit der wissenschaftlichen Zeitschrift Europäisches Journal für Minderheitenfragen (EJM). Das SVI organisiert den Erfahrungsaustausch und forscht in Volksgruppen- und Autonomiefragen.

    Gespräche führte die FUEN-Präsidentin auch mit den Wissenschaftler:innen der Europäischen Akademie, die mit drei Instituten auch die Themen Minderheitenrechte, Autonomie und Föderalismus bearbeitet.

    Man könnte meinen, Schubert sei mit ihren Anliegen in Südtirol gut aufgehoben. Über weite Strecken trifft dies auch zu. So finanziert das Land die Arbeit der Eurac satt (die Grundfinanzierung für den Zeitraum 2025/27 beträgt mehr als 93 Millionen Euro) und auch das Volksgruppen-Institut, aber eher dürftig, es sollen nur 35.000 Euro sein. Noch überschaubarer ist die Unterstützung der FUEN durch das Land, 15.000 Euro. Bei einem Haushalt, der fast schon die Marke von zehn Milliarden Euro erreicht. Die Region steuert weitere 35.000 Euro bei. Eine doch dünne finanzielle Solidarität.

    Für die Einfahrt in das Südtiroler Olympiatal Antholz sponserte das Land die Installationen von »Olympia-Steinen«, Kostenpunkt eine halbe Million Euro. Dem Künstler sei es gegönnt. Aber: das sagt doch viel über Prioritäten aus.

    Cëla enghe:


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  • Coldiretti missbraucht wieder den Brenner.

    Schön langsam wird es zu einer — unangenehmen — Gewohnheit: Die italienische Bauernlobby platziert sich am Brenner, um mit klar gastronationalistischem Ton an der (angeblichen) »Grenze der Nation« gegen Waren aus dem Ausland zu protestieren. Auch jetzt wieder.

    Gemeinsam mit italienischen Ordnungshütern werden dann unter Slogans wie »Stoppen wir das gefälschte italienische Essen – NofakeinItaly«1Übersetzung von mir – Original: »Fermiamo il falso cibo italiano – NofakeinItaly« und »Hände weg vom Made in Italy«2Übersetzung von mir – Original: »Giù le mani dal Made in Italy« öffentlich Lkws inspiziert, die den Brenner Richtung Süden überqueren, also im Grunde Selbst- und Schaujustiz betrieben, die eines Rechtsstaates unwürdig ist.

    So »kontrollierte« Lkws sollen sogar mit einem speziellen Aufkleber der Aktion markiert werden.

    Quelle: Rai

    Dass Coldiretti für dieses sich wiederholende, unwürdige Spektakel ein Land wie Südtirol ausgewählt hat, wo die Staatsgrenze und der Grenzabbau eine ganz besondere Bedeutung haben, macht die Angelegenheit noch einmal kritikwürdiger.

    Doch anstatt die Vereinnahmung zu verurteilen, beteiligt sich die Südtiroler Landesregierung auch noch direkt an dem Theater. So soll Medienberichten zufolge LH-Vize Marco Galateo von den neofaschistischen Fratelli d’Italia gemeinsam mit dem Trentiner LH Maurizio Fugatti (Lega) vor Ort gewesen sein, um den Landwirten seine Unterstützung zu beweisen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04

    • 1
      Übersetzung von mir – Original: »Fermiamo il falso cibo italiano – NofakeinItaly«
    • 2
      Übersetzung von mir – Original: »Giù le mani dal Made in Italy«


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  • 50 Jahre Proporz – zur Veranstaltung der Eurac.


    von Andreas Gufler Oberhollenzer

    An der Eurac fand am 22. April eine Tagung zum 50-jährigen Bestehen des ethnischen Proporzes statt. Ich habe die Veranstaltung vor allem deshalb besucht, weil ich sehen wollte, wer über den Proporz in Südtirol diskutiert und eben auch, was diskutiert wird. Eines vorweg: Es waren vor allem Akademiker:innen und medial bekannte Personen; die Tagung war sehr zahlen- und statistiklastig.

    Im Folgenden möchte ich Teile der Tagung kurz zusammenfassen und manchmal einen kritischen Blick darauf werfen. Insgesamt waren zehn Vorträge zum Proporz geplant, wovon der Vortrag von Karin Ranzi über die »Wahrung der Zwei- und Dreisprachigkeit« krankheitsbedingt ausgefallen ist. Sieben Vorträge waren auf Deutsch, einer auf Englisch und einer auf Italienisch. Die Veranstaltung war in drei Panels aufgebaut, nach denen Teilnehmer:innen der Tagung den Vortragenden Fragen stellen konnten. Am Ende der Tagung war noch eine Diskussionsrunde geplant, bei der ich aber nicht mehr anwesend war.

    Marc Röggla eröffnete die Tagung und switchte bei seiner Rede zwischen Italienisch und Deutsch. Er wies auf die Kontroversität des Proporzes in Südtirol hin; früher sei der Proporz besser angesehen gewesen als heute, wo man schnell als »Ewiggestriger« gelte. Auch gab Röggla zu bedenken, dass viele junge Südtiroler:innen gar nicht wüssten, was der Proporz ist. Dies hat sich auch im Publikum gezeigt: Es waren nur sehr wenige junge Menschen anwesend. Röggla wünscht sich, mit dieser Veranstaltung einen Diskussionsraum über den Proporz zu schaffen.

    Der Proporz im Laufe der Zeit

    Oskar Peterlinis Vortrag begann mit einem Abriss über die steinige Geschichte der Autonomie, beginnend beim Faschismus. Anschließend präsentierte Peterlini die historische Verteilung von öffentlichen Stellen bei Land und Staat, verteilt nach den drei Sprachgruppen, und konstatierte schließlich einen Rückgang von Staatsbediensteten der deutschen und ladinischen Sprachgruppe. Peterlini nannte dabei mögliche und sehr valide Gründe für diese Entwicklung: Braindrain, wirtschaftliche Gründe, Geburtenrückgang, mehr Arbeitsmöglichkeiten deutsch- und ladinischsprachiger Menschen in der Landwirtschaft.
    Aber was ist mit strukturellen Gründen, die mit dem Staatsdienst selbst zu tun haben? Sind staatliche Behörden in Südtirol so strukturiert, dass Zwei- bzw. Dreisprachigkeit gewährleistet ist? Sind Computerprogramme und interne Mitteilungen in der jeweiligen Muttersprache verfügbar? Kann man bei Besprechungen oder im Team Deutsch oder Ladinisch reden? Natürlich könnte man einwenden, dass jede:r Staatsbedienstete in Südtirol – wenigstens theoretisch – die Landessprachen Deutsch und Italienisch beherrschen müsse, trotzdem macht es etwas aus, ob man im Arbeitsumfeld seine jeweilige Muttersprache verwenden kann/darf oder eben nicht. Vielleicht könnte das auch ein Grund sein, wieso Deutschsprachige und Ladinischsprachige nicht so gern im Staatsdienst tätig sind.

    Die »vorübergehende« Durchführungsbestimmung

    Peterlini erwähnte auch die neue, »vorübergehende« Durchführungsbestimmung 97/2025, die es erlaubt, den Proporz bei öffentlichen Stellen zu umgehen und Menschen in Abweichung der Proporzregelungen und dabei auch ohne Zweisprachigkeitsnachweis befristet anzustellen. Diese Regelung greift, wenn mindestens 10 Prozent Personalmangel vorherrscht, was laut Peterlini aktuell auf jede Behörde zutreffen würde. Kritisch sieht Peterlini vor allem auch, dass es dabei keinen Zweisprachigkeitsnachweis mehr braucht, und beschreibt dies als Rückschritt – zurecht, wie ich finde. Peterlini betonte aber, dass es eine »vorübergehende« Regelung sei, sogar der Landeshauptmann habe ihn am Morgen der Tagung angerufen und gebeten, zu erwähnen, dass diese Regelung »vorübergehend« sei.

    Vorübergehend bedeutet in dem Falle wahrscheinlich aber auf unbestimmte Zeit, bis eine neue Regelung verabschiedet wird. Wenn man sich die entsprechende Durchführungsbestimmung 97/2025 anschaut, gibt es kein festgesetztes Datum, ab wann diese ausläuft.

    Peterlinis Fazit zum Proporz lautet, dass er heutzutage weniger als Schutzinstrument von Minderheiten dient als früher.

    Die Sprachgruppenzählung

    Beim Vortrag von Timon Gärtner, Geschäftsführer des ASTAT, ging es um die Sprachgruppenzählungen, die alle zehn Jahre durchgeführt werden müssen, damit der Proporz berechnet werden kann. Gärtner referierte über die administrativen und methodischen Herausforderungen einer solchen Zählung, ferner resümierte er auch positiv über die bei der letzten Zählung erstmals eingeführte Online-Abstimmung. Gärtner gab auch einen Überblick über den rechtlichen Rahmen der Sprachgruppenzählung, die nun, im Gegensatz zu früher, von der allgemeinen Volkszählung entkoppelt wurde und als eigenständige statistische Erhebung durchgeführt wird. Bei der Informationskampagne für die letzte Sprachgruppenzählung, erzählte Gärtner, wäre man bemüht gewesen, in Gherdëina und Val Badia die jeweiligen Informationen auch in den ladinischen Sprachidiomen zur Verfügung zu stellen.

    Missbrauchsanfälligkeit der Sprachgruppenzählung

    Um bei der Sprachgruppenzählung teilnehmen zu können, braucht man die italienische Staatsangehörigkeit und den Wohnsitz an einem Stichtag (30. September 2023 bei der letzten Zählung) in Südtirol. Die letzte Voraussetzung scheint mir jedoch sehr anfällig für Missbrauch, und das habe ich bei der anschließenden Diskussion auch angemerkt. Im Gegensatz zur Ansässigkeitsklausel bei Wahlen, die (noch) vier Jahre beträgt, braucht man für die Sprachgruppenzählung lediglich die italienische Staatsangehörigkeit und eine eintägige Ansässigkeit zum Stichtag in Südtirol. Gärtner bestätigte auf meine Nachfrage hin, dass es zu Missbrauch hätte kommen können, vor allem durch die vielen Zweitwohnungen in Südtirol.

    Il «disagio» per la proporzionale?

    Andrea Carlà, Wissenschaftler an der Eurac, war der Einzige der Vortragenden, der auf Italienisch referierte. Sein Vortrag trägt den Titel »Il ‚disagio‘ per la proporzionale?« und bezog sich beim Begriff des disagio auf den Artikel »Il disagio degli italiani tra retorica e realtà« von Luca Fazzi. Carlà betrachtete den Proporz für seinen Vortrag rein in der Funktion der Vergabe von öffentlichen Stellen nach Sprachgruppen und sprach in seinem Vortrag von »Alto Adige« und »altoatesini«, was mich persönlich befremdet hat. Zudem habe man in Südtirol eine Art vertikale Segregation nach Sprachgruppen, wo es vor allem deutschsprachige Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung gäbe, wenig jedoch italienischsprachige; empirische Studien gäbe es dazu aber noch keine, merkte Carlà an. Der Proporz sei für viele Menschen in Südtirol zu etwas Nebensächlichem geworden, es gäbe zudem wenig Anreize für Menschen, öffentliche Stellen zu bekleiden, und für viele Menschen wichtigere Dinge als den Proporz. Carlà fragte (rhetorisch), ob der Minderheitenschutz nicht auch von anderen Instrumenten gewährleistet wird und so der Proporz obsolet würde, wies dabei aber gleichzeitig auf den aktuellen Skandal um die Fälschungen der Zweisprachigkeitszertifikate hin.

    Bei der anschließenden Diskussion merkte Carlà an, dass in Südtirol niemand die Zweisprachigkeit infrage stelle. Meines Wissens gibt es dazu aber auch keine empirischen Untersuchungen.

    Mindestquote für Ladiner:innen

    Für Ladiner:innen habe der Proporz auch Schattenseiten, meinte Sophie Mangutsch in ihrem Vortrag. Die Ladiner:innen machen zahlenmäßig (bei er letzten Sprachgruppenzählung) etwa 4,41 Prozent aus. Der Proporz schütze vor allem die großen Sprachgruppen Deutsch und Italienisch, nichtsdestotrotz denken Ladiner:innen, dass der Proporz auch für sie wichtig ist. Mangutsch weist darauf hin, dass viele Ladiner:innen aus den Tälern auswandern und sich dort dann seltener der ladinischen Sprachgruppe zugehörig erklären, was aber dann die ladinische Sprachgruppe an sich wieder schwächt. Dem könnte man laut Mangutsch entgegensteuern, wenn man eine Mindestquote für Ladiner:innen festlegt oder eben auch die Möglichkeit außerhalb der Täler schafft, dass Ladiner:innen Minderheitenrechte in Anspruch nehmen können.

    Es wird vorausgesetzt, dass man Spanisch spricht

    Eine andere Perspektive einer Minderheit, jene der Bask:innen, wurde von Maddi Dorronsoro Olamusu vorgestellt. Das Baskenland ist in eine französische Hälfte und eine spanische Hälfte geteilt. Dorronsoro Olamusu gab einen Überblick der Minderheitenrechte in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlands (spanische Seite), die sich erst durch das Ende des Franco-Regimes entwickeln konnten. Im Gegensatz zu Südtirol gibt es keinen Proporz, sondern man muss, um ein öffentliches Amt zu bekleiden, je nach Berufsgruppe ein unterschiedliches Niveau Baskisch sprechen können. Es braucht kein Zweisprachigkeitszertifikat Spanisch-Baskisch, denn die Kenntnis der spanischen Sprache wird bereits vorausgesetzt.

    Bei der anschließenden Diskussion erzählte Dorronsoro Olamusu von einer persönlichen Erfahrung mit einer Behörde in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlands, wo sie etwas in einer Behörde zu erledigen hatte. Die Beamtin in der Behörde hatte ein Schild, worauf stand, dass man langsam sprechen solle, da sie Baskisch lerne. Dorronsoro Olamusu hat aber gemerkt, dass die Beamtin einige Dinge auf Baskisch nicht verstanden hatte und hat dann schließlich auf Spanisch mit ihr geredet, um ihr Anliegen zum Abschluss zu bringen.

    Die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung wie die Steuererklärung

    Verena Wisthaler präsentierte eine Studie – deren Titel mir leider entfallen ist –, wie Migrant:innen den ethnischen Proporz und auch die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung sehen. Viele der Migrant:innen wüssten nichts bzw. sehr wenig über den Proporz in Südtirol. Die interviewten Migrant:innen würden den Proporz und die Teilnahme an Sprachgruppenzählungen als etwas sehen, was man für andere macht, weniger für sich selbst. Für viele Migrant:innen sei es zudem schwierig, sich für eine Sprachgruppe zu entscheiden, da sie sich oft keiner zugehörig fühlen. Ein:e Respondent:in in der Studie verglich die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung mit einer Steuererklärung: Man müsse es irgendwann halt machen, aber es sei nichts Lebensbestimmendes.


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  • Kontinuum zwischen Dialekt und Standard.
    Quotation

    Laut Geschäftsordnung des Südtiroler Landtags kann man Deutsch und Italienisch ja gleichermaßen verwenden. Inwiefern der Dialekt eingeschlossen ist, wird nicht expliziert. Nun ist die deutsche Sprache aber ein wunderbar variationsreiches Gebilde und man muss sich nicht einmal entweder für das Standarddeutsche – oft auch synonym als Hochdeutsch bezeichnet – oder den Dialekt entscheiden. Man kann sich nämlich zwischen den beiden Polen ein Kontinuum vorstellen und z. B. ein mehr oder weniger umgangssprachlich bzw. dialektal gefärbtes Standarddeutsch wählen.

    Andrea Abel, Germanistin und Soziolinguistin, im Gespräch, das Heinrich Schwazer für die TAZ (18./19. April) mit ihr und dem Minderheitenexperten Günther Rautz geführt hat. Beide arbeiten an der Eurac.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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  • Regionalrat verabschiedete antifaschistischen Antrag.

    Am Mittwoch dieser Woche hat der Regionalrat einen antifaschistischen Antrag (Nr. 26) genehmigt, der ursprünglich von der STF eingebracht worden war. Der beschließende Teil lautet folgendermaßen:

    1. Der Regionalrat spricht sich unmissverständlich gegen jede Form der Verherrlichung, Verharmlosung oder Relativierung des Faschismus, Nationalsozialismus und jeglicher anderen Form des Totalitarismus aus.
    2. Der Regionalrat bekräftigt, dass das faschistische Regime unter Benito Mussolini eine totalitäre Diktatur war, die grundlegende Menschenrechte außer Kraft setzte, politische Gegner verfolgte, schwere Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung sowie gegen andere Völker beging und sich insbesondere in unserer Region durch eine brutale Assimilierungs- und Italianisierungspolitik schuldig gemacht hat.
    3. Die Regionalregierung wird beauftragt, in Zusammenarbeit mit den Gemeinden der Region zu erheben, in welchen Gemeinden Benito Mussolini und andere Faschisten noch immer die Ehrenbürgerschaft genießen bzw. in welchen Gemeinden Straßen nach Symbolfiguren und Örtlichkeiten benannt sind, die dem Narrativ der faschistischen Propaganda dienen und die Taten des Faschismus verherrlichen.
    4. Die Regionalregierung wird aufgefordert, auf diese Gemeinden einzuwirken, damit sie die Ehrenbürgerschaft von Benito Mussolini und anderer Faschisten aberkennen sowie faschistisch geprägte Straßenbezeichnungen abändern, so dass ein klares Zeichen für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und historische Verantwortung gesetzt wird.

    – Beschlussantrag Nr. 26 (Auszug)

    Der von mir kursiv gesetzte Teil von Punkt 1 wurde aufgrund eines Änderungsantrags eingefügt, den Waltraud Deeg (SVP) im Namen von insgesamt 33 Abgeordneten eingebracht hatte. Konkreter Anlass für die eindeutige Positionierung des Regionalparlaments war vermutlich der kürzlich eklatant gescheiterte Versuch, dem faschistischen Diktator Benito Mussolini die Ehrenbürgerschaft von Trient abzuerkennen (vgl.).

    Während Punkt 1 — allerdings nur, weil sämtliche Totalitarismen berücksichtigt wurden — noch einstimmig genehmigt wurde, konnten sich die sowohl im Trentino als auch in Südtirol mitregierenden, neofaschistischen Fratelli d’Italia bei den weiteren Punkten schon nicht mehr zu einer Zustimmung durchringen. Das entspricht einem bereits bekannten Drehbuch (vgl.). In der Debatte bezeichnete der Südtiroler LH-Stellvertreter Marco Galateo (FdI) die Forderung nach Änderung von Straßennamen in bestem Neusprech sogar als Geschichtsrevisionismus, bevor er zum Whataboutism überging und bemängelte, dass sich manche weigerten, den Terrorismus zu verurteilen.

    Die Frage nach einer roten Linie stelle ich erst gar nicht mehr, doch glücklicherweise wiesen mehrere Abgeordnete (z.B. Sven Knoll, STF) auf die Unglaubwürdigkeit der SVP hin, die solchen Anträgen zustimmt und gleichzeitig mit den politischen Erbinnen des Faschismus regiert — als auch (z.B. Andreas Leiter Reber, Freie Fraktion1im Regionalrat: Gemischte Fraktion) auf die Heuchelei der einbringenden STF selbst, die heute rechtsextreme und rassistische Positionen vertritt.

    Ob der Antrag nicht nur symbolische, sondern in den Gemeinden auch konkrete Folgen haben wird, muss sich freilich erst noch zeigen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 || 01

    • 1
      im Regionalrat: Gemischte Fraktion


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