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Mayrs »Anzeige«.

Seit ihre Schließung konkret im Raum steht, wurden die Geburtenabteilungen in Sterzing und Innichen zum Symbol und Exzerzierfeld »erneuerter« Landespolitik. Weit über die Bedeutung der Abteilungen hinaus geht es um das Verhältnis zwischen Stadt und Land, um die Einbindung der Bevölkerung in maßgebliche gesundheits- und sozialpolitische Weichenstellungen, um Transparenz in der Kommunikation, um Prioritätensetzung, um die Gewichtung von qualitativen/quantitativen/wirtschaftlichen Faktoren und nicht zuletzt um den Zustand der Autonomie. In wohl keiner dieser Disziplinen könnte man der Landesregierung ein positives Zeugnis ausstellen.

Einen Qualitätssprung beschert der Diskussion nun angeblich Gesundheitsdirektor Oswald Mayr, der sich laut heutiger TAZ schriftlich an die Landesregierung und an die Staatsanwaltschaft (!) gewandt haben soll, um seine zivil-, straf- und finanzrechtliche Verantwortung abzustreifen. Ein solches Vorgehen sollte sich für einen Spitzenbeamten, der politische Beschlüsse umsetzen muss, eigentlich verbieten und ist — da nicht mit einem Rücktritt gepaart — ein wohl fast einmaliger Vorgang.

In seinem Schrieb weist Mayr darauf hin, dass die staatlichen Vorgaben bei den Geburtsstationen nicht nur in Sterzing und Innichen, sondern trotz einschlägiger Anstrengungen bis auf Bozen auch sonst in keinem einzigen Krankenhaus erfüllt werden konnten. Selbst Meran wäre demnach also derzeit nicht dazu befugt, Geburten ’durchzuführen’.

Trotz politischen Willens konnten Landesregierung und SVP in Rom keine Ausnahmeregelung von den Mindestanforderungen erwirken, die es — wie von zutage gefördert — so in vergleichbaren Nachbarregion jenseits der »nicht existierenden« Grenzen nicht gibt.

Was den Anspruch einer sogenannten »Vollautonomie« betrifft stehen wir also einmal mehr vor einem Scherbenhaufen.

Siehe auch ‹1 ‹2 ‹3

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Krankes Gesundheitssystem.

Seit einer schweren Krankheit vor 20 Jahren muss ich im Zwei- bis Vier-Wochen-Rhythmus die Gerinnung meines Blutes kontrollieren lassen. Bislang habe ich das noch immer im Stubaital gemacht und das funktionierte so:
Ich gehe — egal an welchem Wochentag irgendwann zwischen 7 und 19 Uhr — zu meinem Hausarzt. Ich muss weder den Arzt sprechen, noch im Wartezimmer Platz nehmen, sondern gehe direkt nach Registrierung meiner E-Card in ein kleines Zimmer, wo mir eine Assistentin in den Finger stupft und ein paar Tropfen Blut entnimmt. Dann kommt dieses Blut in einen so genannten »Coagu-Check« und ich hab binnen 30 Sekunden das Ergebnis. Wenn dieses innerhalb des therapeutischen Bereichs liegt, bleibt die Dosierung meines Medikaments automatisch gleich und ich brauche nicht zum Arzt. Ich trage den Wert selber in meinen Ausweis ein und verlasse im Regelfall und im Durchschnitt nach fünf Minuten die Praxis. Nebenbei erwähnt: Ich bin ganz normal pflichtversichert. Bezahlt habe ich für die Bluttests jedoch noch nie einen einzigen Cent.
Als Alternative gäbe es noch die Möglichkeit, sich kostenlos ein Schnelltestgerät zu leihen und die Bluttests selbst durchzuführen.
Da ich nun etwas seltener im Stubaital bin, habe ich mich entschlossen, den Blutwert ab jetzt in Südtirol kontrollieren zu lassen und das funktioniert so:
Obwohl ich diesen Test nach derzeitigem medizinischen Wissensstand für den Rest meines Lebens machen werde müssen, darf ich jedes Mal wenn eine Blutprobe bevorsteht (also alle zwei bis vier Wochen) meinen Hausarzt aufsuchen (vier Mal in der Woche nur vormittags von 8 bis 12 Uhr oder einmal nachmittags von 16 bis 19 Uhr möglich). Aber nicht etwa, um dort den Test zu machen, sondern um mir eine Überweisung zu holen, mit der ich mich dann entweder zum Sprengel (Blutabnahme zweimal in der Woche von 8 bis 9 Uhr möglich) oder ins Krankenhaus (täglich von 7.30 bis 12 Uhr) begeben muss. Dort sitze ich dann nach zweimaliger Anmeldung (Hauptanmeldung an der Pforte und dann noch einmal im Blutlabor) mit einer Nummer im Warteraum und harre der Dinge bis mir venös eine Ampulle Blut abgezapft wird. Ergebnis bekomme ich aber noch keines. Dieses leitet der Sprengel oder das Krankenhaus nämlich erst am Nachmittag an den Hausarzt weiter, den ich dann neuerlich aufsuchen muss (an einem anderen Tag versteht sich), damit dieser die Dosierung in meinem Ausweis vermerkt. Für das ganze Prozedere, bei dem einige Stunden draufgehen, darf ich dann auch noch bezahlen. (Ironie am Rande: Mein Hausarzt verfügt – im Gegensatz zu vielen anderen Südtiroler Hausärzten – sogar über einen Schnelltester. Dieser sei aber nur für Notfälle. Regelmäßige Tests würden nicht rückerstattet, sondern müssten komplett in Rechnung gestellt werden.) Um wenigstens einen Teil der Kosten zu sparen, musste ich mir jetzt eine Überweisung für die Gefäßchirurgie ausstellen lassen, wo man mir eine so genannte »Ticketbefreiung« (dass man für medizinische Leistungen ein »Ticket« benötigt, war mir auch neu) ausstellte, die ich alle drei Jahre erneuern muss, obwohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass mir nicht spontan eine neue Hohlvene nachwächst.
Neben der Entmündigung der Patienten und Hausärzte sind es vor allem die Absurdität des bürokratischen Prozedere und der damit einhergehende Zeit- und Kostenaufwand, die mich sprachlos machen. Wieso muss ich für etwas, das ich in satter Regelmäßigkeit voraussichtlich den Rest meines Lebens machen muss, jedes einzelne Mal eine Überweisung holen? Ganz als ob ich mir meine Krankheit im Zwei-Wochen-Rhythmus immer wieder bestätigen lassen muss. Warum wird der Test nicht von den Hausärzten gemacht? Warum wird der viel weniger zeit- und kostenaufwändige Schnelltest nicht rückerstattet? Wieso muss ich um eine »Ticketbefreiung« regelmäßig im Krankenhaus ansuchen? Warum muss ich überhaupt für etwas bezahlen, das eine chronische Erkrankung betrifft? Wieso braucht es drei Gänge (Hausarzt, Blutlabor, Hausarzt) für einen Routinebluttest? Warum kann ich mich nicht selbst testen bzw. zumindest selbst dosieren, solange der Wert im therapeutischen Bereich liegt? Hat irgendwer plausible Antworten für mich oder ist das alles einfach nur krank?

Siehe auch ‹1 ‹2 ‹3 ‹4 5› 6›

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Abbau von Krankenbetten.

Die während der letzten Tage angedrohte Schließung zweier Südtiroler Krankenhäuser (Innichen und Sterzing — Schlanders wäre zunächst nicht von der Maßnahme betroffen gewesen) durch die Regierung in Rom ist vorerst abgewendet. Das verdanken wir nicht unserer (inzwischen kannibalisierten) Autonomie, sondern der Tatsache, dass sich der Gesundheitsminister noch einmal gegen Regierungschef Monti durchsetzen konnte. Das heißt dann auch, dass das Damoklesschwert weiterhin über den beiden Einrichtungen schwebt und dass die Organisation des einheimischen Gesundheitswesens von den Launen Roms abhängt.

Die Tageszeitung la Repubblica berichtet in ihrer heutigen Ausgabe jedoch, dass das heute Nacht verabschiedete Sparpaket den Abbau von Krankenbetten vorschreibt. Alle Regionen und autonomen Länder müssen deren Anzahl auf 3,7 je 1.000 Einwohner reduzieren. Derzeit verfüge Südtirol jedoch über 4,4 Betten je 1.000 Einwohner, weshalb jetzt insgesamt 285 Betten abgebaut werden müssten — das sind mehr als 1/10 der bestehenden Anzahl. Südtirols Zuständigkeiten im Rahmen der Organisation des Gesundheitswesens wurden also einmal mehr übergangen.

Siehe auch 1› 2›

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Bedenkliche Praxis.

Dass die heimischen Krankenhäuser bisweilen mit langen Wartezeiten zu kämpfen haben, ist keine Neuheit. Ebenso wenig wie der Umstand, dass diese Wartezeiten einem unflexiblen Fachärztesystem bzw. der Disziplinlosigkeit so mancher Patienten geschuldet sind, welche anstatt des Hausarztes die Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen.

Jedenfalls haben in jüngster Zeit gleich mehrere Patienten ihren Unmut über die Behandlung in der Notaufnahme (in Südtirol unter Erste Hilfe bekannt) des Bozner Krankenhauses in Leserbriefen an die Tageszeitung Dolomiten kundgetan. Ob die Kritik in den einzelnen Fällen gerechtfertigt war, darüber kann und möchte ich mir kein Urteil anmaßen. Vernichtend möchte ich hingegen darüber urteilen, wie von Seiten des Presseamtes des Gesundheitsbezirkes Bozen mit der Kritik umgegangen wird. Die Pressesprecherin scheint nämlich das Leserbriefschreiben für sich entdeckt zu haben und posaunt dabei Patientendaten ungeniert in die Öffentlichkeit hinaus. In ihrer Reaktion auf einen Leserbrief, in dem sich eine Patientin über die lange Wartezeit beschwerte, nennt die Pressesprecherin deren vollen Namen, den Tag sowie die genau Uhrzeit, zu der die Patientin das Krankenhaus betrat, den medizinischen Grund, warum sie die Notaufnahme aufsuchte (!), den Kodex, der ihr zugewiesen wurde, wie auch den Umstand, dass die Patientin das Krankenhaus ohne sich abzumelden verlassen habe. Es fehlt eigentlich nur noch das Geburtsdatum und die Wohnadresse zu einem vollständigen Krankenakt. Es ist verwunderlich und bedenklich zugleich, dass dieser grob fahrlässige Umgang mit Datenschutz und Verschwiegenheitspflicht offensichtlich keine Konsequenzen von Seiten der Leitung des Gesundheitsbezirkes nach sich zieht, denn heute (4. Jänner 2012) erschien in den Dolomiten neuerlich ein Leserbrief der Pressesprecherin als Reaktion auf eine Patientenbeschwerde.

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Drei Tage Haft.

Wie befürchtet hat sich die Landesregierung diese Woche dafür entschlossen, aus rein politisch-ideologischen Gründen — medizinische gibt es keine — Frauen drei Tage lang im Krankenhaus festzuhalten, nachdem sie mittels Pille einen Schwangerschaftsabbruch »begangen« haben. Dieselbe für den Steuerzahler sehr kostspielige Strafmaßnahme gilt nicht für chirurgische Abtreibungen. Italien ist weltweit das einzige Land, das die Vergabe der sogenannten RU-486 mit einem Krankenhausaufenthalt verknüfpt.

Reichlich sonderbar mutet die offizielle Begründung für diesen Schritt an: Man habe sich an eine Empfehlung aus Rom gehalten. Hätte man anders entschieden, wäre das Land Südtirol dafür verantwortlich. Dass Autonomie Verantwortung bedeutet, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Schöpft man den (geringen) Handlungsspielraum nicht aus, weil man nicht den Mut dazu hat, kann man den Laden auch gleich dichtmachen.

Zahlreiche italienische Regionen mit Normalstatut (!) haben ihre Entscheidungsbefugnis ausgeschöpft und geben die Pille in »eintägiger Behandlung« ab.
Im Vorfeld des Beschlusses hatte die Landesregierung großmundig verkündet, sie würde sich strikt an medizinische Erwägungen halten. Sie wollte sich diesbezüglich auch in Innsbruck erkundigen, wo die Pille seit elf Jahren ohne Zwangsaufenthalt verabreicht wird. Offensichtlich erfolglos.

Siehe auch 1›

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