Einen EU-Wahlkreis für Südtirol.

Die EU-Wahl ist geschlagen, die Ergebnisse liegen vor und wurden bereits lang und breit diskutiert. In diesen Chor möchte ich nicht einstimmen — noch jedenfalls. Dafür hat diese Wahl m. E. ein anderes Problem deutlich gemacht: Die jetzige Sonderlösung für Sprachminderheiten ist völlig unbefriedigend und sollte so rasch wie möglich abgeändert werden. Südtirol braucht dringend einen eigenen EU-Wahlkreis, in dem — unabhängig von der staatlichen 4%-Hürde — mindestens zwei Kandidaten fürs Europaparlament ermittelt werden. Zum Vergleich: Malta entsendet mit weniger Einwohnerinnen als unser Land fünf Repräsentantinnen.

Folgende Gründe sprechen meines Erachtens für eine dringende Änderung des Wahlrechts:

  • Die derzeitige Regelung ist auf die SVP maßgeschneidert, Parteien ohne römische Parlamentarierinnen profitieren nicht davon;
  • Listen, die — wie die SVP — in den Genuss der Sonderregelung kommen, darf man nur eine Vorzugstimme geben, was auch den parteiinternen Wettbewerb einschränkt;
  • die staatsweite 4%-Hürde ist ein enormes Handycap für ein Gebiet, dessen Parteienlandschaft sich von der staatlichen grundlegend unterscheidet, denn
  • die Vielfalt dieser Parteienlandschaft — und dadurch die Demokratie — wird drastisch eingeschränkt, wichtige politische Akteure bleiben ausgeschlossen;
  • das restliche Staatsgebiet entscheidet mittels 4%-Hürde, ob die Südtirolerinnen ggf. trotz klaren Votums etwa eine Grüne nach Brüssel entsenden dürfen oder nicht;
  • die Verteilung der Vorzugsstimmen in Südtirol zeigt dabei ohnehin, dass kein Interesse an einer staatlichen Ankoppelung besteht: nirgendwo anders lagen lokale Kandidaten wie Schedereit, Janek oder Kusstatscher so klar vor staatsweiten Zugpferden wie Di Pietro und Bossi;
  • Südtiroler Parteien sind gezwungen, in für sie völlig unnatürlichen Bündnissen anzutreten, die zudem (einsprachige) Symbole mit Staatsbezug aufweisen und daher für die Bürgerinnen schwer erkennbar, z.T. sogar unwählbar sind: dies war der Fall der Grünen und wäre bei den Freiheitlichen nicht anders gewesen, wenn sie auf der Lega-Liste angetreten wären;
  • die Demokraten mussten aus Kalkül ganz auf eine Südtiroler Kandidatin verzichten und konnten dadurch hierzulande kaum punkten; den Wählerinnen wurde de facto eine Option genommen.

Die Schaffung eines eigenen Südtiroler EU-Wahlkreises würde eine echte Wahlmöglichkeit sicherstellen und gleichzeitig allen Parteien eine richtige Chance geben, den Bürgerinnen ein Angebot zu machen. Der aktuelle Wahlmodus entspricht, wenn überhaupt, der Südtiroler Realität der Vergangenheit. Der jetzigen Situation, in der die Bürgerinnen sich nicht mehr nur einer einzigen Partei anvertrauen, wird er nicht gerecht. Da darf es auch nicht verwundern, dass viele die EU-Wahl so unattraktiv finden, dass sie den Wahllokalen fernbleiben.

Democrazia Minderheitenschutz Mitbestimmung Politik | Europawahl 2009 | | | Malta Südtirol/o | EU Freiheitliche STF SVP Vërc | Deutsch

Leere Worte.
Verfassungsartikel 6

Die Republik schützt mit besonderen Bestimmungen die sprachlichen Minderheiten.

— Art. 6 der italienischen Verfassung

Wie berichtet hatte die Mittelinksregierung um Romano Prodi kurz vor ihrem Untergang einen vielbeachteten Vorstoß in Sachen Minderheitenschutz beschlossen. In einem ihrer letzten Akte einigte sie sich auf Betreiben von Regionenministerin (!) Linda Lanzillotta darauf, das friaulische Sprachgesetz vor dem Verfassungsgericht anzufechten. Gleich mehrere wichtige Punkte beanstandete die Zentralregierung an diesem Gesetz, das eine ebenfalls mittelinke Regionalregierung um Riccardo Illy erlassen hatte.

Am 22. Mai hat nun das Verfassungsgericht sein Urteil gesprochen und der Zentralregierung Recht gegeben. Obwohl die im Sprachgesetz enthaltenen Förderungsmechanismen im Vergleich zu unseren mehr als bescheiden — ich würde sagen völlig unzureichend — sind, widersprechen sie angeblich der vielgepriesenen italienischen Verfassung und müssen zurückgenommen werden.

Unter anderem heißt dies, dass:

  • die eine (einzige!) geplante Wochenstunde in friaulischer Sprache an öffentlichen Schulen nicht stattfinden wird, obwohl sogar (wie beim Religionsunterricht) die Abmeldemöglichkeit vorgesehen war. Hirnrissig: Religion und Englisch ja, eigene Landessprache nein;
  • die Bürger sich nicht auf Friaulisch an die Regionalregierung wenden dürfen;
  • die Kommunen Orts- und Flurnamen nicht in die friaulische Version zurückführen dürfen.

Friaulisch ist genauso wie Sardisch, Katalanisch oder Deutsch eine wissenschaftlich anerkannte Sprache und eng mit dem Dolomitenladinischen verwandt. Das Urteil bezeichnete der ehemalige Regionalassessor Antonaz (Mittelinks) als »faschistisch«.

Dass das Verfassungsgericht der Anfechtung stattgegeben hat, zeigt einmal mehr, welch eine Ausnahme der Südtiroler Minderheitenschutz im italienischen System darstellt. Anders ausgedrückt: wie sehr wir die Schutzmechanismen der Autonomie den internationalen Verträgen, der Schutzmachtfunktion Österreichs und dem Einsatz der gesamten Bevölkerung, und wie wenig wir sie der italienischen Verfassung verdanken, die nach Auslegung des Gerichtes nicht einmal eine einzige Pflichtstunde in der Minderheitensprache hergibt.

Damit positioniert sich Italien auch im Minderheitenschutz am unteren Ende der internationalen Skala. Die Europäische Charta der Minderheitensprachen, von Italien unterzeichnet (aber wohl nicht ohne Grund nie ratifiziert) würde das Land zu wesentlich konkreteren Schritten zwingen, als sie das Verfassungsgericht jetzt zurückgewiesen hat [vergleiche].

Siehe auch:

Discriminaziun Minderheitenschutz Politik Recht Zentralismus | | Romano Prodi | | Friaul-Friûl Italy | PD&Co. Verfassungsgericht | Deutsch

Ladins dolomitans — zenza deguna desferenzia.

Doi comunicać dl dr. Marco Pizzinini, Vizepresident dla Union Generela i fundadour dl grup Amisc dla Ladinia Unida.
Zwei klärende Stellungnahmen von Dr. Marco Pizzinini, Vizepräsident der Union Generela und Gründer der Amisc dla Ladinia Unida.

#1 | L foliet “Alto Adige” di 15 d’auril scriv dla proposta che l moviment “Autonomia ladina Dolomites” ti à  fat al president dla Provinzia de Bulsan dr. Luis Durnwalder en cont dla istituzion de na fantomatica “Provinzia ladina”. Per evité vigni sort de speculazions, vuel l’Union Generela di Ladins dles Dolomties lascé al savei ciamò n iade sia posizion sun chest argoment, che é: reunificazion di Ladins tiroleisc (les cinch valedes storiches de Badia, Gherdëina, Fascia, Fodom y Anpezo) tla Region Trentin-Südtirol tres la reanescion di trei comuns de Anpezo, Fodom y Col a la Provinzia de Bulsan. Chesta (y demé chesta) é steda la domanda dl referendum di 28-29 d’otober 2007, y demé chesta é la posizion che la UGLD sostegn.

Die Tageszeitung “Alto Adige” vom 15. April berichtet vom Vorstoß der Bewegung “Autonomia ladina Dolomites”, die dem Landeshauptmann Luis Durnwalder die Einrichtung einer ominösen “Ladinischen Provinz” vorgeschlagen hat. Um Spekulationen vorzubeugen, teilt die Union Generela di Ladins dles Dolomites ihre Position zu diesem Thema mit: Wiedervereinigung der Tiroler Ladiner (die fünf historischen Talschaften Badia, Ghërdeina, Fascia, Fodom und Anpezo) in der Region Trentino-Südtirol durch den Anschluss der drei Gemeinden Anpezo, Fodom und Col an das Land Südtirol. Dies (und nur dies) war die Fragestellung des Referendums vom 28. und 29. Oktober 2007, und nur dies ist die Position der UGLD.

#2 | La UGLD volessa te chest contest ence tò posizion sun la minonga dl president dr. Durnwalder, desche ala é vegnuda reporteda tl medem articul, aladò de chela che i “drec ladins” fossa demé chi dla Val Badia y de Gherdëina. Di Ladins tiroleisc (o Ladins dl Sela) fej pert zenza deguna desferenzia i Ladins de dutes cinch les valedes storiches de Badia, Gherdëina, Fascia, Fodom y Anpezo. Desferenzié i Ladins aladò dl influs che l talian à  abù sun l idiom local fossa avisa schiche dì che i “drec tiroleisc” é demé chi dl Tirol dl Nord y dl Est, dal moment che si dialec é dessegur manco influenzés dal talian che no i dialec todesc dl Südtirol. La reanescion de Fodom, Col y Anpezo a la Provinzia de Bulsan y les normes de sconanza prevedudes chilò daidarà  endere dessegur mantegnì miec chi idioms, che é zenza, dal moment che sen n’à i deguna forma de sconanza, destinés a sparì te curt temp.

Die UGLD möchte in diesem Zusammenhang auch zur Meinung des Landeshauptmanns Durnwalder Stellung beziehen, wie sie im selben Artikel wiedergegeben wird, und wonach die “richtigen Ladiner” nur jene der Val Badia und von Gherdëina wären. Sämtliche Ladiner der fünf historischen Talschaften von Badia, Gherdëina, Fascia, Fodom und Anpezo sind gleichermaßen Teil der Tiroler Ladiner (oder Sellaladiner). Die Ladiner aufgrund des Einflusses einzuordnen, den die Italienische Sprache auf den jeweiligen Dialekt hat, wäre, als ob man nur die Nord- und Osttiroler als “echte Tiroler” bezeichnen würde, da ihre Dialekte sicherlich weniger vom Italienischen beeinflusst sind, als jene, die in Südtirol gesprochen werden. Die Wiederangliederung von Fodom, Col und Anpezo an das Land Südtirol sowie die hierzulande vorgesehenen Schutzmaßnahmen würden jedoch dazu beitragen, die dortigen Dialekte besser zu bewahren. Sie werden heute kaum unterstützt und riskieren, in Kürze gänzlich auszusterben.

Siehe auch:

Medien Minderheitenschutz Mitbestimmung | | Luis Durnwalder | AA | Ladinia Nord-/Osttirol Souramont Südtirol/o | SVP | Ladin

Caccia agli zingari: Presa Diretta.

http://www.youtube.com/watch?v=2H07Oy4-zuw

Continua:

  • ② Roma | Alemanno | Odissea | Forza Nuova
  • ③ Roma | Ponticelli | PD
  • ④ Ponticelli | Romania | Mestre
  • ⑤ Mestre | Lega
  • ⑥ Cacciari | Mantova | Gentilini | Learning from Catalonia
  • ⑦ Spagna | Veltroni | Decima Malafede
  • ⑧ Decima Malafede | Criminalità  | Comunità  Sant’Egidio
  • ⑨ Conclusione | Lampedusa

19.06.2018: Il video è stato cancellato da Youtube ma è ancora disponibile sul sito della Rai.

Medien Minderheitenschutz Politik Racism Roma+Sinti | | | Rai | Catalunya | Lega PD&Co. | Italiano

Alles oder nichts?

Im Gespräch um die Selbstbestimmung taucht mit Hartnäckigkeit immer wieder diese These auf: Eine Autonomie könne nie der Weg zur Unabhängigkeit sein, denn sie sei ein alternativer Ansatz dazu. Die beiden Lösungen schlössen sich also gegenseitig aus, und bevor man den zweiten Weg beschreiten könne, müsse der erste — die Autonomie — gescheitert oder einseitig beendet worden sein. Daraus könne man auch schließen, dass die Ausweitung der Autonomie nicht eine Annäherung, sondern eine Entfernung von der Unabhängigkeit bewirke.

Zu dieser Diskussion möchte ich mit einem Auszug aus dem Buch Autonomien der Welt* beitragen:

Grönlands Autonomie

[…]

Jüngste Entwicklungen

[…]

Heute bestehen verschiedene Optionen für eine Erweiterung der Autonomie: Siumut tritt für die Beibehaltung der heutigen Autonomie ein, will aber die vollständige Kontrolle über die Ressourcen der Insel […]. Atassut drängt auf die nationale Einheit für den Ausbau der Autonomie als bestmögliche Lösung für Grönlands Entwicklung und betont die Notwendigkeit, mehr Einfluss auf die auswärtigen Angelegenheiten zu gewinnen. […]
Inuit Ataqatigiit hingegen tritt für die völlige Unabhängigkeit von Dänemark ein. […]

Der Langzeit-Perspektive Eigenstaatlichkeit stimmen grundsätzlich alle Inuit-Parteien zu, vertreten jedoch unterschiedliche Positionen, wie es erreicht werden soll. So bilden die ILO-Konvention und der Ausbau der Autonomie heute die zentralen mittelfristigen Ziele der grönländischen Mehrheit. Mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit soll den Boden für die volle Unabhängigkeit [zu] einem späteren Zeitpunkt bereiten.«

Unterstreichungen von mir.

Nicht nur die grönländischen Parteien, sondern auch der Autor stellt hier einen direkten Zusammenhang zwischen Erweiterung der Autonomie und dem Ziel Eigenstaatlichkeit her. Die Entwicklungen der letzten Monate zeigen übrigens, dass diese Vorgehensweise erfolgreich ist.

Was dagegen meines Erachtens gesagt werden kann, ist dass uns aus dem Völkerrecht kein Anspruch auf Selbstbestimmung erwächst, soweit eine ausreichende Autonomie vorhanden und der Minderheitenschutz gewährleistet ist. Insofern gilt es zu unterscheiden.

*) Benedikter, Thomas, Autonomien der Welt, Verlagsanstalt Athesia, Bozen 2007

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