Das verdrängte Anniversar.

Wir freuen uns, mit freundlicher Genehmigung des Autors und in Abstimmung mit Salto, wo er gestern — pünktlich zum 100. Jubiläum des Friedensvertrags von Saint-Germain-en-Laye — erschienen ist, diesen hervorragenden Beitrag zur Annexion Südtirols durch Italien wiedergeben zu dürfen.

von Hans Heiss

Die Erinnerung an St. Germain und die Folgen ist in Südtirol und Tirol über Monate hinweg auffallend umgangen worden. 2019 feiern Tirol und Südtirol zwar in Pomp und Prunk das „Maximiliansjahr“, im Gedenken an den vor 500 Jahren verstorbenen Kaiser Max, während die weit prägendere Zäsur von 1919 stockend und spät thematisiert wird: Keine Landesausstellung, kaum Veranstaltungen bisher, die Kulturressorts hüllen sich verschämt in Schweigen.

Gäbe es nicht das wackere Zentrum für Regionalgeschichte, Interventionen von Hannes Obermair oder den beherzten Film von Hanifle/Sommer/Langbein, wäre bislang so gut wie nichts passiert. Das Schweigen auf deutsch- wie italienischsprachiger Seite fällt auch ausländischen Journalisten auf, die seinen Gründen bohrend nachfragen. Nun aber, um fünf vor zwölf, entfaltet auch die Landesregierung beachtliche Hektik und hat den heurigen „Tag der Autonomie“ dem schwierigen Centenaire zugedacht, in der Hoffnung, dass damit der Kelch des Gedenkens zügig vorüber gehe. Aber das wird nicht der Fall sein: Schützen und Süd-Tiroler Freiheit wetzen bereits die Säbel; auch die Mutter aller Südtiroler Medien wird sich die Chance zur Polarisierung mit obligatem LH-Bashing nicht entgehen lassen.

Zumindest vier Gründe legen statt dröhnenden Schweigens eine Selbstbefragung nahe. Warum wird an 1919 so zögernd und mutlos erinnert?

1. Halbierte Trauerarbeit

Die Zuteilung Südtirols an Italien 1919 war kein Raub und vertraglich sanktioniert, aber ein moralisches Unrecht. Sie verstieß gegen nationale Prinzipien, gegen regionale Zugehörigkeiten, gegen die Empfindungen und Wünsche der meisten in Südtirol Lebenden. Sie erlebten nach Kriegstod und Zerstörung, nach der Lähmung durch den Kriegsausklang die Trennung als einschneidendes Trauma.
Aus der Sicht des Königreichs Italien hingegen waren die territoriale Erweiterung bis zum Brenner und der Zugewinn eines deutsch- und ladinischsprachigen Gebietes unerlässlich, um den 1915 entfesselten Krieg zu rechtfertigen. Da das Königreich 1918/19 längst nicht alle Kriegsziele erreichte, war zumindest die Brennergrenze zu sichern, um die über 650.000 Kriegstoten Italiens zu legitimieren. In Südtirol war die Trauer über die Trennung verbreitet, sie gewann nach 1920 aber kaum öffentlichen Raum.
Das Trauma wiederholte sich 1946, wurde diesmal aber durch das Versprechen der Autonomie besänftigt. Die Zusage und die mühsame Umsetzung der Autonomie waren als Entschädigung gedacht. Aber eine eingehende Verarbeitung von Verlust und Trennung fand nie statt, obwohl sie zur inneren Befriedung bitter notwendig gewesen wäre. Zudem überlagerte ab 1939 der Schock der Option die Folgen der Trennung.

Von italienischer Seite wurde kein Anlass zur Trauer gesehen. Dass die Brennergrenze Bindungen und Zugehörigkeiten zerstörte und viele schmerzlich traf, darüber gingen Regierungen und italienische Öffentlichkeit meist hinweg. Nur selten gab es Zeichen von Bedauern und Einsicht in die Südtiroler Gefühlslagen. Diese waren nicht nur revanchistisch, altösterreichisch-nostalgisch oder deutschnational, sondern Ausdruck eines tief empfundenen Verlusts. Nicht umsonst wird aktuell das Defizit von „deutschpatriotischen“ Parteien zielsicher aufgegriffen.

2. Fehlende Anerkennung für 1919: Die pochende Narbe

Südtirol kam 1919 gegen den Willen seiner Bevölkerung an das Königreich Italien; dies ist ein ebenso einfaches wie unverrückbares Faktum. Diese Wahrnehmung ist trotz aller Vorzüge der Autonomie in die Mentalität und Identität vieler deutsch- und ladinischsprachiger Bürger eingelassen, vorab unter der mittleren und älteren Generation. Sie bildet eine historische Hypothek, die nicht leichtfertig ignoriert werden darf. Keine Frage: Die Selbstverwaltung, die soziale Lage und wirtschaftliche Situation Südtirols sind vergleichsweise gut. Sie basieren auf der mühsam verhandelten Autonomie und auf dem Willen der römischen Regierung zur Befriedung nach Jahrzehnten des Streits. Die Errungenschaften sind beeindruckend, die Autonomie trag- und ausbaufähig. Der genetische Defekt der Annexion aber bleibt und ist nicht klein zu reden. Es wäre gut gewesen, wenn das Trauma der Teilung Tirols, der Annexion, von Seite der Regierung und offizieller Staatsvertreter jemals anerkannt worden wäre.
Ein kurzer Blick auf das deutsche Beispiel zeigt: Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen stifteten um 1970 nicht nur die Ostverträge, sondern der Kniefall von Willy Brandt vor dem Mahnmal im Warschauer Ghetto trugen dazu ebenso bei. Das wäre im Falle Südtirols eine zu große Geste gewesen, aber ein Signal der Einsicht in Südtiroler Gefühlslagen hätte wohl getan. Hätte etwa Staatspräsident Napolitano der Tochter des ersten Opfers des Faschismus, Mariedl Innerhofer, zu ihren Lebzeiten einmal die Hand gedrückt, so wäre dies von versöhnender Wirkung gewesen.

Der genetische Defekt der Annexion aber bleibt und ist nicht klein zu reden. Es wäre gut gewesen, wenn das Trauma der Teilung Tirols, der Annexion, von Seite der Regierung und offizieller Staatsvertreter jemals anerkannt worden wäre.
Denn es genügt nicht, Selbstverwaltung und Autonomie rechtlich und real einzuräumen, politische Lösungen verlangen auch symbolische Akte der Anerkennung. Innerlich gefühlte und bleibende Aussöhnung hat dann Erfolg, wenn die tiefere Einsicht in das Befinden der Gegenseite greift. Sie wird dann wirksam, wenn der Schmerz und die Leidenserfahrung „der Anderen“ nachvollzogen und erlebt werden. Dieser Aspekt fehlt in der Erfolgsgeschichte der Südtirol-Autonomie, er ist die pochende, weiterhin schmerzende Narbe.

Und sie gilt umgekehrt auch für oft fehlende Einsicht in die Befindlichkeit „der Italiener“. Und chronisch unterbelichtet ist die Erinnerung daran, wie viele Südtiroler nicht nur Opfer waren, sondern auch Akteure, Täter, Helfer, Mitläufer der Regimes.

3. Einheit ohne Freiheit, Abgrenzung ohne Dialog? Zwei Grundübel

Die verweigerte Selbstbestimmung hat in Südtirol unter Deutsch- und Ladinischsprachigen die Wünsche nach Einheit und Gerechtigkeit bestärkt. Diese Ziele wurden in vieler Hinsicht erreicht: Durch langjährige Geschlossenheit im Kampf um Autonomie, die in vielen Feldern ausgleichende Gerechtigkeit brachte. In Südtirol fehlt dennoch eine Grunddimension politischer Sinnstiftung: Die Erfahrung der Freiheit und Selbstbefreiung, die konstitutiv ist für demokratische Gesellschaften. So ist die Befreiung von Nazis und Besatzern wie die in Freiheit gewählte Zugehörigkeit zu einem Staat ein Fundament, das viele andere Gesellschaften Europas trägt. In Südtirol fehlt die Freiheitserfahrung, deren Manko untergründig zu spüren ist. Ihr Fehlen zeigt sich nachhaltig: In der Haltung der Anpassung, der Opportunität, mitunter auch der Kriecherei.

Das zweite Defizit ist die fehlende Verständigung zwischen Sprachgruppen: Ohne Dialog über die Erfolge, vor allem aber über die Mängel der Beziehung zwischen Deutschsprachigen, Ladinern und Italienern bleibt ein Auskommen im Land weiterhin auf eine wohltemperierte Parallelgesellschaft beschränkt. Da der Konvent und seine Ergebnisse in der historischen Mottenkiste gelandet sind, wären neue Plattformen des Dialogs vonnöten. Nicht gerade Wahrheits- und Versöhnungskommissionen wie in Südafrika, wohl aber neue Ebenen der Verständigung: Was sind wir Deutsche, Italienischsprachige, Ladiner uns? Was sind wir uns nicht? Wie können wir besser miteinander leben? 100 Jahre nach St. Germain wäre ein solcher Prozess mehr als überfällig. Ansonsten geht der Weg munter weiter in eine routinierte Abgrenzungsgesellschaft, immer wieder gelähmt durch Schweigen und stille Blockaden.

4. Statt schamhaften Schweigens: Bilanz für die Zukunft

Der Ausgleich für die verweigerte Selbstbestimmung ist die Autonomie. Sie ist zwar angenommen worden, aber ohne jede Begeisterung. Liest man die Protokolle der Meraner SVP-Paketdebatte 1969, so quillt das Misstrauen in den Redebeiträgen von Gegnern und Befürwortern durch alle Poren. Die Autonomie hat Frieden gestiftet, ihre Leistungen werden vielfach anerkannt, aber sie gilt allzu oft als zweitbeste Lösung, als Stiefkind der Geschichte. Wer aber Frieden zwischen den Sprachgruppen wünscht und an die Autonomie glaubt, sollte auch ein neues Fundament ins Auge fassen.

Auch wenn der mit vielen Hoffnungen befrachtete Konvent gescheitert ist, so wäre ein neuer Vertrag zwischen den Sprachgruppen notwendig, ein Commitment, das die Autonomie neu belebt.
Südtirols Weg ist mehr als ein Einzelfall: Er hat, weit über das Land hinaus, bereits frühzeitig, schon vor Jahrzehnten, deutlich gemacht, dass nationale Zugehörigkeiten in einer globalen Welt an Bedeutung verlieren. Loyalitäten sind längst geteilt und dem Container des Nationalstaats entronnen: Sie teilen sich auf zwischen Staatsnation und Europa, globalen Zusammenhängen und regionaler Bindung. Es ist eine aus der Geschichte erwachsene Grundmission Südtirols, die Grenzen von Nationalstaaten aufzuweisen. Nationen und Nationalstaaten verdienen Loyalität, aber keine Zuneigung. Diese gelten einer Region, einem Land wie Südtirol, das Bodenständigkeit und solidarische Weltoffenheit in gelingender Manier verbinden könnte.

Nicht hier, nicht heute: irgendwann, far from now. In Rückbindung an ein Europa, das demokratisch neu begründet werden muss. Aber der Weg hin zu solcher Offenheit ist weit und dauert weitere 100 Jahre. Es wäre schon viel, wenn die gegenwärtig spürbare Schließung des Landes, die innere Grenzziehung seiner Gesellschaften, ein Ende nähme.

Dies wäre, modestamente, mein Wunsch zum Centenaire.

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Sie sind nicht wie die anderen!

Die Tageszeitung hat im Hinblick auf die baldige Landtagswahl den CPI-Vertreter Maurizio Puglisi Ghizzi interviewt. Ich kann und will mich einfach nicht daran gewöhnen, dass man erklärten Faschistinnen eine solche Bühne bietet.

Im konkreten Fall handelt es sich — anders als beim (ebenfalls problematischen) Salto-Gespräch mit Andrea Bonazza (CPI) und Hannes Obermair (Grüne/LeU) — um ein »widerspruchsloses« Einzelinterview. Umso wichtiger wären eine kritische Interviewführung und beharrliches Nachhaken, speziell da, wo sich Puglisi Ghizzi wieder einmal ungeniert ausdrücklich auf den Faschismus beruft. Stattdessen: Nichts. Mehrmals sogar ein (hoffentlich nicht zustimmend gemeintes) »mhm« vonseiten des Interviewenden, Markus Rufin.

Dass dem Faschisten sogar noch eingeräumt wird, sich von einem deutschsprachigen Medium auf Italienisch interviewen* zu lassen, ist dann wohl das Tüpfelchen auf dem i.

Siehe auch:

*) und ich meine hier vor allem, dass ihm die Fragen auf Italienisch gestellt wurden; wenigstens passive Deutschkenntnisse sollte man doch voraussetzen dürfen, wenn jemand von einem deutschsprachigen Medium interviewt werden will

Democrazia Faschismen Medien Politik | Landtagswahl 2018 | Andrea Bonazza Hannes Obermair | Salto TAZ | Südtirol/o | CPI | Deutsch

Siegesdenkmal: Ein bisschen Selbstbetrug?

Normalerweise droht dem faschistischen Gebauten der Verlust durch Zerstörung, Wegnahme oder Verhüllung. Der Bozner Weg des dekonstruktiven Umgangs impliziert eine Form demokratisch-aufgeklärter Gelassenheit, die mit “Mut” annähernd beschrieben werden kann.

Hannes Obermair, Bozner Stadtarchivar und Historiker, in einem Interview* über das Siegesdenkmal, an dessen Umgestaltung er beteiligt war.

Könnte man die genannte »Gelassenheit« in einer Stadt, in der

eventuell auch annähernd mit »fehlendem Mut« beschreiben?

Ich denke, dass die Einordnung (Mut/Mutlosigkeit) nur im gesellschaftlichen und politischen Kontext erfolgen kann. Und immerhin war man zumindest der Meinung, den Eingriff im Vorfeld geheimhalten zu müssen, um ihn nicht an politischem Widerstand scheitern zu lassen — was nicht gerade für Courage spricht.

*) Salto in Zusammenarbeit mit der Fachabteilung Museen der Autonomen Provinz Bozen

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Per sempre?
Quotation 280

Ein schierer Geschichtsfurz also. Tanto hanno già perso, e per sempre, nel 1945.

Hannes Obermair, Historiker, Leiter des Bozner Stadtarchivs, in einem ‘Salto’-Kommentar bezüglich des »Marsches auf [das Rathaus von] Bozen« von CasaPound

Siehe auch:

Faschismen Geschichte Politik | Zitać | Hannes Obermair | Salto | | CPI | Deutsch Italiano

Le «belle» disquisizioni su Cadorna.

Basta! Hanno davvero rotto i distinguo, le sottigliezze, i sofismi che puntualmente vengono sfoderati ogni qualvolta si proponga di cambiare nome a qualche strada o piazza intitolata a personaggi storicamente compromessi, criminali di guerra, fascisti.

Secondo quanto scrive il quotidiano A. Adige lo storico Hannes Obermair, direttore dell’archivio comunale di Bolzano, avrebbe lanciato l’idea di cambiare il nome a via Cadorna, per dedicarla a una donna pacifista: «giusto per andare all’opposto». Il giornale fa il nome di Anna Turra, partigiana bolzanina, nome di battaglia «Anita».

Il nome di Cadorna, sanguinario comandante della prima guerra mondiale, è già stato cancellato ad Udine — ma sarebbe in discussione anche a Cremona, Milano, Savona, Trieste e Gorizia. Nessuna avanguardia bolzanina, dunque.

Ma l’A. Adige mette in gioco anche lo storico Andrea Di Michele, le cui obiezioni fanno letteralmente cascare le braccia:

Cadorna è indifendibile. Ma ho un unico dubbio […] Dove ci si ferma? Nel senso: dopo aver tolto Cadorna perché faceva una guerra sanguinaria, che si fa con le altre vie a rischio nazionalistico? Via Amba Alagi, via Giuliani, il prete che andava all’assalto nel nome del duce in Africa, sparando e uccidendo… Attenzione, si inizia con Cadorna e poi bisogna cambiare i documenti [sic] a decine di strade.

Embè? Ma questa è un’osservazione da storico o da politico? Certo che i nomi indifendibili prima o poi vanno cambiati, da qualche parte bisognerà pur iniziare — e non è certo perché sono più di uno che dobbiamo desistere.

Perché Cadorna faceva sì una guerra da macellaio — aggiunge Di Michele — ma non vorrei che gli italiani di Bolzano dicessero: perché comunque un generale italiano? Perché sempre noi un passo indietro? E non le vie con nomi in odore di nazismo.

Ma da quando i crimini di guerra, le macellerie, la storia tutta, hanno un’etnia? E Anna Turra, forse, non è un’italiana?

Di Michele però sembra «scordare» che von Klebelsberg, a cui era intitolata una scuola nel capoluogo, è stato radiato anni fa. Che a Sterzing hanno cambiato in un batter d’occhio il nome di una strada intitolata a Josef Eduard Ploner. O che a Merano sparirà a breve l’intitolazione delle scuole medie a Josef Wenter. Tutto questo senza che qualcuno si fosse chiesto se prima non bisognasse cambiare il nome a qualche altra strada, togliendo magari — per par condicio — anche qualche nome italiano.

Dunque: Basta sottigliezze e sì ad Anna Turra al posto di Cadorna.

Vedi anche:

Faschismen Geschichte Medien Militär Ortsnamen Politik | Geschichtsaufarbeitung Zitać | Andrea Di Michele Hannes Obermair | AA | Südtirol/o | | Italiano

Siegesdenkmal: Erste Bilanz.

Vor einem Jahr wurde das Dokumentationszentrum am Siegesplatz eröffnet. Nun wurde Bilanz gezogen, mit knapp 40.000 Besuchern ist das Ergebnis nicht gerade berauschend. Laut dem Historiker Hannes Obermair im Interview mit Rai Südtirol (am 20.07.15) ist die Besucherfrequenz zufriedenstellend, das Dokumentationszentrum hat nicht den Attraktionsgrad von Ötzi, mit etwas mehr als 100 Besuchern pro Tag zeigte er sich trotzdem zufrieden. Laut Obermair sind es vor allem Schulklassen, die die Ausstellung besuchen, hier fällt aber auf, dass in erster Linie deutsche Schulklassen den Weg in den Keller finden, es gibt »kulturelle Unterschiede, eine starke Divergenz zwischen deutschen und italienischen Schulklassen.« Dies, so Obermair, könnte mit einem »gewissen Aufklärungsdefizit« zu tun haben. Es gibt auch einige auswärtige Besucher, diese seien enthusiastisch und zeigen die überregionale Dimension des Dokumentationszentrums. Obermair weist zudem darauf hin, dass es noch einiges zu tun gäbe, als Beispiel nannte er den Gerichtsplatz.

Fazit: Wie vermutet sind es vor allem Schulklassen, die (nicht ganz aus freien Stücken) die Ausstellung besuchen; dass dabei gerade die italienischen Schulen durch Abwesenheit glänzen, ist enttäuschend, würden doch gerade auch unsere italienischsprachigen Mitbürger von der Ausstellung profitieren und sich ein differenziertes Geschichtsbild erarbeiten können. Es besteht zudem die Gefahr, dass die Besucherzahlen nach einem Jahr, nachdem der Neuigkeitswert verblasst, weniger werden. Dann muss man sich fragen, ob das Ziel, dass durch das Dokumentationszentrum im Land eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfindet, überhaupt erreicht werden kann. Von außen betrachtend wird dies jedenfalls niemals passieren.

Siehe auch:

Bildung Faschismen Geschichte Medien Scola | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung | Hannes Obermair | Rai | | | Deutsch

Krieg ohne Krieg.

Wie berichtet war ich gestern bei der von SH und Bozner Stadtarchiv organisierten Tagung zum Thema Militarismus im öffentlichen Raum und möchte mich hier kurz damit befassen. Die Vorträge der drei Hauptredner, Lucy Riall (London), Marco Mondini (Trient) und Hans Heiss (Brixen) waren insgesamt hervorragend; zum Glück war das Publikum entsprechend zahlreich und zum Teil »hochkarätig« besetzt.

Riall ist Risorgimento-Expertin und hat einleuchtend dargelegt, warum die italienische Einigungsbewegung in den Augen vieler in- und ausländischer Zeitgenossen — aber auch vieler Historiker — meist nicht mit einer militärischen Kampagne in Verbindung gebracht wird, obwohl sie es zweifellos war: Einerseits fehlten den damaligen Kämpfern viele äußerliche Eigenschaften eines Heeres, nämlich einheitliche Uniformen, Disziplin und Gehorsam. Es handelte sich vielmehr um Freiwillige, die an der Seite oder sogar anstatt der regulären Truppen kämpften. Außerdem war der Risorgimento gerade nicht von offiziellen Institutionen ausgegangen, wie in vielen anderen Ländern, sondern sogar im »revolutionären« Widerstand gegen diese, denen die Kämpfer Untätigkeit, Korruption und Dekadenz vorwarfen (deshalb auch »Wiedererstehung«). Mich beschleicht dabei der Eindruck, dass die Unterschätzung italienischer Gräueltaten — namentlich im Faschismus — durch ausländische Beobachter und Historiker im Grunde auch auf diese Zeit zurückgeht, als dem Italiener Eigenschaften wie weiblich, nicht kriegsfähig, faul angedichtet wurden.

Hans Heiss hat einen weniger historischen, als politischen Vortrag gehalten, der mir zwar sehr gut gefallen hat — er hat als Gegenpol zu martialischen Veranstaltungen mehr zivilgesellschaftliches Engagement gefordert — bei dem es dann aber doch zu einer weitgehenden Gleichsetzung von Alpini und Schützen gekommen ist. Dazu möchte ich einige Punkte anbringen, die ich gestern aufgrund der Kürze der anschließenden Diskussion nicht äußern konnte:

Heiss hat den Schützen zuerkannt, sich glaubwürdig von Faschismus und Nationalsozialismus distanziert zu haben. So weit würde ich nicht gehen. Ich glaube zwar auch, dass breite Teile des Vereins (und wohl seine gesamte Spitze) diese Lektion verinnerlicht haben, das muss aber erst noch in eine konkrete und auch nach außen gerichtete Aufarbeitung münden.

Nichtsdestotrotz hat Heiss die Schützen mit den Alpini verglichen, indem er in seinem Diskurs jeweils eine Aussage oder Wertung über die einen einer Aussage über die anderen gegenübergestellt hat. So kritisch ich den Schützen auch gegenüberstehe, kann man — wie hier schon oft geschrieben wurde — ein aktives Heer nicht mit einem (durchaus politisierten, polarisierenden und martialisch auftretenden) Traditionsverein vergleichen. Es würde wohl auch niemandem einfallen, die Schützen mit der Wehrmacht zu vergleichen. Doch die Alpini haben (wie Heiss übrigens anschaulich dargestellt hat) eine ähnliche — wenngleich wohl nicht gleich umfassende — Geschichte, wie die Wehrmacht. Es wäre (am Rande erwähnt) undenkbar, dass in Deutschland eine Ausstellung über die Geschichte des Heeres derart verharmlosende Aussagen über die Zeit der Diktatur beinhaltet, wie sie in »unserer« Landesausstellung vorkommen*.

Die Schützen waren selbst zu aktiven Zeiten vor allem für die Landesverteidigung zuständig, während sich die Alpini an Angriffskriegen beteiligt und Kriegsverbrechen begangen haben. Da verbietet es sich auch, diese Tatsache damit zu vergleichen, dass in den Schützen lange — viel zu lange — Altnazis mit ihren Kriegsmedaillen akzeptiert und angesehen waren. Das kann, nein muss man kritisieren (und das müssen die Schützen erst noch vollständig aufarbeiten, wie ich im Unterschied zu Hans Heiss glaube), doch etwaige Verbrechen wurden nicht von den Schützen als solchen, sondern von einzelnen Mitgliedern außerhalb des Vereins begangen. Das eine hat qualitativ mit dem anderen rein gar nichts zu tun.

Ich bleibe also der Meinung, dass wir uns darauf beschränken sollten, beide Realitäten getrennt voneinander zu beurteilen, einzuordnen und zu kritisieren, anstatt sie immer wieder über einen Kamm zu scheren. Selbst wenn wir, wie Heiss es legitimerweise gemacht hat, die (wenigen) Dinge anprangern möchten, die beide auf den ersten Blick gemein haben.

*) Man stelle sich nur vor, analog zum Satz »Ende 1935 bricht der Krieg in Afrika aus« (Alpini-Ausstellung) stünde in einer Wehrmachtausstellung »Ende 1939 bricht der Krieg in Polen aus« (anstatt »Deutschland überfällt Polen«), als wäre der erste nicht von den Faschisten und der zweite nicht von Hitlerdeutschland vom Zaun gebrochen worden (niwo).

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Appell der Historiker.

Vor wenigen Tagen hat eine Gruppe von Historikerinnen einen offenen Brief veröffentlicht, mit dem sie zur geplanten Historisierung und Entfernung faschistischer Denkmäler in Südtirol Stellung nimmt. Ich möchte ihn hier ebenfalls wiedergeben — und darüber diskutieren.

Die Unterzeichneten sind HistorikerInnen, die sich von Berufs wegen mit der Vergangenheit und der Erinnerungspolitik unseres Landes auseinander setzen. Wir kennen die Probleme Südtirols mit seiner Zeitgeschichte aus unserer täglichen Arbeit; wir wissen, welch schwierige Hypothek der Umgang mit zeitgeschichtlich belasteten Monumenten darstellt.

Kraft unseres Wissens und unserer ethischen Verantwortung als Wissenschaftler halten wir folgendes fest. Es ist an der Zeit, ja sogar überfällig, dass die Frage der Monumente aus der faschistischen Epoche in unserem Lande endlich grundlegend und auf Dauer beantwortet wird. Vor allem das Siegesdenkmal und das Piffrader-Fries am Gebäude des Finanzamtes Bozen spalten Erinnerung und Geschichtsbilder der großen Sprachgruppen Südtirols. Mehr noch: Sie belasten das Zusammenleben der Sprachgruppen. Sie sollten nicht mehr als Ausdruck von Identitäten und als Anstoß für Gegen-Identitäten dienen, sondern endlich radikal und wirkungsvoll historisiert werden.

Historisierung bedeutet, dass das Siegesdenkmal und das Piffrader-Fries endlich als Zeugnisse ihrer Epoche kenntlich gemacht werden. Ihr totalitärer, auch menschenverachtender Charakter sollte durch eingehende Information erklärt werden: Einheimische und Gäste, vor allem aber Jugendliche sollten vor Ort erkennen, lernen und erfahren können, dass diese Denkmäler von einem Regime stammen, das Krieg, Rassismus und Gewalt als Herrschaftsformen gebilligt hat und diese Monumente zur Verherrlichung dieser Ziele errichten ließ.

Diese rückhaltlose Einsicht und ihre eindringliche Vermittlung sind das wichtigste Gegenmittel gegen die Botschaften dieser Denkmäler. Nicht ihre Schleifung oder die Beseitigung auch nur von Teilen führt zur Lösung, sondern Aufklärung über ihre Entstehung und ihren Charakter.

Aus diesem Grund warnen wir davor, das Piffrader-Fries zu demontieren und es an einen anderen Ort zu verbringen. Das Anliegen der Mehrheitspartei und der Landesregierung, den totalitären Kern des Monuments zu neutralisieren, die Botschaft des “Credere, Obbedire, Combattere” zu tilgen und die Duce-Figur aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist verständlich. Die Abnahme des Frieses aber würde nur seinen öffentlichen Wert steigern und es zum emotionalen Objekt erheben, anstatt Lerneffekte und Distanzierung zu ermöglichen.

Wir ersuchen daher in großer Eindringlichkeit, von der geplanten Beseitigung Abstand zu nehmen und statt dessen für das Fries und das Siegesdenkmal endlich in aller Entschiedenheit jene Informationsmaßnahmen ins Werk zu setzen, die eine zeitgenössische Didaktik und kommunikative Gestaltung anzubieten hat.

Als HistorikerInnen fordern wir die Verantwortlichen auf, unsere Fachkompetenz ernst zu nehmen und sie für zielführende Lösungen zu beanspruchen. Entsprechende Vorschläge können zügig erarbeitet und umgesetzt werden; hierzu stehen wir gerne zur Verfügung, im Dienste des Zusammenlebens, unseres Landes und aufgrund unserer wissenschaftlichen Verantwortung.

Andrea Di Michele
Hans Heiss
Hannes Obermair
Giuseppe Albertoni, Meran-Trient
Helmut Alexander, Innsbruck
Arbeitskreis für Theorie und Lehre der Denkmalpflege, Weimar
Valentina Bergonzi, Bozen
Luigi Blanco, Trient
Andrea Bonoldi, Bozen
Siglinde Clementi, Bozen
Gustavo Corni, Trient
Milena Cossetto, Bozen
Elena Farruggia, Bozen
Michael Gehler, Hildesheim
Geschichte und Region / Storia e Regione, Bozen
Christoph von Hartungen, Bozen
Florian Huber, Innsbruck
Lutz Klinkhammer, Rom
Waltraud Kofler, Brixen
Stefan Lechner, Pfalzen
Aram Mattioli, Luzern
Hans-Rudolf Meier, Weimar
Wolfgang Meixner, Innsbruck
Giorgio Mezzalira, Bozen
Paolo Nicoloso, Triest
Günther Pallaver, Branzoll-Innsbruck
Roberta Pergher, Lawrence, Kansas, USA
Hans Karl Peterlini, Bozen
Rolf Petri, Venedig
Eva Pfanzelter, Innsbruck
Walter Pichler, Lana
Stephanie Risse, Brixen
Carlo Romeo, Bozen
Horst Schreiber, Innsbruck
Alessandra Spada, Bozen
Gerald Steinacher, Cambridge, Massachusetts, USA
Leopold Steurer, Meran
Oswald Überegger, Hildesheim
Cinzia Villani, Bozen
Michael Wedekind, Wien
Rolf Wörsdörfer, Frankfurt

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