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  • Mussolini gegen Streichung der Ehrenbürgerschaft.

    Der Regionalrat von Trentino-Südtirol verabschiedet einen antifaschistischen Beschlussantrag, der unter anderem die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften an Benito Mussolini fordert.

    Was macht man da als »seriöse« italienische Tageszeitung? Genau: Man fragt — natürlich ohne jede Distanzierung und kritische Einordnung — bei der Enkelin des Duce nach, ob das sinnvoll ist. Sie muss es ja wissen.

    Titelseite Corriere (Südtirolbeilage) vom 28. April 2026 – Ausschnitt

    Gleich von der Titelseite des heutigen Corriere (Südtirolausgabe) weg darf sich also Edda Negri Mussolini, die den Nachnamen ihres Großvaters sogar erst 2012 im Erwachsenenalter — also bewusst — angenommen hat, darüber auslassen, wie überflüssig und was für eine Zeit- und Geldverschwendung das doch wäre.

    Unwidersprochen schildert sie einer Südtiroler Leserinnenschaft auch noch Mitleid heischend die angeblichen Ungerechtigkeiten, die ihrer Familie widerfahren seien sowie die Anfeindungen und Diskriminierungen, die sie mit ihrem Nachnamen — dem Namen eines der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts — zu ertragen habe. Über das ungleich größere Leid, das ihr Großvater über Europa und die Welt (und eben auch über Südtirol) gebracht hat, verliert sie hingegen kein einziges Wort. Im Gegenteil darf sie abschließend noch erklären, dass der Tag der Befreiung vom Faschismus am 25. April für sie »nichts anderes« sei als der Todestag ihrer Mutter im Jahr 1968.

    Wie tief kann man als Medium eigentlich noch sinken?

    Da der Beschlussantrag auch den Nationalsozialismus und andere Totalitarismen erwähnt, dürfen wir uns wohl bald auch auf Einschätzungen aus dem familiären Umfeld von Adolf Hitler, Josef Stalin oder Mao Zedong freuen. Ihnen jetzt ebenfalls das Wort zu erteilen, wäre so wichtig.

    Übrigens: Angst macht Edda Negri Mussolini Italien (s. Titel des Zeitungsartikels) selbstverständlich nicht wegen des wiederauferstehenden Faschismus, sondern wegen der Gewalt in Filmen, Videospielen und sozialen Medien.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06



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  • ›Minderheitenrechte dürfen nicht vom politischen Klima abhängen.‹


    FUEN-Präsidentin Olivia Schubert in Südtirol auf der Suche nach Solidarität und Unterstützung

    FUEN-Präsidentin Schubert war Gast der Versammlung des Südtiroler Volksgruppen-Instituts (SVI). Ein Gastspiel. Das Institut »begleitete« in der Vergangenheit das politische Lobbying der FUEN für europaweite Minderheitenrechte. Der ehemalige langjährige Leiter des Instituts, Professor Christoph Pan, war auch Vorsitzender der FUEN.

    Die Verbindungen sind also eng, Institutsleiter Paul Videsott beschreibt das SVI gar als den wissenschaftlichen Arm der FUEN. So arbeitete das SVI bei den Europarats-Dokumenten Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten und Sprachencharta mit.

    Schubert war also zu Gast bei engen Freunden. In ihrem Vortrag griff sie die politische Großwetterlage auf, den russischen Krieg in der Ukraine, den US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran, die damit ausgelöste wirtschaftliche Krise. Sie hofft, sagte sie, »dass das geopolitische Umfeld nicht noch schlechter wird und keine weiteren Krisen zu den vielen bereits schwelenden dazukommen.«

    Diese Krisen und Kriege wirken sich nämlich negativ auf Minderheiten aus, warnte Schubert: »In Krisenzeiten neigen Politiker stark dazu, Minderheitenfragen unter Sicherheitsaspekten in den Fokus zu nehmen, weniger als grundlegende Menschenrechtsfrage. In solchen Zeiten werden oft auch Sprachenrechte im Namen der nationalen Einheit infrage gestellt.« Eine unmissverständliche Analyse.

    FUEN sucht Hilfe bei der UNO

    Eine einheitliche Antwort darauf sei notwendig, sagte Schubert.

    Sie forderte, dass die EU-Kommission eine institutionelle Ansprechstelle für die nationalen Minderheiten einrichtet. Daran drückte sich die EU bisher erfolgreich vorbei. Da die EU zögert, sich mit Minderheitenfragen zu befassen, müssen die Minderheiten Europas bei der Schaffung und Stärkung rechtlicher Schutzmechanismen verstärkt mit den Vereinten Nationen und dem Europarat zusammenarbeiten, ist Schubert überzeugt. In diesem Sinne traf sie vor einigen Wochen den UN-Sonderbeauftragten Nicolas Levrat.

    Schubert-Vorgänger Lóránt Vincze schaffte es im Zusammenspiel auch mit Ungarn, die von der Europäischen Akademie in Bozen in ihren Grundzügen entworfene Minority-SafePack-Initiative zu einer der erfolgreichsten europäischen Bürgerinitiativen zu pushen. Vincze, Angehöriger der starken und selbstbewussten ungarischen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen, wurde aber auch vorgeworfen, übermäßig die Nähe zum inzwischen abgewählten illiberalen ungarischen Ministerpräsidenten Orbán gesucht zu haben.

    Obwohl die FUEN-Minderheiteninitiative erfolgreich war, erklärte sich die EU-Kommission als Kartell der Nationalstaaten für nicht zuständig. Die mehr als eine Million Unterschriften scherten die Kommission nicht. Eine doch undiplomatische Ohrfeige.

    Als einen »Rückschlag« bezeichnete Schubert, Angehörige der deutschen Minderheit Ungarns, das Ausbremsen der Initiative. Schubert betonte: kein Niederschlag, kein Scheitern, sondern ein Rückschlag. Darin sind die kulturellen, sprachlichen und nationalen Minderheiten seit langer Zeit geübt.

    »Die Entscheidung der Kommission kann das Netzwerk der Solidarität, das wir aufgebaut haben, nicht auslöschen«, begründete Präsidentin Schubert ihre Einschätzung, die Initiative stärkte untereinander die vielfältigen Beziehungen. Die in der Initiative formulierten Ziele und Maßnahmen werden weiterhin verfolgt. Inzwischen auch niedergeschrieben im »Minderheiten-Manifest für die Zukunft«, ein Dokument, das von mehreren minderheitlichen NGO mitgetragen wird.

    Südtirol für Minderheiten in Europa?

    Auch deshalb war Olivia Schubert in Südtirol, sie hofft auf die Südtiroler Unterstützung. Immerhin mobilisierte auch die Südtiroler Volkspartei ihre Mitglieder und Wählenden für die Bürgerinitiative der FUEN. SVP-Politiker:innen engagierten und engagieren sich für den europäischen Minderheitendachverband als Präsidenten, Vize und Präsidiumsmitglieder.

    Schubert nannte namentlich den langjährigen Institutsleiter Christoph Pan. Er brachte beispielsweise nach der Wende 1989/90 beim Aufbau der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, der Donauschwaben, sein Wissen und seine Erfahrungen ein.

    Das Südtiroler Volksgruppen-Institut versorgt die minderheitlichen Aktivist:innen auch mit theoretischen »Instrumenten«, mit der wissenschaftlichen Zeitschrift Europäisches Journal für Minderheitenfragen (EJM). Das SVI organisiert den Erfahrungsaustausch und forscht in Volksgruppen- und Autonomiefragen.

    Gespräche führte die FUEN-Präsidentin auch mit den Wissenschaftler:innen der Europäischen Akademie, die mit drei Instituten auch die Themen Minderheitenrechte, Autonomie und Föderalismus bearbeitet.

    Man könnte meinen, Schubert sei mit ihren Anliegen in Südtirol gut aufgehoben. Über weite Strecken trifft dies auch zu. So finanziert das Land die Arbeit der Eurac satt (die Grundfinanzierung für den Zeitraum 2025/27 beträgt mehr als 93 Millionen Euro) und auch das Volksgruppen-Institut, aber eher dürftig, es sollen nur 35.000 Euro sein. Noch überschaubarer ist die Unterstützung der FUEN durch das Land, 15.000 Euro. Bei einem Haushalt, der fast schon die Marke von zehn Milliarden Euro erreicht. Die Region steuert weitere 35.000 Euro bei. Eine doch dünne finanzielle Solidarität.

    Für die Einfahrt in das Südtiroler Olympiatal Antholz sponserte das Land die Installationen von »Olympia-Steinen«, Kostenpunkt eine halbe Million Euro. Dem Künstler sei es gegönnt. Aber: das sagt doch viel über Prioritäten aus.

    Cëla enghe:


    Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen.· I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Coldiretti missbraucht wieder den Brenner.

    Schön langsam wird es zu einer — unangenehmen — Gewohnheit: Die italienische Bauernlobby platziert sich am Brenner, um mit klar gastronationalistischem Ton an der (angeblichen) »Grenze der Nation« gegen Waren aus dem Ausland zu protestieren. Auch jetzt wieder.

    Gemeinsam mit italienischen Ordnungshütern werden dann unter Slogans wie »Stoppen wir das gefälschte italienische Essen – NofakeinItaly«1Übersetzung von mir – Original: »Fermiamo il falso cibo italiano – NofakeinItaly« und »Hände weg vom Made in Italy«2Übersetzung von mir – Original: »Giù le mani dal Made in Italy« öffentlich Lkws inspiziert, die den Brenner Richtung Süden überqueren, also im Grunde Selbst- und Schaujustiz betrieben, die eines Rechtsstaates unwürdig ist.

    So »kontrollierte« Lkws sollen sogar mit einem speziellen Aufkleber der Aktion markiert werden.

    Quelle: Rai

    Dass Coldiretti für dieses sich wiederholende, unwürdige Spektakel ein Land wie Südtirol ausgewählt hat, wo die Staatsgrenze und der Grenzabbau eine ganz besondere Bedeutung haben, macht die Angelegenheit noch einmal kritikwürdiger.

    Doch anstatt die Vereinnahmung zu verurteilen, beteiligt sich die Südtiroler Landesregierung auch noch direkt an dem Theater. So soll Medienberichten zufolge LH-Vize Marco Galateo von den neofaschistischen Fratelli d’Italia gemeinsam mit dem Trentiner LH Maurizio Fugatti (Lega) vor Ort gewesen sein, um den Landwirten seine Unterstützung zu beweisen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04

    • 1
      Übersetzung von mir – Original: »Fermiamo il falso cibo italiano – NofakeinItaly«
    • 2
      Übersetzung von mir – Original: »Giù le mani dal Made in Italy«


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  • 50 Jahre Proporz – zur Veranstaltung der Eurac.


    von Andreas Gufler Oberhollenzer

    An der Eurac fand am 22. April eine Tagung zum 50-jährigen Bestehen des ethnischen Proporzes statt. Ich habe die Veranstaltung vor allem deshalb besucht, weil ich sehen wollte, wer über den Proporz in Südtirol diskutiert und eben auch, was diskutiert wird. Eines vorweg: Es waren vor allem Akademiker:innen und medial bekannte Personen; die Tagung war sehr zahlen- und statistiklastig.

    Im Folgenden möchte ich Teile der Tagung kurz zusammenfassen und manchmal einen kritischen Blick darauf werfen. Insgesamt waren zehn Vorträge zum Proporz geplant, wovon der Vortrag von Karin Ranzi über die »Wahrung der Zwei- und Dreisprachigkeit« krankheitsbedingt ausgefallen ist. Sieben Vorträge waren auf Deutsch, einer auf Englisch und einer auf Italienisch. Die Veranstaltung war in drei Panels aufgebaut, nach denen Teilnehmer:innen der Tagung den Vortragenden Fragen stellen konnten. Am Ende der Tagung war noch eine Diskussionsrunde geplant, bei der ich aber nicht mehr anwesend war.

    Marc Röggla eröffnete die Tagung und switchte bei seiner Rede zwischen Italienisch und Deutsch. Er wies auf die Kontroversität des Proporzes in Südtirol hin; früher sei der Proporz besser angesehen gewesen als heute, wo man schnell als »Ewiggestriger« gelte. Auch gab Röggla zu bedenken, dass viele junge Südtiroler:innen gar nicht wüssten, was der Proporz ist. Dies hat sich auch im Publikum gezeigt: Es waren nur sehr wenige junge Menschen anwesend. Röggla wünscht sich, mit dieser Veranstaltung einen Diskussionsraum über den Proporz zu schaffen.

    Der Proporz im Laufe der Zeit

    Oskar Peterlinis Vortrag begann mit einem Abriss über die steinige Geschichte der Autonomie, beginnend beim Faschismus. Anschließend präsentierte Peterlini die historische Verteilung von öffentlichen Stellen bei Land und Staat, verteilt nach den drei Sprachgruppen, und konstatierte schließlich einen Rückgang von Staatsbediensteten der deutschen und ladinischen Sprachgruppe. Peterlini nannte dabei mögliche und sehr valide Gründe für diese Entwicklung: Braindrain, wirtschaftliche Gründe, Geburtenrückgang, mehr Arbeitsmöglichkeiten deutsch- und ladinischsprachiger Menschen in der Landwirtschaft.
    Aber was ist mit strukturellen Gründen, die mit dem Staatsdienst selbst zu tun haben? Sind staatliche Behörden in Südtirol so strukturiert, dass Zwei- bzw. Dreisprachigkeit gewährleistet ist? Sind Computerprogramme und interne Mitteilungen in der jeweiligen Muttersprache verfügbar? Kann man bei Besprechungen oder im Team Deutsch oder Ladinisch reden? Natürlich könnte man einwenden, dass jede:r Staatsbedienstete in Südtirol – wenigstens theoretisch – die Landessprachen Deutsch und Italienisch beherrschen müsse, trotzdem macht es etwas aus, ob man im Arbeitsumfeld seine jeweilige Muttersprache verwenden kann/darf oder eben nicht. Vielleicht könnte das auch ein Grund sein, wieso Deutschsprachige und Ladinischsprachige nicht so gern im Staatsdienst tätig sind.

    Die »vorübergehende« Durchführungsbestimmung

    Peterlini erwähnte auch die neue, »vorübergehende« Durchführungsbestimmung 97/2025, die es erlaubt, den Proporz bei öffentlichen Stellen zu umgehen und Menschen in Abweichung der Proporzregelungen und dabei auch ohne Zweisprachigkeitsnachweis befristet anzustellen. Diese Regelung greift, wenn mindestens 10 Prozent Personalmangel vorherrscht, was laut Peterlini aktuell auf jede Behörde zutreffen würde. Kritisch sieht Peterlini vor allem auch, dass es dabei keinen Zweisprachigkeitsnachweis mehr braucht, und beschreibt dies als Rückschritt – zurecht, wie ich finde. Peterlini betonte aber, dass es eine »vorübergehende« Regelung sei, sogar der Landeshauptmann habe ihn am Morgen der Tagung angerufen und gebeten, zu erwähnen, dass diese Regelung »vorübergehend« sei.

    Vorübergehend bedeutet in dem Falle wahrscheinlich aber auf unbestimmte Zeit, bis eine neue Regelung verabschiedet wird. Wenn man sich die entsprechende Durchführungsbestimmung 97/2025 anschaut, gibt es kein festgesetztes Datum, ab wann diese ausläuft.

    Peterlinis Fazit zum Proporz lautet, dass er heutzutage weniger als Schutzinstrument von Minderheiten dient als früher.

    Die Sprachgruppenzählung

    Beim Vortrag von Timon Gärtner, Geschäftsführer des ASTAT, ging es um die Sprachgruppenzählungen, die alle zehn Jahre durchgeführt werden müssen, damit der Proporz berechnet werden kann. Gärtner referierte über die administrativen und methodischen Herausforderungen einer solchen Zählung, ferner resümierte er auch positiv über die bei der letzten Zählung erstmals eingeführte Online-Abstimmung. Gärtner gab auch einen Überblick über den rechtlichen Rahmen der Sprachgruppenzählung, die nun, im Gegensatz zu früher, von der allgemeinen Volkszählung entkoppelt wurde und als eigenständige statistische Erhebung durchgeführt wird. Bei der Informationskampagne für die letzte Sprachgruppenzählung, erzählte Gärtner, wäre man bemüht gewesen, in Gherdëina und Val Badia die jeweiligen Informationen auch in den ladinischen Sprachidiomen zur Verfügung zu stellen.

    Missbrauchsanfälligkeit der Sprachgruppenzählung

    Um bei der Sprachgruppenzählung teilnehmen zu können, braucht man die italienische Staatsangehörigkeit und den Wohnsitz an einem Stichtag (30. September 2023 bei der letzten Zählung) in Südtirol. Die letzte Voraussetzung scheint mir jedoch sehr anfällig für Missbrauch, und das habe ich bei der anschließenden Diskussion auch angemerkt. Im Gegensatz zur Ansässigkeitsklausel bei Wahlen, die (noch) vier Jahre beträgt, braucht man für die Sprachgruppenzählung lediglich die italienische Staatsangehörigkeit und eine eintägige Ansässigkeit zum Stichtag in Südtirol. Gärtner bestätigte auf meine Nachfrage hin, dass es zu Missbrauch hätte kommen können, vor allem durch die vielen Zweitwohnungen in Südtirol.

    Il «disagio» per la proporzionale?

    Andrea Carlà, Wissenschaftler an der Eurac, war der Einzige der Vortragenden, der auf Italienisch referierte. Sein Vortrag trägt den Titel »Il ‚disagio‘ per la proporzionale?« und bezog sich beim Begriff des disagio auf den Artikel »Il disagio degli italiani tra retorica e realtà« von Luca Fazzi. Carlà betrachtete den Proporz für seinen Vortrag rein in der Funktion der Vergabe von öffentlichen Stellen nach Sprachgruppen und sprach in seinem Vortrag von »Alto Adige« und »altoatesini«, was mich persönlich befremdet hat. Zudem habe man in Südtirol eine Art vertikale Segregation nach Sprachgruppen, wo es vor allem deutschsprachige Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung gäbe, wenig jedoch italienischsprachige; empirische Studien gäbe es dazu aber noch keine, merkte Carlà an. Der Proporz sei für viele Menschen in Südtirol zu etwas Nebensächlichem geworden, es gäbe zudem wenig Anreize für Menschen, öffentliche Stellen zu bekleiden, und für viele Menschen wichtigere Dinge als den Proporz. Carlà fragte (rhetorisch), ob der Minderheitenschutz nicht auch von anderen Instrumenten gewährleistet wird und so der Proporz obsolet würde, wies dabei aber gleichzeitig auf den aktuellen Skandal um die Fälschungen der Zweisprachigkeitszertifikate hin.

    Bei der anschließenden Diskussion merkte Carlà an, dass in Südtirol niemand die Zweisprachigkeit infrage stelle. Meines Wissens gibt es dazu aber auch keine empirischen Untersuchungen.

    Mindestquote für Ladiner:innen

    Für Ladiner:innen habe der Proporz auch Schattenseiten, meinte Sophie Mangutsch in ihrem Vortrag. Die Ladiner:innen machen zahlenmäßig (bei er letzten Sprachgruppenzählung) etwa 4,41 Prozent aus. Der Proporz schütze vor allem die großen Sprachgruppen Deutsch und Italienisch, nichtsdestotrotz denken Ladiner:innen, dass der Proporz auch für sie wichtig ist. Mangutsch weist darauf hin, dass viele Ladiner:innen aus den Tälern auswandern und sich dort dann seltener der ladinischen Sprachgruppe zugehörig erklären, was aber dann die ladinische Sprachgruppe an sich wieder schwächt. Dem könnte man laut Mangutsch entgegensteuern, wenn man eine Mindestquote für Ladiner:innen festlegt oder eben auch die Möglichkeit außerhalb der Täler schafft, dass Ladiner:innen Minderheitenrechte in Anspruch nehmen können.

    Es wird vorausgesetzt, dass man Spanisch spricht

    Eine andere Perspektive einer Minderheit, jene der Bask:innen, wurde von Maddi Dorronsoro Olamusu vorgestellt. Das Baskenland ist in eine französische Hälfte und eine spanische Hälfte geteilt. Dorronsoro Olamusu gab einen Überblick der Minderheitenrechte in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlands (spanische Seite), die sich erst durch das Ende des Franco-Regimes entwickeln konnten. Im Gegensatz zu Südtirol gibt es keinen Proporz, sondern man muss, um ein öffentliches Amt zu bekleiden, je nach Berufsgruppe ein unterschiedliches Niveau Baskisch sprechen können. Es braucht kein Zweisprachigkeitszertifikat Spanisch-Baskisch, denn die Kenntnis der spanischen Sprache wird bereits vorausgesetzt.

    Bei der anschließenden Diskussion erzählte Dorronsoro Olamusu von einer persönlichen Erfahrung mit einer Behörde in der Autonomen Gemeinschaft des Baskenlands, wo sie etwas in einer Behörde zu erledigen hatte. Die Beamtin in der Behörde hatte ein Schild, worauf stand, dass man langsam sprechen solle, da sie Baskisch lerne. Dorronsoro Olamusu hat aber gemerkt, dass die Beamtin einige Dinge auf Baskisch nicht verstanden hatte und hat dann schließlich auf Spanisch mit ihr geredet, um ihr Anliegen zum Abschluss zu bringen.

    Die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung wie die Steuererklärung

    Verena Wisthaler präsentierte eine Studie – deren Titel mir leider entfallen ist –, wie Migrant:innen den ethnischen Proporz und auch die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung sehen. Viele der Migrant:innen wüssten nichts bzw. sehr wenig über den Proporz in Südtirol. Die interviewten Migrant:innen würden den Proporz und die Teilnahme an Sprachgruppenzählungen als etwas sehen, was man für andere macht, weniger für sich selbst. Für viele Migrant:innen sei es zudem schwierig, sich für eine Sprachgruppe zu entscheiden, da sie sich oft keiner zugehörig fühlen. Ein:e Respondent:in in der Studie verglich die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung mit einer Steuererklärung: Man müsse es irgendwann halt machen, aber es sei nichts Lebensbestimmendes.


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  • Kontinuum zwischen Dialekt und Standard.
    Quotation

    Laut Geschäftsordnung des Südtiroler Landtags kann man Deutsch und Italienisch ja gleichermaßen verwenden. Inwiefern der Dialekt eingeschlossen ist, wird nicht expliziert. Nun ist die deutsche Sprache aber ein wunderbar variationsreiches Gebilde und man muss sich nicht einmal entweder für das Standarddeutsche – oft auch synonym als Hochdeutsch bezeichnet – oder den Dialekt entscheiden. Man kann sich nämlich zwischen den beiden Polen ein Kontinuum vorstellen und z. B. ein mehr oder weniger umgangssprachlich bzw. dialektal gefärbtes Standarddeutsch wählen.

    Andrea Abel, Germanistin und Soziolinguistin, im Gespräch, das Heinrich Schwazer für die TAZ (18./19. April) mit ihr und dem Minderheitenexperten Günther Rautz geführt hat. Beide arbeiten an der Eurac.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05



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  • Regionalrat verabschiedete antifaschistischen Antrag.

    Am Mittwoch dieser Woche hat der Regionalrat einen antifaschistischen Antrag (Nr. 26) genehmigt, der ursprünglich von der STF eingebracht worden war. Der beschließende Teil lautet folgendermaßen:

    1. Der Regionalrat spricht sich unmissverständlich gegen jede Form der Verherrlichung, Verharmlosung oder Relativierung des Faschismus, Nationalsozialismus und jeglicher anderen Form des Totalitarismus aus.
    2. Der Regionalrat bekräftigt, dass das faschistische Regime unter Benito Mussolini eine totalitäre Diktatur war, die grundlegende Menschenrechte außer Kraft setzte, politische Gegner verfolgte, schwere Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung sowie gegen andere Völker beging und sich insbesondere in unserer Region durch eine brutale Assimilierungs- und Italianisierungspolitik schuldig gemacht hat.
    3. Die Regionalregierung wird beauftragt, in Zusammenarbeit mit den Gemeinden der Region zu erheben, in welchen Gemeinden Benito Mussolini und andere Faschisten noch immer die Ehrenbürgerschaft genießen bzw. in welchen Gemeinden Straßen nach Symbolfiguren und Örtlichkeiten benannt sind, die dem Narrativ der faschistischen Propaganda dienen und die Taten des Faschismus verherrlichen.
    4. Die Regionalregierung wird aufgefordert, auf diese Gemeinden einzuwirken, damit sie die Ehrenbürgerschaft von Benito Mussolini und anderer Faschisten aberkennen sowie faschistisch geprägte Straßenbezeichnungen abändern, so dass ein klares Zeichen für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und historische Verantwortung gesetzt wird.

    – Beschlussantrag Nr. 26 (Auszug)

    Der von mir kursiv gesetzte Teil von Punkt 1 wurde aufgrund eines Änderungsantrags eingefügt, den Waltraud Deeg (SVP) im Namen von insgesamt 33 Abgeordneten eingebracht hatte. Konkreter Anlass für die eindeutige Positionierung des Regionalparlaments war vermutlich der kürzlich eklatant gescheiterte Versuch, dem faschistischen Diktator Benito Mussolini die Ehrenbürgerschaft von Trient abzuerkennen (vgl.).

    Während Punkt 1 — allerdings nur, weil sämtliche Totalitarismen berücksichtigt wurden — noch einstimmig genehmigt wurde, konnten sich die sowohl im Trentino als auch in Südtirol mitregierenden, neofaschistischen Fratelli d’Italia bei den weiteren Punkten schon nicht mehr zu einer Zustimmung durchringen. Das entspricht einem bereits bekannten Drehbuch (vgl.). In der Debatte bezeichnete der Südtiroler LH-Stellvertreter Marco Galateo (FdI) die Forderung nach Änderung von Straßennamen in bestem Neusprech sogar als Geschichtsrevisionismus, bevor er zum Whataboutism überging und bemängelte, dass sich manche weigerten, den Terrorismus zu verurteilen.

    Die Frage nach einer roten Linie stelle ich erst gar nicht mehr, doch glücklicherweise wiesen mehrere Abgeordnete (z.B. Sven Knoll, STF) auf die Unglaubwürdigkeit der SVP hin, die solchen Anträgen zustimmt und gleichzeitig mit den politischen Erbinnen des Faschismus regiert — als auch (z.B. Andreas Leiter Reber, Freie Fraktion1im Regionalrat: Gemischte Fraktion) auf die Heuchelei der einbringenden STF selbst, die heute rechtsextreme und rassistische Positionen vertritt.

    Ob der Antrag nicht nur symbolische, sondern in den Gemeinden auch konkrete Folgen haben wird, muss sich freilich erst noch zeigen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06

    • 1
      im Regionalrat: Gemischte Fraktion


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  • Gefälschte Sprachzertifikate: System der Entrechtung.

    Zustimmend gibt Fabio Gobbato, ehemaliger Chefredakteur des mehrsprachigen Informationsportals Salto, in ebenjenem Medium die unerhörte Position von Christian Bianchi (FI) zur massenhaften Fälschung von Sprachzertifikaten wieder. Wie nicht anders zu erwarten, bagatellisiert der Landesrat die systematische Umgehung des Minderheitenschutzes und behauptet, sie sei nicht den Einzelnen, sondern vor allem dem »System« anzulasten. Was soll jemand, der die deutschsprachigen Südtirolerinnen noch nicht einmal als Minderheit betrachtet und demnach auch vom Minderheitenschutz nicht viel halten kann, auch sagen?

    Wenn eine Person, nur um arbeiten zu können, Tausende von Euro ausgibt und strafrechtliche Konsequenzen in Kauf nimmt, bedeutet das, dass sie diese Voraussetzung als nahezu unüberwindbares Hindernis wahrnimmt.

    LR Christian Bianchi

    Übersetzung von mir

    Menschen, die beruflich darauf angewiesen sind, wurden auch schon mit gefälschten Führerscheinen und Schulabschlüssen erwischt. Würde Bianchi — und mit ihm Gobbato — auch hier mit der individuellen Wahrnehmung eines »unüberwindbares Hindernisses« argumentieren? Wohl kaum.

    Der Grund für die vielen Fälschungen ist meiner Einschätzung nach ein ganz anderer: Die Rechte von Minderheiten werden im öffentlichen Bewusstsein als sekundär und demnach als optional wahrgenommen, der entsprechende Beschiss als Kavaliersdelikt. Und das hat in Südtirol leider tatsächlich System: Linke wie rechte, progressive wie rückwärtsgewandte Italienerinnen sind sich erstaunlich oft einig, dass Grundsäulen wie Proporz und Zweisprachigkeitspflicht nichts als ein lästiger Ballast aus der Vergangenheit sind, der längst überwunden werden müsse. Mehrsprachigkeit ist ein nettes Schlagwort — auf das man in der Praxis aber gern verzichtet, wo es nicht unbedingt nötig ist. Und solange nur die deutsche Sprache unter die Räder kommt.

    Wie neben den regelmäßigen Stellungnahmen der Fachgewerkschaft ANAAO auch das — ebenso aufschlussreiche wie empörende — Interview von Gobbato mit einer erwischten Betrügerin aus Mittel-Süditalien (Deckname: »Francisca«) zeigt, scheint bis weit in den Gesundheitsbetrieb hinein die Auffassung verbreitet zu sein, dass der Sprachnachweis nichts weiter als eine überflüssige Formalität ist.

    Wenn das zutrifft — und es gibt wenig Grund, daran zu zweifeln —, ist genau dies das System, das manche Ärztinnen dazu veranlasst haben kann, sich gefälschte Zertifikate zu beschaffen: Ein toxisches Umfeld, in dem ihnen vermittelt wird, dass die Sprachrechte der deutschen Bevölkerungsmehrheit ein lästiges Beiwerk sind und sie moralisch nichts Verwerfliches tun, wenn sie betrügen.

    Bianchis Argumentation vom »unüberwindbaren Hindernis«, um arbeiten zu können, ist hingegen nicht stichhaltig. Personalmangel gibt es bekanntlich nicht nur in Südtirol, sondern in fast ganz Europa — und nahezu genauso akut wie bei uns auch im benachbarten Trentino. Wer also Tausende Euro sparen und keine strafrechtlichen Konsequenzen riskieren wollte, hatte dazu jederzeit die Möglichkeit.

    In der Einleitung seines verständnisvollen Interviews mit »Francisca« schreibt Gobbato denn auch:

    Der Sanitätsbetrieb braucht Ärzte wie das tägliche Brot, und Anästhesisten sind sehr gefragt. Francisca erhält vom Bozner Sanitätsbetrieb eine befristete Stelle, die sie mühelos überall kriegen würde, und der Sanitätsbetrieb löst mit ihrer Anstellung eines der vielen Probleme bei der Stellenbesetzung — aber ausnahmsweise nicht mit einer Ärztin in Fachausbildung, sondern mit einer erfahrenen Fachkraft.

    – Fabio Gobbato

    Übersetzung von mir

    Sie ist also nicht nur wie das Manna vom Himmel gefallen, sondern hätte offenbar überall sonst hingehen können — ohne zu betrügen. Die Arme war aber so selbstlos, für uns zu bescheißen, und wird jetzt auch noch ungerechtfertigt dafür bestraft.

    An dieser Erzählung stimmt etwas ganz eindeutig nicht. Oder genauer gesagt: Sie funktioniert nur, nur wenn man sie aus einer tiefsitzenden kolonialen und minderheitenfeindlichen Perspektive betrachtet, ohne die durchschaubaren Tarnargumente der »Verständnisvollen« ernstzunehmen.

    Zu lange wurde weggeschaut — so lange, dass sich ein offenbar weit verzweigtes kriminelles System etablieren konnte, dessen Aufarbeitung das öffentliche Gesundheitswesen (und darüber hinaus) bis in seine Grundfesten zu erschüttern droht. Vielen Beteiligten — einschließlich Bianchi und Gobbato, die dieses System rhetorisch decken — dürfte das gar nicht unrecht sein, denn sie können den Skandal vorzüglich dazu missbrauchen, die Abwicklung des Minderheitenschutzes weiter voranzutreiben.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Olympiaschulden – mit rhetorischem Trick.

    Neben Verkehr, Umweltzerstörung, großteils unnötigen Infrastrukturen, Einschränkung von Grundfreiheiten und zusätzlicher Minorisierung haben uns die Nationalismusfestspiele 2026 auch noch mehrere Millionen Euro Schulden hinterlassen, die nun unter anderem mit Steuergeld aus Südtirol gedeckt werden müssen. Sie kommen hinzu zu den Kosten für ordentliche Wartung und Betrieb eines Eiskanals, der nicht einmal in Südtirol liegt und den (fast) niemand braucht. Und womöglich auch zu jenen für seine außerordentliche Instandsetzung, da die rund 120 Millionen Euro teure Bahn bekanntlich schon kurz nach den Spielen für geplante Wettkämpfe unbrauchbar war.

    Einem Bericht von Rai Südtirol zufolge erwartet die Stiftung Milano-Cortina mittlerweile ein Minus von 310 Millionen Euro, wovon der Südtiroler Anteil auf fünf Millionen beziffert wird.

    Derjenige, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass sich Südtirol — selbstverständlich ohne öffentliche Konsultation — überhaupt an dieser zweifelhaften Veranstaltung beteiligt hat, nämlich LH Arno Kompatscher (SVP), reagiert darauf laut Rai Südtirol mit einem klassischen Taschenspielertrick: Das Internationale Olympische Komitee (IOK) habe im Vorfeld der Spiele von Südtirol die Hinterlegung von zwanzig Millionen Euro als finanzielle Sicherheit verlangt. Wenn es jetzt also etwas zu bezahlen gebe, »können wir das mit diesem Geld stemmen«, so der Landeshauptmann.

    Das klingt im ersten Moment beruhigend, ist aber in Wirklichkeit völlig irrelevant. Wäre es zu keiner finanziellen Schieflage gekommen, hätte das Land diese zwanzig Millionen einfach vollständig zurückbekommen. Ob die zusätzlichen fünf Millionen nun von dieser bereits hinterlegten Summe abgezwackt oder aus einem ganz anderen Topf entnommen werden, ist ein gedankliches Nullsummenspiel. Sie sind futsch. Kompatschers Argumentation trägt nur zur Verwirrung und Verschleierung bei.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06



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