Fair ist schwer.

Seit geraumer Zeit versuche ich in Südtirol — soweit irgend möglich — nur Produkte zu kaufen, die auch auf Deutsch beschriftet sind. Ich mache das im Sinne der sprachlichen Vielfalt, des Verbraucherinnenschutzes und weil ich als (potentieller) Kunde gerne ernstgenommen werde. Dafür, dass auf Italienisch beschriftet wird, sorgen das Gesetz und akribische Kontrollorgane.

Ich weiß nicht, wie viele sich so oder ähnlich verhalten. Vielleicht bin ich der Einzige, vielleicht sind wir viele. Es sei dahingestellt.

Nun ist dieses Augenmerk mit anderen Prioritäten, die ich ebenfalls habe — hauptsächlich: biologische Lebensmittel und regionale Kreisläufe — meist problemlos in Einklang zu bringen. In seltenen Fällen muss ich natürlich abwägen und Kompromisse eingehen. Doch was hier umständlich klingt, ist ja im Laden meist im Bruchteil einer Sekunde bewältigt und entschieden. Alle, die in irgendeiner Art »bewusst« einkaufen, wissen das.

In einem Bereich jedoch habe ich es hierzulande wesentlich schwerer — und das ist paradoxerweise gerade der faire Handel. In einem Südtiroler Weltladen beispielsweise ist es nicht immer einfach, zweisprachig beschriftete Lebensmittel zu finden; es sei denn, sie wurden direkt aus Deutschland oder Österreich importiert (und manuell auf Italienisch nachetikettiert, weil Pflicht).

Paradox finde ich das deshalb, weil es beim fairen Handel — wenigstens in Herstellung und Einkauf — auf den respektvollen Umgang mit Menschen ankommt.

Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben hatte, fällt es nicht leicht, an fairen Handel zu glauben, wenn der nicht auch im Umgang mit Endkundinnen gelebt wird. Für Glaubwürdigkeit ist Kohärenz ein wichtiger Faktor.

Paradox ist es aber außerdem, weil einer der Pioniere im fairen Handel, der zeitgleich ein großer Player dieser Branche ist, in Bozen sitzt. Dass die Fairen also einfach bloß nicht wüssten, was im kleinen Südtirol los ist, kann man nicht gelten lassen. Und dennoch sind Produkte von Altromercato in den allermeisten Fällen nur einsprachig beschriftet.

(Ein wahres Kunststück stellt die für den Betrieb von Rudi Dalvai von Chocolat Bernrain in der Schweiz hergestellte Schokolade dar, deren Verpackung original mehrsprachig beschriftet ist, aber für den fairen Händler aus Südtirol einsprachig italienisch etikettiert wird.)

In jedem Fall ist es ein merkwürdiges Gefühl, wenn man mehr Geld für einen guten Zweck ausgibt und dennoch ein schlechtes Gewissen hat. Ob sich da nicht nachbessern ließe?

Siehe auch: 

Discriminaziun Nationalismus Plurilinguismo Recht Solidarieté Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | Produktetikettierung | | | Südtirol/o | | Deutsch

Die Städter-Saga.
Quotation 499

Die Leute am Land, die tun ja etwas. Die anderen reden manchmal.

Der Tiroler Schauspieler Tobias Moretti verwehrt sich in der ORF-Diskussionsrunde Im Zentrum gegen das in Österreich vielfach strapazierte Vorurteil, dass die Landbevölkerung im Gegensatz zur Stadtbevölkerung pauschal ungebildet, hinterwäldlerisch und rechts respektive unsolidarisch sei. Parallelen zu Südtirol und der gerade geschlagenen Wahl nicht ausgeschlossen.

Siehe auch:

Bildung Medien Solidarieté | Landtagswahl 2018 Zitać | | ORF | Österreich Südtirol/o | | Deutsch

Antifaschistisches Bozen gegen ‘CasaPound’.

Am morgigen Mittwoch, den 26. September, findet um 17.00 Uhr mit Treffpunkt an der Reschenbrücke (gegenüber der Tankstelle) eine Kundgebung gegen die neofaschistische CasaPound (CPI) statt. Die Initiative geht vom Kollektiv Bolzano Antifascista aus.

Unweit wollen die Rechtsextremistinnen gegen die Errichtung einer neuen Notschlafstelle in Bozen protestieren:

Mit billigem Populismus und Hetze geht es wieder einmal gegen die Schwächsten der Gesellschaft. Wie zum Beispiel die Obdachlosen vom Siegesplatz und Flüchtlinge. Vorurteile werden nach Belieben geschürt und mediale Berichterstattung instrumentalisiert, um gezielt Feindbilder und Misstrauen zu schaffen. Eine Vorgehensweise (nicht nur) geistiger Brandstiftung, die unter anderem darauf abzielt, eine Art „Krieg der Armen“ auszulösen: Bürger der unteren sozialen Schichten gegen Migrant_innen.
Am Mittwoch, den 26. September wird in Bozen wieder einmal eine solche Aktion stattfinden. Wegen der kürzlich angekündigten Eröffnung einer Einrichtung für Obdachlose im Winter wollen die Faschisten von Casapound auf die Barrikaden gehen. Einer der vielen Versuche, die soziale Wut gegen die Ärmsten in der Gesellschaft zu richten.

Wir können nicht mehr länger schweigen. Stoppen wir diese reaktionären Tendenzen!

Wir solidarisieren uns mit den Menschen, die auf der Straße leben, egal welcher Nationalität sie angehören. Richten wir unseren Kampf und unser Augenmerk wieder in die richtige Richtung: gegen die Regierungen, die Kriege finanzieren und fördern, gegen gierige und unsoziale Wohnraumraumspekulanten, gegen die Ausbeutung der Arbeiter_innen und gegen populistische Hetzkampagnen, die versuchen, einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben.

aus der Mitteilung von ‘Bolzano Antifascista’.

Siehe auch:

Faschismen Migraziun Politik Racism Solidarieté Termin Ungehorsam+Widerstand | | | | Südtirol/o | CPI | Deutsch

Nein zu Europa der Solidarität?

Das Landepresseamt teilt kurz und knapp mit:

Anlässlich des morgigen (20. September) informellen EU-Gipfels der Staatschefs unter der österreichischen Präsidentschaft in Salzburg wurde vom Netzwerk “Snapshots from the borders” eine gemeinsame Erklärung zur Migrationspolitik verfasst. Das Land Südtirol gehört zwar dem Netzwerk an, in dem Grenzstädte und Grenzregionen wie Traiskirchen, Lampedusa und Linosa, Marsa und Grande-Synthe zusammenarbeiten, hat aber die Erklärung nicht unterzeichnet.

Ich habe die Stellungnahme aus dem Internet gefischt:

Salzburger Gipfel: Vier Bürgermeister von den Grenzen der EU fordern ein Europa der Solidarität

Am 20. September findet in Salzburg der informelle Gipfel der Staatschefs unter der österreichischen EU-Präsidentschaft statt. Migration wird eines der meist diskutieren Themen sein. Vier Bürgermeister von Grenzstädten und Regionen, die am direktesten mit Migration zu tun haben – Traiskirchen, Lampedusa und Linosa (IT), die Region Südtirol (IT), Marsa (MT), Grande-Synthe (FR) – haben sich in einem Netzwerk Namens „Seitenblicke von den Grenzen“ zusammengeschlossen, um Best Practice Beispiele zu Migration und Integration auszutauschen. Anlässlich des Gipfels verlangen die Stadtchefs von den Staatschefs in einer gemeinsamen Erklärung eine Migrationspolitik, die auf Solidarität und geteilter Verantwortung aufbaut.

„Als Bürgermeister fordern wir, dass unsere vielfältigen guten Erfahrungen mit Migration und Integration auf europäischer Ebene anerkannt werden; wir fordern die Erlaubnis und Unterstützung öffentlicher und zivilgesellschaftlicher Rettungsmissionen auf See und die verstärkte Unterstützung der betroffenen Gemeinden“, stellt Andreas Babler, Bürgermeister von Traiskirchen die gemeinsame Erklärung der Stadtchefs vor.

Die vier Bürgermeister fordern auch mehr finanzielle Unterstützung für MigrantInnen in ihren Herkunftsländern und für die von Migration meist betroffenen Städte und Gemeinden in der EU. „Die Budgets für Entwicklungszusammenarbeit müssen erhöht werden und die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO müssen zügig umgesetzt werden, um Lebensstandards in den Herkunftsländern zu verbessern. Auch die Zuwendungen an UNHCR und andere internationale Flüchtlingsorganisationen müssen erhöht werden, um Flüchtlinge in der Nähe ihrer Herkunftsländer zu unterstützen“, heißt es in der Erklärung.

Auf Ebene der Menschenrechte fordert die Bürgermeister-Erklärung: „Die Abkehr von der unmenschlichen Idee Flüchtlingslager außerhalb der EU zu errichten, die klar gegen die Genfer Konvention und die Menschenrechte verstoßen würde.“ Um stattdessen Menschen zu schützen und zu retten und weitere Tote im Mittelmeer zu verhindern, fordern die Bürgermeister „als Alternative die Entwicklung von legalen Einreisemöglichkeiten in die EU mit der Implementierung von klaren Verteilungsquoten die alle Mitgliedsstaaten einschließen und finanzielle Unterstützung für die Herkunfts- und Transitländer.“

„Gemäß allen internationalen und europäischen Konventionen und Verträgen“ – sind sich Andreas Babler, Traiskirchen und Salvatore Martello, Lampedusa einig – „muss Migration eine gemeinsame und geteilte Verantwortung aller 28 Mitgliedsstaaten sein. Unsere kleinen aber wirkungsvollen Beispiele, die die BürgerInnen und PolitikerInnen aus den Gemeinden täglich leben, müssen von den Staatschefs anerkannt werden. Menschlichkeit und Solidarität müssen alle Maßnahmen leiten, weil wir nicht noch einmal die tragischen Szenen erleben wollen, die Lampedusa 2013 und Traiskirchen 2015 erleben mussten», so Andreas Babler abschließend.

Ich möchte eigentlich schon ganz gerne wissen, warum Südtirol diese Erklärung nicht unterschrieben hat. Und ich denke auch, dass das kommuniziert werden sollte. Da kann es nämlich mannigfaltige, sich widersprechende Gründe geben.

Siehe auch:  

Grenze Migraziun Politik Solidarieté | | | LPA | | EU |

FUEV gegen Zählung von Roma und Sinti.
Solidarität unter Minderheiten

Wie die Usc di Ladins berichtet, hat sich die FUEV im Rahmen ihres Jahreskongresses, der diesmal in Ljouwert (Friesland) stattfindet, gegen die Zählung von Roma und Sinti ausgesprochen, die der italienische Innenminister Matteo Salvini Lega kürzlich angekündigt hatte. Die entsprechende Resolution, die den italienischen und europäischen Institutionen übermittelt werden soll, sei von den Delegierten einstimmig verabschiedet worden.

Sowohl die deutschsprachige, als auch die ladinischsprachige Sprachgemeinschaft in Südtirol sind Mitglieder der FUEV, die unter anderem für die Minority-Safepack-Initiative verantwortlich zeichnet.

Kohäsion+Inklusion Medien Minderheitenschutz Politik Racism Roma+Sinti Solidarieté | Good News Minority Safepack | | Usc di Ladins | | FUEV Lega |

‘Aquarius’: València will alle aufnehmen.

Während heute das von Italien abgelehnte Rettungsschiff Aquarius zusammen mit zwei Schiffen der italienischen Marine und Küstenwache — nach mehrtägiger Reise — in València eintrifft, ist dort zwischen der sozialistischen Zentralregierung von Pedro Sánchez und der links regierten Generalitat Valenciana ein Konflikt um die Aufnahme entbrannt.

Wohl auch um ein humanitäres Exempel zu statuieren, hat sich die Stadt València nämlich bereit erklärt, sämtliche Insassinnen der Aquarius nach ihrer 1500 Kilometer langen Odyssee aufzunehmen. Demgegenüber besteht Pedro Sánchez darauf, jene, die keinen Anspruch auf Asyl haben, baldestmöglich in Abschiebehaft zu nehmen.

Indes haben sich spanische Städte und Regionen, aber auch Katalonien und Frankreich bereit erklärt, València zu unterstützen und einen Teil der Geflüchteten bei sich unterzubringen.

106 Passagiere befanden sich zuletzt noch auf der Aquarius, 274 auf dem italienischen Küstenwachenschiff Dattilo, während weitere 250 mit dem italienischen Marineschiff Orione in València eintreffen.

Siehe auch:

Migraziun Politik Solidarieté | Good News | Pedro Sánchez | | Catalunya France País Valencià | | Deutsch

SVP: Unsolidarisch und stolz.

Die Volkspartei, konkret Wirtschaftsvertreter Josef Tschöll, prahlt mit der unsolidarischen Haltung Südtirols in der Migrationskrise. Wie die TAZ berichtet, brüstet Tschöll sich in einem Communiqué damit, dass es »im Verhandlungswege« gelungen sei, die Zahl von Asylwerberinnen in Südtirol »deutlich niedriger als in anderen Regionen Italiens« zu halten — »von einem Vergleich mit dem Land Tirol gar nicht zu sprechen.«

Fakt ist, dass das Land Südtirol sich niemals darum beworben hat, Flüchtlinge aufzunehmen.

Diese Aussagen nehmen im Kontext der neuen italienischen Politik der geschlossenen Häfen und der damit einhergehenden Hilfsangebote europäischer Städte und Regionen einen besonders bitteren Beigeschmack an. Umso mehr, wenn man sich Wohlstand und Arbeitskräftemangel in Südtirol vergehenwärtigt, die die Aufnahme Bedürftiger — im Vergleich zu Städten wie Palermo, Neapel oder València — deutlich erleichtern würden.

Siehe auch:

Medien Migraziun Politik Racism Solidarieté | Zitać | | TAZ | Euregio | SVP |

‘Aquarius’ auf dem Weg nach València.
Der Bürgermeister der Metropole bot Hilfe an

Nachdem der italienische Innenminister Matteo Salvini (Lega) am Wochenende entschieden hatte, dem Rettungsschiff Aquarius — mit 629 Migrantinnen an Bord, darunter 123 Minderjährige und sieben schwangere Frauen — die Nutzung italienischer Häfen zu untersagen, hat die neue spanische Regierung von Pedro Sánchez (PSOE) heute den Hafen von València zur Verfügung gestellt. Das Schiff von Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranée befindet sich bereits auf dem Weg dorthin.

Vorangegangen war dem Angebot der spanischen Regierung eine entsprechende Aufforderung des Bürgermeisters von València, Joan Ribó, der der linken valencianistischen Koalition Compromís pel País Valencià (CPV) angehört. Die Vizepräsidentin der Generalitat Valenciana, Monica Oltra (ebenfalls CPV) hatte sich Ribó angeschlossen und die Unterstützung der Regionalregierung zugesichert.

Auch Bürgermeisterinnen italienischer Hafenstädte hatten sich in den letzten Stunden dazu bereit erklärt, das Rettungsschiff im offenen Dissens zur Lega-5SB-Regierung einlaufen zu lassen.

Nachtrag (1): Analog zu Ribó und Oltra hatten sich auch die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau (BenC), und der katalanische Präsident Quim Torra (JxC) um die Aufnahme der Migrantinnen beworben.

Nachtrag (2): Auch das von autonomistischen und separatistischen Kräften regierte Korsika bot an, die Insassinnen der Aquarius aufzunehmen.

Siehe auch:

Migraziun Politik Solidarieté Soziales und Arbeit | Good News | Ada Colau Matteo Salvini Pedro Sánchez Quim Torra | | País Valencià | JxCat Lega PSOE TK-5SB/M5S | Deutsch