Daheim in Mythen?

Vor einiger Zeit hatte die Südtiroler Tageszeitung (TAZ) berichtet, das renommierte Hamburger Wochenblatt Die Zeit arbeite an einem Bericht über eine angebliche »Verdeutschung« Südtirols. Laut TAZ-Informationen sollte darin vor allem die »gemischtsprachige Landtagsabgeordnete« (Eigendefinition) Elena Artioli zu Wort kommen.

Am vorletzten Donnerstag ist der Artikel der freien Südtiroler Reporterin Barbara Bachmann tatsächlich erschienen, er kann hier nachgelesen werden. Die vorgebrachte Verdeutschungsthese ist äußerst dürftig untermauert, der Beitrag weist insgesamt grobe Mängel auf, die ich in der Folge aufdröseln möchte. Elena Artioli kommt nicht zu Wort.

  • Bereits der Titel (»Daheim bei Fremden«) weist auf einen nationalistisch angehauchten Leitfaden hin, der sich durch den Artikel zieht und wonach eine anderssprachige Mehrheit in der Region eines Nationalstaats etwas Anrüchiges sei und einer Rechtfertigung bedürfe.
  • Einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Verdeutschungsthese lässt Bachmann durch den postfaschistischen Landtagsabgeordneten Alessandro Urzì vortragen — ohne allerdings darauf hinzuweisen, welch unangenehme Ideologie er vertritt. Unter anderem sprach er sich noch im März 2013 gegen die Gleichstellung der deutschen Sprache in der Produktetikettierung aus und erwirkte die römische Anfechtung des Landesgesetzes zur Ortsnamensgebung, das einen kompromiss deutscher und italienischer Parteien im Südtiroler Landtag darstellt, um wenigstens einige der im Faschismus erfundenen, italianisierten Ortsnamen wieder abzuschaffen.
    • Urzì ortet »in den Tälern, in den kleinen Orten Südtirols« einen »immer heftiger werdenden antiitalienischen Diskurs«. Dies entbehrt nicht nur eines Belegs, sondern mutet besonders merkwürdig an, nachdem gemäß letzter Volkszählung die Italiener in allen Bezirken außer im Vinschgau und im Eisacktal anteilsmäßig zunehmen; nachdem die Eltern deutschsprachiger Schüler ohne wesentliche Unterschiede zwischen Stadt und Land in einer (nicht repräsentativen) Umfrage erst neulich mehr Italienischunterricht gefordert haben; nachdem die Italienischkenntnisse in Südtirol deutlich besser sind, als es die Zuordnung zu den Sprachgruppen vermuten ließe. Und nachdem die SchülerInnen deutscher Muttersprache wesentlich besser Italienisch lernen, als umgekehrt.
    • Urzìs unwidersprochener Befund: »In Südtirol braucht man das Italienische nicht mehr.« Eine merkwürdige Aussage, nachdem das Astat-Sprachbarometer belegt, dass es deutsch- und ladinischsprachige SüdtirolerInnen deutlich schwerer haben, ihre Sprachen im Umgang mit öffentlichen Ämtern zu gebrauchen, als ihre italienischsprachigen MitbürgerInnen; nachdem Produktetiketten und selbst Packungsbeilagen von Medikamenten in der Regel nur auf Italienisch abgefasst sind und auch nur auf Italienisch abgefasst sein müssen; Zuwanderer nur Italienischkenntnisse nachweisen müssen oder internationale Handelsketten desöfteren auf Personal mit Deutschkenntnissen verzichten.
    • Ferner behauptet Urzì, die Situation der Italiener in Südtirol sei »paradox«. »Rechtlich gesehen gehören sie der gesamtstaatlichen Mehrheit an. In der Praxis der Region sind sie aber eine Minderheit und abhängig von den Entscheidungen der lokalen deutschen Mehrheit.« Das ist jedoch alles andere als paradox, solange man nicht den anachronistisch-nationalistischen Anspruch erhebt, die »nationale Mehrheit« müsse tatsächlich in jeder einzelnen Region in der Mehrheit sein. Die von Italien nie ratifizierte Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats empfiehlt sogar ausdrücklich, innerstaatliche Verwaltungsgrenzen so zu gestalten, dass Minderheiten in ihrer eigenen Region nicht minorisiert werden.
  • Bachmann berichtet weiter, »als im Sommer 2013 beschlossen wurde, Berghütten nur noch deutsche Namen zu geben« habe die Mailänder Tageszeitung Il Giornale geschrieben: »In diesem fantastischen Stück Italiens wird es jeden Tag heldenhafter, italienisch zu sein.« Sie »vergisst« sowohl zu erwähnen, dass die italienischen Bezeichnungen hauptsächlich Erfindungen des protofaschistischen Extremisten und Assimilierers Ettore Tolomei waren, die die ursprünglich deutschen auslöschen sollten, als auch, dass Il Giornale zu Berlusconis rechtspopulistischem Medienimperium gehört.
  • Selbst mit statistischem Zahlenmaterial wird salopp umgegangen. So behauptet die Autorin, seit Anfang der 1960er Jahre sei der Anteil italienischsprachiger Südtiroler um »mehr als zehn Prozentpunkte« zurückgegangen. Richtig ist, dass der Rückgang von 34,3% auf 24,5% genau 9,8 Prozentpunkte beträgt. Auch hier bleibt wichtiges unerwähnt, nämlich dass die Zahl von 1960 durch staatlich erzwungene und geförderte Zuwanderung zum Zwecke der Majorisierung völlig aufgeblasen war.
  • Dass die Zahl italienischer Landtagsabgeordneter nach den Landtagswahlen 2013 »von acht auf fünf, ein Siebtel der Mandatare bei einem knappen Viertel der Bevölkerung« zurückging, hat sehr viel mit der Zerstrittenheit und Zersplitterung der italienischen Parteien und sehr wenig mit Diskriminierung zu tun. Demokratische Wahlen sind frei und niemand wird gezwungen, sprachgruppenkonform zu wählen.
  • Erstaunlich ist, dass eine Grüne (Brigitte Foppa) es laut Bericht merkwürdig findet, wenn im Landtag der Vorschlag zur Ersetzung von .it durch .eu bei der Internetdomain des Landes gemacht wird — oder wenn angedacht wird, Südtiroler Sportler bei internationalen Wettbewerben mit neutraler Bekleidung statt italienischen Trikots antreten zu lassen. Die Überwindung des Nationalen und die Betonung des Europäischen sollte eigentlich ein Anliegen grüner Politik sein.
  • Senator Francesco Palermo bezeichnet die deutschsprachige Bevölkerung als eine »Mehrheit mit Minderheitskomplex«. Für einen Verfassungsrechtler angesichts der bereits erwähnten Empfehlungen des Europarats eine seltsame Auffassung. Müssen Minderheiten auf staatlicher, regionaler und kommunaler Ebene gleichzeitig in der Minderheit sein, um nicht eines Minderheitenkomplexes bezichtigt zu werden?
  • Palermo kenne noch Zeiten, in denen Bars ethnisch getrennt waren. »Mittlerweile hätten sich die die italienischsprachigen Südtiroler “mit einer gewissen Hierarchie abgefunden”, sagt er.« Angesichts der Tatsache, dass es gerade in Bozen mitunter sehr schwierig ist, sich in Bars und Läden (mit der Bedienung) auf Deutsch zu verständigen, ist das eine wirklich erstaunliche Aussage.
  • Als Gegenargument dazu, dass sich Südtirol »als funktionierende mehrsprachige Provinz (sic)« verstehe, zählt Bachmann unter anderem auf, dass es neben deutschen Tageszeitungen eine italienische Tageszeitung (in Wirklichkeit sind es deren zwei) gibt. Wäre es für ein funktionierendes mehrsprachiges Land besser, wenn es Zeitungen nur in einer Sprache gäbe? Oder müssten sämtliche Medien mehrsprachig sein?
  • Desweiteren schreibt die Autorin, dass die SVP eisern am ehtnischen Proporz festhalte. Dass heute gerade die Italiener davon profitieren, wie selbst Postfaschist Alessandro Urzì gesteht, bleibt leider unerwähnt.
  • Auch Bachmann kann sich schließlich nicht verkneifen, den Mythos zu erneuern, wonach »die einen immer schlechter Italienisch sprechen« während die anderen aufholen. Daten hierzu gibt es nicht, wie aufgrund ausgiebiger Recherchen zweifelsfrei feststeht. Wir werden die Journalistin trotzdem anschreiben und nach ihren Quellen fragen.
    Jene Daten, die zu den Zweitsprachkenntnissen der SüdtirolerInnen vorliegen, lassen zwar kein Urteil über deren Entwicklung im Lauf der Zeit zu, belegen jedoch, dass die deutschsprachigen SüdtirolerInnen nach wie vor deutlich besser Italienisch sprechen, als umgekehrt.

Siehe auch:

Faktencheck Kohäsion+Inklusion Medien Plurilinguismo Politik Scola Umfrage+Statistik Wissenschaft | Produktetikettierung Sprachbarometer | Alessandro Urzì Brigitte Foppa | Die Zeit TAZ | Südtirol/o | PDL&Co. Vërc | Deutsch

Vom befremdlichen Umgang mit Umfragen.

Vor etwas mehr als einem Jahr gab die Süd-Tiroler Freiheit das Ergebnis einer selbstverwalteten Umfrage zum Thema Selbstbestimmung bekannt, an der sich 61.189 Südtirolerinnen beteiligt hatten. Davon befürworteten 56.395 (oder 92%), die Bevölkerung frei und demokratisch über die staatliche Zugehörigkeit Südtirols entscheiden zu lassen.

Alexandra Aschbacher schrieb dazu in einem Leitartikel (ff 03/2014) unter anderem:

Etwa 85 Prozent der wahlberechtigten Südtiroler haben weder Ja noch Nein gesagt, sie haben schlicht und einfach nicht mitgemacht. Das ist die große Mehrheit der Südtiroler, bei einem offiziellen Referendum (sic) hätte man mit 15 Prozent Beteilung das erforderliche Quorum nicht erreicht.

Kürzlich hat der Elternbeirat ebenfalls Umfrageergebnisse veröffentlicht, wonach sich 77,2% von 9.569 Schülereltern eine Intensivierung des Italienischunterrichts an Südtirols Schulen wünschen. Dies entspricht 7.387 Eltern, die sich auf drei unterschiedliche Antwortmöglichkeiten (Zusammenlegung der Schulen, Sachfachunterricht, Schüleraustausch) aufteilen. Dass die Fragestellung suggestiv war und die Möglichkeit, sich für eine qualitative Verbesserung des Italienischunterrichts auszusprechen, nicht gegeben war, sei hier nur am Rande erwähnt.

Laut Landesstatistikinstitut (Astat) besuchen im Schuljahr 2014/15 insgesamt 20.290 SchülerInnen eine deutsche Grundschule im Land. Für Mittel- und Oberschulen liegen nur Daten für das Schuljahr 2013/14 vor — sie werden von 12.369 respektive 14.486 Schülerinnen besucht. Insgesamt wären das, wenn wir uns an diesen Zahlen orientieren, 47.145 Kinder und Jugendliche.

Daran gemessen hätten sich die Eltern von 20,3% der Südtiroler Schülerinnen an der Umfrage beteiligt und 15,7% sich für eine der drei Optionen der Intensivierung des Italienischunterrichts ausgesprochen. Da auch bildungspolitische Entscheidungen in einer Demokratie der Gesamtbevölkerung obliegen und nicht der Elternschaft, müsste man die 7.387 zudem nicht an den 47.145 Schülerinnen, sondern an den über 400.000 Stimmberechtigten* bemessen.

In der ff schreibt diese Woche (ff 14/2015) Georg Mair jedoch in einem Leitartikel:

Jetzt hat der Elternbeirat erhoben, dass sich die Eltern mehr Italienischunterricht in der Schule wünschen.

Dass man auch mit 20,3% bei einer offiziellen Volksabstimmung nicht das Quorum erreicht hätte, wird diesmal nicht erwähnt. Und in einem weiteren Artikel in derselben Ausgabe heißt es:

Nachdem sich 77 Prozent der Eltern in einer Umfrage dafür ausgesprochen haben, dass die italienische Sprache in der Schule mehr Gewicht haben müsse […] melden sich nun auch die Schüler selbst zu Wort.

(Hervorhebungen von mir.)

Das ist, als hätte man bei der STF-Umfrage behauptet, 92% der Südtirolerinnen hätten sich für die Ausübung der Selbstbestimmung ausgesprochen. Stattdessen ist es korrekt zu sagen, dass sich 56.395 BürgerInnen (oder 92% der Teilnehmenden) dafür ausgesprochen haben, die Selbstbestimmungsfrage zu stellen und Eltern von 7.387 Schülerinnen (oder 77% der Teilnehmenden) den Italienischunterricht ausweiten oder Austauschprogramme umsetzen möchten. Repräsentativ sind beide Umfragen nicht.

Die ff — und die Südtiroler Medien im allgemeinen — reden und schreiben jedoch das eine Ergebnis klein und das andere groß, je nachdem, was als politisch »genehm« erscheint. Dies ist nicht nur unzulässig, sondern eine Missachtung des Informationsauftrags, den unabhängige Medien in einer Demokratie eigentlich hätten. Bedauerlich.

*) 7.387 von 400.000, das entspricht einem Anteil von rund 1,85%

Democrazia Medien Plurilinguismo Scola Selbstbestimmung Umfrage+Statistik | Medienkritik STF-Befragung Zitać | Alexandra Aschbacher Georg Mair | ff | Südtirol/o | Astat STF | Deutsch

Houston, wir haben (k)ein Problem.

Man könnte argumentieren, dass die Süd-Tiroler Freiheit nichts dafür kann, dass eine ihrer Fahnen mit der Aufschrift “Süd-Tirol ist nicht Italien” überaus prominent im Mensur-Keller der rechtsextremen, schlagenden, deutschnationalen Burschenschaft Teutonia in Wien hängt – wie ein Ausschnitt aus der sehenswerten Vice-Dokumentation “Burschenschaften in Österreich” belegt. In etwa so, wie das Produktionsstudio FilmSpektakel nichts dafür kann, dass H.C. Strache ihr sensationelles Zeitraffer-Video “A Taste of Austria” für seine Zwecke missbraucht.südtirol ist nicht italien

Doch angesichts der Tatsache, dass Exponenten der Bewegung anlässlich des diesjährigen Akademikerballs alles andere als Berührungsängste mit schlagenden Burschenschaften gezeigt haben, ist diese Argumentation wohl nicht griffig. Es scheint, dass ihnen – im Gegensatz zu FilmSpektakel – an einer klaren Distanzierung zum deutschnationalen bis rechtsextremen Milieu nicht viel gelegen ist. demanega

Und dass in der Dokumentation dann auch noch ein ehemaliges führendes Mitglied der Südtiroler Freiheitlichen und nunmehriger Burschenschafter seinen Deutschnationalismus unverhohlen breittritt, ist ein Bärendienst für eine moderne und progressive Südtiroler Unabhängigkeitsbewegung, die einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens in einem Land mit drei Sprachgruppen und Zuwanderern aus aller Welt erreichen möchte.

Siehe auch:

Faschismen Medien Migraziun Selbstbestimmung | | | | Österreich Südtirol/o | Freiheitliche STF | Deutsch

Südtirols Nachbarn laut SMG.

SMG: Unsere Nachbarn.

Auf der Webseite der Südtirol Marketing Gesellschaft (SMG) gibt es stets was zu entdecken, so zum Beispiel die offenbar ohne Beiziehung eines Hirns konzipierte Vorstellung von »Südtirols Nachbarn«. Die da wären: Nordtirol, Graubünden und das Trentino. Wo Osttirol, Salzburg, Sondrio und Belluno bleiben — man weiß es nicht. Ist auch egal, wird doch bereits der Euregio-Partner Trentino als »schon ganz Italien« bezeichnet und — man höre und staune — kurzerhand um Cortina d’Ampezzo erweitert (s. Ausschnitt oben). Die Hauptstadt Trient heißt natürlich: Trento. Und was gibt es zu Nordtirol zu sagen? Nur soviel: Dass es eine Metropole ist und dass die SMG nicht weiß, wie man Kitzbühel schreibt. Sollen sich halt auch endlich einen italienisch klingenden Ortsnamen zulegen!

Unser nördlicher Nachbar lebt und liebt die Berge. Besonders der Winter verwandelt sich (sic) die Alpennordseite in eine pulsierende Schneemetropole (sic). Ischgl, Kitzbühl (sic) und Innsbruck tragen wesentlich dazu bei.

Und auf der zur Veranschaulichung beigefügten Karte sind Tolomeis wunderschöne Ortsnamen auch schon im Deutschen vorrangig, von Glorenza/Glurns bis Brunico/Bruneck. Ja, die SMG wird es irgendwann wohl sogar schaffen, die historischen Ortsnamen selbst auf dem deutschsprachigen Markt abzuschaffen.

SMG: Südtirolkarte.

Das kommt davon, dass man Ignoranten Dilettanten ureigenste politische Aufgaben überlässt. Wäre nett, zu erfahren, was die Autonomiepolitikerinnen in der Landesregierung gegen solchen Pfusch unternehmen. Als Außenstehender würde ich nämlich behaupten: gar nichts!


Nachtrag: Es lohnt auch ein Blick auf die italienische und englische Variante der besagten Seite über Südtirols Nachbarn. In guter Tolomei’scher Manier wird die Nordtiroler Stadt Kitzbühel gleich auch »eingeitalienischt« und als »Kitzbuhel« bezeichnet. Im Grunde ist das nicht nur eine Respektlosigkeit den Bewohnern der Gamsstadt sondern auch den italienischen Gästen gegenüber. Hält die SMG diese tatsächlich für so minderbemittelt, dass man ihnen kein »ü« zutrauen kann?
Auch die Situation im Engadin scheint man nicht ganz durchblickt zu haben: Als Orte in Graubünden werden nämlich »Engadina, St. Moritz e Davos« aufgezählt. St. Moritz ist ein Ort im Engadin, wobei der dortige Tourismusverband als »Engadin St. Moritz« firmiert. In der englischen Variante wird »Grisons« (ein im englischen Sprachraum verwendetes Exonym für Graubünden) zu »Gisons«. Interessant ist auch, dass die weltbekannten Resorts Engadin, St. Moritz und Davos in »contrast with many unspoilt mountain villages and valleys« stehen. Im Umkehrschluss heißt das also wohl, dass das Engadiner Hochtal, St. Moritz und Davos verschandelt und verdorben sind. Tolle Werbung. Dass die ganzen Texte dann auch noch mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern durchsetzt sind, krönt die großartige Leistung der Südtirolwerber.

Siehe auch:

Außendarstellung Ortsnamen Politik Sprachpfusch Tourismus Wirtschaft+Finanzen | | Ettore Tolomei | | Grischun Nord-/Osttirol Südtirol/o Svizra Trentino | Euregio | Deutsch

Tiefstes Mittelalter.

In einem früheren Artikel hatte ich mich über zwei Dinge beklagt, an die ich mich in Südtirol einfach nicht gewöhnen möchte. Zum einen ist dies die Standardabsicherung der Stromanschlüsse auf 3 kW, zum anderen der Umgang mit Persönlichkeitsrechten in den Medien bzw. generell mit dem rechtsstaatlichen Prinzip der Unschuldsvermutung.

Eine Reihe konkreter Anlassfälle hat nun wiederum meine Aufmerksamkeit auf diese beiden mittelalterlich anmutenden Missstände gelenkt. Gleichzeitig habe ich noch andere interessante Beobachtungen gemacht. Zeit für einen weiteren Sammelsurium-Artikel mit dem Charme eines Omnibusgesetzes.

Unter Strom
Am 11. Juni 2014 hat der Südtiroler Landtag mehrheitlich beschlossen, dass sich die Parlamentarier in Rom – die Südtiroler Autonomie reicht nämlich nicht so weit, um die Stärke von Stromanschlüssen selbst festlegen zu dürfen – für eine Erhöhung der Grundleistung von 3 auf 4,5 kW starkmachen mögen, bei gleichbleibendem Grundentgelt versteht sich. (Zur Erinnerung: der Standardanschluss in Nordtirol liegt bei 6 kW, in Deutschland angeblich gar bei 13 kW).

Da seit diesem Beschluss mittlerweile einige Monate ins Land gezogen sind, ohne dass man in der Angelegenheit Bahnbrechendes hätte vernehmen können, hat die freiheitliche Abgeordnete Tamara Oberhofer in einer Anfrage einmal nachgehakt, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Die Anfrage wurde am 29. Jänner 2015 eingebracht und am 2. Februar an den zuständigen Landesrat Richard Theiner weitergeleitet. Für die Beantwortung der Anfrage ist eine Frist von 30 Tagen vorgesehen. Heute (27. März 2015), gut einen Monat nachdem die Frist verstrichen ist, ist auf der Internetseite des Landes nach wie vor noch keine Antwort abrufbar. Ein paar stichprobenartige Kontrollen haben mir dann gezeigt, dass das Verstreichenlassen besagter Fristen mehr Norm denn Ausnahme ist. Ob dies ein respektloses Versäumnis der Landesregierung ist, ob diese sich bisweilen eine Verlängerung der Frist erbittet, ohne dass dies auf der Webseite aufscheint oder ob die Antworten mit großer Verzögerung erst online gestellt werden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Denkbar wäre natürlich auch – wofür man beinahe Verständnis aufbringen könnte – dass sich die Landesregierung grundsätzlich weigert, Anfragen, die in Comic Sans verfasst wurden, zu bearbeiten. Eine weitere stichprobenartige Kontrolle hat nämlich ergeben, dass die Freiheitlichen in aller Tatsächlichkeit viele ihrer Schriftstücke im Landtag im Kindergeburtstagseinladungsstil verfassen.

Anfrage

Wir halten fest:
In Südtirol ist die Absicherung von Standardstromanschlüssen halb so hoch wie im nördlichen Landesteil. Das “in den Keller gehen, um die Sicherung wieder einzuschalten”, kennt man dort nicht.

Südtirol verfügt nicht über die Zuständigkeit, den Richtwert für diese Anschlüsse selbst festzulegen.

Die Landesregierung benötigt mehr als zwei Monate, um die Frage zu beantworten, ob die SVP-Parlamentarier in der besagten Angelegenheit bereits mit der römischen Regierung Kontakt aufgenommen haben.

Die größte Oppositionspartei im Lande verfasst Landtagsanfragen in einer Schriftart, die für Comic-Sprechblasen erfunden wurde und bestätigt damit den Eindruck, dass die Landtagspolitiker, was Professionaltiät betrifft, sprichwörtlich auf Kindergartenniveau agieren.

Am Pranger
Das zweite Thema lässt hingegen überhaupt keinen Spielraum für Humor. Wie – mittlerweile nicht mehr nur – in italienischen bzw. Südtiroler Medien mit Persönlichkeitsrechten und Unschuldsvermutung umgegangen wird, ist beschämend und schockierend. Anlässlich des jüngsten Mordfalles in Bozen, werden der volle Name, unverpixelte Fotos und Facebook-Einträge der Tatverdächtigen (bis zur rechtskräftigen Verurteilung gilt jede(r) als unschuldig) gnadenlos publik gemacht. Ein solcher Pranger ist für besagte Person, die sich als Mordverdächtige in jedem Fall in einer psychischen Ausnahmesituation befindet, eine unvorstellbare Belastung. Ein solche Pranger ist existenzbedrohend. Man stelle sich vor, ein Gericht stellt in weiterer Folge fest, dass die Frau die Tat gar nicht begangen hat. Den “Makel” wird sie ihr Leben lang nicht mehr los.

Dass die Tageszeitung diesbezüglich wenig Skrupel hat und sich boulevardesquer als der tiefste Boulevard gebärdet, ist bekannt. Dass aber auch ein selbsternanntes “Qualitätsmedium” wie salto.bz sensationsgeil dem mitteralterlichen Pranger frönt, ist bestürzend. Noch dazu, wo sich das besagte Medium in jüngster Zeit als Retter der journalistischen Ethik aufspielt, nachdem das Boulevardblatt “Österreich” einen Rittner Eishockey-Goalie fälschlicherweise als Schläger identifiziert und in einem Artikel mit Foto und Namen an den Pranger gestellt hat.

Im Zuge der Flugzeugkatastrophe in Frankreich fielen dann endgültig sämtliche Schranken und Hemmungen was journalistische Ethik anbelangt. “Österreich” und “Krone” veröffentlichten ein unverpixeltes Bild, welches jedoch gar nicht den im Verdacht stehenden Co-Piloten, sondern einen völlig unbeteiligten Mann ähnlichen Namens, zeigt. Il Giornale zieht fragwürdige Vergleiche zur Costa Concordia. Nicht wenige Medien verzichten auf Unkenntlichmachung bei der Abbildung von Angehörigen der Opfer.

Mats Schönauer von bildblog.de dokumentiert das mediale Fiasko penibel und bringt jene Problematik, die man in abgeschwächter Form auch auf den Bozner Mord übertragen kann, auf den Punkt:

Was in den vergangenen Tagen passiert ist, ist in weiten Teilen, in sehr weiten Teilen kein Journalismus mehr, sondern eine Jagd. Eine Jagd nach Informationen und Bildern, die für das Verständnis des Geschehens komplett irrelevant sind.

Comparatio Grundrechte Medien Polizei Recht Satire Tech&Com Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | Medienkritik Zitać | | Salto TAZ | Nord-/Osttirol Südtirol/o | Freiheitliche Südtiroler Landtag SVP | Deutsch

Politisch motivierte Gewalt: Raus!

Am Dienstag vergangener Woche wurden in der Landeshauptstadt drei linke Jugendliche von mindestens sechs Mitgliedern der neofaschistischen CasaPound Italia brutal zusammengeschlagen. Nachvollziehbare Gründe für die Aggression, die über die politische Zuordnung der Opfer hinaus gehen, scheint es nicht zu geben. Laut übereinstimmenden Medienberichten hätten die drei jungen Männer versucht, den Rechtsextremisten zu entkommen, ohne ihrerseits Gewalt anzuwenden.

CasaPound betreibt seit Jahren einen eigenen Sitz in der Südtiroler Landeshauptstadt, hat bereits mehrere Kundgebunden veranstaltet und mit mäßigem Erfolg an politischen Wahlen teilgenommen. Bei den anstehenden Bozner Gemeinderatswahlen wollten die Neofaschisten Bürgermeisterkandidat Giovanni Benussi unterstützen, der ebenfalls schon öfter durch rechtsextremistische Positionen aufgefallen war. Die Antifa Meran weist seit Jahren darauf hin, dass CasaPound in Bozen zu große Freiräume gewährt werden.

Ein wahrlicher Skandal ist zum Beispiel, dass diese extremistische Organisation, die außerhalb Südtirols (auch im benachbarten Trentino) schon zahlreiche Gewaltakte vollbracht hat, von Landesinstitutionen nicht nur nicht bekämpft, sondern auch noch mit öffentlichen Geldern unterstützt wird. Dies gilt insbesondere für die rechtsextremistische Buchhandlung CasaItalia, die CasaPound zuzuordnen ist und deren Sitz sogar vom Land Südtirol gefördert wird. Spätestens nach der jüngsten gewaltsamen Aggression an zwei linken Jugendlichen sollten den Verantwortlichen endlich die Augen aufgehen: Wir fordern, CasaItalia mit allen Mitteln den Wobi-Mietvertrag zu kündigen. Vereine wie diese bereiten dem Neofaschismus und politisch motivierter Gewalt in Südtirol den Nährboden.

Faschismen Politik | | Giovanni Benussi | | Südtirol/o | Antifa Meran CPI Wobi | Deutsch

Landeselternbeirat: Suggestive Umfrage?

Der Landesbeirat der Eltern der deutschen Schule in Südtirol hat im Februar und März 2015 eine Umfrage durchgeführt, deren Ergebnisse am Samstag, 23. März 2015 präsentiert wurden.

Die Zahlen
Bei über 50.000 Teilnahmecodes, die an den deutschen Schulen und Kindergärten über die SchülerInnen bzw. Informationsfächer verteilt wurden, nahmen 12.877 Eltern an der Umfrage teil. Dies entspricht einer Beteiligung von etwas mehr als 25% der Eltern.
Von den Initiatoren wird die Umfrage als repräsentativ bezeichnet. Diesbezüglich muss aber angemerkt werden, dass es sich um keine Umfrage handelte, bei der die TeilnehmerInnen nach statistischen Kritierien gewichtet oder sonst nach einem statistisch repräsentativen Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Es unterlag der eigenen Entscheidung der Eltern, daran teilzunehmen oder nicht teilzunehmen. Knappe 75% nahmen an der Umfrage nicht teil. Wir wissen nicht, was die Gründe hierfür sind.

Was wurde gefragt?
Hauptschwerpunkte der Befragung waren neben dem Schulkalender und dem Italienisch-Unterricht einige eher allgemein gehaltene Fragenblöcke zu den Kompetenzen, die in Zukunft für die Kinder wichtig sind oder zu Fächergruppen, die intensiviert werden sollten.

Wie war die Umfrage aufgebaut?
Die Befragung folgt keiner einheitlichen Methodik.
Bei den Fächergruppen Deutsch/Literatur, Sport/Kreatives/Handwerkliches/Musisches, Geschichte/Geographie, Mathematik/Informatik/Naturwissenschaften wurde innerhalb einer Sammelfrage danach gefragt, ob sie im Vergleich zur aktuellen Situation auf einer Skala von 1 bis 5 weniger wichtig als bisher, gleichbleibend oder in Zukunft stärker gewichtet werden sollten.
Zum Deutschunterricht wird zusätzlich gefragt, ob der Unterricht auf Hochdeutsch auf einer Skala von 1 bis 5 zu umfangreich, genau richtig oder in zu geringem Umfang angeboten wird.
Bei allen oben erwähnten Fächergruppen wird ermittelt, ob hinsichtlich der quantitativen Wichtungen an den Stellschrauben gedreht werden soll.
Bei der Frage nach dem Italienischunterricht scheint der Beirat bereits davon ausgegangen zu sein, dass Handlungsbedarf besteht. Einzig bei dieser Frage, in abgeschwächter Form auch bei der Frage nach dem Englischunterricht, waren konkrete Antworten vorgegeben.

Bei der Abstimmung verfestigte sich ein bestimmtes Gefühl, an einer Umfrage teilzunehmen, die methodisch nicht sehr ausgereift ist und die bei bestimmten Fragen einen eindeutig suggestiven Charakter annimmt. Wollte man speziell hinsichtlich des Italienischunterrichtes durch die Fragestellung ein bestimmtes Ergebnis erzielen?

Italienischunterricht
Folgende Antworten standen zur Auswahl:

Deutsch – Italienisch
Wie ist Ihre Meinung zum Erlernen der italienischen Sprache?

  • Verschiedene Fächer auch in italienischer Sprache unterrichten (max. 50% der Unterrichtszeit)
  • Mehr Schüleraustausch/Partnerschulen, schulübergreifende Projekte mit italienischen Schulen
  • Mehrsprachige Schule: deutsche und italienische Schulen sollen mittelfristig zusammengelegt werden
  • Aktuelle Situation beibehalten

Elternumfrage - Ausschnitt.

Es waren Mehrfachnennungen möglich, was die Ergebnisse zusätzlich verwirrender gestaltet. Das System verhinderte zudem nicht widersprüchliche Kombinationen, wie die gleichzeitige Auswahl von Beibehaltung der aktuellen Situation und mehrsprachige Schule.
Die naheliegendste Wahlmöglichkeit, nämlich die Verbesserung der pädagogischen und didaktischen Qualität des Italienischunterrichts, stand gar nicht zur Verfügung. Landauf und landab wird über die dürftigen Früchte des Italienischunterrichts gejammert und laut Kurt Rosanelli, dem Vorsitzenden des Landesbeirates der Eltern, sei dies dem Schulamt auch hinlänglich bekannt.

Wollte man möglicherweise mit der Umfrage einer bestimmten Berufsgruppe nicht zu nahe treten? Macht das Ergebnis ohne diese Antwortmöglichkeit bzw. eine spezielle Frage zur Zufriedenheit mit der pädagogisch-didaktischen Qualität im Italienischunterricht überhaupt Sinn?
Ohne eine solche Frage wissen wir schlicht und einfach nicht, was die Erwartungen der Südtiroler Eltern hinsichtlich des Italienischunterrichtes sind.
War man sich dieses Regiefehlers in der Fragestellung sogar bewusst? Kurt Rosanelli äußerte sich auf Rai Südtirol am 23.03.2015 (ca. 8.20 Uhr) dahingehend, dass

es zu wenig kompetente ItalienischlehrerInnen gibt und dass, laut den Ergebnissen, 3/4 der Befragten besseren und nicht mehr Italienischunterricht wünschen. […] Wir haben ganz dezidiert nicht Immersionsunterricht gemeint und haben ihn deshalb auch nicht abgefragt.

Am Ende des Interviews zieht die Journalistin im Widerspruch zum Interview, aber wohl in Bezug auf die Abstimmungsergebnisse das Fazit

dass die Eltern einen moderneren Unterricht wünschen und mehr Italienisch.

Was sollte man daraus lernen?

  1. Bevor eine derart delikate Materie, die für das Fortbestehen einer Minderheit zentral ist, Thema einer Umfrage wird, sollte wissenschaftlich der Status Quo erhoben werden. hat schon häufig die mangelnde Datengrundlage kritisiert, wenn es um das Thema Mehrsprachigkeit geht.
    Konkret muss vor einer solchen Umfrage, zumindest was den Sprachunterricht und die Sprachkompetenz betrifft, erhoben werden, ob der Italienischunterricht pädagogisch und didaktisch den Anforderungen eines modernen Fremdsprachenunterrichts entspricht und auf welchem Niveau Südtirols SchülerInnen tatsächlich stehen. Weiters müssen auch die Hochdeutsch- und Englischkenntnisse ermittelt werden. Erst wenn diese Basisdaten vorhanden sind, ist es sinnvoll, eine Umfrage zu lancieren.
    Zudem müssten etliche Fragen bzw. vorgegebene Antworten in einen weiteren Kontext über potentielle gesellschaftliche Auswirkungen gesetzt werden (siehe auch Punkt 3).
  2. Offenbar ist dem Schulamt das mangelhafte pädagogisch-didaktische Niveau des Italienischunterrichtes bekannt. Welche Maßnahmen wurden bisher ergriffen? Inwieweit wird im Schulamt überlegt vom sogenannten “Zweitsprachenansatz” zu einem “Fremdsprachenansatz” zu gelangen? Ein Problem stellt die mangelnde Kontinuität bei der Besetzung von Stammrollenstellen, besonders in Landgemeinden dar. Verfügt Südtirol hier überhaupt über die entsprechenden Zuständigkeiten um zeitnah wirksame Verbesserungen umzusetzen?
    Erwartet man sich rein durch eine Ausweitung des Italienischunterrichtes über CLIL-Fächer eine pädagogisch-didaktische Verbesserung? Liegt in diesem Ansatz nicht ein Widerspruch?
  3. Schule ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Die Meinung der Eltern (an der Umfrage haben sich ca. 25% der Eltern beteiligt) bildet hinsichtlich der Schulentwicklung einen wichtigen Teil der Gesellschaft ab, aber die Eltern sind nicht der einzige Akteur, der ein Interesse daran hat. Einige Beispiele: Der Unterricht von CLIL-Fächern bis max. 50% würde bei konsequenter, flächendeckender Umsetzung bedeuten, dass im Extremfall 30% der deutschsprachigen LehrerInnen ihren Job verlieren.
    Südtirol hat nach wie vor keine primäre Kompetenz im Schulbereich. Bis dato erweist sich Südtirols Autonomie als zu schwach, um tatsächlich eine gleichberechtigte Mehrsprachigkeit zu garantieren. In vielen Bereichen folgt der Gebrauch der Sprache (z.B. Gerichtswesen, Etikettierung, vorherrschende Geschäftssprache in international agierenden Konzernen) einer nationalstaatlichen Logik. Wird im Schulwesen an den Stellschrauben gedreht, führt dies im nationalstaatlichen Kontext, dem Südtirol ausgesetzt ist, möglicherweise zu irreversiblen Entwicklungen. Die Praxis an der Uni Bozen und an der Claudiana, wo zwar gerne die perfekte Drei- bzw. Mehrsprachigkeit propagiert wird, zeigt heute schon genügend Anzeichen, dass im Zweifelsfall tendenziell weniger Fächer auf Deutsch unterrichtet werden, als dies offiziell der Fall sein sollte. Ist dies eine Blaupause für Immersions- oder CLIL-Modelle im nationalstaatlichen Kontext?
    Warum werden in diesem Zusammenhang nicht auch Konzepte wie etwa das asymmetrische katalanische Immersionsmodell thematisiert? Dieses könnte bei behutsamer Umsetzung und entsprechenden Garantien durchaus die individuellen Anforderungen nach verbessertem Spracherwerb mit dem gesamtgesellschaftlichen Anspruch nach Schutz der autochthonen Minderheitensprachen und Absicherung vor allgegenwärtigen nationalstaatlichen Automatismen vereinbaren.
  4. Neben der Diskussion um einen besseren Spracherwerb gibt es auch andere wichtige Themenbereiche, die notorisch vernachlässigt werden. Beispiele:
    • Kompetenzen im naturwissenschaftlichen, mathematischen Bereich, die nicht unwesentlich sind, wenn wir von Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Kontext sprechen, einschließlich der
    • Sensibilisierung von Mädchen und jungen Frauen für naturwissenschaftliche Fächer;
    • Rolle der (deutschen) Schule hinsichtlich der Integration und Inklusion von neuen SüdtirolerInnen. Ob und wie das Thema Immigration bewältigt wird, wird in naher Zukunft zu einem wesentlichen gesellschaftlichen Erfolgsfaktor zählen.

Abschließend soll noch festgehalten werden, dass es einigermaßen erstaunt, dass derart zentrale Themenbereiche nicht innerhalb eines professionell organisierten und einer gesellschaftlich breit ausgerichteten Plattform diskutiert und entwickelt werden. Für Schnellschüsse und mediale Eintagsfliegen ist das Thema viel zu wichtig.

Siehe auch:

Bildung Medien Migraziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Scola Umfrage+Statistik Zuständigkeiten | CLIL/Immersion | | Rai | Südtirol/o | | Deutsch

Confederazione Alpina & Landesverfassung.

[Testo in lingua italiana]

von Stephan Lausch, Initiative für mehr Demokratie

Die Zerstörung aller Illusionen ist die Bedingung für jede wirkliche Veränderung.

— Erich Fromm

Was ist Illusion und was ist berechtigte Hoffnung?

Für mich hat sich in den letzten Wochen endgültig eine schwache Hoffnung als Illusion erwiesen. Der zwanzigjährige Weg für eine gute Regelung der Direkten Demokratie ist zur Erfahrung geworden, dass eine Weiterentwicklung der Demokratie in diesem politischen System nicht möglich ist und wir grundsätzlicher ansetzen müssen!

Wir haben versucht, eine Vervollständigung der Demokratie mit den vom politischen System gebotenen Möglichkeiten und unter seinen Bedingungen zu verwirklichen. Um ein Weniges ist es uns 2009 auch gelungen – dann aber waren die Vertreter des politischen Systems alarmiert und haben, kurz vor der ersten landesweiten Volksabstimmung 2009, das einzige vorhandene institutionelle Fenster geschlossen. Ab da konnten wir nur noch auf die Einsicht der politischen Vertretung setzen.

Bis 2013 war ausdrücklich Durnwalder schuld, dass eine gute Regelung der DD nicht möglich war. So hat es, wiederholt, Arnold Schuler zu verstehen gegeben. Und nun, wer ist jetzt schuld? Neue Ansätze sind da: der bis jetzt parteiübergreifende Ansatz des Gesetzgebungsausschusses (GGA) und seine Öffnung zum Gespräch mit der Zivilgesellschaft. Deren Wert ist aber allein abhängig vom Ziel und vom Zweck, die damit verfolgt werden. Über Ziel und Zweck kann es jetzt noch kein abschließendes Urteil geben, aber einiges deutet darauf hin, dass sich die Haltung nicht geändert hat. Die klare Ablehnung der beratenden Volksabstimmung über den Vorschlag des GGA und unseren Entwurf spricht eine klare Sprache. Man will sich nicht mehr mit unseren Vorstellungen von einer guten Regelung messen und mit ihnen konfrontiert sein. Das Ziel ist nicht eine wirklich gute Regelung, sondern weiterhin der Kompromiss innerhalb der SVP.

Der Bevölkerung ist vor den Wahlen eine Erneuerung versprochen worden. Viele haben darauf gehofft, andere haben das gleich schon als Wahlwerbung abgetan. Eine Erneue­rung ist schon da, aber es ist nur eine Erneuerung der Methode, mit der das Zustandekommen politischer Entscheidungen präsentiert wird, nicht aber eine Erneuerung in der politischen Ausrichtung. Dafür gibt es wirklich viele Beispiele.

Ich habe keine Erwartungen mehr an diese politische Vertretung und an diese Scheindemokratie (siehe “Und das soll Demokratie sein?). Wir leben in einer Elitenherrschaft, in einer Oligarchie. Die Hälfte der Bevölkerung hat keine Lust mehr in diesem politischen Spiel mitzuspielen und jene, die bei Wahlen noch mitmachen, tun das mehrheitlich nicht aus Überzeugung, sondern nur um schlimmeres zu vermeiden. Wir stehen am Ende eines politischen Systems, einer unfertigen Demokratie, die wie ein unfertiges Haus schutzlos den widrigsten Einflüssen ausgesetzt ist.

1994 war ich überzeugt, dass “eine umwelt- und sozialverträgliche Entwicklung”, dass die “ökologische Wende” nur möglich sein wird, wenn es uns Bürgerinnen und Bürgern gelingt, die Rahmenbedingungen für die zukünftige Entwicklung bestimmen zu können, also zu Gesetzgebern zu werden und die uns vertretenden Gesetzgeber direkt kontrollieren zu können.
20 Jahre später bin ich immer noch davon überzeugt, dass dieser Weg der richtige war, auch wenn wir das Ziel in so langer Zeit nicht erreicht haben. Es war der richtige, weil er dahin geführt hat zu sehen, was im Grunde notwendig ist: eine demokratische Neugründung unseres Landes.

Die geltende politische Ordnung wurde von einer kleinen Elite vorgegeben und immer mehr ihren Interessen angepasst. Es ist ihre Ordnung, eine Ordnung im Sinne der Wenigen, nicht eine von uns Vielen. Wir Bürgerinnen und Bürger waren und sind nicht beteiligt am Entwurf dieser Ordnung und an ihrer Ausgestaltung. Die Erneuerung, die stattfinden muss, erwarten wir vergebens von denen, die von ihr profitieren, sie muss von uns Bürgerinnen und Bürgern kommen. Die einzige wirkliche Erneuerung ist die Neugründung unserer demokratischen Gesellschaftordnung durch uns selbst.

Wären wir ein Schweizer Kanton, dann könnten wir jetzt die Totalrevision der Verfassung verlangen, aber das hätten wir dort ja nicht nötig. Hier wird man uns mit dem Südtirol-Konvent neue Grundlagen und Perspektiven für die Zukunft vorgaukeln, sie bleiben im Rahmen der herrschenden politischen Ordnung, die keine Souveränität für die Bürger kennt. Das System blockt, es stockt, es fällt langsam in sich zusammen. Wir müssen es umfahren, wir dürfen nicht mit falschen Erwartungen in ihm hängen bleiben. Wenn wir wollen ist das möglich: mit der Einrichtung einer verfassungsgebenden Versammlung.

Sie soll von uns Bürgerinnen und Bürgern nominiert werden und mit uns zusammen an einem Verfassungsentwurf für Südtirol arbeiten. Das Ergebnis dieser Arbeit, für die es über Island bis Equador weltweit Beispiele gibt, wird zeigen, ob die Ordnung, die wir für uns als die beste ansehen, im italienischen Verfassungs- und Rechtsrahmen Platz haben kann. Wenn nicht, dann wird sie die Grundlage sein für eine neu zu definierende Eigenständigkeit unseres Landes.

Die politische Ordnung, in der wir Bürgerinnen und Bürger wirklich souverän sind, können wir nur in kleinen, übersichtlichen Territorien schaffen, in großen Einheiten wie Staaten und Staatenbünde werden es immer nur Eliten sein, die sich Ordnungen in ihrem Interesse zurechtlegen. Goethe hat sich von dieser Erkenntis in seinem Weimarer Projekt leiten lassen. Immer mehr werden Menschen in Europa an solchen Neugründungen zu arbeiten beginnen. Nur so kann auch ein neues Europa entstehen. Wir werden uns gegenseitig anregen und unterstützen und Beispiel sein. Wir haben gehört: das Trentino macht sich gemeinsam mit uns auf den Weg. Ladinien wird hellhörig werden, das Cador, Carnia, Valtelina, in Aosta regt es sich auch schon. Und neben uns haben wir das lebendige Beispiel dafür, wie es aussehen könnte: ein föderativer Bund souveräner Kantone, ein jeder mit Verfassungshoheit, in einem jeden bestimmen die Menschen über ihr Grundgesetz, passen es an neu gewachsene Überzeu­gungen, Einsichten und Notwendigkeiten an, entscheiden selber oder kontrollieren alle Regeln, die in ihrem Namen beschlossen werden, stehen die Institutionen nicht Kopf, wie bei uns, sondern auf dem Boden der Gemeinden, legen sich die Bürger selbst ihre Steuern fest. Alpine Konföderation, Confederazione Alpina, Confe­deraziun Alpina könnte der neue Bund heißen. Das wäre eine Arbeit an überzeugenden, befriedigenden und dauerhaften Grundlagen.

Wir müssen aber auch an der Umsetzung arbeiten. Die Illusionen sind dahin, wir müssen uns auf die nächsten Wahlen vorbereiten. Nicht eine Partei werden, das ist klar, aber den Menschen im Land die Möglichkeit geben, Menschen zu wählen, die sie selber wählen wollen können, das ist möglich. Menschen wählen können, die bereit sind unter selbstbestimmten Bedingungen (Mandatsbeschränkung, Entlohnung, Arbeitsweise), die notwendige Demokratiereform innerhalb einer Legislatur zu verwirklichen.

Menschen können zu verändernden Handlungen nur motiviert werden, wenn sie Hoffnung haben, und sie können nur Hoffnung haben, wenn es eine Vision gibt und sie können nur eine Vision haben, wenn man ihnen Alternativen zeigt.

— Erich Fromm

Eine Landesordnung, eine Landessatzung, eine Landesverfassung ist eine solche Alternative!


di Stephan Lausch, Iniziativa per più democrazia

La distruzione di tutte le illusioni è la condizione da cui nasce ogni autentico cambiamento.

— Erich Fromm

Cosa è illusione e cosa lecita speranza?

Nelle ultime settimane ciò che ritenevo una flebile speranza si è definitivamente rivelata un’illusione.

Il cammino ventennale per ottenere una buona regolamentazione della democrazia diretta ha dimostrato che in questo sistema politico un’evoluzione democratica è impossibile e che quindi dobbiamo avere un approccio più radicale (fondamentalmente dobbiamo ri-cominciare.)

Abbiamo cercato di realizzare una democrazia migliore e più completa utilizzando le opportunità che il sistema politico metteva a disposizione e lo abbiamo fatto rispettando le condizioni che esso poneva. E per poco nel 2009 non ci siamo riusciti. Ma è stato proprio in quel momento che i rappresentanti politici si sono allarmati: poco prima dell’indizione del primo referendum provinciale si sono perciò affrettati a chiudere l’unica finestra istituzionale disponibile. Da quel momento in poi non abbiamo potuto fare altro che rimetterci alla disponibilità dei rappresentanti politici.

Fino al 2013 era chiaro che l’impossibilità di ottenere una buona regolamentazione della democrazia diretta dipendeva da Durnwalder. Questo ha lasciato ripetutamente intendere il consigliere SVP Arnold Schuler. Ma allora adesso di chi è la “colpa”?

Si, ci sono nuovi approcci: quello della Commissione legislativa che si apre al dialogo con la società civile e che finora ha voluto agire in modo sovrapartitico. Il valore di questa apertura dipende però esclusivamente dallo scopo e dall’obiettivo con essa perseguiti. E su questi elementi, ossia scopo e obiettivo, benché al momento non si possa esprimere un giudizio definitivo, registriamo segnali che ci inducono a ritenere che l’atteggiamento di fondo non sia cambiato.

Il respingimento netto da parte della commissione della nostra proposta di indire un referendum consultivo su entrambe le proposte, quella della commissione e la nostra di iniziativa popolare a valle delle audizioni è un indizio inequivocabile. Non ci si vuole più misurare e confrontare con le nostre idee riguardo la regolamentazione di nuovi strumenti democratici. L’obiettivo del percorso intrapreso non è quindi ricercare e praticare regole migliori, bensì – semplicemente – trovare un compromesso all’interno dell’SVP.

In vista delle elezioni amministrative alla popolazione è stato promesso un rinnovamento. Molti ci hanno davvero sperato, altri lo hanno subito accolto come elemento di propaganda elettorale. Un rinnovamento c’è, è vero. Ma consiste solamente in un rinnovamento del modo in cui l’attuazione delle decisioni politiche viene presentata. Non si tratta perciò di un autentico cambiamento di approccio politico.

Non mi aspetto più niente, né da questa rappresentanza politica, né da questa democrazia di facciata (cfr. “Und das soll Demokratie sein?”/“E questa sarebbe democrazia?”). Viviamo in un regime elitario, un’oligarchia. La metà della popolazione non ha più alcuna voglia di partecipare a questo gioco politico e quelli che ancora partecipano al voto perlopiù lo fanno non per convinzione, ma per evitare il peggio.

Siamo alla fine di un sistema politico, di una democrazia incompiuta che, proprio come una casa mai ultimata, resta esposta e indifesa alle condizioni più avverse.

Nel 1994 ero convinto che “sviluppo ecologico e sociale” e “conversione ecologica” si sarebbero realizzati solo se noi, cittadine e cittadini, fossimo riusciti a determinare le regole di fondo che condizionano lo sviluppo futuro, ossia se fossimo riusciti a diventare noi stessi legislatori e a esercitare il controllo diretto sui nostri rappresentanti legislatori.

A distanza di 20 anni ne sono sempre convinto: la strada era quella giusta, anche se dopo tanto tempo ancora non abbiamo raggiunto l’obiettivo vero e proprio. Lo era perché nel percorrerla siamo riusciti comprendere alfine cosa serve davvero: una rifondazione democratica della nostra Terra.

L’attuale ordinamento politico è stato definito da una ristretta elite, che col passare del tempo lo ha via via adeguato sempre più guardando ai propri interessi. È il “loro” Ordinamento, è un Ordinamento all’insegna dei pochi, non a tutela dei molti. Noi, cittadine e cittadini, non eravamo allora e non siamo tutt’ora partecipi né del progetto di questo ordinamento, né della sua attuazione. Attendiamo invano che il cambiamento necessario provenga da coloro che dell’attuale assetto approfittano. Ebbene questo cambiamento deve venire da noi, dalle cittadine e dai cittadini. L’unico autentico rinnovamento consiste in una rifondazione dell’ordinamento democratico da parte nostra.

Se fossimo un Cantone svizzero, potremmo richiedere una totale revisione della nostra Costituzione. Peraltro se fossimo in Svizzera non sarebbe neppure necessario.

Qui con il Südtirol-Konvent [la Convenzione sudtirolese] ci fanno credere che ci saranno nuovi presupposti, nuove prospettive. Ma l’intero percorso si sviluppa nel perimetro dell’ordinamento vigente che non riconosce alcun diritto di sovranità ai cittadini. Il sistema respinge, ristagna e lentamente implode su sé stesso. Noi dobbiamo bypassare questo sistema, non ci possiamo più permettere di restarne dipendenti continuando a nutrire errate aspettative.

Se vogliamo invertire il paradigma possiamo farlo: diamo vita a una assemblea costituente.

Un’assemblea nominata da noi, da cittadine e cittadini, che insieme collaboreranno alla stesura di un progetto costituzionale per il Sudtirolo. Il risultato di un lavoro di questo tipo, come insegnano molti esempi nel mondo, dall’Islanda all’Ecuador, ci farà capire se l’ordinamento che noi riteniamo essere il migliore per noi troverà spazio nella Costituzione italiana. Così non fosse, allora avremo una base su cui costruire una nostra nuova Autonomia, tutta da ridefinire.

Un ordinamento politico in cui noi, cittadine e cittadini, possiamo davvero essere sovrani è realizzabile solo in territori piccoli e trasparenti; nelle realtà più grandi, come gli Stati o le confederazioni di Stati, saranno sempre le elite a costruire ordinamenti a loro misura. Nel suo Progetto Weimar Goethe si è lasciato guidare da questa consapevolezza. Sempre più persone in Europa si apprestano a lavorare ad analoghi progetti di ri-fondazione. Noi ci ispireremo l’un l’altro e ci sosterremo e diventeremo un esempio a cui guardare.

Lo abbiamo sentito oggi, il Trentino si incammina insieme a noi su questa strada. I Ladini aguzzeranno le orecchie, il Cadore, la Carnia, La Valtellina, la Val d’Aosta faranno altrettanto. E proprio vicino a noi abbiamo l’esempio realizzato di quello che potrebbe essere: una Confederazione di Cantoni sovrani, ciascuno con propria sovranità costituzionale. Cantoni in cui la Costituzione è votata dal popolo e dal popolo adeguata a nuovi indirizzi, punti di vista, necessità; in cui il popolo decide quali regole darsi oppure esercita il controllo su quelle che vengono decise nel loro nome; in cui la piramide delle Istituzioni non è capovolta e sotto-sopra come lo è da noi, ma poggia su una base che è data dai Comuni, dove sono gli stessi cittadini a decidere sulle proprie tasse.

Confederazione Alpina – Confederaziun Alpina – Alpine Konföderation

Così si potrebbe chiamare questa nuova Confederazione. Adoperarsi con l’obiettivo di porre le basi per qualcosa di convincente, soddisfacente e duraturo.

Dobbiamo però anche pensare alla realizzabilità di tutto ciò, per dare corpo a questo progetto. Le illusioni sono finite, dobbiamo prepararci alle prossime elezioni amministrative. Non per diventare un Partito, ma per dare alle persone sul territorio la possibilità di scegliere fra i molti quelli che davvero vogliono votare. Poter dare quindi il proprio voto a persone che, se elette, siano pronte e disponibili, a determinate condizioni (limite di mandato, remunerazione, modo di lavorare), a realizzare la necessaria riforma democratica nel periodo di mandato elettorale.

Gli uomini possono essere motivati ad agire il cambiamento solo se hanno speranza, e possono avere speranza solo se c’è una visione, e possono avere una visione solo quando si prospetta loro un’alternativa.

— Erich Fromm

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