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  • ›Letztlich entscheiden wir.‹
    Carbone delle Alpi

    Im heutigen Morgengespräch von Rai Südtirol hat sich der Energieberater und frühere SEAB-Präsident Rupert Rosanelli zur Causa Carbone delle Alpi und zu seiner eigenen Verhaftung geäußert. Unter anderem sagte er:

    Ich bin ja auch ein bisschen im politischen Umfeld tätig und habe schon Verständnis dafür, was manchmal zu solchen Entwicklungen führen kann. Ich glaube, Südtirol ist einfach mit seiner Ausprägung als Autonomie sehr erfolgreich und hat jetzt weitere Freiheiten — oder Selbständigkeiten — bekommen durch das neue Autonomiestatut, und da ist speziell der Bereich Abfallwirtschaft auch dabei. Ich will hier nicht zu weit gehen in meinen Spekulationen, das steht mir vielleicht auch gar nicht zu. Aber das Gefühl ist schon da, dass die Zentralmacht einfach aufzeigen wollte: Passt auf, ihr habt zwar viele Freiheiten, auch normativer Natur, aber letztlich entscheiden wir.

    – Rupert Rosanelli

    Transkription von mir

    Vor wenigen Tagen hatte schon der Historiker und ehemalige Landtagsabgeordnete der Grünen Hans Heiss einen Zusammenhang zwischen der spektakulären Polizeiaktion und der kurz zuvor genehmigten Autonomiereform hergestellt.

    Die Autonomie wird also auf der einen Seite mit erweiterten Zuständigkeiten ausgestattet, wofür als Gegenleistung bereits eine Schwächung des Minderheitenschutzes in Kauf genommen wurde. Auf der anderen Seite steht nun sogar der schwerwiegende Verdacht im Raum, dass der Zentralstaat Menschen verhaften lässt, um eine antiautonomistische Warnung auszusenden und den praktischen Wert dieser Zuständigkeiten wieder zu relativieren.

    Autonomie benötigt nicht nur rechtliche Grundlagen, sondern auch das Vertrauen jener Menschen, die sie ausüben sollen. Wenn Beamtinnen, Techniker und Politikerinnen befürchten müssen, bei Entscheidungen überzogenen Ermittlungen, öffentlichen Vorverurteilungen und gar Verhaftungen ausgesetzt zu werden, kann dies eine abschreckende Wirkung haben, die weit über den konkreten Fall hinausgeht.

    Umso erstaunlicher ist aus meiner Sicht die passive, geradezu apathische Haltung der offiziellen Landespolitik. Folgt man der Deutung von Heiss und Rosanelli, wäre dies ein Hinweis darauf, dass »die Zentralmacht« schon einen Teil ihres Zieles erreicht hat: Niemand begehrt auf, die Botschaft »letztlich Entscheiden wir« ist angekommen.



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  • Galateo und Bianchi marginalisieren die deutsche Sprache.
    Minorisierung

    An einem aktuellen Beispiel lässt sich wieder einmal hervorragend beobachten, wie beharrlich die italienischen Landesräte an der Marginalisierung der Minderheiten und an der schleichenden Zurückdrängung der deutschen Sprache arbeiten. Den deutschen Regierungsmitliedern scheint dies bestenfalls gleichgültig zu sein.

    Schon 2024 hatte LH-Stellvertreter Marco Galateo (FdI) bei seinen Pressekonferenzen plötzlich die italienische Flagge eingeführt, die es zuvor an dieser Stelle nicht gab. Seither entfaltet sie dort ihre mehr als nur symbolische Wirkung. Da sie zudem zentral positioniert wird, verdrängt sie das Land Südtirol — im Landhaus! — auch »protokollarisch«.

    Landespressekonferenz: LR Luis Walcher (SVP), LRin Ulli Mair (F) und LH-Stv. Marco Galateo (FdI) (Quelle: LPA/Mauro Brucculeri)

    Der jetzige Fall betrifft eine gemeinsame Pressekonferenz von Galateo, Luis Walcher (SVP) und Ulli Mair (F). Selbst bei einem solchen Anlass ließ es es sich der rechte Haudegen natürlich nicht nehmen, die italienische Staatsflagge aufstellen zu lassen. Da die anderen Koalitionspartner, insbesondere der Seniorpartner SVP, dem offenbar nichts entgegenzusetzen haben, setzt sich die Symbolik der nationalistischen Rechten Schritt für Schritt durch.

    Landespressekonferenz: LR Luis Walcher (SVP) und LR Marco Galateo (FdI), Symbolik, Sprachreihung (Quelle: Rai)

    Doch damit nicht genug: Auch die Sprachreihung lassen die italienischen Landesräte inzwischen systematisch von Deutsch-Italienisch auf Italienisch-Deutsch umstellen, wenn sie Deutsch nicht ganz weglassen (s. Bild unten). Wie die Einführung der Trikolore mag dies manchen vielleicht nebensächlich erscheinen, ist aber äußerst wirksam. Wenn Deutsch selbst auf Landesebene zur Zweitsprache wird, vermittelt dies nämlich unterschwellig eine Hierarchie — umso mehr, als es die Sprache der Bevölkerungsmehrheit ist, die hier marginalisiert wird.

    Landespressekonferenz: einsprachige Tabelle (Quelle: Rai)

    Zumindest — aber längst nicht nur — im Zuständigkeitsbereich der italienischen Landesräte ist es jetzt schon so weit.

    Solche Verschiebungen erfolgen praktisch ausnahmslos in dieselbe Richtung. Bei staatlichen Einrichtungen ist es so gut wie nie der Fall, dass Deutsch erstgereiht wird, obwohl dies im Sinne eines wirkungsvollen Minderheitenschutzes wäre (vgl.). Im Gegenteil: Oft muss man schon froh sein, wenn Deutsch überhaupt wie vorgeschrieben berücksichtigt wird — womöglich auch noch gleichwertig und einigermaßen fehlerfrei. In sehr vielen Fällen geschieht das nicht.

    Die Gemeinde Bozen verabschiedet sogar Resolutionen, wenn die italienische Sprache irgendwo nicht erstgereiht ist. Wird hingegen im Stadtviertel mit dem größten deutschen Bevölkerungsanteil irgendwo Deutsch vor Italienisch gereiht, ruft dies prompt die empörten und übereifrigen italienischen Medien auf den Plan.

    Als Walcher aufgrund seiner Zugehörigkeit zur deutschen Sprachgruppe Vizebürgermeister der Landeshauptstadt war, sprach er bei den Pressekonferenzen so gut wie nie Deutsch. Geschweige denn, dass er versucht hätte, irgendetwas an der etablierten Sprachreihung zu ändern.

    Kaum war nach der letzten Sprachgruppenzählung bekannt geworden, dass die Italienerinnen in Meran die Deutschen knapp überholt hatten, argumentierten Vertreterinnen von FdI jedoch bereits für eine Umkehrung der Sprachreihung.

    Beim Land hingegen scheint man die nationalistischen Koalitionspartner nach Belieben schalten und walten zu lassen.

    Landespressekonferenz: Sprachreihung (Quelle: Rai)

    Dabei sind Galateo und LR Christian Bianchi (FI) noch nicht einmal in der Lage — oder willens —, bei den Pressekonferenzen neben Italienisch auch Deutsch zu sprechen, während alle deutschsprachigen Landesrätinnen Fragen in beiden Sprachen beantworten. Diese Tatsache schafft schon ein Ungleichgewicht zu Lasten des Deutschen. Sie allein sollte schon Grund genug sein, darauf zu bestehen, dass die italienischen Landesräte nicht auch noch die etablierte und auf Landesebene eigentlich selbstverständliche Sprachreihung umkehren.

    Dass beide akribisch an einer ebenso schleichenden wie systematischen Italianisierung arbeiten, ist aber offensichtlich. Während es vielen Deutschsprachigen inzwischen wohl zu lästig ist, solchen Entwicklungen auch nur einen Gedanken zu widmen, verlieren nationalistische Akteure keine Sekunde. Wer all dies für bloße Zufälle hält, glaubt vermutlich auch an den Osterhasen — oder gar an die Vollautonomie.

    Von den Regenbogenfarben war bei der Pressekonferenz übrigens keine Spur. Wie praktisch: Jetzt muss der passenderweise nicht nur sprachlichen, sondern auch sexuellen Minderheiten gegenüber feindlich eingestellte Vizelandeshauptmann im Juni gar nicht mehr — wie zunächst angekündigt — den Saal der Pressekonferenz meiden. So wie er die deutsche Sprache herabstuft, kann er jetzt auch den neuen Aufsteller bequem einrollen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08



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  • ›I sun ladina‹.


    Maria Erhard aus La Pli de Mareo hat mit ihrem klugen Video-Feature über die ladinische Sprache den Claus-Preis gewonnen

    Der Clip von Maria Erhard ist ein engagiertes Statement für die kleinste Sprachgruppe im Land. Nicht rückwärtsgewandt — Maria Erhard geht es nicht um Tradition und Trachten, nicht um das Gestern, sondern um einen ladinisch geprägten Alltag. Eine Musikerin und ein Künstler kommen zu Wort, ein junger Wissenschaftler stellt sein ladinisches Übersetzungsprogramm vor. Für Überraschung sorgen drei »Neo-Ladiner:innen«, die fließend Ladinisch sprechen: Eine Sorbin aus Ostdeutschland, ein Palästinenser aus dem Westjordanland und ein Mann aus Uganda. Maria Erhard erhielt damit den Claus-Preis 2026 in Gedenken an den Sexntner ORF-Journalisten Claus Gatterer.


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  • Mythos dynamische Autonomie.

    Die »dynamische Autonomie« sei ein wenig aussagekräftiger Slogan, der nicht darüber hinwegtäuschen könne, dass Südtirols Selbstverwaltung in den vergangenen Jahrzehnten vor allem geschwächt worden sei. Dies schreiben die Politikwissenschafter Matthias Scantamburlo und Felix Schulte sinngemäß in einem Beitrag für die renommierte und einflussreiche London School of Economics (LSE – European Politics).

    Der Begriff der dynamischen Autonomie werde so inflationär verwendet, dass er kaum noch Erklärungswert habe. Schließlich sei jede Autonomie in irgendeiner Form dynamisch. Entscheidend sei zudem, in welche Richtung die Entwicklung geht. Im Fall von Südtirol hat die Dynamik seit 1992 überwiegend zu einem Verlust von Zuständigkeiten geführt.

    Der »Brennstoff« für eine stärkere sezessionistische Mobilisierung sei vorhanden, argumentieren die Forscher. In Katalonien und auf den Färöern hätten separatistische Kräfte vor ihren jeweiligen Aufschwüngen, die durch konkrete Ereignisse ausgelöst wurden, über weniger Unterstützung verfügt als heute in Südtirol. Was hierzulande bislang fehle, sei lediglich ein konkreter Anlass – ein »Funke«, der bestehende Unzufriedenheit bündeln und eine breitere Bewegung auslösen könnte.

    Die jüngst beschlossene Autonomiereform bewerten Scantamburlo und Schulte nicht als ausreichende Antwort auf diese Entwicklung. Statt die beruhigende Erzählung von der dynamischen Autonomie zu pflegen, müsste man sich wennschon mit den tieferliegenden Ursachen auseinandersetzen.



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  • Alpenkohle: Demontage der Autonomie?

    Im Podcast von Wolfgang Mayr, den wir hier veröffentlicht haben, erhebt der Historiker und ehemalige Landtagsabgeordnete der Grünen Hans Heiss schwerwiegende Vorwürfe gegen das Vorgehen der italienischen Justiz in der sogenannten Causa Alpenkohle.

    Er äußert dabei sogar den Verdacht, dass die spektakuläre Polizeiaktion politische Botschaften transportieren sollte.

    Vor 14 Tagen ist die Autonomiereform verabschiedet worden und exakt eine Woche später ist genau im Bereich Umwelt eine Zugriffsaktion der Antimafiabehörde erfolgt, wodurch die Direktion der Abfallwirtschaft, Giulio Angelucci, und der Präsident des Fernheizwerks [Laas] ins Gefängnis gesetzt worden sind — mit polizeistaatlichen Methoden, muss man sagen. Nächtliche Verhaftungen um 5 Uhr morgens mit über den Orten kreisenden Hubschraubern, mit einem Anklagepunkt, der von Österreich aus sehr belächelt wird — dass aus Ascherückständen der Fernheizwerke Holzkohle gebacken würde, die dann gesundheitsschädlich wäre. Also das ist gesetzlich gesehen vielleicht nicht ganz legitim, aber wahrscheinlich im guten Glauben erfolgt. Und gegen eine solche Praxis dann vorzugehen, als handle es sich um einen Menschenraub, das erscheint schon fast türkische Verhältnisse heraufzubeschwören.

    – Hans Heiss

    Genau das ist aus meiner Sicht bedenklich. Natürlich haben wir jetzt umweltmäßig Zuständigkeiten, aber es ist immer wieder so, dass der Staat dann dazwischenfahren kann — dazwischengrätscht — und ich betrachte diese Polizeiaktion vielleicht auch als Signal dafür, dass der Staat damit vermitteln will: »Ja, ihr habt die Autonomie, aber wir wissen immer noch, wo der Hammer hängt — und das ist eigentlich unsere Kernkompetenz der nationalen Zuständigkeit.« Wie gesagt, es ist immer höllisch aufzupassen, der Südtiroler Autonomieprozess ist immer janusköpfig: Nach vorn gerichtet, und zugleich muss man auch aufpassen, welche Gefahr von hinten droht.

    – Hans Heiss

    Das ist eine Dimension des Zentralstaates, die oft unterschätzt wird, sein polizeistaatliches Gesicht. Und das kann sich auch im Fall der Autonomie plötzlich gegen Südtirol wenden, das ist durchaus denkbar, wie wir in diesem Fall gesehen haben. Weil dieser enge zeitliche Zusammenhang zwischen der Verabschiedung des [überarbeiteten] Autonomiestatuts eine Woche vorher und den Verhaftungen eine Woche anschließend, das hat schon sehr demonstrativen Charakter.

    – Hans Heiss

    Transkription und Hervorhebungen von mir

    Ob Heiss mit seiner Interpretation Recht hat, lässt sich derzeit schwer beurteilen. Der zeitliche Zusammenhang zwischen der Verabschiedung der Autonomiereform und der Polizeiaktion ist für sich genommen noch kein Beweis. Doch seine Aussagen sind bemerkenswert, weil sie von jemandem kommen, dem man weder antiitalienische Reflexe noch verschwörungstheoretische Tendenzen vorwerfen kann.

    Dabei wirft Heiss implizit eine Frage auf, die weit über den konkreten Fall hinausreicht: Wie gut ist die Südtirolautonomie vor staatlichen Machtbereichen wie Justiz und Polizei geschützt? Die Geschichte lehrt uns, dass formale Zuständigkeiten allein nicht immer ausschlaggebend sind. Kompetenzen relativieren sich oft schnell, wenn zentralstaatliche Akteure — einschließlich des Verfassungsgerichts — im Spiel sind.

    Falls Heiss’ Verdacht zutreffen sollte, wäre dies natürlich höchst beunruhigend. Menschen wurden festgenommen, mussten in Untersuchungshaft gehen und haben einen womöglich irreparablen Reputationsschaden erlitten, während ihre Familien und ihre berufliche Existenz schwer belastet worden sind — und das alles könnte nicht primär der Durchsetzung des Rechts, sondern der Aussendung eines politischen Signals gedient haben.

    Noch beunruhigender ist aus meiner Sicht jedoch, dass Heiss’ Interpretation überhaupt glaubwürdig und vorstellbar erscheint, wonach der Staat — und ausgerechnet die Antimafiastaatsanwaltschaft — mit nahezu mafiaähnlichen Einschüchterungsmethoden agiert haben könnten, um am Gesetz vorbei für eine Begrenzung und Diskreditierung der Autonomie zu sorgen.

    Wollen wir wirklich Teil eines Staates sein, dem man solche schmutzigen Methoden zutraut?

    Cëla enghe: 01



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  • Kompatscher beendet auch Symbolpolitik.

    Der Landeshauptmann musste sich lange vorwerfen lassen, in zentralen gesellschaftspolitischen Fragen vor allem Symbol- und Ankündigungspolitik zu betreiben. Dazu gehören unter anderem die Nachhaltigkeit, der Einsatz für sexuelle Minderheiten oder der Antifaschismus.

    Inzwischen scheint sich jedoch etwas verändert zu haben: Nicht etwa, weil aus der Symbolpolitik konkrete Maßnahmen geworden wären, sondern weil selbst die symbolischen Gesten zunehmend wegfallen. Schritt für Schritt ordnet sich Arno Kompatscher (SVP) den Positionen seiner recht(sradikal)en Koalitionspartnerinnen unter.

    Besonders deutlich wurde dies zuletzt im Zusammenhang mit der sogenannten Brennerblockade. Mit ungewöhnlicher Vehemenz kritisierte der Landeshauptmann die Aktion von Menschen, die gegen den Transitverkehr und seine verheerenden Folgen protestierten. Er wandte sich sogar an den italienischen Verkehrsminister Matteo Salvini (Lega), dem er auch schon während dessen Tiraden gegen die bestehenden Verkehrsbeschränkungen in Nordtirol die Stange gehalten hatte. Auch nachdem die Kundgebung erfolgreich war, während das von Anfang an unrealistisch wirkende Horrorszenario eines Verkehrs- und Versorgungschaos ausgeblieben ist, hält Kompatscher an seiner Position fest.

    Beim Einsatz für sexuelle Minderheiten streicht der Landeshauptmann ebenfalls die Segel. Der letztjährigen Pride blieb er fern. Und jetzt knickt er auch bei der Regenbogenflagge vor der Homophobie seiner Koalitionspartner ein. Fratelli d’Italia, Freiheitliche und Forza Italia können einen Etappensieg feiern, denn das verhasste Symbol für Gleichstellung und Inklusion sexueller Minderheiten weicht nun einem praktischen Aufsteller. Der mag zwar — wie Kompatscher behauptet — flächenmäßig größer als die Flagge sein, ist aber gleichzeitig in jeglicher Hinsicht weniger sperrig und lässt sich bequem einrollen, wenn die Rechten im Raum sind. Auffällige Aktionen wie vor einem Jahr sind nicht jetzt mehr nötig.

    Nur beim Antifaschismus hält der Landeshauptmann (vorerst) noch an der symbolischen Ebene fest. Während er realpolitisch mit den Erben des Faschismus koaliert und in der Landeshauptstadt sogar CasaPound-Mitglieder zur Koalition mit der SVP zählen, nahm er im Februar immerhin noch an der Kundgebung gegen die neofaschistische Remigrationsdemo teil. Auch am Befreiungstag spendet er nach wie vor salbungsvolle Worte. Was mir, wie ich nicht zum ersten Mal sage, deutlich lieber ist, als wenn er es nicht tun würde. Allerdings passt es nur schwer zu einer politischen Praxis, mit der er Rechtsradikale normalisiert und reinwäscht.

    Nicht die Rechten haben ihre Positionen bei Nachhaltigkeit, Minderheitenschutz und gesellschaftlicher Offenheit jenen des Landeshauptmanns angenähert. Vielmehr hat er seine Ansprüche nach und nach zurückgeschraubt und teilweise ganz aufgegeben. Wenn man davon ausgeht, dass politische Symbolik Ausdruck von Überzeugungen ist, die früher oder später in konkretes Handeln münden können, ist ihre Aufgabe umso besorgniserregender, weil damit auch die politischen Ziele preisgegeben werden.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Ladinia: Balance der Mehrheitssprachen.

    Schon bald sollen in Plodn, das vor wenigen Jahren von der Region Venetien zu Friaul-Julien wechselte, mehrsprachige Schulangebote mit Italienisch, Deutsch und Plodarisch eingeführt werden. Wie Martin Hanni für Salto berichtet, könnte auch die ladinische Schule in Südtirol ein Vorbild für Plodn sein. Professor Paul Videsott zitiert er diesbezüglich wie folgt:

    Was am ladinischen System besonders gut funktioniere, sei, »dass sich Deutsch und Italienisch gegenseitig in Balance halten und das Ladinische davon letztlich profitiert, denn keine der beiden anderen Sprachen dominiert«. In Graubünden – ebenso wie im Fassatal – sei die Situation anders. Dort werde neben dem Rätoromanischen nur eine Mehrheitssprache unterrichtet, wodurch die Minderheitensprache stärker unter Druck gerate.

    – Prof. Paul Videsott (zitiert von Martin Hanni)

    Dies ist auch ein wichtiger Grund, warum sich die Erfahrungen der ladinischen Schule nicht auf die deutsche Schule in Südtirol übertragen lassen. Auch hier geriete nämlich die Minderheitensprache Deutsch unter Druck, weil daneben nur eine Mehrheitssprache — nämlich Italienisch — unterrichtet würde.

    Cëla enghe: 01 02



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  • Die Repräsentationskrise hat auch eine Sprache.


    Wessen Sprache im Landtag zählt, war im Frühjahr eine der aufgeladensten Debatten der Südtiroler Politik. Seit der Entscheidung, den Dialekt aus dem Parlament zu verbannen, ist es ruhiger geworden. Die zentrale Frage ist allerdings offen geblieben: Geht es beim Dialekt um Verständigung, oder um etwas, das sich mit Meinungen allein nicht klären lässt?

    Ich habe an dieser Stelle argumentiert, dass die Dialektdebatte einen unterschwelligen Konflikt offenlegt: um Lebenswelten, Status und die Frage, wessen Stimme in der Demokratie als legitim gilt. Festgemacht war das an den öffentlichen Diskursen politischer und Meinungseliten. Meine These war: Die Repräsentationskrise hat auch eine sprachliche Dimension. Jetzt liegen Daten vor, fast so, als wären sie auf Maß bestellt worden.

    In der renommierten Zeitschrift Political Studies zeigen Martin Gross (LMU München) und Constantin Wurthmann (Uni Mainz) anhand breiter Umfragedaten aus Deutschland, dass sich Dialektsprecher:innen schlechter vertreten fühlen als Nicht-Dialektsprecher:innen – und dass sie deutlich stärker von Menschen vertreten werden wollen, die reden wie sie.

    Das allein wäre noch erwartbar. Bemerkenswert ist, was übrig bleibt, wenn man alles andere herausrechnet. Man könnte ja vermuten, hinter dem Effekt stecke etwas Handfesteres: Bildung, Alter, Einkommen, Stadt oder Land, Zufriedenheit mit der Demokratie, am Ende die politische Gesinnung. Die Studie kontrolliert all das, und zur Sicherheit auch noch die Wahlabsicht, von der Linken bis zur AfD. Der Zusammenhang hält. Es sind nicht die Ungebildeten, nicht die Abgehängten, nicht die Rechten. Es bleibt, nach Abzug von allem, die Sprache, soweit Umfragedaten das zeigen können.

    Damit verschiebt sich die Beweislast, zumindest jener Kritiker:innen des Dialekts, die sich auf Inklusion berufen. In der Südtiroler Debatte steht die Hochsprache als neutrale Lingua Franca im Raum, als Garantin einer offenen Gesellschaft, während der Dialekt als Instrument der Ausgrenzung erscheint. Das klingt nach Fairness. Aber wenn Dialektsprecher:innen sich in einem hochsprachlich dominierten System schlechter vertreten fühlen – unabhängig von Bildung, Einkommen und politischer Haltung –, dann ist die Hochsprache alles andere als inklusiv. Auch sie hat ein »Wir«, nur eines, das als Normalität auftritt und deshalb unsichtbar bleibt. Michael Billig nennt das »banalen Nationalismus«. Die Studie macht ihn sichtbar, bis in die politische Repräsentation hinein. Wohlgemerkt in Deutschland, wo die Hochsprache weitaus etablierter ist als in Südtirol.

    Denn Repräsentation ist ein kommunikativer Akt: Nicht nur, was ein:e Politiker:in sagt, zählt, sondern auch wie. Wer den Dialekt seiner Wähler:innen spricht, sendet ein Signal – für Ortsbindung und geteilten Hintergrund. Nicht weil damit inhaltlich etwas anderes gesagt wird, sondern weil die Sprache selbst eine Form der Anerkennung ist. Wer sich dauerhaft sprachlich nicht wiedererkannt fühlt, verliert das Vertrauen in die Institution.

    Was geschieht, wenn sich das Gefühl, sprachlich nicht repräsentiert zu sein, in Gemeinschaften verfestigt?

    Daniel Ziblatt und seine Kollegen zeigen, dass sprachliche Distanz zum hochdeutschen Zentrum mit höherer Zustimmung zur radikalen Rechten einhergeht. Nicht der Dialekt treibt die Menschen nach rechts, sondern das, was er über Generationen markiert: peripheren Status, das Gefühl, am Rand zu stehen, und Misstrauen gegenüber den Eliten des Zentrums. Ein Gefühl, das tiefer sitzt als jede aktuelle Debatte. Kaitlin Alper und Caroline Lancaster ergänzen den Befund aus zehn westeuropäischen Ländern: Wo regionale Identität stark verankert ist, sind Menschen weniger anfällig für die radikale Rechte, allerdings nur dort, wo diese auf Staatsnationalismus setzt. Wo die radikale Rechte selbst regionalistisch auftritt, greift dieser Schutz nicht.

    In Südtirol trifft beides zugleich zu. Die differenzierte Identität hält den italienischen Staatsnationalismus auf Distanz. Aber auch innerhalb der deutschsprachigen Gemeinschaft verläuft ein Zentrum-Peripherie-Gefälle. Die Zentren stehen den Talgemeinschaften gegenüber, die wirtschaftlich schwächer, interethnisch distanzierter und mundartlich je eigen geprägt sind. Auch Autonomie kann ein eigenes Gefälle erzeugen: Studien aus dezentralisierten Systemen zeigen, dass die Peripherie die Vorteile der Selbstverwaltung oft weniger spürt als das Zentrum.

    Und die radikale Rechte bedient sich genau jener Symbole, die der Mainstream aus dem institutionellen Raum drängt. Wer den Dialekt aus dem Parlament verbannt, überlässt nicht nur ein Symbol, sondern ein Repräsentationsangebot: die Geste, für Menschen zu sprechen, die sich sprachlich nicht wiedererkannt fühlen. Regionale Identität ist kein demokratisches Risiko an sich. Entscheidend ist, wer sie besetzt, und ob »die Mitte« den Fehler begeht, sie kampflos abzutreten.

    Niemand behauptet, man müsse fortan im Dialekt regieren. Man darf die Hochsprache im Landtag verteidigen, aus guten Gründen. Was man nach diesen Daten schwerer behaupten kann, ist, das geschehe neutral und allein zum Schutz der Schwächeren. Die Frage war nie, ob der Dialekt in den Landtag »gehört«. Die Frage ist, was es kostet, ihn draußen zu halten. Der Maurer aus Villanders hat sie gestellt. Jetzt steht die Antwort in den Daten.

    Matthias Scantamburlo ist Politikwissenschafter und forscht an der Universität Deusto (Bilbao)


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