Schon zum zweiten Mal hat der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella heuer seinen Sommerurlaub in der Seiser Villa Ausserer verbracht, so wie es auch sein Vorgänger Carlo Azeglio Ciampi regelmäßig tat. Doch auch Ministerpräsidenten wie Paolo Gentiloni waren schon zu Gast. Das Gebäude gehört dem italienischen Staat und dient dem Militär als Erholungs- und Logistikbasis. Seine Geschichte reicht jedoch weit über die gegenwärtige Nutzung zurück, unter anderem bis zur Option, zum Umgang mit dem zurückgelassenen Vermögen der Optantinnen und zur Aneignung ihrer Immobilien durch den faschistischen Staat.
Vor rund zehn Jahren hatte die Gemeinde Kastelruth versucht, das Feriendomizil für Militärangehörige wenigstens zur Entrichtung der Ortstaxe zu bewegen. Der italienische Staat weigert sich jedoch beharrlich, der örtlichen Gemeinschaft in dieser Form einen kleinen Beitrag zu entrichten. Auch Hans Heiss, Brigitte Foppa und Riccardo Dello Sbarba (Grüne) hakten in der Sache damals mit einer Landtagsanfrage (Nr. 2189/16) nach.
Mich hat immer schon wunder genommen, wie die Villa in den Besitz der italienischen Streitkräfte gelangt ist, doch Informationen dazu sind ausgesprochen spärlich. Nun aber hat Lisa Maria Gasser die Geschichte für die SWZ vom 28. August nachgezeichnet — und die ist, wie man vermuten konnte, alles andere als unproblematisch.
Demnach wurde das Anwesen Ende des 19. Jahrhunderts als Sommerresidenz von Karl Ausserer errichtet. Der in Bozen geborene Historiker stammte aus einer ursprünglich vom Nonsberg kommenden Familie. Nachdem er ab 1889 in Wien gelebt hatte, ließ er sich 1919 endgültig in Seis nieder, wo er wenig später starb. Das Haus erbte sein gleichnamiger Neffe, der es 1927 an den Ingenieur Leo Perwanger verkaufte, einen Großonkel des früheren Rai-Koordinators Markus Perwanger.
Dann kam die Option. Als Leo Perwanger 1942 nach Wien zog, fiel die Villa dem berüchtigten Ente nazionale per le Tre Venezie (ENTV) zu. Die 1939 geschaffene Einrichtung sollte die Immobilien jener Südtirolerinnen »übernehmen«, die sich für die Auswanderung ins Deutsche Reich entschieden hatten. Das ENTV hatte die Aufgabe, die teilweise enteigneten oder weit unter Wert erworbenen Güter zu verwalten und in vielen Fällen auch wieder zu veräußern. Im Rahmen der Option gerieten so unzählige Liegenschaften von Menschen, die ihre Heimat unter dem massiven Druck der damaligen Verhältnisse verließen, unter staatliche Kontrolle.
Erst 1972 ging das Vermögen des ENTV an das Land Südtirol über. Die Villa Ausserer gehörte allerdings nicht mehr dazu: Der italienische Staat hatte sie schon 1963 dem Militär zur Verfügung gestellt.
Eine angemessene Entschädigung für Leo Perwanger beziehungsweise für seine rechtmäßigen Erben ist mir nicht bekannt und wird auch von Lisa Maria Gasser nicht erwähnt.
Doch selbst wenn es — was mir unwahrscheinlich erscheint — zu einem finanziellen Ausgleich gekommen sein sollte, wäre damit nicht automatisch auch die historische und politische Problematik erledigt. Wie ich finde, sollte sich eine Immobilie, die im Zusammenhang mit der Option in die Hände des Besatzers gefallen ist, gerade in einem Land wie Südtirol grundsätzlich als Residenz des italienischen Staatspräsidenten verbieten. Eine offensive, öffentlich nachvollziehbare Aufarbeitung der Eigentumsgeschichte und der genauen Umstände der Aneignung wäre jedoch das Allermindeste.
Nichts in diese Richtung ist aber auch nur ansatzweise geschehen. Im Gegenteil: Die Villa scheint von einer ausgesprochenen Geheimniskrämerei umgeben zu sein. So wirft ihre Geschichte nach wie vor zahlreiche Fragen auf, offizielle Informationen sind kaum zu finden.
Wer das koloniale Erbe verwaltet, muss es aber offenbar nicht unbedingt hinterfragen. Manchmal genügt es, stillschweigend die Schlüssel zu behalten und sich von Zeit zu Zeit selbst einzuladen.
Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 | 07

Villa Ausserer