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»Gestatten? Bessone!«
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Das Onlineportal Brennerbasisdemokratie hat den Facebook-Auftritt von Massimo Bessone unter die Lupe genommen. Dort schrieb er am 27. November 2017: “In Africa hanno risolto il problema dei costi di carceri e manicomi! Li hanno aperti e ce li hanno mandati tutti qui.” Am 28. Oktober 2017 sprach er sich für den elektrischen Stuhl für einen HIV-Infizierten aus, der sexuellen Kontakt mit mehr als 30 Frauen gesucht habe. Am 13. Jänner 2018 verteidigte er Wohnungseigentümer, die “nicht aus Rassismus oder Bosheit, sondern aus Erfahrung” Menschen einiger Ethnien als Mieter ablehnen. Am 16. Februar 2018 polterte er: “O cambiamo questo Paese il 4 marzo, o ci riempiranno talmente tanto di questa gente che l’Italia sarà persa per sempre!”

aus dem in SWZ Nr. 48/18 vom 14. Dezember erschienen Beitrag Gestatten? Bessone! (Verlinkung von mir hinzugefügt).

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La deviazione dal vero corso della Storia.
Da «Sangue giusto» di Francesca Melandri

Nel 1952 Attilio Profeti fu distaccato al Comitato per la documentazione dell’opera dell’Italia in Africa che era stato trasferito, come tutti gli altri uffici dell’ex ministero delle Colonie, nel nuovo grande palazzo di marmo bianco accanto alle Terme di Caracalla. Aveva davanti l’obelisco di Axum, l’evirazione in pietra dell’Abissinia sconfitta e pezzo più prestigioso del bottino coloniale, di cui l’imperatore Hailè Selassiè chiedeva con forza la restituzione. Il Comitato aveva serafiche linee guida: “L’opera di questo Ufficio deve costituire il vero duraturo monumento di quel che l’Italia ha fatto in Africa, di quell’insigne opera di civiltà di cui sono testimoni non solo i grandi lavori che rimangono ma anche, e soprattutto, i sentimenti delle popolazioni native verso l’Italia: ovunque interessanti, addirittura commoventi in Etiopia.” Nell’aprile dell’anno seguente l’intero ministero dell’Africa Italiana fu però abrogato dal Parlamento. Non ci fu alcuna opposizione, molti deputati si stupirono semmai alla scoperta che esistesse ancora. Era sopravvissuto dodici anni ai possedimenti coloniali da cui prendeva il nome, all’Impero proclamato da Mussolini che avrebbe dovuto essere millenario e invece era durato solo cinque anni – non un giorno di più.

Nell’Italia della Ricostruzione le colonie erano considerate roba da fascisti – e pazienza se l’Eritrea era stata proclamata colonia alla fine dell’Ottocento e la Libia prima dello scoppio della Grande Guerra, ben prima quindi che la maggior parte degli italiani avesse mai sentito pronunciare il cognome Mussolini. E tutto ciò che, a torto o a ragione, era associato al fascismo veniva considerato un corpo estraneo, una parentesi, una deviazione dal vero corso della Storia patria, quello che univa l’eroismo del Risorgimento a quello della Resistenza. L’Italia era un ex alcolizzato che, come ogni nuovo adepto della sobrietà, non voleva essere confuso con il comportamento tenuto durante l’ultima, tragica sbronza. Desiderava solo i piccoli quotidiani progressi del moderno benessere, che germogliava come erbetta di marzo dalle macerie.

I due sanguinosi anni dell’occupazione tedesca avevano permesso alla maggioranza degli italiani di identificarsi in una delle due figure ora care all’immaginario patrio, la vittima inerme e l’eroe partigiano. Di tutta la guerra da poco finita, il fronte più raccontato fu di gran lunga quello russo, dove i poveri soldatini mandati al gelo con le scarpe di cartone non potevano che indurre a compassione. Molto meno, quasi nulla, si narrò dell’occupazione di Jugoslavia e Albania; non divenne certo di pubblico dominio la reprimenda di un generale in Slovenia: «Qui si ammazza troppo poco!» L’occupazione della Grecia, le cui reni un tempo ogni scolaretto italiano asseriva di voler spezzare, fu raccontata solo per le stragi di militari italiani compiute dai tedeschi dopo l’8 settembre. Ma il più assoluto di tutti i silenzi fu quello dei reduci delle imprese coloniali. Pareva quasi che il Corno d’Africa si fosse invaso da solo. Nell’Italia degli anni Cinquanta, gli ex coloni erano perfino più invisibili degli ex fascisti, ancora più chiusi in un pervicace mutismo.

Tratto dal romanzo Sangue giusto di Francesca Melandri (Rizzoli, Milano 2017), in tedesco Alle, außer mir (Klaus Wagenbach, Berlin 2018)

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Flucht: Amnesty klagt an.
EU, speziell Italien und Malta für Tod, Misshandlung und Folter verantwortlich

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) macht die Migrationspolitik der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten direkt für die steigende Anzahl von Toten im Mittelmeer verantwortlich. Ausdrücklich an erster Stelle wird in einem gestern veröffentlichten Bericht die menschenverachtende Politik der neuen italienischen Regierung (Lega/5SB) angeprangert, die Migrantinnen missbrauche, um politischen Druck auf andere EU-Länder auszuüben.

Zudem bestehe die konkrete Gefahr, dass Handelsschiffe künftig davor zurückschrecken, in Seenot Geratene zu retten, da sie anschließend oft tage- und wochenlang ausharren müssten, bevor sie Gerettete — die teils dringender medizinischer Versorgung bedürfen — an einem sicheren Hafen absetzen dürfen.

Die Übergabe Geflüchteter an die libyschen Behörden bezeichnet die Menschenrechtsorganisation hingegen als Bruch von internationalem und europäischem Recht. Dabei hätte sich die Anzahl von Menschen, die von Libyen willkürlich in Haftzentren festgehalten werden, allein seit März von 4.400 auf 10.000 mehr als verdoppelt. Sowohl die libyschen Lager, als auch die Küstenwache des nordafrikanischen Landes seien für ihre systematischen Menschenrechtsverletzungen (Misshandlungen bis hin zur Folter) bekannt, an denen sich die EU und speziell Italien durch ihre Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden mitschuldig machten.

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Autorinnen und Gastbeiträge

Vor 50 Jahren: Biafra.
Selbstbestimmung in Afrika

Biafra — wem sagt dieser Name heute noch etwas? Heute vor 50 Jahren wagte es dieses Land, die von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen in Frage zu stellen und politische Gleichberechtigung zu fordern. Am 30. Mai 1967 erklärte Oberst Emeka Ojukwu, Gouverneur der Ostregion, die Eigenständigkeit seines Territoriums, genannt Biafra. Er tat dies, weil die Regierung in Lagos das Abkommen von Aburi vom Jänner 1967 nicht eingehalten hatte. Demgemäß hätte Nigeria in eine Konföderation umgewandelt werden müssen. Vorausgegangen waren dem Konflikt Pogrome an den christlichen Igbo mit tausenden Toten. Die Regierung war zu keiner Verhandlungslösung bereit, sondern überzog Biafra mit Krieg.

Für Biafra traten damals Frankreich, China, Israel, Portugal, Südafrika, Rhodesien und der Vatikan ein. Andererseits unterstützten die USA und die Sowjetunion, Großbritannien, Spanien und Polen Nigeria massiv mit Waffen. Nigeria blockierte jede humanitäre Hilfe, mit katastrophalen Folgen für Biafra. Über zwei Millionen Menschen starben an Hunger und in den Kämpfen. Anders als Vietnam spaltete Biafra die 68er-Bewegung, weil die Fronten quer zum Ost-West-Konflikt verliefen.

Am 15. Jänner 1970, nach 30 Monaten Krieg, kapitulierten die Truppen Biafras. Das Land wurde Nigeria einverleibt, sein Name ausradiert. Nigeria behielt seine von den Briten geerbten Staatsgrenzen. Wenige kennen heute die Hausa, Fulbe, Yoruba, Ijaw, Igbo. Man kennt in Europa nur Nigerianer (oder halt Senegalesen, Äthiopier, Sudanesen usw.). Die historische und ethnische Realität Afrikas versteckt sich hinter dieser kolonial gezeichneten Staatenaufteilung. Nach der Entlassung der meisten afrikanischen Länder in die Unabhängigkeit 1960-62 markiert Biafra die andere Seite des Selbstbestimmungsrechts und seiner Unterdrückung. Biafra sagte Nein zur zentralistischen Organisation Nigerias und beharrte auf einer Föderation. Dieser Widerstand wurde in Blut und Hunger erstickt, so wie später größere und kleinere Selbstbestimmungsbewegungen wie etwa in Äthiopien (Eritrea), Sudan (Südsudan), Kongo (Katanga) mit Millionen Opfern. Abgesehen von Sezession, die sicher für Afrika allgemein problematisch ist: es gibt in diesem riesigen Kontinent nur eine echte Territorialautonomie (Sansibar) und drei funktionierende Föderalstaaten (Nigeria, Äthiopien und die Komoren), während Somalia, der Sudan und Südsudan dies wohl auf dem Papier sind, kaum aber in der Realität. Der politische und gewaltsame Konflikt um Biafra ist übrigens immer noch nicht gelöst, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker heute mitteilt.

Das Selbstbestimmungsrecht wurde in Afrika auf die Emanzipation von den Kolonialmächten eingeengt. Wer sich gegen die Unterdrückung durch die neuen Staaten auflehnte, konnte nicht mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft rechnen. Biafra warf einen düsteren Schatten voraus. Dabei hatte es nur ein föderatives Nigeria gefordert, was es heute ist. Unter dem Eindruck des Biafra-Kriegs (aber auch der Abspaltung von Bangla Desh von Pakistan) verabschiedeten die VN am 24. Oktober 1970 die “Erklärung über Grundsätze des Völkerrechts betreffend freundschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit zwischen den Staaten im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen”, eines der interessantesten und wichtigsten Dokumente zum Selbstbestimmungsrecht und Recht auf territoriale Integrität der Staaten überhaupt, wobei allerdings Letzteres den Vorrang zu haben scheint.

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Es ist paradox, aber logisch.

Jene – nach Eigendefinition seriöse – politische, wirtschaftliche und mediale Elite, die zugelassen bzw. mitunter sogar verursacht hat, dass der Nahe Osten im Chaos versinkt und die größte Flüchtlingswelle der jüngeren Geschichte losgetreten wurde (Waffenlieferungen und – bisweilen – widerrechtliche militärische Interventionen), dass ein radikaler Islamismus zu einem globalen Phänomen wurde (unhinterfragte Kooperation mit Sponsoren des internationalen Terrorismus und mit dubiosen Gruppierungen nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund), dass große Teile Afrikas trotz Reichtums Fluchtgebiete sind (wirtschaftliche Ausbeutung, Zusammenarbeit mit Despoten), dass zwischen Russland und dem “Westen” Beziehungen herrschen, die an den Kalten Krieg erinnern (“Regimewechsel” und Versagen der Diplomatie), dass der “Wealth gap” in immer größerem Maße auseinanderdrifted (radikale Deregulierung der Finanzmärkte, Steuergeschenke an Großkonzerne, Bevorzugung von Vermögen gegenüber tatsächlicher Wertschöpfung) und dass sich somit in unseren “westlichen” Gesellschaften eine Polarisierung gepaart mit aggresiver Resignation etablieren konnte (Abbau des Sozialstaates und Ghettoisierung), die Narzissten, Fanatiker und Rassisten in immer mehr Ländern ganz nach oben spült, ist nun überaus besorgt, weil sie in Präsident Trump eine Gefahr für Amerika und die ganze Welt sieht. Dabei waren sie es, die Trump miterschaffen haben.

Die Narzissten, Fanatiker und Rassisten wiederum legen alles daran, dass obige Zustände, die ihren Erfolg ja erst ermöglicht haben, bestehen bleiben. Sie sagen das eine und tun das andere. Ihnen geht es nicht um die Menschen, sondern um sich selbst. Sie hetzten ihre Anhänger auf, nach unten zu treten, damit sie es sich oben häuslich einrichten können. Wobei Trump es auf die Spitze trieb indem er auch nach oben hetzte, um dann gleichzeitig ein Regierungsteam zu formen, das mehr denn je nur die oberen 1% widerspiegelt; nur einer von vielen Widersprüchen, die im postfaktischen Zeitalter offenbar irrelevant sind. Die größten Leidtragenden der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre waren die gesellschaftlichen Schichten vom Mittelstand abwärts. Die ganz Großen sind recht gut durch die Krise gekommen, die sie verursacht haben (und nicht etwa die Mittelständler und Armen). Und nun soll Milliardär Trump und sein milliardenschweres Kabinett aus Wall-Street-Größen und Goldman-Sachs-Bankern den Geknechteten wieder auf die Beine helfen? Einen Dreck werden sie tun.

Kurzfristig ist Donald Trump zwar “nur” eine Gefahr für einen Großteil der Amerikaner. Langfristig ist jedoch zu befürchten, dass er seine innewohnende Aggressivität nach außen wendet, wenn es im eigenen Land – was nicht unwahrscheinlich ist – zu großen Enttäuschungen kommt. Dann braucht er Sündenböcke – und er wird welche finden. Auch der Umwelt könnte nachhaltiger und nicht wiedergutzumachender Schaden bevorstehen, wenn Trump für seinen wirtschaftlichen Erfolg ohne Rücksicht auf die Natur agiert (Stichworte: Klimaabkommen, Fracking, Ölbohrungen usw.).

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Alltagsrassismus, Kolonialismus.
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Der Umgang mit dem einstigen Kolonialismus ist in Italien bis heute ein Mix aus Folklore, Nationalstolz und fahrlässigem Rassismus. Das Geburtshaus von Mussolini in Predappio wird als Pilgerziel nostalgischer Faschisten ebenso toleriert und teilweise öffentlich finanziert wie das Mausoleum von Rodolfo Graziani in dem Dorf Affile westlich von Rom. Graziani, laut einem Uno-Tribunal ein schwerer Kriegsverbrecher, nannte sich «Vizekönig von Äthiopien» und setzte dort Giftgas für den Massenmord ein.

aus Rassismus in Italiens Alltag – Schwarzhemden und Negermädchen, NZZ

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Berbersprache nun auch in Algerien offiziell.

Nach Marokko hat nun auch Algerien das Berberische zur offiziellen Amtssprache erklärt. Vor der islamisch/arabischen Expansion, die im 7. Jh. begann, gab es in Nordafrika ein berberisches Dialektkontinuum. Heute vermutet man, dass noch etwa 40 Millionen Menschen in Nordafrika Berberdialekte sprechen. Die regionalen Varianten der Berbersprachen in Marokko und Algerien werden unter dem Sammelbegriff Tamazight bezeichnet. In Marokko schätzt man die Sprecher auf 12 bis 15 Millionen in Algerien auf 6 bis 13 Millionen.

Die Ureinwohner Marokkos und Algeriens erhalten damit erstmals kulturelle und sprachliche Rechte. Während der französischen Kolonialzeit wurde das Berberische zurückgedrängt und in der Phase des algerischen Unabhängigkeitskampfes gab man sich eine arabisch-islamische Identität, die keinen Raum für andere Sprachen, Religionen oder Kulturen ließ. Engagement zugunsten des Berberischen wurde gar als Neokolonialismus bekämpft.
Erst mit dem Beschluss des algerischen Parlamentes Anfang Februar 2016 kann nun neben Marokko auch in Algerien Tamazight in offiziellen Dokumenten verwendet werden, wie auch als Schulsprache und in staatlichen Radio- und Fernsehsendern.

Tamazight ist somit in Algerien oder Marokko rechtlich bessergestellt als etwa das Sardische auf Sardinien, das lediglich als Minderheitensprache anerkannt ist, aber nicht den Status einer offiziellen Amtsprache hat.

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Erleuchtung auf dem Weg nach Lana.

Taiye Selasi ist in London geboren und in Boston aufgewachsen. Ihr ghanaischer Vater lebte in Saudi Arabien, ihre nigerianische Mutter in Ghana, und beide waren Staatsbürger von Ländern, die noch gar nicht existierten, als sie geboren wurden. Kaum verwunderlich also, dass die Schriftstellerin und Fotografin wenig von unveränderlichen Staatsgebilden und Zugehörigkeiten aufgrund unveränderlicher/angeborener Merkmale hält. Als sie kürzlich an einem Wochenende von Pantelleria nach Lana reiste, bewog sie dies offenbar, über Identität und Nationalität zu sinnieren — und ihre Überlegungen für die New York Times »zu Papier« zu bringen.

Weder die Bewohnerinnen von Pantelleria, noch jene von Lana fühlen sich laut Selasi als Italienerinnen.

Irgendwie hatte ich, obschon ich seit 2011 immer wieder in Rom gelebt hatte, nie bezweifelt, dass Dörfer in der Nähe zu Tunesien und zu Österreich zu einem Italien gehörten. Nun fragte ich mich: Wenn weder meine sizilianischen noch meine Südtiroler GastgeberInnen von ihrer Italianität überzeugt waren, wer war dann ItalienerIn? Was ist Italien?

Dass der Nationalstaat eine jüngere Erfindung war, entdeckte Selasi ihren Ausführungen zufolge während ihres Studiums der Internationalen Beziehungen in Oxford. Zeitungen und Bücher, schreibt sie, bezögen sich auf diese Gebilde als handle es sich um natürlich vorkommende, einzigartige, nahezu antropomorphe ‘Dinge’.

Ich war nicht überzeugt. Persönlich glaubte ich nicht an die Nation. Während meines Lebens waren sie verschwunden (Tschechoslowakei), entstanden (Timor-Leste) oder gescheitert (Somalia). […] Dass wir alle irgendwie unser eigenstes Grundgefühl von einer Nation ableiten sollten — von diesem erweiterbaren, zerbrechlichen, erfundenen ’Ding’ — schien mir absurd.

Eine Nation, habe sie später gelernt, sei ein kulturelles und ethnisches Gebilde, ein Staat ein politisches und geopolitisches. Sie schreibt, die Idee des modernen Nationalstaats — ein souveräner Staat, der eine Kulturnation regiert — sei nichts anderes als eine 350 Jahre alte Idee, der man ihr Alter ansehe. Eine Nation sei nichts Ewiges, eine Nationalität nichts Biologisches, im Gegenteil: In fast allen »Nationalstaaten« habe man die »Nation« erst erfinden müssen. Und um diese Fiktion zu verwirklichen, musste die Kultur der einen über die der anderen gestellt werden.

Heute diene die Nationalität nicht einer positiven Eigendefinition, sondern nur der Abgrenzung. Wenn die Alternative »ItalienerIn« sei, definiere man sich als »Pantesco«, wenn die Alternative »Nigerianerin« sei, definiere man sich zur Abgrenzung als »Italienerin«. Zuwanderer hätten es oft schwer, als Italienerinnen akzeptiert zu werden, obschon (oder vielleicht gerade weil?) gar niemand genau sagen könne, was italienisch ist.

Die Konstruiertheit der Nationalitäten zu akzeptieren, wozu uns die Geschichte zwingt — zu akzeptieren, dass die Italianität eines sizilianischen Seemanns, eines Landwirts aus Lana und eines Migranten aus Somalia genauso imaginär sind — heißt zu akzeptieren, dass jeder eine Bürgerin sein kann. Das sind Fragen von Macht, Wahrnehmung und Politik, nicht der Möglichkeit. Denn die Möglichkeit war immer schon da. Wie jede moderne Nation kann Italien, und jede moderne Nation kann, wie Italien, nachdem sie imaginär ist, jetzt neu erdacht werden.

Kaum eine Aussage könnte das Nationenprinzip nüchterner auf den Punkt bringen. Und somit seine hehren Ansprüche zerstören.

Der Originalbeitrag von Taiye Selasi (Dezember 2014) kann hier nachgelesen werden.

Übersetzungen von mir.

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