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Selbstbestimmung, ein gefährlicher Traum?
Veranstaltungshinweis

Am 4. Mai findet im Bildungshaus Lichtenburg (Nals) um 19.00 Uhr eine Diskussionsrunde zum Thema Selbstbestimmung statt:

Im vergangen Jahr fand das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien aus [sic]. Spätestens seitdem ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker wieder in aller Munde. Die Selbstbestimmung scheint einen Ausweg aus vielen aktuellen Krisen zu bieten. Oder ist es eine gefährliche Illusion?
Auch in Südtirol ist das Thema Selbstbestimmung immer wieder ein Wahlkampfthema einiger Parteien. Wie realistisch ist eine Loslösung Südtirols von Italien?

— aus der Veranstaltungsankündigung

Podiumsgäste sind:

  • Zeit-Journalist Ulrich Ladurner, der immer wieder durch seine radikal selbstbestimmungsfeindlichen Beiträge auffällt;
  • Rechtsanwalt Karl Zeller, ehemaliger Kammerabgeordneter und Senator der SVP;
  • Arno Rainer, Major des Schützenbezirks Vinschgau und Hauptmann der Kompanie Goldrain;
  • Heiko Kraft, Deutsch-Katalane und Mitglied der katalanischen Nationalversammlung ANC, deren Vorsitzender Jordi Sànchez seit Monaten ohne Gerichtsverfahren in spanischer Untersuchungshaft sitzt.

Es moderiert Rai-Journalistin Gudrun Esser. Eine Anmeldung ist erforderlich, der Eintritt ist kostenlos.

Siehe auch:
Politik Selbstbestimmung Termin | Zitać | Jordi Sànchez Karl Zeller Ulrich Ladurner | Die Zeit Rai | Catalunya Südtirol/o | Schützen SVP | Deutsch

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Nur die Verfassung verteidigen.
Quotation 462

Puigdemont weiß, wie man Aufmerksamkeit erzeugt, wie man mit Medien spielt, sich zum Opfer stilisiert: Die Separatisten gut, die spanische Zentralregierung und die Justiz böse, auch wenn sie nur die Verfassung verteidigen (und wollen wir nicht, dass Regierung und Polizei die Grundlage der Demokratie, die Verfassung, verteidigen?).

Georg Mair im dieswöchigen ff-Leitartikel

Neben Herbert Dorfmann (SVP) und Ulrich Ladurner ist Mair ein weiterer Südtiroler Obrigkeitsfan — der hier tatsächlich den Mumm hat, das Eindreschen auf friedliche Demonstrantinnen und die Fabrikation eines mit langen Haftstrafen bewehrten Straftatbestands mit »nur die Verfassung verteidigen« zu umschreiben.

Übrigens: Dass die Verfassung die Grundlage der Demokratie sei ist eine beinahe ebenso gewagte Behauptung, wie jene implizite, dass man zu ihrer Verteidigung Grundrechte mit Füßen treten dürfe.

Siehe auch:
Democrazia Medien Politik Polizei Recht Repression | Medienkritik Quote | Carles Puigdemont Georg Mair Herbert Dorfmann Ulrich Ladurner | ff | Catalunya | SVP | Deutsch

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Ulrich Ladurners abermaliger Rundumschlag.

Ex-Karpf und Obrigkeitsfetischist Ulrich Ladurner hat wieder zugeschlagen. Die schwere Schlappe der spanischen Justiz am schleswig-holsteinischen Oberlandesgericht hat er offenbar so schlecht verdaut, dass er, der als einer von sehr wenigen das Eindreschen der spanischen (Militär-)Polizei auf friedliche Abstimmende rechtfertigte und nach wie vor rechtfertigt, nun gegen Carles Puigdemont lospöbelt.

Nun war es richtig, dass die Regierung in Madrid den Separatisten im Herbst vergangenen Jahres die Grenzen aufzeigte. Keine europäische Regierung könnte es tolerieren, dass die Verfassung so eklatant verletzt wird.

— Ulrich Ladurner, 6. April 2018

Anders als Pöbelei kann man die zahlreichen unqualifizierten und unbelegten Ausfälle, die ich hier nicht einzeln kommentieren will, nicht nennen. Nicht den franquistisch sozialisierten Mariano Rajoy, sondern den katalanischen Präsidenten, der immer und immer wieder seine inklusivistischen Ansichten zum Ausdruck gebracht hat, nennt er einen »völkischen Populisten«. Um dann in den Modus »schauma mal was er sonst geleistet hat« umzuschwenken.

Da wird es dann wirklich skurril. Denn konkret wirft Ladurner Puigdemont folgendes vor:

  1. Dass er keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen habe.
  2. Dass er nichts gemacht habe, um die Warteschlangen in den Krankenhäusern zu verkürzen.
  3. Dass er keinen Beitrag zur Aufarbeitung von Korruptionsaffären seiner Vorgänger geleistet habe.

Sehen wir mal davon ab, dass Puigdemont im Dezember mit einem Ergebnis wiedergewählt wurde, das alle Prognosen in den Schatten gestellt hat — womit die souveräne Wählerschaft ihr Urteil über seine Amtszeit gefällt hat.

ad 1) Die Arbeitslosigkeit sinkt in Katalonien seit 2014 kontinuierlich (im Vergleich zu 2013 insgesamt um fast 10 Prozentpunkte). Die Wirtschaftsleistung Kataloniens ist zudem sowohl absolut, als auch im Verhältnis zur spanischen Wirtschaftsleistung gewachsen.

ad 2) Dass Puigdemont nichts gegen die Wartelisten gemacht hat, ist falsch. Dass der einschlägige Plan der Generalitat nicht sonderlich erfolgreich war, ist angesichts des Ärztemangels nicht anders als vielerorts in Europa. Auch das brave, vorbildliche, gar nicht aufrührerische Südtirol kämpft seit Jahren mit mäßigem Erfolg gegen die langen Wartezeiten.

ad 3) Da fragt man sich, inwieweit und inwiefern Puigdemont die Korruptionsaffären seiner Vorgänger aufarbeiten sollte. Gemeint dürfte Langzeitpräsident Jordi Pujol (CiU) sein, der schon 2014 — vor der Amtszeit von Puigdemont — auch auf Druck aus seiner Partei auf Leibrente, Amtstitel (Molt Honorable) und Parteimitgliedschaft verzichtet hat.

Ja, in Katalonien gibt es Korruption, doch der ungeschlagene Europameister in dieser unrühmlichen Disziplin dürfte gerade Mariano Rajoys PP sein. Der spanische Ministerpräsident selbst scheint auf einer parteiinternen Schwarzgeldliste als Empfänger hoher Summen* auf, doch auf diesem Auge ist Obrigkeitsdenker Ladurner offenbar blind. Und auch die spanische Justiz geht die Causa gegen Rajoy deutlich gemächlicher an, als jene gegen Puigdemont und Konsortinnen.

Abschließende Feststellungen:

  • Auch Meinungsjournalismus sollte zumindest ansatzweise faktenbasiert sein.
  • Gerade Südtiroler Kommentatorinnen tun sich — anders als etwa Kommentatorinnen in Belgien und Britannien, wo man es ebenfalls mit separatistischen Tendenzen zu tun hat— durch Gehässigkeit und Legitimierung der Staatsgewalt hervor.
  • Das macht mir Angst und zeigt, woran wir wären, wenn wir uns in einer ähnlichen Situation befänden. Hier gilt allzu oft: Nicht demokratische Grundrechte haben Vorrang, sondern die Verteidigung der eigenen politischen Überzeugung. Mit allen Mitteln.

Siehe auch:

*) da auf der Schwarzgeldliste »M. Rajoy« und nicht »Mariano Rajoy« aufscheint, wird lächerlicherweise argumentiert, dass es auch jemand anderes sein könnte, obschon kein anderer M. Rajoy bekannt ist.
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Autorinnen und Gastbeiträge

Die Medizin der friedlichen Loslösung.

von Thomas Benedikter

Ginge es nach Ulrich Ladurner (ff Nr. 41/2017) sollten die Katalanen die Unabhängigkeit vergessen und sich einfach der spanischen Obrigkeit fügen. Schon bedauerlich, dass er dabei die gewaltsame Repression eines demokratischen Prozesses bagatellisiert, als würden 800 statt 900 Verletzte einen Unterschied machen. Sogar das Serbien Milosevics hatte es 1991 dem Kosovo erlaubt, eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit abzuhalten. „Ihr berechtigtes Anliegen nach mehr Autonomie, nach einem besseren Finanzausgleich hat jetzt Schaden genommen“, schreibt Ladurner, als ob mehr Autonomie nach der Wahl zur Generalitat von 2015 überhaupt noch auf der Tagesordnung stünde. Diese Option haben schon 2010 einige spanische Verfassungsrichter vermasselt, als sie wesentliche Teile des neuen Autonomiestatuts kippten, das 2006 in einem Referendum von 73,2% der Katalanen gutgeheißen worden war. Die Schuld am Scheitern des Ausbaus der Autonomie schiebt Ladurner Barcelona zu: welch ein Fehlschluss. Hat doch gerade Katalonien seit 2010 immer wieder zu Verhandlungen gedrängt, während die unnachgiebige Haltung Madrids die maßgeblichen Parteien Kataloniens auf den Kurs Richtung Unabhängigkeit gedrängt hat.

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist kein „Gift der Separation“ (Ladurner), sondern ein Grundrecht, das gar nicht so selten demokratisch in Anspruch genommen wird. Seit 1991 haben weltweit 55 Unabhängigkeitsreferenden in substaatlichen Einheiten stattgefunden, weitere 4 sind bis 2019 schon angesetzt. 27 davon haben zur Unabhängigkeit geführt, meist zugunsten weit kleinerer Völker als den Katalanen. Die anderen sind im bisherigen Staat verblieben, weil die Mehrheit gegen die Sezession oder die Fragestellung anders gelagert waren. Die Staatspraxis zeigt, dass Regionen und Staaten immer wieder solche Prozesse friedlich vereinbaren und durchführen. In den meisten Fällen gingen den Referenden Verhandlungen voraus. 14 der heutigen Staaten Europas waren vor 1991 bloße Gliedstaaten größerer Einheiten. Sind all diese Länder infolge der Separation jetzt „vergiftet“, Herr Ladurner? Von den 55 seit 1991 abgehaltenen Referenden über die Souveränität eines Gebiets sind 28 ohne Zustimmung des Nationalstaats erfolgt, 27 mit Einverständnis. Dennoch sind sie in den meisten Fällen als souveräne Staaten anerkannt worden, auch von der EU bzw. den meisten EU-Staaten.

Katalonien bildet also keine so extreme Ausnahme. Es wird schwer zu bestreiten sein, dass die Katalanen als eigenständige Sprach- und Kulturgemeinschaft mit tausendjähriger Geschichte das gleiche Recht haben wie Slowenen und Slowaken, Esten und Letten, Litauer und Moldawier, Mazedonier und Montenegriner, Kosovaren und Schotten. Spanien muss dringend klären, nicht ob, sondern wie das von Madrid selbst ratifizierte Völkerrecht auf Selbstbestimmung in Katalonien angewendet werden soll, wenn dieses Recht überhaupt noch eine Bedeutung haben soll. Die Katalanen sind zwar kein unterdrücktes Volk wie die Kosovaren in den 1990er Jahren, dennoch können sie beanspruchen, über ihre Zukunft selbst zu befinden. Alles andere wäre Gift für Demokratie und Völkerrecht. Mit dem Dogma der Unteilbarkeit des Staats kann der demokratische Wille der Mehrheit der 7,5 Millionen Katalanen nicht auf Dauer unterdrückt werden.

Heute kann nur ein genuin demokratischer Prozess die von Madrid ausgelöste Eskalation einbremsen, nicht das Beharren auf dem besagten Verfassungsartikel zur Unteilbarkeit des Staats. Die Selbstbestimmung kleinerer Nationen Spaniens muss als demokratisches Verfahren rechtlich geregelt werden. Nach britischem Vorbild könnten sich Madrid und Barcelona auf die Verfahrensschritte bis zur Trennung einigen. Dieses Verfahren muss möglichst durch den Europarat oder die EU überwacht werden, wollen doch beide Kontrahenten Mitglied der EU bleiben. Unsinnig das Argument der „Spaltung“ der katalanischen Gesellschaft durch einen demokratischen Prozess, als wäre Katalonien vorher ein „einig Volk“ gewesen, als wäre Spanien dies in vielen politischen Fragen. Volksabstimmungen sind und bleiben die beste Methode der politischen Legitimation einer Entscheidung über die Souveränität eines Gebietes in einem demokratischen System, weil jeder mitbestimmen kann.

Heute steht in diesem Konflikt der spanische Nationalismus gegen den nationalen Emanzipationswillen der Katalanen. Wenn nicht wie in den letzten drei Jahrhunderten wieder das Recht des Stärkeren gelten soll, gestützt auf einen von den Katalanen nicht geteilten Verfassungsartikel, gibt es in einer Demokratie nur den Weg der Verhandlungen und einen demokratischen Volksentscheid. Spanien kann den Katalanen nicht auf Dauer vorschreiben, wie sie sich politisch zu organisieren haben. Staaten und Verfassungen sind von Menschen gemacht und auch abänderbar, wenn es die Mehrheit einer Nation in freier Abstimmung wünscht. Ladurner irrt, wenn er meint, die Katalanen gingen geschwächt aus diesem Konflikt hervor. Im Gegenteil: die Neuwahlen zum Regionalparlament können eigentlich nur die Unabhängigkeitsplattform „Junts pel Sí“ stärken, die die Unabhängigkeit ausrufen wird. Die Anwendung des Art. 155 zur Aussetzung der Autonomie Kataloniens wird ein weiteres Eigentor der Regierung Rajoy.
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Ulrich Ladurners Gespür für Härte.

Während Südtiroler Tageszeitungen das harte Vorgehen des spanischen Nationalstaats gegen Katalonien — zumindest auf den Titelseiten — ignorierten, erschien bei Zeit Online ein einschlägiger Artikel von Ulrich Ladurner. Diesen empörenden Beitrag des Südtiroler Journalisten möchte ich hier auszugsweise kommentieren.

Die Katalanen treiben das fragwürdige Referendum über ihre Unabhängigkeit voran, Eskalation inklusive. Ihr undemokratisches Vorgehen zwingt Madrid zu harten Reaktionen.

  • Erste Frage: Haben wirklich die Katalaninnen eskaliert? Oder war es vielleicht doch der Zentralstaat (der zuvor übrigens jegliche Verhandlung über ein Referendum abgelehnt hatte)?
  • Zweite Frage: Was genau ist am Vorgehen der katalanischen Regierung, die eine Volksabstimmung und keinen gewaltsamen Putsch organisiert, undemokratisch?
  • Dritte Frage: Meint Ladurner tatsächlich, dass Madrid zu einer Vorgehensweise gezwungen war, die nun international von Politiker-, Bürgerrechtlerinnen und Medien scharf kritisiert wurde?

Am 6. September verabschiedete das katalanische Regionalparlament ein Gesetz, das den Weg für ein Unabhängigkeitsreferendum frei machen sollte. 60 Abgeordnete stimmten dagegen, 72 stimmten dafür. Das war schon ein Zeichen dafür, dass selbst die katalanische Gesellschaft in dieser Frage tief gespalten ist.

Es stimmten 72 Abgeordnete dafür, 11 enthielten sich und alle weiteren nahmen an der Abstimmung gar nicht teil. Ist »tiefe Spaltung« in einer Demokratie nicht quasi ein Normalzustand? Was wäre die Alternative? Dass sich die Mehrheit von 72 einer (nicht abstimmenden) Minderheit unterordnet?

Darüberhinaus ist doch zu sagen, dass da nicht die Abspaltung beschlossen wurde, sondern die Befragung der Bevölkerung mithilfe eines demokratischen Verfahrens wie dem Referendum.

Doch Puigdemonts Regierung kümmerte das nicht. Sie peitschte das Gesetz innerhalb von 48 Stunden durch das Parlament. Zeit für eine ausgiebige Debatte über eine so existenzielle Frage wie die Unabhängigkeit gab es nicht.

Stimmt. Ideal ist das nicht. Hätte der Zentralstaat eine Abstimmung mitgetragen, hätte man ähnlich wie in Schottland eine längere Vorlaufzeit mit parlamentarischen und außerparlamentarischen Debatten einplanen können. Nachdem das Interesse von Madrid jedoch nicht einer sauberen Durchführung, sondern der Verhinderung galt, musste man diesbezüglich Kompromisse eingehen. Man hatte es ja schon mehrmals versucht.

Doch in Katalonien wird schon seit Jahren (im Parlament und außerhalb) über die Selbstbestimmung diskutiert, weshalb zwar diese parlamentarische Debatte kurz ausfiel, aber im Laufe der Jahre doch genug Zeit vorhanden war, die unterschiedlichen Positionen zum Ausdruck zu bringen.

“Das Referendum wird niemals stattfinden”, sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy deshalb und rief die katalanische Regierung zur Umkehr auf. Doch die machte immer weiter.

Warum nennt Ladurner Rajoy, anders als die Katalaninnen, nicht ebenfalls undemokratisch? Oder ist das ewige Verbot eines Referendums (»niemals«!) etwa demokratisch?

Dann schritt die Polizei ein. […] Das geschah nicht, wie Puigdemont glauben machen will, weil von der Zentralregierung der “De-facto Ausnahmezustand” ausgerufen worden sei. Das geschah auf Anordnung eines Richters in Barcelona, der sich veranlasst sah, gegen die Vorbereitung eines illegalen Referendums vorzugehen. Doch diese wichtigen Differenzierungen gehen jetzt unter.

Erstens hatte die spanische Regierung kurz zuvor beschlossen, das katalanische Wirtschaftsministerium »auszuschalten« und zweitens ist es ein offenes Gehemnis, dass in dieser Frage Gerichte,  Zentralregierung und Geheimdienste »zusammenarbeiten«. Diese Konspiration hat sogar schon den UN-Sonderbeauftragten für Menschenrechte auf den Plan gerufen. Doch diese wichtigen Details und Differenzierungen gehen jetzt unter.

Es geht auch unter, dass die katalanische Regierung das Referendum nicht gerade demokratisch ausgestaltet hat. Es sieht keine Mindestbeteiligung vor. Und es gilt die relative Mehrheit. Wenn also beispielsweise nur 20 Prozent der Katalanen abstimmten, und davon 50 Prozent plus 1 mit Ja votierten, hätte eine kleine Minderheit der Katalanen eine neue Republik geschaffen.

Ein Referendum, das diesbezüglich den Ratschlägen der Venedig-Kommission des Europarats folgt, ist laut Herrn Ladurner also »nicht gerade demokratisch ausgestaltet«.

In Punkt 7 des Code of Good Practice on Referendums empfiehlt die Venedig-Kommission ausdrücklich, von Beteiligungs- und Zustimmungsquora abzusehen.

Das Schlimme an der jetzigen Lage: Rajoys berechtigtes Bestehen auf die Grundlagen der repräsentativen Demokratie klingt in der Hitze der Emotionen wie eine Kampfansage an das katalanische Volk.

Nun ja… auch ein »berechtigtes Bestehen« kann eben eine Kampfansage sein, wenn man außerstande ist, politische Verhandlungen zu führen und völlig unverhältnismäßige Gegenmaßnahmen ergreift.

Siehe auch:
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Die Vielgescholtenen treffen.

Georg Mair (ff) und Ulrich Ladurner (Die Zeit, gelegentlich ff) sind zwei Vielgescholtene hier auf . Zu oft verstiegen sich die beiden Südtiroler Journalisten in die Konstruktion abenteuerlicher Zusammenhänge und Argumentationen bzw. Nicht-Zusammenhänge und Nicht-Argumentationen. Von Bauchgefühlen die zu (falschen) Fakten hochstilisiert werden, über haltlose Behauptungen, Pauschalisierungen und Vorurteilen bis hin zu unverholenem Chauvinismus gepaart mit einer Art (Auto)-Rassismus.

In der ff-Ausgabe 02/2016 jedoch sind zwei Artikel erschienen – einer von Mair und einer von Ladurner – die Aspekte der gegenwärtigen Flüchtlingskrise gekonnt und vor allem ehrlich beleuchten. Mair geißelt in „Wer jetzt nicht zweifelt …“ die Hetze der Rechtspopulisten und mahnt gleichzeitig zu nüchterner Besonnenheit ob der Gefahr der Aushöhlung unserer demokratischen Grundordnung.

ad Demokratiegefährdung:

Der Jargon, den Rechtspopulisten (eigentlich ein verharmlosender Begriff) in ganz Europa anschlagen, ist durchgängig ekelhaft – und er hat das Zeug, den Grundkonsens in unserer Gesellschaft über Bürger- und Menschenrechte zu zerstören.

ad straffällige Asylwerber:

Es gibt kriminelle Asylwerber und Migranten. Es ist logisch, dass es sie gibt, so wie es Verbrecher unter deutschsprachigen Südtirolern gibt. […] Doch unsere Gesellschaft zeichnet aus, dass jeder die gleichen Rechte hat, also auch auf die Unschuldsvermutung und ein faires Gerichtsverfahren.

ad politischer Diskurs:

Rechtspopulisten sind nur allzu gerne dazu bereit, zu tun, was sie anderen vorwerfen: Gesetze zu beugen oder zu brechen, Recht zu verletzen oder auszuhebeln, Regeln eines friedlichen Zusammenlebens zu missachten (dazu gehört auch eine Wortwahl, die kein Maß kennt). Für die dazwischen ist in der Diskussion oft kein Platz mehr, es bleibt kein Raum mehr für ein Gespräch.

Ulrich Ladurner spart in seinem Beitrag nicht mit sympathischer Eigenkritik.

Ich habe mich zwar viele Jahre lang mit der Welt “da draußen” beschäftigt, aber ich schrieb immer aus der Position eines Menschen, der “drinnen” war.

Und trotz seiner vielen Reisen in Kriegs- und Krisengebiete habe er die Flüchtlingskrise so nicht kommen gesehen.

Hätte ich nicht wissen müssen, was auf Europa zukommt?

Als Lösung fordert Ladurner ein, dass Europa wieder zum Akteur – immer auf Basis des Rechts – werden muss, anstatt ein Getriebener zu sein, der nur reagiert.

Ja, wir sind alle in der Welt angekommen, mittendrin. Wir werden uns durch das Errichten von Mauern nicht wieder “herausnehmen” können – doch es ist gewiss keine Lösung, die Grenzen einfach einzureißen. Denn EINE Welt, in der wir leben, braucht notwendigerweise eine Struktur, wenn sie nicht zum Chaos führen soll. Und Grenzen geben ihr eine.

Ladurner redet hier aber nicht der Abschottung das Wort. Die Anerkennung von Grenzen ist für Ladurner die Rückkehr zum geordneten Verfahrensablauf – und damit einhergehender Rechtssicherheit für alle Beteiligten, die im Moment nicht gegeben ist.

[Grenzen sind] notwendige Gestaltungsinstrumente. Sie dienen zum Beispiel dazu, dass Massenmigration so gesteuert werden kann, dass die europäischen Gesellschaften die vielen Hunderttausenden nach und nach absorbieren können. Dabei haben diese Zielländer der Migranten das Recht zu entscheiden, wer aufgenommen werden soll und wer nicht.

Grenze Medien Migraziun Recht | Zitać | Georg Mair Ulrich Ladurner | Die Zeit ff | | EU | Deutsch

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Der Rassismuslackmustest.
Quotation 222

Die Roma und Sinti* erschaffen in der Abgrenzung ihre Identität. Erst der Feind gibt ihnen die Möglichkeit, zu wissen, wer sie sind. Er ist der Spiegel, in dem sie sich erkennen. Ohne ihn wären sie orientierungslos und verloren. […] Denn die Roma und Sinti erleben jetzt, was geschieht, wenn sie wirklich unter sich sind: Sie versinken im Sumpf der Korruption. […] Die Roma und Sinti sind die größten Feinde der Roma und Sinti, weil sie es verlernt haben, sich auf angemessene Weise mit der Welt zu verbinden. Sie verstehen sich nicht als Bürger dieser Welt, sondern als räuberische Piraten.

— aus: „Land der Zukunft“ von Ulrich Ladurner, ff November 2012

Die Albaner sind stolz auf ihre Provinzialität.

Warum sollte der Moslem sich der Welt öffnen, wenn er bisher doch sehr gut damit gefahren ist, sich ihr nicht zu öffnen.

Selbstbezogenheit ist für Psychologen wie für Politikwissenschaftler eine negative Kategorie, die schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben kann. Afrikaner aber glauben, dass negativ nicht gleich schädlich bedeutet.

— aus: “Die Berge haben keine Schuld” von Ulrich Ladurner, ff August 2015

* Das Wort „Südtiroler“ im Originaltext wurde jeweils durch eine Bezeichnung anderer Personengruppen ersetzt.

Siehe auch:
Comparatio Discriminaziun Faschismen Kohäsion+Inklusion Medien Racism Roma+Sinti Tech&Com Transparenz | Quote | Ulrich Ladurner | ff | Südtirol/o | | Deutsch

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Die Zeit(ung) hat keine Schuld.

In der dieswöchigen Ausgabe der ff holt der aus Südtirol stammende Zeit-Redakteur Ulrich Ladurner unter dem Titel „Die Berge haben keine Schuld“ wieder einmal zu einem Rundumschlag gegen Südtirol und seine Bewohner aus. Ja, man kann es tatsächlich so sagen, denn differenziert wird in Ladurners pseudopsychologischen Analysen offenbar grundsätzlich nicht.

Einmal mehr unterstellt er seinen Landsleuten pauschal und ohne einen Hauch von Ironie (zumindest keine, die sich mir erschließt), ignorante, selbstverliebte Hinterwäldler zu sein. Sätze wie

Die Südtiroler sind stolz auf ihre Provinzialität.

Warum sollte er [Anm.: der Südtiroler] sich der Welt öffnen, wenn er bisher doch sehr gut damit gefahren ist, sich ihr nicht zu öffnen.

Selbstbezogenheit ist für Psychologen wie für Politikwissenschaftler eine negative Kategorie, die schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben kann. Südtiroler aber glauben, dass negativ nicht gleich schädlich bedeutet.

belegen diesen Befund. Bizarr ist das Schauspiel vor allem deshalb, weil Ladurner beinahe in jedem Absatz schonungslos offenbart, dass es ihm bisweilen selbst genau an jenen Attributen fehlt, bezüglich welcher er bei „den Südtirolern“ einen Mangel verortet. Dass Ladurner durch diese Taktik den Beweis anstrengt, sich selbst ebenfalls nicht der Provinzialität seines Herkunftslandes entziehen zu können und Teil dieser retardierten Gesellschaft zu sein, wage ich zu bezweifeln. Irgendwie formuliert Ladurner seine abstrusen Thesen sogar recht geschickt, denn seine „Argumentation“ ist dahingehend apodiktisch, als dass er jeden Zweifel an seiner Diagnose – wohl auch den meinen – als Beweis für die Richtigkeit seiner Aussagen umzudeuten vermag. Der Südtiroler bestätige nämlich seine Provinzialität unter anderem auch dadurch, dass er Kritik an dieser nicht gelten lasse. Umgekehrt könnte man aber auch argumentieren, dass es eines der untrüglichsten Zeichen eines provinziellen Geistes ist, andere pauschal der Provinzialität zu bezichtigen. Ich bin der Letzte, der eine differenzierte und vielfach auch notwendige Kritik an der Nabelschau, am „Mir-sein-mir“ nicht zu schätzen weiß, aber was Ladurner da von sich gibt ist eine Art Thomas Bernhard für die Löwinger-Bühne statt fürs Burgtheater.

Gerne strapaziert der Journalist Belege, die ohne Zusammenschau mit anderen Realitäten überhaupt nichts aussagen:

Umfragen nach interessieren sich die Südtiroler kaum für internationale Politik.

Diese Feststellung ist beispielsweise nur relevant, wenn sich das Verhalten der Südtiroler maßgeblich von jenem in anderen Ländern unterscheidet. Sollte in anderen Gebieten das Interesse nahezu Null sein, wäre „kaum“ ja bereits eine positive Errungenschaft. Besser noch aber beweist folgender Absatz, wie beliebig Ladurner Phänomene für seine Zwecke interpretiert.

Es ist eine Tatsache, dass junge Südtiroler gerne Dialekt schreiben. Ob bei Facebook, bei Twitter oder in SMS-Nachrichten. Ausgerechnet in den sozialen Netzwerken des Internets, die das Symbol für die Globalisierung sind. Der Dialekt hingegen steht für das Lokale. Der totalen Entgrenzung im Internet setzt der Südtiroler die Grenze des Dialekts entgegen. Wir bleiben wir! Das ist keine Hinwendung zur Welt, sondern eine Abkehr. Es ist kein Schritt zur Offenheit, sondern einer in die Isolation.

Es mag stimmen, dass heute mehr als früher im Dialekt geschrieben wird. Dies aber offenbar zu einer Südtiroler Eigenart machen zu wollen, die noch dazu Ausdruck eines (bewussten und gewollten) Isolationismus – vor allem junger Menschen – sei, ist lachhaft.

Einige Gedanken dazu:

  • Verstärkte dialektale Ausdrucksweisen in informellen Online-Konversationen sind kein Südtiroler Phänomen und beschränken sich auch nicht auf die deutsche Sprache. Das ist eine weltweite Tendenz.
  • SMS und E-Mails stehen der mündlichen Konversation sehr nahe, ja ersetzen diese bisweilen. Ergo verwendet man auch ähnliche bzw. dieselben Ausdrucksmittel. Das, was Ladurner da zu beobachten glaubt, ist also kein neues, durch (un)bewusste Entscheidung herbeigeführtes Verhalten. Es ist lediglich die Übertragung eines längst bestehenden Kommunikationsverhaltens auf ein anderes Medium.
  • SMS und E-Mails – ja sogar (halb)öffentliche Facebookdiskussionen – sind oft mehr privater bzw. persönlicher Natur. Die neuen Medien werden zu einem Großteil zur Kommunikation mit dem engsten Umfeld genutzt, obwohl theoretisch die Möglichkeit bestünde, mit der ganzen Welt zu interagieren. Nur weil das Internet das Symbol der Globalisierung schlechthin ist, kann man daraus keine Notwendigkeit ableiten, es ausschließlich global nutzen zu müssen respektive widerspricht eine lokale Nutzung einer globalen nicht.
  • In dieser Form der Konversation ist der Dialekt viel nuancenreicher als die Hochsprache, da er eng mit unserem Umfeld und der lokalen/regionalen Kultur verknüpft ist.
  • Dialekt ist meist unsere Muttersprache und somit die Sprache der Intimität. Hochdeutsch hingegen ist die Sprache der Distanz.
  • Obwohl SMS und E-Mails oft „verschriftlichte“ Konversation sind, mangelt es der Schriftsprache daran, spontan und unkompliziert Emotionen bzw. Gefühle auszudrücken, da Mimik und Gestik entfallen. SMS, aber auch Twitter-Nachrichten, verfügen über eine begrenzte Anzahl von Zeichen. Daher behilft man sich des Dialektes, welcher diesbezüglich viel effizienter ist. Ähnlich begründet sich der Gebrauch von Emoticons.
  • Diese Entwicklung ist eine, die viele Sprachwissenschaftler mit großer Spannung verfolgen und eigentlich bloß konservative Sprachpuristen negativ und als „Bedrohung“ oder „Verfall“ empfinden.
  • Und selbst wenn der Griff zum Dialekt eine bewusste Entscheidung ist, muss diese nicht notwendigerweise eine rückwärtsgewandte sein. Der Rückgriff auf das Regionale (zu beobachten bei Produkten, Kreisläufen, Bürgerbeteilung – aber auch der Sprache) ist zwar eine Reaktion auf die bzw. ein Korrektiv zur Globalisierung, aber nicht zwingend ein Signal für Isolation. Im Gegenteil: Obst vom Biobauern und Multikulti gehen oft Hand in Hand.
  • Wenn man möchte, kann man den jugendlichen Hang zum Dialektschreiben auch als eine Art Rebellion verstehen. Ein n. c. kaser hat auch alles klein, ein H. C. Artmann im Dialekt geschrieben. Ein Aufbegehren also gegen die starren Normen, wie und was man zu schreiben hat – was etwas subkulturiges an sich hat. Wobei laut einer Schweizer Studie Bildung und Alter beim Verfassen von Dialektnachrichten in den neuen Medien kaum eine Rolle spielen. Das Phänomen zieht sich nämlich durch alle Schichten.

Man sieht also, dass es für den Gebrauch des Dialekts im Internet mannigfaltige Gründe gibt. Für Ladurner jedoch ist klar: Die jungen Südtiroler isolieren sich von der Welt. *facepalm* (um im Internet-Dialekt zu bleiben :facepalm: )

Da ich nicht davon ausgehe, dass Ladurner Dialekt für grundsätzlich etwas Schlechtes hält, sehe ich keinen Grund, warum man in einem informellen Kontext nicht auch schriftlich Dialekt verwenden sollte. Es geht doch vielmehr darum, im jeweiligen Kontext die jeweils passende Sprachebene zu finden. Und da sehe ich bei den wenigsten Dialektschreibern (zu denen ich mich auch zähle) Schwierigkeiten. Südtiroler, die im Forum von www.tageszeitung.it Dialekt schreiben, schreiben im Forum von www.derstandard.at Hochdeutsch. Sie haben im Facebookchat gleichzeitig den Schulfreund, mit dem sie sich im Pusterer Dialekt unterhalten und die Urlaubsbekanntschaft aus Norddeutschland, mit der sie hochdeutsch kommunizieren. Sie verfassen eine Online-Bewerbung auf Hochdeutsch und ein E-Mail an die Fußballkollegen im Dialekt. Das ist weder ein Problem, noch ein Widerspruch und schon gar kein Ausdruck von Isolation, sondern einer von „innerer Mehrsprachigkeit“. Diese Fähigkeit zur Diglossie gereicht den Sprechern/Schreibern wissenschaftlich nachweisbar zum Vorteil, was die Sprachkompetenz betrifft.

Das alles kann man vielerorts nachlesen. In der Presse, in der NZZ, ja sogar in der Zeit. Die Zeit(ung) hat also keine Schuld.
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