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Beim Feind mitgelesen.
Quotation 410

Südtirol schaut nach Deutschland oder Österreich, wenn dort gewählt wird. So als würden wir in Deutschland oder Österreich leben. Wir lesen dann den Spiegel, Die Zeit oder womöglich auch die Junge Freiheit. […] Das „Vaterland“ gab sich einen Rechtsruck, und wir kommentierten ihn, als hätten wir mitgewählt. Die Grünen beweinten das Desaster ihrer Brüder und Schwestern, die ­Blauen feierten den Erfolg ihrer Kameraden jenseits des Brenners.

Georg Mair in seinem dieswöchigen ff-Leitartikel

Was fällt diesen Südtirolerinnen, denen man tagein/tagaus einbläut, wie hinterwäldlerisch sie doch sind, auch ein, über den Tellerrand zu schauen? Über die »nicht existente« Grenze hinaus, die auf ewig unsere unteilbare Zugehörigkeit zu Italien besiegelt. Was fällt ihnen ein, neben Dolomiten und ff auch überregionale Medien zu verfolgen, als lebten wir in einem geeinten Europa? Es muss ein Ende haben.

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Autorinnen und Gastbeiträge

Leerformel Segregation.

von Thomas Benedikter

Aber die Autonomie hat auch ein nach Gruppen getrenntes Land geschaffen. Segregation statt Integration, getrennte Macht- und Lebenssphären.

Georg Mair im Leitartikel der ff Nr. 24/2017

Segregation: Ein von Wissenschaftlern für Südtirol eingeführter, von gar einigen Journalisten zu unkritisch übernommener Befund. Wo bitte, abgesehen vom muttersprachlich organisierten Schulwesen, hat die Autonomie jemanden segregiert? Ein Beispiel: der Proporz hat konkret dazu geführt, dass der öffentliche Dienst viel integrierter und zweisprachiger ist als vor 1976, als er eingeführt wurde. “Getrennte Machtsphären”, ist schlicht postfaktisch. Politische Macht wird in Südtirol in geregelter, freilich noch ausbaufähiger ethnischer Konkordanz ausgeübt. Beim sozialen Wohnbau lässt sich Segregation von oben nicht nachweisen, die Zweitsprachkenntnisse haben seit 20 Jahren ganz deutlich zugenommen (Astat, Sprachbarometer). Nicht einmal in der Schule wird segregiert, denn jeder Schüler kann in Südtirol jede Schule besuchen, wenn er möchte. Was heißt dann Integration? Soll das Land Kampagnen für mehr gemischtsprachige Ehen einleiten? Sollen Quotensysteme im freien Vereinswesen eingeführt werden? Sollen Italienischsprachige gefördert werden, Bauern im Ahrntal zu werden? Was Mair wie manche andere verwechselt, sind spontane Entwicklungen in der Gesellschaft und eine (unbewiesene) Politik der Trennung von oben. So macht “Segregation” als Leerformel weiter die Runde.

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Rigide Vorschriften.
Quotation 290

Die [italienischen] Vorschriften sind meiner Ansicht nach viel zu rigide. […] Der 24-Stunden-Dienst der Pädiatrie macht [in Südtirol] die großen Schwierigkeiten. In der Steiermark haben wir zehn Geburtenstationen, nur zwei haben einen 24-Stunden-Aktivdienst der Pädiatrie. Es wäre auch in Südtirol ausreichend, wenn diesen Dienst nur Bozen gewährt. Dort werden die Frühchen behandelt, die auch jetzt schon alle nach Bozen überstellt werden.

Wie blickt das österreichische Sanitätswesen auf uns?

Dort schüttelt man nur den Kopf.

aus dem heute in der Tageszeitung (in Zusammenhang mit der geplanten Schließung der Sterzinger Geburtsstation) erschienenen Interview von Erna Egger mit dem Grazer Gynäkologen Albrecht Giuliani.

Wenn ein und dieselbe EU-Richtlinie in Österreich weniger rigide ausgelegt und umgesetzt werden kann, als in Italien, heißt dies, dass das auch in Südtirol möglich wäre, wenn wir die Zuständigkeit zur Umsetzung selbst hätten. Leider sind wir aber offensichtlich auch in diesem Bereich nicht autonom — obschon wir zum Beispiel von ff-Journalist Georg Mair (via NZZ) erst neulich wieder erfahren durften, dass wir quasi schon alle nur erdenklichen Zuständigkeiten hätten:

Noch mehr Unabhängigkeit dürfte Südtirol von Rom allerdings kaum bekommen. «Was wollen wir denn auch noch mehr?», fragt der Journalist Mair. «Wir haben bereits grosse finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen.»

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Autorinnen und Gastbeiträge

Ein alter Mythos: Die »Spaltung der Sprachgruppen«.
Südtirol-Bericht der Neuen Zürcher Zeitung

von Thomas Benedikter

»Gemeinsam einsam« ist ein Beitrag der NZZ-Romkorrespondentin Andrea Spalinger über Südtirol vom 16. Juni betitelt und bringt eine Reihe alter Märchen über unser Land. Einige Kostproben:

Vor wenigen Jahrzehnten herrschten in Südtirol noch bürgerkriegsähnliche Zustände

Wahr ist: es gab Attentate gegen Einrichtungen des Staates, Angriffe gegen Polizei und Militär, doch es gab in Südtirol nie eine verbreitete Gewalt zwischen italienischer und deutscher Zivilbevölkerung. In Südtirol herrschte in den 1960er Jahren genau so wenig »Bürgerkrieg« wie im Schweizer Jura in den 1970er Jahren.

Trotz obligatorischer Zweisprachigkeit beherrschen laut Studien die meisten Südtiroler die andere Sprache nur ungenügend

In zweifacher Hinsicht ein Unsinn: Weder ist es bei uns Pflicht, zweisprachig zu sein (gibt es das etwa in der Schweiz?), noch sind die Zweitsprachkenntnisse der Südtirol aller Sprachgruppen so schlecht. 75% der Deutschen können laut Astat gut oder sehr gut Italienisch, fast 40% der Italiener können sehr gut oder gut Deutsch. Spalinger hat sich die wichtigste Studie in diesem Bereich eben nicht angeschaut (Astat-Sprachbarometer 2014).

Die deutsche Rechtsopposition stellt nicht ein Drittel des Landtags, sondern 10 von 35 Abgeordneten. Diese landläufig als »patriotisch« bezeichneten Parteien als »Ewiggestrige« zu bezeichnen, rückt sie in gewissen Sinn schon in die Nähe der NPD oder von CasaPound. Gegenfrage an Spalinger: Bezeichnen Sie die Schweizer SVP und ähnliche Schweizer Gruppen auch als Ewiggestrige? Unabhängig von der jeweiligen Position zur Selbstbestimmung: Ist Eintreten für Selbstbestimmung »ewiggestrig«?

In ihrer Nachzeichnung des Südtiroler Wegs zur Autonomie unterscheidet Spalinger zudem nicht zwischen der Region Trentino-Südtirol und den autonomen Provinzen Trient und Bozen, eine grobe Unterlassung. Überdies fließen schon länger nicht mehr 90% der Steuereinnahmen wieder zurück ins Land, vielmehr sind es seit dem Sicherungspakt 2014 nur noch rund 75%.

Journalistisch unkorrekt und sachlich falsch ist dann folgende Einschätzung: Rom sei irritiert darüber, »dass die gewährten Privilegien von den Südtirolern nicht gebührend geschätzt werden und die Autonomie in gewissen Kreisen immer noch umstritten ist«. Richtig ist: Weder ist die Errichtung einer Autonomie ein Privileg, sondern vielmehr eine völkerrechtliche Verpflichtung Italiens, noch ist die Autonomie in diesem Sinn umstritten. Fast alle deutsch- und ladinischsprachigen politischen Kräfte (und auch das Trentino) betrachten die heutige Autonomie als unzureichend, weshalb vor einem halben Jahr ein institutioneller Reformprozess gestartet worden ist. Hat Spalinger das überhaupt nicht mitbekommen?

Florian Kronbichler als ersten und einzigen Nicht-SVP-Vertreter Südtirols zu bezeichnen, bestätigt die Oberflächlichkeit einer Journalistin, die nur mit Vertretern der Grünen sowie mit den beiden Journalisten Georg Mair (ff) und Gabriele Di Luca gesprochen hat. Nicht nur sitzen heute Politiker anderer Couleur im Parlament (sind Palermo, Gnecchi usw. keine »Vertreter Südtirols«?), auch früher schon gab es Südtiroler Oppositionelle im Parlament (z.B. Gianni Lanzinger).

Erste obligatorische Fremdsprache.
Quelle: Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz.

Ein in Südtirol hartnäckiger Topos ist schließlich jener der Trennung durch separate Schulen:

Aus Angst vor Italianisierung hat man danach auch Schutz durch Trennung gesetzt. Deutsch- und italienischsprachige Südtiroler besuchen vom Kindergarten bis zur Matura separate Schulen.

Hier zitiert die Autorin Spalinger Gabriele Di Luca, aber bei »Schutz durch Trennung« müssen auch in der Schweiz weniger Informierte an eine Art Apartheid denken. Wo bitte erklärt Spalinger der NZZ-Leserschaft das Südtiroler Sprachgruppenprinzip? Warum schreibt sie nicht, dass in Südtirol seit 70 Jahren das Recht auf eigenständige Schulen in den jeweiligen Muttersprachen ein Grundpfeiler des Minderheitenschutzes ist?

Aus Schutz vor Germanisierung haben die Tessiner eine italienischsprachige Schule?

Hat Spalinger jemals das Tessiner Schulsystem so beschrieben?

Auch in der Schweiz gilt überall, auch in den zweisprachigen Kantonen wie Freiburg und Wallis, der jeweilige Vorrang der Kantonssprache oder Kantonsteilsprache in der obligatorischen Schulbildung. Sind die Walliser deshalb »gespalten« oder getrennt?

Eine direkte Frage an Andrea Spalinger zum Abschluss, weil sie Südtirol so »gespalten« sieht: Ist die Schweiz in vier Sprachgruppen »gespalten«? Sorry, aber gerade von der NZZ hätte ich mir etwas mehr Sorgfalt in Recherche und Urteil erwartet.

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Die Vielgescholtenen treffen.

Georg Mair (ff) und Ulrich Ladurner (Die Zeit, gelegentlich ff) sind zwei Vielgescholtene hier auf . Zu oft verstiegen sich die beiden Südtiroler Journalisten in die Konstruktion abenteuerlicher Zusammenhänge und Argumentationen bzw. Nicht-Zusammenhänge und Nicht-Argumentationen. Von Bauchgefühlen die zu (falschen) Fakten hochstilisiert werden, über haltlose Behauptungen, Pauschalisierungen und Vorurteilen bis hin zu unverholenem Chauvinismus gepaart mit einer Art (Auto)-Rassismus.

In der ff-Ausgabe 02/2016 jedoch sind zwei Artikel erschienen – einer von Mair und einer von Ladurner – die Aspekte der gegenwärtigen Flüchtlingskrise gekonnt und vor allem ehrlich beleuchten. Mair geißelt in “Wer jetzt nicht zweifelt …” die Hetze der Rechtspopulisten und mahnt gleichzeitig zu nüchterner Besonnenheit ob der Gefahr der Aushöhlung unserer demokratischen Grundordnung.

ad Demokratiegefährdung:

Der Jargon, den Rechtspopulisten (eigentlich ein verharmlosender Begriff) in ganz Europa anschlagen, ist durchgängig ekelhaft – und er hat das Zeug, den Grundkonsens in unserer Gesellschaft über Bürger- und Menschenrechte zu zerstören.

ad straffällige Asylwerber:

Es gibt kriminelle Asylwerber und Migranten. Es ist logisch, dass es sie gibt, so wie es Verbrecher unter deutschsprachigen Südtirolern gibt. […] Doch unsere Gesellschaft zeichnet aus, dass jeder die gleichen Rechte hat, also auch auf die Unschuldsvermutung und ein faires Gerichtsverfahren.

ad politischer Diskurs:

Rechtspopulisten sind nur allzu gerne dazu bereit, zu tun, was sie anderen vorwerfen: Gesetze zu beugen oder zu brechen, Recht zu verletzen oder auszuhebeln, Regeln eines friedlichen Zusammenlebens zu missachten (dazu gehört auch eine Wortwahl, die kein Maß kennt). Für die dazwischen ist in der Diskussion oft kein Platz mehr, es bleibt kein Raum mehr für ein Gespräch.

Ulrich Ladurner spart in seinem Beitrag nicht mit sympathischer Eigenkritik.

Ich habe mich zwar viele Jahre lang mit der Welt “da draußen” beschäftigt, aber ich schrieb immer aus der Position eines Menschen, der “drinnen” war.

Und trotz seiner vielen Reisen in Kriegs- und Krisengebiete habe er die Flüchtlingskrise so nicht kommen gesehen.

Hätte ich nicht wissen müssen, was auf Europa zukommt?

Als Lösung fordert Ladurner ein, dass Europa wieder zum Akteur – immer auf Basis des Rechts – werden muss, anstatt ein Getriebener zu sein, der nur reagiert.

Ja, wir sind alle in der Welt angekommen, mittendrin. Wir werden uns durch das Errichten von Mauern nicht wieder “herausnehmen” können – doch es ist gewiss keine Lösung, die Grenzen einfach einzureißen. Denn EINE Welt, in der wir leben, braucht notwendigerweise eine Struktur, wenn sie nicht zum Chaos führen soll. Und Grenzen geben ihr eine.

Ladurner redet hier aber nicht der Abschottung das Wort. Die Anerkennung von Grenzen ist für Ladurner die Rückkehr zum geordneten Verfahrensablauf – und damit einhergehender Rechtssicherheit für alle Beteiligten, die im Moment nicht gegeben ist.

[Grenzen sind] notwendige Gestaltungsinstrumente. Sie dienen zum Beispiel dazu, dass Massenmigration so gesteuert werden kann, dass die europäischen Gesellschaften die vielen Hunderttausenden nach und nach absorbieren können. Dabei haben diese Zielländer der Migranten das Recht zu entscheiden, wer aufgenommen werden soll und wer nicht.

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Titelgeschichte über CLIL und Sprachunterricht.
Wochenmagazin »ff« verbreitet Unwahrheiten

Sprache und Sprachunterricht sind in Südtirol sehr emotionale Themen […] — und über nichts wird hierzulande so kenntnisfrei geredet wie über Spracherwerb.

Ein interessanter und wahrscheinlich gar nicht so abwegiger Befund, den ff-Autor Georg Mair in seine dieswöchige Titelstory (»So schwere Sprachen«) einflicht. Eine wünschenswerte Konsequenz daraus wäre gewesen, sich einen Überblick über die tatsächliche Situation in Südtirol anzueignen, bevor man sich an den Computer setzt und einen Artikel darüber schreibt. Geschehen ist dies aber wohl höchstens in überschaubarem Umfang, wenn Mair in einem einzigen Absatz so viele leicht widerlegbare Vorurteile unterbringt, wie etwa hier:

Helfen ein Jahr in der zweiten Schule, neue Richtlinien für den Sprachunterricht oder Projekte wie Clil, bei dem zwei Fächer auf Englisch oder Italienische [sic] unterrichtet werden, wenn es auf dem Land keinen Kontakt zwischen den Sprachgruppen gibt? Die letzten Italiener weggezogen, Carabinieri, die Deutsch sprechen, Ämter, auf denen man sich leicht in der eigenen Muttersprache durchschlagen kann, und im Landtag eine starke deutsche Opposition, die “los von Rom” will.

Laut Volkszählung 2011 wächst der Italieneranteil in fast allen Bezirken unseres Landes. »Carabinieri, die Deutsch sprechen« und »Ämter, auf denen man sich leicht in der eigenen Muttersprache« durchschlagen kann, gibt es immer seltener: Laut Astat-Sprachbarometer 2014 gab es bezüglich Zweisprachigkeit im Amt nicht nur keine Verbesserung, sondern im Lauf von nur zehn Jahren gar eine dramatische Verschlechterung. Was die starke Opposition, die »los von Rom« will, mit den Sprachkenntnissen zu tun haben soll, ist schleierhaft. Das Sprachbarometer belegt jedenfalls, dass selbst die deutschsprachigen SüdtirolerInnen Italienisch (noch vor Deutsch) für die wichtigste Sprache halten, um in Südtirol zu leben. Und wenn man eine Sprache für wichtig hält, wird man sie wohl kaum vernachlässigen.

Denn die Selbstverständlichkeit, sich in der eigenen Muttersprache verständigen zu können, hat zu einer weit verbreiteten Einsprachigkeit geführt.

Auch hierzu hat das Sprachbarometer 2014 eine Antwort parat: Im Vergleich zu 2004 sind die Zweitsprachkenntnisse deutlich besser geworden — sprachgruppenübergreifend. Mair liegt also wieder falsch.

“Die Haltung, wir brauchen die zweite Sprache nicht mehr”, sagt etwa der Sprachwissenschaftler Franz Lanthaler, bis zu seiner Pensionierung Englischlehrer an einer Meraner Oberschule, “macht sich vor allem bei deutschsprachigen Südtirolern breit.” Lanthaler nennt als abschreckendes Beispiel eine Meraner Oberschülerin, die bei der Matura sagte: “Io andare a …”

Eine Quelle für Lanthalers verallgemeinernde Behauptung wird nicht genannt. Einzelfälle sind vielleicht recht einprägsam, aber sicher nicht repräsentativ.

Immerhin deckt Mair in seinem Beitrag auf, dass Südtiroler CLIL-Lehrer nur eine 150-stündige Ausbildung absolvieren (Standard wären 500 Stunden) und dass immer noch keine Daten über Erfolg und Misserfolg der CLIL-Methode vorliegen, deren Evaluierung man einer römischen Erziehungswissenschaftlerin übergeben hat. Trotzdem scheint die aktuelle Titelgeschichte eine weitere verlorene Chance zu sein, mit der nötigen Akribie und Sachkenntnis an die Materie heranzugehen. Einmal mehr werden falsche Vorurteile unter die Leute gebracht, was einer sachlichen Diskussion nicht wirklich zuträglich ist.

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Pauschalisierungsprojekt ff-Georg Mair.

Die heute erschienene Ausgabe des Wochenblatts ff enthält — mal wieder, möchte man sagen — einen Leitartikel zum Thema Selbstbestimmung, der nur so vor Vorurteilen, Pauschalisierungen und Totschlagargumenten strotzt. Anlass diesmal: Die katalanische Parlamentswahl von letztem Sonntag, bei der die Unabhängigkeitsbefürworter knapp 48% der Wählerstimmen erhielten, während die Unabhängigkeitsgegner etwas mehr als 39% auf sich vereinigen konnten.

Die Parteien, die eine Abstimmung über die Staatszugehörigkeit Kataloniens befürworten, kommen auf weit über 50% der Wählerstimmen.

Der Autor, Georg Mair, stellt seinen Leitartikel unter den vielsagenden Titel »Egoismusprojekt Selbstbestimmung«, einen gemeinamen Nenner, den er unter die Bestrebungen von Katalanen, Schotten und Südtirolern schiebt. Obschon erstere genauso wie letztere nie eine freie und demokratische Abstimmung über die Unabhängigkeit durchführen durften, weiß Mair:

In Katalonien [gibt es] keine Mehrheit für ein unabhängiges Katalonien.

So demokratisch sind unsere Unabhängigkeits- und Selbstbestimmungsgegner, dass sie das Ergebnis schon kennen, bevor jemals eine Abstimmung stattgefunden hat.

Dafür ist sich Mair nicht zu schade, den Südtiroler Selbstbestimmungsbefürwortern — pauschal, wohlgemerkt! — vorzuwerfen, »ein gelassener Umgang mit anderen Anschauungen oder Respekt für Minderheiten« gehöre nicht zu ihren Tugenden. Aha. Bislang fällt in Südtirol jedoch vor allem auf, dass mit Unabhängigkeitsbefürwortern paternalistisch und herablassend umgegangen wird. Eine ergebnisoffene Diskussion wird gerade auch von Medien wie der ff nicht zugelassen, sondern mit Totschlagargumenten (Egoismus! Zündelei! Krieg!) erstickt.

Mair schreibt:

Was passiert etwa mit den Italienern in Südtirol, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist? Müssten diese sich einfach beugen, sollte der (unwahrscheinliche) Fall eintreten, dass die Mehrheit der Südtiroler eine Loslösung von Italien befürwortet?

Für den Fall, dass sich eine Mehrheit der Südtiroler für die Loslösung von Italien entscheidet, ist es zunächst äußerst unwahrscheinlich, dass die Gegner allesamt »Italiener« und die Befürworter allesamt »Nichtitaliener« sein werden. Aber drehen wir die Frage einfach um, Herr Mair:

Was passiert etwa mit den Menschen aller Sprachgruppen in Südtirol, die die Unabhängigkeit wollen? Müssten diese sich einfach beugen, sollte der (wahrscheinliche oder unwahrscheinliche, das sei dahingestellt) Fall eintreten, dass die Mehrheit der Südtiroler einen Verbleib bei Italien befürwortet?

Auf eine Antwort wäre ich gespannt. Ich gehe kaum davon aus, dass Herr Mair Schwierigkeiten hätte, den Unabhängigkeitsbefürwortern die Folgen einer demokratischen Unterlegenheit zuzumuten. Das unterstelle ich jetzt mal, so wie er gern mit Unterstellungen arbeitet.

Selbstbestimmung klingt gut. Ich bin selbstbestimmt, der Nachbar links und der Nachbar rechts auch. Und dann kommen wir uns in die Haare, selbstbestimmt wie wir sind, beharren wir auf unserem Recht und vor allem darauf, dass der arme Nachbar keineswegs von unserem Wohlstand profitieren darf.

Es ist völlig unklar, warum die bestehenden Staaten diesem Beispiel folgend einen höheren Anspruch auf Eigenregierung haben, als neue Staaten, die einem Selbstbestimmungsprozess entspringen. Glaubt Mair wirklich, dass sich letztere — aus welchem Grund? — häufiger in die Haare geraten, als erstere? Und was unterscheidet die »staatliche« Selbstbestimmung in dieser Hinsicht von der individuellen Selbstbestimmung? Sollten wir letztere etwa aufgeben, damit wir uns nicht mit unserem Nachbarn streiten? Nachvollziehbare Argumente gegen die Unabhängigkeit, und solche gibt es, klingen anders.

Selbstbestimmung ist auch ein Egoismus-Projekt. Das wurde besonders in Katalonien deutlich: Die reichen Katalanen wollen nicht mit den armen Galiziern teilen, nur um einen Namen zu nennen.

Dieses immer wiederkehrende »Argument« hat etwa Peter Kraus in seinem exzellenten Beitrag entkräftet, den wir hier wiedergeben durften. Weshalb ich mich weiterer Ausführungen enthalte.

Am schlimmsten und gleichzeitig am aufschlussreichsten finde ich aber diese Passage im Leitartikel von Georg Mair:

Politisch ist die Selbstbestimmung für Südtirol sowieso ein schwieriges Geschäft und wäre mit schweren Konflikten verbunden, weil sie nur im Streit mit dem Staat erfolgen könnte, zu dem Südtirol gehört. Und dieser Staat wird es nicht erlauben, dass Südtirol sich davonmacht.

Was ist das für eine Demokratie und was ist das für ein Demokrat, der so etwas behauptet? Politische Konflikte sind also grundsätzlich zu vermeiden, wir sollen kuschen? Mit dieser Anpassungsmentalität hätten wir heute nicht nur kein Autonomiestatut, sondern wahrscheinlich auch kein Frauenwahlrecht, keinen Zivildienst und vieles mehr. Politische Errungenschaften sind fast immer durch Missachtung oder zumindest Herausforderung des juristischen Status Quo entstanden.

Warum neue Konflikte provozieren, warum Unfrieden zwischen den Sprachgruppen schüren, warum einen Spalt in die Gesellschaft treiben – wo sich doch in anderen Ländern zeigt, dass Selbstbestimmung ein Land in etwa genau gleiche Teile teilt.

Auch das muss und kann eine reife Demokratie aushalten. Es geht nicht um Spaltung, sondern um ganz normale Konfliktfähigkeit, die für jeden demokratischen Entscheid vonnöten ist.

Kraus schreibt hierzu:

Katalonien ist keineswegs eine tief gespaltene Gesellschaft. Zwar polarisiert die Frage »Unabhängigkeit ja oder nein« die Bürger. Wie sollte es auch anders sein? Doch diese Polarisierung wird — ähnlich wie im vergangenen Jahr in Schottland oder 1995 in Québec — demokratisch gut ausgehalten. In den Straßen und Bars Barcelonas ist von tiefen Spaltungen nichts zu spüren. Und auch unter Politikern, die für diametral entgegengesetzte Optionen stehen, wie Xavier García Albiol, der Nummer eins der spanisch-konservativen Volkspartei in Katalonien, und Raül Romeva, dem Spitzenkandidaten der sezessionistischen Koalition Junts pel Sí­, bleibt der Umgangston jovial.

Mairs Rundumschlag hingegen endet mit einem wahren Feuerwerk an Vorurteilen:

Denkt europäisch, wer neue Grenzen schaffen will? Was wollen wir noch: Eine Armee, eine eigene Polizei (Gott bewahre uns vor dem Südtiroler Kontrollwahn!), Grenzkontrollen in Salurn und am Brenner? Wollen wir Mauern bauen, um die Zuwanderung zu verhindern oder Flüchtlinge aufzuhalten?
Wer die Selbstbestimmung will, höhlt die Autonomie aus, die wir haben und die das Maximum ist, das wir haben können. Sind wir etwa unfrei, werden in Südtirol die Menschenrechte eingeschränkt, hat jemals ein Schütze nicht gegen Italien wettern oder für die Selbstbestimmung eintreten dürfen? Die Antwort ist nein.
Also muss mir erst einmal jemand erzählen, welche Vorteile die Selbstbestimmung hätte: Sind wir dann freier, aufgeschlossener, europäischer, besser an die Welt angebunden, betreiben wir weniger Nabelschau, geht es uns wirtschaftlich besser?

  • Südtiroler Kontrollwahn? Gibt es dafür irgendeinen Anhaltspunkt? Geht es Ländern mit laschen Gesetzen und Kontrollen besser, ist dort die Lebensqualität höher?
  • Grenzkontrollen in Salurn und am Brenner? Am Brenner gibt es schon heute eine Staatsgrenze, ohne dass es dort Kontrollen gäbe. Wir haben in Europa nicht »keine Grenzen«, sondern weitgehend »offene Grenzen«. Besser sind mehr offenere Grenzen als wenigere geschlossene Grenzen. Verwaltungsgrenzen werden wir stets benötigen, wenn die EU nicht als zentralistisches Monster nach italienisch-französischem Vorbild regiert werden soll.
  • Die Autonomie als das Maximum, das wir haben können? Warum? Wer sagt das? Ist die Geschichte schon zu Ende oder darf nicht sein, was Herr Mair nicht will?
  • Wer die Selbstbestimmung will, höhlt die Autonomie aus? Wo liegt der Zusammenhang? Ist es wennschon nicht umgekehrt? Um die Schotten zum Verbleib im Vereinigten Königreich zu bewegen, machte London große Zugeständnisse, die einen nie dagewesenen Autonomieausbau für Schottland bedeuten würden.
  • Unfrei, Menschenrechte? Worum geht’s? Wir sprechen hier doch über Demokratie, über das ganz normale Recht, frei und demokratisch über die Zukunft unseres Landes zu befinden. Um dies tun zu dürfen, sind Unfreiheit und Verletzung der Menschenrechte keine Voraussetzung — sondern vielmehr der Wunsch, die Lebensverhältnisse für alle zu verbessern.

Ich habe den Verdacht, dass ein selbstbestimmtes Südtirol ein altes Südtirol wäre: selbstbezüglich, verfilzt, intolerant und mit dem festen Glauben, der Nabel der Welt zu sein.

Ist das Georg Mairs »gelassener Umgang mit anderen Anschauungen«? Eine verhaltenere und vorurteilsbehaftetere Stellungnahme als seine ist für mich eigentlich schwer vorstellbar.

PS: Wenn er ein Anliegen teilt, ist er zu ganz anderen Ansichten fähig, die den hier zum Ausdruck gebrachten teils diametral widersprechen.

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Vom befremdlichen Umgang mit Umfragen.

Vor etwas mehr als einem Jahr gab die Süd-Tiroler Freiheit das Ergebnis einer selbstverwalteten Umfrage zum Thema Selbstbestimmung bekannt, an der sich 61.189 Südtirolerinnen beteiligt hatten. Davon befürworteten 56.395 (oder 92%), die Bevölkerung frei und demokratisch über die staatliche Zugehörigkeit Südtirols entscheiden zu lassen.

Alexandra Aschbacher schrieb dazu in einem Leitartikel (ff 03/2014) unter anderem:

Etwa 85 Prozent der wahlberechtigten Südtiroler haben weder Ja noch Nein gesagt, sie haben schlicht und einfach nicht mitgemacht. Das ist die große Mehrheit der Südtiroler, bei einem offiziellen Referendum (sic) hätte man mit 15 Prozent Beteilung das erforderliche Quorum nicht erreicht.

Kürzlich hat der Elternbeirat ebenfalls Umfrageergebnisse veröffentlicht, wonach sich 77,2% von 9.569 Schülereltern eine Intensivierung des Italienischunterrichts an Südtirols Schulen wünschen. Dies entspricht 7.387 Eltern, die sich auf drei unterschiedliche Antwortmöglichkeiten (Zusammenlegung der Schulen, Sachfachunterricht, Schüleraustausch) aufteilen. Dass die Fragestellung suggestiv war und die Möglichkeit, sich für eine qualitative Verbesserung des Italienischunterrichts auszusprechen, nicht gegeben war, sei hier nur am Rande erwähnt.

Laut Landesstatistikinstitut (Astat) besuchen im Schuljahr 2014/15 insgesamt 20.290 SchülerInnen eine deutsche Grundschule im Land. Für Mittel- und Oberschulen liegen nur Daten für das Schuljahr 2013/14 vor — sie werden von 12.369 respektive 14.486 Schülerinnen besucht. Insgesamt wären das, wenn wir uns an diesen Zahlen orientieren, 47.145 Kinder und Jugendliche.

Daran gemessen hätten sich die Eltern von 20,3% der Südtiroler Schülerinnen an der Umfrage beteiligt und 15,7% sich für eine der drei Optionen der Intensivierung des Italienischunterrichts ausgesprochen. Da auch bildungspolitische Entscheidungen in einer Demokratie der Gesamtbevölkerung obliegen und nicht der Elternschaft, müsste man die 7.387 zudem nicht an den 47.145 Schülerinnen, sondern an den über 400.000 Stimmberechtigten* bemessen.

In der ff schreibt diese Woche (ff 14/2015) Georg Mair jedoch in einem Leitartikel:

Jetzt hat der Elternbeirat erhoben, dass sich die Eltern mehr Italienischunterricht in der Schule wünschen.

Dass man auch mit 20,3% bei einer offiziellen Volksabstimmung nicht das Quorum erreicht hätte, wird diesmal nicht erwähnt. Und in einem weiteren Artikel in derselben Ausgabe heißt es:

Nachdem sich 77 Prozent der Eltern in einer Umfrage dafür ausgesprochen haben, dass die italienische Sprache in der Schule mehr Gewicht haben müsse […] melden sich nun auch die Schüler selbst zu Wort.

(Hervorhebungen von mir.)

Das ist, als hätte man bei der STF-Umfrage behauptet, 92% der Südtirolerinnen hätten sich für die Ausübung der Selbstbestimmung ausgesprochen. Stattdessen ist es korrekt zu sagen, dass sich 56.395 BürgerInnen (oder 92% der Teilnehmenden) dafür ausgesprochen haben, die Selbstbestimmungsfrage zu stellen und Eltern von 7.387 Schülerinnen (oder 77% der Teilnehmenden) den Italienischunterricht ausweiten oder Austauschprogramme umsetzen möchten. Repräsentativ sind beide Umfragen nicht.

Die ff — und die Südtiroler Medien im allgemeinen — reden und schreiben jedoch das eine Ergebnis klein und das andere groß, je nachdem, was als politisch »genehm« erscheint. Dies ist nicht nur unzulässig, sondern eine Missachtung des Informationsauftrags, den unabhängige Medien in einer Demokratie eigentlich hätten. Bedauerlich.

*) 7.387 von 400.000, das entspricht einem Anteil von rund 1,85%

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